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Die Völuspa (Weissagung der Seherin)

Runenstein

Die Völuspa (Weissagung der Seherin)

Die Völuspá (isl.), anord. Völuspá - „Weissagung der Seherin“ (völva = Seherin + spá = Prophezeiung),
ist das erste der 16 Götterlieder des „Königsbuchs“ Codex Regius mit 63 Strophen (siehe auch: Edda).
Eine leicht abweichende Version mit 57 Strophen findet sich in der Hauksbók.
Die Völuspá gilt als das bedeutendste Gedicht des nordischen Mittelalters. Die normalisierte Form (Abgleich zwischen Codex Regius und Hauksbók) besteht aus 66 Strophen. Diese Strophen bestehen aus Stabreimversen (Fornyrðislag).

Asen

Entstehungszeit und -ort sind in der Forschung nach wie vor umstritten. Während im 19. Jahrhundert meist eine sehr frühe Datierung vorgenommen wurde, schlossen sich im 20. Jahrhundert die meisten Forscher der Meinung Sigurður Nordals an, die Völuspá sei um das Jahr 1000 herum entstanden. Nordal argumentierte, das Gedicht beschäftige sich mit dem Weltende und damals habe die gesamte Christenheit mit der Apokalypse im Jahr 1000 oder 1033 (1000 Jahre nach Christi Geburt bzw. Tod) gerechnet. Diese Angst ist aber lediglich ein romantischer Mythos, in den Quellen fehlt jeder sichere Beleg für sie. Damit ist offen, wann eine erste Fassung des Gedichtes entstand. Viele Motive aber dürften wesentlich älter sein als die Völuspá selbst; in einigen Fällen wird sogar indogermanischer Hintergrund vermutet. Viele Motive wurden auch auf christlichen Einfluss zurückgeführt, was aber in allen Fällen umstritten ist.
Die Worte sind einer Seherin in den Mund gelegt, welche von der Entstehung und dem Ende der Welt berichten (siehe auch: Germanische Schöpfungsgeschichte), bis zum Weltuntergang (die Ragnarök) und der damit verbundenen Neuentstehung, wobei der Schwerpunkt auf dem Zukünftigen, dem Weltende liegt. Der/die unbekannte Dichter/in der Völuspá greift hier auf alte nordische Mythen zurück, die allgemein als bekannt vorausgesetzt werden, sodass vieles nur kurz angerissen wird.
Die Völuspá unterscheidet sich von den meisten Götterliedern der Edda, weil es sich hierbei nicht um eine bloße Aufzählung verschiedener religiöser Elemente handelt, sondern um einen einigermaßen zusammenhängenden Ablauf von Handlungen von Anfang bis Ende. Die Basis der heutigen Versionen ist die reorganisierte Form des norwegischen Philologen Sophus Bugge (1833–1907). Bei der Interpretation von Bugge begann das Lied mit einer Vorstellung der Völva.
Die Seherin erzählt hier zunächst von der Schöpfung, vom Anfang der Zeit in der mythischen Leere Ginnungagap, von dem Entstehen der Welt und davon, wie es den Göttern gelang, Ordnung in das Universum zu bringen.
Nach einem kleinen Abstecher, bei dem die Seherin von der Schöpfung der Zwerge berichtet, berichtet sie weiter, wie die ersten Menschen geschaffen wurden, und von den Nornen, dem personifizierten Schicksal, die sich an einer der Wurzeln des Weltbaumes, der Esche Yggdrasil befinden. Danach folgt eine Beschreibung des ersten Krieges in der Welt, bei dem sich die beiden Götterfamilien, die Asen und Vanen, wegen des Mordes an der mystischen Gullveig in die Haare gerieten.
Der zweite Teil der Völuspá wird mit der Ermordung des heiteren und gutherzigen Baldrs eingeleitet. Diese Untat ist die Einleitung einer Reihe gewaltsamer Handlungen, die in der Schicksalsschlacht, dem Ragnarök gipfeln, bei der Götter und Riesen einander töten. Ragnarök ist der Weltuntergang,bei dem die Erde ins Meer versinkt und die Welt zur vollständigen Finsternis des Chaos zurückkehrt. In dieser Zeit ist die Welt in einen Mantel aus Schnee und Eis gewickelt, Brüder kämpfen gegen Brüder und Fenrir befreit sich von seiner Fessel Gleipnir, um die Sonne und gar Odin zu verschlingen.

Völwa

Die Völuspa ist als Rede einer Seherin gestaltet, die der Thinggemeinde die Geschichte des Göttergeschlechts enthüllt, von der Entstehung der Welt in der Urzeit bis zum Untergang Ragnarök.

  • Gehör heisch ich heilger Sippen, hoher und niedrer Heimdallsöhne: du willst, Walvater, daß wohl ich künde, was alter Mären der Menschen ich weiß.
  • Weiß von Riesen, weiland gebornen, die einstmals mich auferzogen; weiß neun Heime, neun Weltreiche, des hehren Weltbaums Wurzeltiefen.
  • Urzeit war es, da Ymir hauste: nicht war Sand noch See noch Salzwogen, nicht Erde unten, noch oben Himmel, Gähnung grundlos, doch Gras nirgend.
  • Bis Burs Söhne den Boden hoben, sie, die Midgard, den mächtgen, schufen: von Süden schien Sonne aufs Saalgestein; grüne Gräser im Grund wuchsen.
  • Von Süden die Sonne, des Monds Gesell, schlang die Rechte um den Rand des Himmels: die Sonne kannte ihre Säle nicht; die Sterne kannten ihre Stätte nicht; der Mond kannte seine Macht noch nicht.
  • Zum Richtstuhl gingen Die Rater alle, heilge Götter und hielten Rat: für Nacht und Neumond wählten sie Namen benannten Morgen und Mittag auch, Zwielicht und Abend, die Zeit zu essen.
  • Die Asen eilten zum Idafeld, die Heiligtümer hoch erbauten; sie setzten Herde, hämmerten Erz; sie schlugen Zangen, schufen Gerät.
  • Sie pflogen heiter im Hof des Brettspiels nichts aus Golde den Göttern fehlte -, bis drei gewaltge Weiber kamen, Töchter der Riesen, aus Thursenheim.
  • Zum Richtstuhl gingen die Rater alle, heilge Götter, und hielten Rat, wer der Zwerge Schar schaffen sollte aus Brimirs Blut und Blains Knochen.
  • Motsognir ward der mächtigste da aller Zwerge, der zweite Durin; die machten manche menschenähnlich, wie Durin es hieß, die Höhlenzwerge.
  • Nuyi und Nidi, Nordri und Sudri, Austri und Vestri, Althjofur, Dvalin, Bivor, Bavör, Bömbur, Nori, Án und Ánar, Ái, Mjödvitnir.
  • Veigur und Gandalfur, Vindalfur, Thrain, Thejkkur und Thorinn, Thrár, Vitur und Litur, Nár und Nyradur; nun sind diese Zwerge, Regin und Rasvidur, richtig aufgezählt.
  • Fili, Kili, Fundin, Náli, Hefti, Vili, Hannar, Sviur, Frár, Hornbori, Fraegur und Loni, Aurvangur, Jari, Eikinskjaldi.
  • Zeit ist's, die Zwerge von Dvalins Zunft den Leuten zu leiten bis Lofar hinauf, die aus Gestein und Klüften strebten von Aurvangs Tiefen zum Erdenfeld.
  • Da war Draupnir und Dolgsthrasir, Hár, Hauspori, Hlevangur, Glói, Skirvir, Virvir, Skafidur, Ái.
  • Alfur und Yngvi, Eikinskjaldi, Fjalar und Frosti, Finnur und Ginnar, So lange Menschen leben auf Erden, wird zu Lofar hinauf ihr Geschlecht geleitet.
  • Kamen drei Asen aus dieser Schar, stark und gnädig, zum Strand hinaus: sie fanden an Land, ledig der Kraft, Ask und Embla, ohne Schicksal.
  • Nicht hatten sie Seele, nicht hatten sie Sinn, nicht Lebenswärme noch lichte Farbe; Seele gab Odin, Sinn gab Hönir, Leben gab Lodur und lichte Farbe.
  • Eine Esche weiß ich, sie heißt Yggdrasil, die hohe, benetzt mit hellem Naß: von dort kommt der Tau, der in Täler fällt; immergrün steht sie am Urdbrunnen.
  • Von dort kommen Frauen, vielwissende, drei, aus dem Born, der unterm Baume liegt: Urd heißt man eine, die andre Werdani- sie schnitten ins Scheit-, Skuld die dritte; Lose lenkten sie, Leben koren sie Menschenkindern, Männergeschick.
  • Da kam zuerst Krieg in die Welt, als Götter Gullweig mit Geren stießen und in Heervaters Halle brannten, dreimal brannten die dreimal geborne, oft, unselten, doch ist sie am Leben.
  • Man hieß sie Heid, wo ins Haus sie kam, das weise Weib; sie wußte Künste: sie behexte Kluge; sie behexte Toren; immer ehrten sie arge Frauen.
  • Zum Richtstuhl gingen die Rater alle, heilge Götter, und hielten Rat, ob Zins die Asen zahlen sollten oder alle Götter Opfer haben.
  • Den Ger warf Odin ins Gegnerheer: der erste Krieg kam in die Welt; es brach der Bordwall der Burg der Asen, es stampften Wanen streitkühn die Flur.
  • Zum Richtstuhl gingen die Rater alle, heilge Götter und hielten Rat, wer ganz die Luft mit Gift erfüllt, Ods Braut verraten Riesensöhnen.
  • Nur Thor schlug zu, zorngeschwollen: selten sitzt er, wenn er solches hört; da wankten Vertrag, Wort und Treuschwur, alle Eide, die sie ausgetauscht.
  • Ich weiß Heimdalls Horn verborgen unterm heilgen Himmelsbaume; Flut seh ich fallen im feuchten Sturz aus Walvaters Pfand- wißt ihr noch mehr?
  • Saß einsam draußen, als der Alte kam, der furchtbare Ase, und ins Auge mir sah: Was fragst du mich? Was forschst du bei mir? Ich weiß, Odin, wo dein Auge du bargst: in Mimirs Quell, dem märchenreichen; Met trinkt Mimir allmorgendlich aus Walvaters Pfand- wißt ihr noch mehr?
  • Halsschmuck und Ringe gab Heervater, für Zukunftwissen und Zauberkunde: weit sah ich, weit die Welten alle.
  • Walküren sah sie von weither kommen, bereit zu reiten zum Rat der Götter. Skuld hielt den Schild, und Skögul war die andre, Gunn, Hildur, Göndul und Geirskögul. Hier nun habt ihr Herians Mädchen, die als Walküren die Welt durchreiten.
  • Ich sah Balder, dem blutenden Gott, Odins Sohne, Unheil bestimmt: ob der Ebne stand aufgewachsen der Zweig der Mistel, zart und schön.
  • Ihm ward der Zweig, der zart erschien, zum herben Harmpfeil: Hödur schoß ihn. Baldurs Bruder war kaum geboren, als einnächtig Odins Erbe zum Kampf ging.
  • Die Hände nicht wusch er, das Haar nicht kämmte er, eh er zum Bühle trug Baldurs Töter. und Frigg weinte in den Fensälen um Walhalls Weh - wißt ihr noch mehr?
  • Da war gedreht aus den Därmen Valis und fest geflochten die tötende Fessel.
  • Geknebelt sah ich im Quellenwald den Leib Lokis, den listenreichen. Da sitzt Sigyn, ihr Gesell bringt ihr wenig Wonne - wißt ihr noch mehr?
  • Durch Gifttäler gleitet von Osten mit Schneiden und Schwertern der Schreckenstrom.
  • Im Norden stand auf dem Nachtfelde für Sindris Sippe ein Saal aus Gold; ein andrer hob sich auf heißem Grund, der Biersaal des Riesen, der Brimir heißt.
  • Einen Saal sah ich, der Sonne fern, am Totenstrand, das Tor nach Norden: tropfendes Gift träuft durch das Dach; die Wände sind aus Wurmleibern.
  • Dort sah ich waten durch Sumpfströme Meineidige und Mordtäter; dort sog Nidhögg entseelte Leiber, der Wolf riß Leichen - wißt ihr noch mehr?
  • Eine Alte östlich im Erzwald saß; die Brut Fenrirs gebar sie dort. Von ihnen allen wird einer dann des Tageslichts Töter, trollgestaltet.
  • Er füllt sich mit Fleisch gefallner Männer, rötet mit Blut der Rater Sitz. Schwarz wird die Sonne die Sommer drauf; Wetter wüten - wißt ihr noch mehr?
  • Dort saß auf dem Hügel und schlug die Harfe der Riesin Hüter, der heitre Eggdir; es krähte bei ihm im Kiefernbusch der feuerrote Hahn, der Fjalar heißt.
  • Doch Güldenkamm bei den Göttern kräht: er weckt die Helden bei Heervater; unter der Erde ein anderer kräht, in Hels Halle, ein braunroter Hahn.
  • Gellend heult Garm vor Gnipahellir: es reißt die Fessel, es rennt der Wolf. Vieles weiß ich, Fernes schau ich: der Rater Schicksal, der Schlachtgötter Sturz.
  • Brüder kämpfen und bringen sich Tod, Brudersöhne brechen die Sippe; arg ist die Welt, Ehbruch furchtbar, Schwertzeit, Beilzeit, Schilde bersten, Windzeit, Wolfzeit bis die Welt vergeht- nicht einer will des andern schonen.
  • Es gärt bei den Riesen; des Gjallarhorns, des alten, Klang kündet das Ende. Hell bläst Heimdall, das Horn ragt auf; Odin murmelt mit Mimirs Haupt.
  • Yggdrasils Stamm steht erzitternd, es rauscht der Baumgreis; der Riese kommt los. Alles erbebt in der Unterwelt, bis der Bruder Surts den Baum verschlingt.
  • Was gibt's bei den Asen? Was gibt's bei den Alben? Riesenheim rast; beim Rat sind die Götter. Vor Steintoren stöhnen Zwerge, die Weisen der Felswand- wißt ihr noch mehr?
  • Gräßlich heult Garm in der Gnipahöhle, die Fessel bricht und Freki rennt. Viel weiß die Weise, sieht weit voraus, der Welt Untergang, der Asen Fall.
  • Hrym fährt von Osten, er hebt den Schild; im Riesenzorn rast die Schlange. Sie schlägt die Wellen; es schreit der Aar, Leichen reißt er; los kommt Nagelfar.
  • Der Kiel fährt von Osten, es kommen Muspells Leute zum Land; Loki steuert. Mit dem Wolfe zieht die wilde Schar; Byleipts Bruder bringen sie mit.
  • Surt zieht von Süden mit sengender Glut; von der Götter Schwert gleißt die Sonne. Riesinnen fallen, Felsen brechen; zur Hel ziehn Männer, der Himmel birst.
  • Dann naht neue Not der Göttin, wenn wider den Wolf Walvater zieht und gegen Surt der sonnige Freyr: fallen muß da Friggs Geliebter.
  • Gräßlich heult Garm in der Gnipahöhle, die Fessel bricht und Freki rennt.
  • Der starke Sohn Siegvaters kommt, Widar, zum Kampf mit dem Waltiere: es stößt seine Hand den Stahl ins Herz dem Riesensohn; so rächt er Odin.
  • Der Lande Gürtel gähnt zum Himmel: Gluten sprüht er, und Gift speit er. Es muß nun Odins mannhafter Sohn den Würger von Vidars Verwandten treffen. 57.
    Der hehre Sproß der Hlodyn naht. Wider den Wurm wendet sich Odins Sohn. Mutig trifft ihn Midgards Schützer. Alle Wesen müssen die Walstatt räumen. Neun Fuß weit fährt Fjörgyns Sohn Weg von der Natter, die nichts erschreckte.
  • Die Sonne verlischt, das Land sinkt ins Meer; vom Himmel stürzen die heitern Sterne. Lohe umtost den Lebensnährer; hohe Hitze steigt himmelan.
  • Gräßlich heult Garm in der Gnipahöhle, die Fessel bricht und Freki rennt.
  • Seh aufsteigen zum andern Male Land aus Fluten, frisch ergrünend: Fälle schäumen; es schwebt der Aar, der auf dem Felsen Fische weidet.
  • Auf dem Idafeld die Asen sich finden und reden dort vom riesigen Wurm und denken da der großen Dinge und alter Runen des Raterfürsten.
  • Wieder werden die wundersamen goldnen Tafeln im Gras sich finden, die vor Urtagen ihr eigen waren.
  • Unbesät werden äcker tragen; Böses wird besser: Balder kehrt heim; Hödur und Balder hausen im Sieghof, froh, die Walgötter- wißt ihr noch mehr?
  • Den Loszweig heben wird Hönir dann; es birgt beider Brüder Söhne das weite Windheim- wißt ihr noch mehr?
  • Einen Sall seh ich sonnenglänzend, mit Gold gedeckt, zu Gimle stehn: wohnen werden dort wackre Scharen, der Freuden walten in fernste Zeit.
  • Der düstre Drache tief drunten fliegt, die schillernde Schlange, aus Schluchtendunkel. Er fliegt übers Feld; im Fittich trägt Nidhögg die Toten: nun versinkt er.