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Nibelungenlied

  1. Die Handlung
  2. Das Nibelungenlied besteht aus zwei Teilen: Im ersten Teil steht Kriemhilds erste Ehe mit Siegfried und Siegfrieds Tod, im zweiten ihre Rache im Mittelpunkt. Das räumliche Umfeld ist das Burgundenreich am Rhein, sowie (im zweiten Teil) Südostdeutschland und das Donaugebiet des heutigen österreichs und Ungarns.

  3. Erster Teil
  4. Nibelungenlied


  5. 1. Aventüre
  6. Am Königshof in Worms lebt Kriemhild mit ihren drei Brüdern Gunther, Gernot und Giselher, die ihre Vormunde sind, und ihrer Mutter Ute. Wichtige Gefolgsleute der Könige sind Hagen von Tronje, ein Verwandter der Könige und ihr wichtigster Ratgeber, Hagens Bruder Dankwart und aus deren Verwandtschaft weiterhin Ortwin von Metz; sowie unter den Hofbeamten der Küchenmeister Rumold. Kriemhild träumt, dass sie einen Falken aufzieht, den zwei Adler zerfleischen.

    Ihre Mutter deutet den Traum: der Falke bedeutet einen edlen Mann, und Kriemhild läuft Gefahr, ihn zu verlieren, wenn Gott ihn nicht beschützt. Kriemhild weist den Gedanken an Mann und Liebe von sich; sie will bis an ihren Tod jungfräulich bleiben, weil die Liebe schon vielen Frauen Leid brachte. Die Mutter versucht, sie zu beruhigen und weder den Traum noch die Liebe, die den Menschen glücklich mache, als gefährlich darzustellen. Trotzdem wird Kriemhild lange Zeit die Liebe ablehnen.

  7. 2. Aventüre
  8. Nun wird Siegfried vorgestellt, der Sohn König Siegmunds und Königin Sieglindes von Xanten am Niederrhein. Er hat wunderbare Anlagen und wird von weisen Erziehern zu einem vorbildlichen zukünftigen Herrscher erzogen. Wichtigstes Ereignis in Siegfrieds Jugend: seine Schwertleite (Ritterschlag); das erste der Feste im Nibelungenlied und das einzige, auf dem niemand Leid empfindet, sondern alle nur Freude.

  9. 3. Aventüre
  10. Siegfried will um Kriemhild werben, die alle Werber abweist, obwohl seine Eltern einwenden, dass das mächtige Wormser Reich nicht eine Prinzessin an das kleinere Xantener Reich verheiraten würde.

    Trotzdem zieht Siegfried mit nur zwölf Gefährten aus und ist sich sicher, dass er Kriemhild – notfalls mit Gewalt – für sich gewinnen kann. Als er in Worms ankommt, ahnt Hagen, dass der Ankömmling Siegfried ist und erzählt dem Hof aus dessen Geschichte: Siegfried erwarb den wunderbaren Hort des verstorbenen Königs Nibelung, indem er dessen Söhne erschlug. Diese waren bei der Erbteilung in Streit geraten und hatten Siegfried gebeten, ihnen den Hort zu teilen. Aber auch mit seiner Teilung waren sie nicht einverstanden und gingen zornig auf ihn los.

    Vorausschauend hatte Siegfried im Voraus als Lohn für die Erbteilung Balmung, das Schwert des Nibelung verlangt, und erschlug damit sie und die Riesen in ihrem Gefolge. Der Zwerg Alberich bewachte den Hort in einem unsichtbar machenden Tarnmantel, genannt tarnkappe (Tarnkappe). Siegfried konnte ihm die Tarnkappe abnehmen und ihn fesseln. Alberich musste fortan als Kämmerer den Hort für Siegfried bewachen. Außerdem, setzt Hagen fort, erschlug Siegfried einmal einen Drachen, badete in dessen Blut und besitzt seither eine unverletzliche Hornhaut.

    Das erste, was Hagen von Siegfried berichtet, ist der Erwerb des Hortes: Hagens Gedanken sind immer wieder auf dessen Besitz fixiert. Gunther geht daraufhin Siegfried entgegen (was ehrenvolle Anerkennung von Gleichrangigkeit bedeutet), aber Siegfried fordert Gunther zum Zweikampf heraus; dem Sieger solle das Erbe des Unterlegenen gehören. Der Wormser Hof geht darauf nicht ein: das Burgundenreich ist ein Erbreich; man hat es weder nötig, jemandem sein Reich mit Gewalt abzunehmen, noch will man es gegen Gewalt abtreten. Daraufhin nimmt Siegfried die freundschaftlichen Angebote der Wormser an und bleibt als Gast. Dass sein eigentlicher Zweck die Werbung um Kriemhild ist, erwähnt er nicht. Er bleibt ein Jahr, in dem es ihm gelingt, sich den Wormsern unentbehrlich zu machen.

    Nibelungenlied


  11. 4.–5. Aventüre
  12. Insbesondere hilft er ihnen, als die Sachsen und Dänen mit einem übermächtigen Heer das Wormser Reich erobern wollen. Siegfried leitet umsichtig den Kriegszug und besiegt außerdem persönlich die beiden feindlichen Könige im Zweikampf.

    Beim Siegesfest versucht man, ihn mit Kriemhild zu ködern, um weiterhin seiner Hilfe sicher zu sein, da man erkannt hat, was ihn zur Hilfeleistung motiviert. Kriemhild und Siegfried tauschen liebevolle Blicke.

  13. 6.–8. Aventüre
  14. Trotzdem will Siegfried erst werben, wenn er auch Gunther zu einer Braut verholfen hat: Gunther hat sich Brunhild in den Kopf gesetzt, die Königin von Island, von der Siegfried abrät. Brünhild besitzt, so lange sie Jungfrau bleibt, übernatürliche, magische Kräfte und ist nicht bereit, sich einem Mann hinzugeben, der sie nicht in drei Kampfspielen besiegen kann: Steinwurf, Weitsprung und Speerwurf. Misslingt es ihm, ist sein Leben verwirkt. Gunther könnte das nie leisten. Siegfried ist sowohl ortskundig, denn er war schon an Brünhilds Hof und kennt sie persönlich, als auch kräftig genug, die Spiele zu bestehen, hat allerdings trotzdem nicht um sie geworben. Hagen rät, Siegfried möge Gunther zu ihr verhelfen. Siegfried verspricht es, wenn Gunther ihm dafür Kriemhild zur Frau gibt. Auf märchenhafte Weise segeln Gunther, Siegfried, Hagen und Dankwart nur zu viert in einem kleinen Schifflein nach Island.

    Brunhild erwartet zunächst, Siegfried wolle um sie werben. Um nicht ihren Verdacht zu erregen, warum er mitkommt, wenn Gunther wirbt, gibt Siegfried sich als Gefolgsmann Gunthers aus und erklärt, er komme nicht freiwillig mit. Um diese Täuschung zu vervollkommnen, leistet Siegfried für Gunther den Stratordienst: er führt Gunthers Pferd vor aller Augen am Zügel. Daraufhin akzeptiert Brunhild, dass Gunther werben will, und wird zu ihrer überraschung von ihm, den sie für schwach einschätzte, besiegt: Durch die Tarnkappe unsichtbar gemacht, besiegt Siegfried Brunhild so, dass sie glaubt, Gunther habe es geleistet. Brunhild lässt ihre Gefolgsleute herbeiholen, um die Herrschaftsübergabe abzuwickeln. Hagen befürchtet, diese übermacht könnte sie überfallen.

    Daher fährt Siegfried, durch die Tarnkappe unsichtbar, mit dem Schifflein ins Nibelungenland und holt tausend Nibelungen herbei – nachdem er den Torwächter und seinen Kämmerer Alberich inkognito auf ihre Treue überprüft und dabei verprügelt hat. Nun übergeben Brünhild und Gunther die Verwaltung Islands an einen Verwandten Brunhilds; man reist nach Worms ab.

  15. 9. Aventüre
  16. Gunther will Hagen als Boten voraus schicken, damit in Worms der festliche Empfang vorbereitet werden kann. Hagen lehnt ab; er diene nicht zum Boten; Gunther solle Siegfried bitten. Siegfried weist diese Zumutung zunächst zurück; doch als Gunther ihn bittet, Kriemhild zuliebe den Auftrag auszuführen, sagt Siegfried zu. Er entledigt sich bestens dieser Aufgabe; alles wird für den Empfang vorbereitet.

    Nibelungenlied


  17. 10. Aventüre
  18. Brünhild kommt in Worms an. Hier ist alles plötzlich anders: Siegfried wird zu ihrer Verwunderung genau so königlich behandelt wie Gunther. Es gibt eine Doppelhochzeit: Gunther – Brünhild und Siegfried – Kriemhild. Kriemhilds Vermählung mit dem vermeintlichen Gefolgsmann Siegfried erscheint Brünhild als eine Mesalliance. Brünhild weint an der Hochzeitstafel und verlangt von Gunther Aufklärung. Um die Ehe nicht zu gefährden,darf sie nicht erfahren, dass sie einem Betrug aufgesessen ist. Gunther verweigert ihr daher die Auskunft. Da beschließt sie, den Vollzug der Ehe zu verweigern, bis er ihr die Wahrheit gesteht.

    Da Gunther das nicht tun kann, fesselt ihn Brünhild in der Hochzeitsnacht mit ihrem Gürtel und hängt ihn an einen Nagel an der Wand, weil er ihr nicht verrät, warum seine Schwester Kriemhild nicht zu gut als Frau für Siegfried ist, obwohl Siegfried Gefolgsmann Gunthers sei. Erst am Morgen nimmt sie ihn ab. Wieder muss Siegfried helfen: In der nächsten Nacht schleicht er, durch die Tarnkappe unsichtbar, in Gunthers Schlafzimmer und ringt Brünhild im Ehebett nieder, bis sie sich freiwillig ergibt. Dann tauschen Gunther und Siegfried die Plätze und Gunther vollzieht die Ehe.

    Erst durch den Verlust der Jungfräulichkeit verliert sie ihre magischen Kräfte und ist so schwach wie eine normale Frau. Es ist keine Vergewaltigung, sondern nachdem der vermeintliche Gatte sie niedergerungen und ihr seine Stärke bewiesen hat, ergibt sie sich freiwillig. Während des Kampfes entwendet Siegfried heimlich Brünhilds Ring und Gürtel und schenkt sie später seiner Frau Kriemhild als Beweisstücke, wo er in der Nacht nach der Hochzeitsnacht gewesen war.

  19. 11. Aventüre
  20. Siegfried und Kriemhild reisen am Ende der Hochzeitsfeierlichkeiten in ihr Reich ab. Da kommt es zur ersten Meinungsverschiedenheit. Kriemhild wünscht, dass ihre Brüder mit ihr das Erbe teilen. Siegfried ist dagegen, weil er so reich ist, dass sie es nicht nötig hat, ihren Brüdern etwas wegzunehmen. Kriemhilds Brüder wären kompromissbereit; Kriemhild selbst ebenfalls: sie wolle doch einen Anteil an den burgundischen Gefolgsleuten, um im neuen Land Vertraute um sich zu haben.

    Darauf einigt man sich; sie will Hagen von Tronje mit sich nehmen. Hagen ist empört: die Verpflichtung derer von Tronje ist, den Königen zu dienen; an Siegfried verschenken dürften sie ihn nicht. Eine Frau als Herrscherin kommt also in Hagens Weltbild nicht vor. Damit sind in dieser für Kriemhild wichtigen Frage Siegfried und Hagen einer Meinung. Einige Gefolgsleute folgen Siegfried und Kriemhild freiwillig; insbesondere der Graf Eckewart. Kriemhild wird in Niderlant prächtig empfangen;

    Siegmund übergibt die Herrschaft vollständig an Siegfried. Nach neun Jahren gebiert Kriemhild einen Sohn, den man Gunther nennt; etwa zur selben Zeit schenkt Brünhild ebenfalls einem Sohn das Leben; man nennt ihn Siegfried. Siegfried herrscht außer über Niderlant auch über Nibelungenland, das mit Norwegen identifiziert wird, und genießt vor allem die unvorstellbaren Reichtümer des Nibelungenhorts.

  21. 12.–13. Aventüre
  22. Obwohl seit der Hochzeit eine lange Zeit verflossen ist, bewegt Brünhild immer wieder die Frage nach der angeblichen Vasallenstellung Siegfrieds,und vor allem, dass Kriemhild in ihrer Ehe glücklich ist, obwohl Siegfried auf Island gesagt hatte, er werbe nicht um Brünhild, weil er nur Gefolgsmann Gunthers sei. Weder Siegfried noch Kriemhild leisteten irgendwelche Dienste für Gunther, nun schon viele Jahre lang. Brünhild ist sich sicher, dass sie irgendwie betrogen wurde, aber sie ahnt nicht, wie und warum.

    Sie will die Wahrheit wissen. Falls Siegfried wirklich je Gunther untertan gewesen wäre, wäre das durch eine so lange Zeit der Nichtleistung von Diensten längst verjährt. Trotzdem verlangt Brünhild nun von Gunther, er solle Siegfried zum Hofdienst befehlen. Das kann Gunther natürlich nicht tun. Als Kompromiss lädt er Siegfried und dessen Frau Kriemhild zu einem Fest nach Worms ein. Siegfried und Kriemhild leben teils im Reich seines Vaters, um Xanten, teils im Nibelungenland; in Norwegen treffen die Boten schließlich die königliche Familie an.

    Kriemhild ist, trotz ihrer großen Liebe zu Siegfried, Macht und Reichtum und, nach Sieglindes Tod, auch den Machtbefugnissen der Königin, im Nibelungenland unglücklich und hat Heimweh nach Worms. Auf ihren Wunsch nimmt Siegfried die Einladung an; die Boten kehren nach Worms zurück. Hagen denkt auch bei dieser Gelegenheit wieder an Siegfrieds Reichtum und den Nibelungenhort: es stört ihn, dass Siegfried die Boten aus Worms reicher beschenkte, als die Burgunden es hätten tun können.

    Siegfried, Kriemhild und Siegmund reisen nach Worms; das Kind wird zurückgelassen. In Worms werden Siegfried und Kriemhild wieder gleichrangig mit Gunther und Brünhild behandelt.

  23. 14. Aventüre
  24. Beim Zusehen bei einem Turnier geraten die beiden Frauen über die Frage nach dem Rang ihrer Männer in Streit: Kriemhild lobt ihren Gatten Siegfried überschwänglich, als er sich im Turnier hervortut, und meint, einem so herrlichen Helden stünde es an, auch über das Wormser Reich zu herrschen. Daraufhin erklärt Brünhild, dass sie selbst gehört habe, wie Siegfried sagte, dass Gunther sein Herr sei.

    Daher, überspitzt Brünhild, halte sie ihn für einen Eigenmann (einen Unfreien), und Kriemhild sei durch die Heirat zu einer Dienstmagd geworden – so weit waren Siegfrieds äußerungen und Handlungen auf Island nicht gegangen (den Steigbügeldienst als Symbol der Unterordnung hatte auch Papst Hadrian IV. von Kaiser Friedrich I. Barbarossa verlangt – für das Publikum des Nibelungenliedes hat die Frage, wie tief man sich durch den Stratordienst erniedrigt, eine hochpolitische Komponente). Kriemhild gerät ebenfalls in Zorn.

    Beide wollen den Streit in der öffentlichkeit austragen, um zu sehen, ob die Gemahlin Gunthers oder die Gemahlin Siegfrieds als ranghöher gilt: welche der beiden zur Abendmesse zuerst das Münster betreten darf, soll die Entscheidung bringen.

    Kriemhild bereitet sich für diesen Auftritt entsprechend vor: Als Brünhild vor dem Eintritt ins Münster Kriemhild befiehlt,stillzustehen, und sie als eigen diu ('leibeigene Dienstmagd') beschimpft, nennt Kriemhild sie eigen mannes kebse ('die Kebse eines leibeigenen Mannes'), weil Siegfried, nicht Gunther, Brünhild die Jungfräulichkeit genommen habe.

    Brünhild weint; Kriemhild betritt als erste das Münster. Während der Messe denkt Brünhild nach, wieso Kriemhild das hatte sagen können, und beschließt bei sich, Siegfried müsse sterben, wenn er sich dessen gerühmt hätte. Nach der Messe hat sich Brünhild wieder gefasst und fordert von Kriemhild Beweise. Die weist nun Brünhilds Ring und Gürtel vor.

    Der Streit endet mit Tränen Brünhilds. Brünhild ruft Gunther herbei, der Siegfried holen lässt, er solle aussagen, ob er sich dessen gerühmt hätte, oder einen Eid leisten, es nicht gesagt zu haben. Siegfried ist sofort bereit, den Eid zu leisten. Gunther erlässt ihm jedoch den Eid, weil ihm Siegfrieds Unschuld bekannt sei.

    Siegfried schiebt die Schuld an dem Zwist auf die Streitsucht der Frauen und betont die Pflicht des Gatten, die Ehefrau zu züchtigen. Hagen will seine gedemütigte Herrin rächen, beziehungsweise nimmt das zum Vorwand; sein Interesse gilt nur dem Nibelungenhort, den er nur in seine Gewalt bekommen kann, wenn Siegfried tot ist. Hagen schlägt Gunther im „Mordrat“ die Ermordung Siegfrieds vor.

    Kriemhild wirft sich auf den toten Siegfried


    Johann Heinrich Füssli, Kriemhild wirft sich auf den toten Siegfried, 1817

    Hagen von Tronje hält Siegfried für eine Bedrohung des Hofes von Worms. Hagen überzeugt Gunther davon, dass es ihm nützt, wenn man Siegfried ermordet; man könne dann die ungeheuren Reichtümer Siegfrieds an sich reißen. Zögernd gibt Gunther nach. Gunther trägt daraufhin die Verantwortung für Hagens Taten.

  25. 15.–16. Aventüre
  26. Gunther und Hagen lassen falsche Boten auftreten, sie sollten eine Erneuerung des Sachsenkrieges ankündigen. Siegfried ist sofort wieder zur Hilfe bereit. Hagen gelingt es, Kriemhild das Geheimnis zu entlocken, dass eine Stelle von Siegfrieds Rücken, die beim Bad im Drachenblut von einem Lindenblatt bedeckt wurde, verwundbar blieb, indem er ihr vorspiegelt, im Krieg diese Stelle beschützen zu wollen.

    Sie solle diese Stelle auf Siegfrieds Kleidung durch ein Kreuzchen markieren. Als er dies erreicht hat, kann der erlogene Kriegszug durch neue fingierte Boten, die die Kriegserklärung rückgängig machen, abgesagt werden. Statt dessen lässt Gunther eine Jagd ansetzen.

    Als Siegfried sich von Kriemhild verabschiedet, um an dem Jagdausflug teilzunehmen, ahnt sie, dass es unvorsichtig gewesen war, Hagen das Geheimnis anzuvertrauen. Sie versucht, durch Erzählung warnender Träume Siegfried zu überreden, nicht an der Jagd teilzunehmen, wagt aber nicht, ihm ihre unkluge Handlung zu gestehen. Siegfried nimmt die Warnung nicht ernst und nimmt an der Jagd teil. Er ist der erfolgreichste Jäger. Hagen lässt mit Gunthers Zustimmung den Wein an einen falschen Ort senden; als Siegfried dürstet, schlägt er einen Wettlauf zu einer Quelle im Wald vor;

    Siegfried solle zeigen, wie schnell er laufen könne. Siegfried schlägt daraufhin vor, mit Hagen um die Wette zu laufen.

    Siegfried gewinnt den Wettlauf, wartet jedoch aus Höflichkeit, bis auch Gunther nachgekommen ist und getrunken hat. Dann beugt Siegfried sich über die Quelle. Nun kann Hagen Siegfried von hinten mit dessen Speer ermorden. Der Sterbende schilt den feigen Mord als verächtlich; am verächtlichsten sei Gunthers Haltung. Hagen ist stolz, die Herrschaft der burgundischen Könige gesichert und ihren Reichtum vergrößert zu haben.

    Nibelungenlied


  27. 17.–19. Aventüre
  28. Die Mörder kehren nachts über den Rhein nach Worms zurück. Hagen lässt Siegfrieds Leichnam vor Kriemhilds Kammertür werfen. Sie ist sich sicher, wer der Mörder war, hat aber keine rechtstauglichen Beweise. Bei der 'Bahrprobe' beginnen Siegfrieds Wunden zu bluten, als Hagen herantritt. Es war allgemeiner Glaube, dass die Wunden eines Toten bluten, wenn der Mörder an die Bahre tritt. Gunther leistet aber einen Reinigungseid für Hagen, dass dieser unschuldig sei und Siegfried von Räubern erschlagen wurde.

    Siegmund kehrt wieder in sein Land zurück und bietet Kriemhild an, mitzukommen. Ute, Giselher und Gernot überreden sie jedoch zum Bleiben, da sie in Niederland nur den Schutz einer einzigen Person, des schon alten Siegmund, habe. Die Blutsverwandten könnten ihr besseren Schutz geben als die Verwandten des ermordeten Gatten.

    Kriemhild verbringt mehrere Jahre mit Trauer und Gebet. Brünhild herrscht dagegen stolz und unangefochten, mit übermüete ('Hochmut'). Das Weinen Kriemhilds ist ihr gleichgültig. Hagen bringt die Könige dazu, Kriemhild zu überreden, den Nibelungenhort nach Worms kommen zu lassen. Sie benutzt aber den Schatz (ihre Morgengabe, daher ihr Eigentum), um fremde Recken an sich zu binden, indem sie ihnen Geschenke macht, aus denen sie eine Verpflichtung herleiten kann.

    Hagen ahnt, dass sie damit Freunde gewinnen könnte, die den Mord rächen und ihm gefährlich werden könnten.Er entwendet daher Kriemhild den Schatz und versenkt ihn im Rhein, in der Absicht, ihn bei Gelegenheit zu nutzen. Die drei Könige dulden sein Vorgehen und machen sich dadurch neuerlich mitschuldig. Damit endet der erste Teil.

  29. Zweiter Teil
  30. 20.–23. Aventüre
  31. Kriemhilds Rachepläne erhalten eine Chance zur Umsetzung, als 13 Jahre nach Siegfrieds Tod der Hunnenkönig Etzel, der mächtigste Herrscher der Welt, sie heiraten will. Sie lehnt zunächst ab und will den Rest ihres Lebens mit Trauer um Siegfried verbringen; aber ihre Brüder raten ihr zu der Heirat. Besonders Giselher hofft, sie mit dieser Heirat, die ihr Ehre und Ansehen zurückgeben wird, zu ergetzen, das heißt die Schuld (Siegfrieds Tod) zu sühnen.

    Nur Hagen erkennt die Gefahr, dass sie als Gattin Etzels über große Macht verfügen würde. Der Werber, Markgraf Rüdiger von Bechelaren (Pöchlarn an der Donau), verspricht ihr unbedingte Gefolgschaftstreue; daraufhin nimmt sie an. Kriemhild zieht mit großem Gefolge ins Land der Hunnen (Ungarn); Etzel zieht ihr entgegen; die Hochzeit findet in Wien statt. Kriemhild wird zu einer mächtigen Herrscherin an Etzels Seite.

    Weitere 13 Jahre später bringt sie in einem taktisch klugen ‚Bettgespräch‘ Etzel dazu, ihre Brüder und Hagen, dem sie den Mord an Siegfried und den Raub des Nibelungenschatzes niemals verziehen hat, ins Land der Hunnen zu einem Hoffest einzuladen.

  32. 24.–27. Aventüre
  33. Die Eingeladenen vermuten eine Falle. Zu den Warnern gehören der Küchenmeister Rumold, dessen humorvolle Worte berühmt sind (‚Rumolds Rat‘), sowie die alte Ute. Gerade wegen der Warnungen, um nicht als Feigling zu gelten, befürwortet Hagen nun die Reise, obwohl er zunächst als erster vor ihr gewarnt hatte. Hagen und Rumold denken nicht nur an Kriemhilds Rachepläne, sondern auch an Etzels Herrschaftsansprüche; Hagen war in seiner Jugend als Geisel an Etzels Hof gewesen.

    Die Burgunden nehmen schließlich die Einladung an und begeben sich auf die Reise entlang der Donau, weil sie der Meinung sind, durch die Mitnahme von 1000 Kriegern (mit 9000 Knechten) genug gegen Rachepläne Kriemhilds oder Herrschaftspläne Etzels geschützt zu sein. Zum Abschied hält Gunther noch einmal das Beilager mit Brünhild. Das ist ihr letztes Auftreten im Nibelungenlied. Die Burgunden nehmen von hier an auch den Namen ‚Nibelungen‘ an, was daran erinnert, dass sie sich nun als Besitzer des Hortes fühlen.

    Während der Reise an Etzels Hof wird Hagen von weissagenden Wasserfrauen gewarnt, allen stehe der Untergang bevor, nur der Kaplan werde lebend nach Worms zurückkehren. Hagen will diesen sogleich töten, damit die Prophezeiung sich nicht erfülle, und wirft ihn, der nicht schwimmen kann, während der überfahrt in die Hochwasser führende Donau und stößt ihn noch mit der Fährstange auf den Grund des Flusses; aber der Kaplan kann sich durch ein Wunder Gottes ans Ufer retten.

    Damit weiß Hagen: die Prophezeiung ist wahr. Bis zum Ende tut er daher alles, um das Schicksal herauszufordern. Unterwegs erleben sie, neben verschiedenen unheilvollen Vorzeichen, eine erfreuliche und tröstliche Bewirtung: durch Rüdiger von Bechelaren, mit dessen Tochter schließlich Giselher verlobt wird. Dadurch hat sich Rüdiger beiden Seiten verpflichtet; ahnungslos, dass zwischen Kriemhild und ihren Brüdern ein Konflikt ausbrechen könnte.

  34. 28.–30. Aventüre
  35.  

    Dietrich von Bern, der, aus seinem ererbten Königreich in Oberitalien vertrieben, mit seinen Getreuen im Exil am Hof Etzels weilt, reitet den Burgunden entgegen, um sie zu warnen, dass Kriemhild noch täglich um Siegfried weint. Hagen verhöhnt gleich nach der Ankunft an Etzels Hof Kriemhild offen. Er weigert sich, am Hof Etzels die Waffen abzulegen: eine schwere Beleidigung des Gastgebers. Er zeigt demonstrativ, dass er Siegfrieds Schwert mit sich führt. Kriemhild wagt jedoch nicht, aus Angst vor Dietrichs Zorn, dagegen einzuschreiten.

    Sie versucht, hunnische Krieger dazu aufzureizen, einen Kampf mit Hagen zu beginnen. Diese fürchten aber die Stärke Hagens und dessen Gefährten Volker; Kriemhild muss den Plan fallen lassen. Etzel ahnt nichts von den Racheplänen seiner Frau. Er zeigt jedoch seine Vorrangstellung, indem er die Burgunden lange im Hof warten lässt, bis sie den Königssaal betreten, und erhebt sich erst von seinem Sitz, um Gunther entgegenzugehen, als dieser den Saal betritt.

    Die Burgunden fürchten, dass, nachdem man bei Tag ihre Stärke fürchtete, in der Nacht ein heimlicher überfall erfolgen könnte. Hagen und Volker halten gemeinsam Schildwacht. Volker, der außer als Kämpfer vor allem eine wunderbare Begabung als Musiker besitzt, spielt auf der Fiedel beruhigende Melodien, die den Burgunden die Angst nehmen und sie einschlafen lassen. Die aggressiv-witzigen Sprüche und Handlungen Volkers tragen allerdings zur Eskalation des Konflikts bei, so dass eine friedliche Beilegung unmöglich wird. Die 30. Aventüre mit der Schilderung der ergreifenden Wirkung der Musik bildet einen besonders lyrischen Abschnitt des Werkes.

  36. 31.–33. Aventüre
  37. Am nächsten Tag provozieren Hagen und Volker die Hunnen, um, da sie ahnen, dass es zu einem Kampf kommen wird, diesen besser gleich ausbrechen zu lassen. Anderseits will Kriemhild Etzels Bruder Blödel aufreizen, Hagen zu töten. Das misslingt jedoch. Ebenso kann Kriemhild ihre Brüder Gernot und Giselher nicht zur Abkehr von Hagen bewegen. Etzel ist den Gästen freundlich gesinnt und will den sechsjährigen Sohn Kriemhilds und Etzels, Ortlieb, den sie hatte christlich taufen lassen, als Bindeglied zwischen beiden Reichen den Burgunden zur Erziehung nach Worms mitgeben. Hagen prophezeit daraufhin den Tod des Kindes; er ahnt in diesem anscheinend guten Angebot einen Vormachtsanspruch Etzels.

    Zugleich bringt Kriemhild es durch ihr Intrigenspiel dazu, dass Etzels Bruder Blödel den Bruder Hagens, Dankwart, der die Knechte beaufsichtigt, zum Zweikampf herausfordert. Dankwart erschlägt Blödel sofort; daraufhin erschlägt eine Schar von Hunnen die wehrlosen Knechte der Burgunden.

    Dankwart kann sich durch die Hunnen eine blutige Gasse zum Rittersaal bahnen und Hagen den Vorfall berichten. Daraufhin tötet Hagen Ortlieb und fordert die Burgunden auf, die Hunnen zu erschlagen. Es kommt zum Blutbad. Unter den Burgunden tut sich darin außer Hagen und den Königen vor allem Volker hervor. Etzel und Kriemhild können den Saal nur unter dem Schutz Dietrichs verlassen. Dietrich empfindet zwar Sympathie für die Burgunden, bleibt aber stets Etzel und Kriemhild gegenüber loyal. Er und Rüdiger versuchen zunächst, neutral zu bleiben.

  38. 34.–38. Aventüre
  39. Im Laufe der Kämpfe gehen die Helden beider Seiten zugrunde; ein Umschwung tritt ein, als Etzel und Kriemhild Rüdiger anflehen, er solle ihnen seine Lehnstreue beweisen. In dem Konflikt zwischen Lehnstreue und Treue zu den zukünftigen Verwandten entscheidet sich Rüdiger für die Pflicht und kämpft mit allen seinen Mannen gegen die Burgunden. Hagen hatte in Pöchlarn von Rüdigers Gattin einen Schild als Gastgeschenk erhalten;

    in einer symbolischen Forderung verlangt er nun Rüdigers Schild, da ihm jener zerbrochen sei. Mit der Bereitschaft, seinen Schild Hagen zu überlassen, erkennt Rüdiger symbolisch seine Verpflichtung an, den Burgunden Schutz zu gewähren, lässt jedoch vom Kampf nicht ab. Hagen bewundert Rüdigers ethische Gesinnung; er und Volker greifen Rüdiger nicht an.[5] Zwischen der Truppe Rüdigers und den übrigen Burgunden entspinnt sich jedoch ein Gemetzel, in dem Gernot und Rüdiger einander töten.

    Die unermessliche Klage der Hunnen um den allseits beliebten Rüdiger dringt auch an Dietrichs Ohr. Als er die Ursache erfährt, schickt er Hildebrand aus, den alten Waffenmeister Dietrichs, von den Burgunden den Leichnam Rüdigers zu erbitten, um ihn ehrenvoll begraben zu können. Gegen Dietrichs Willen begleiten jedoch die jungen Heißsporne aus Dietrichs Gefolgschaft Hildebrand.

    Als Volker sie verspottet, es sei Feigheit, um den Leichnam zu bitten, statt sich ihn im Kampf zu holen, reißt ihnen, vor allem Hildebrands Neffen Wolfhart, die Geduld, und gegen Dietrichs Befehl stürmen sie in den Kampf. Wolfhart und Giselher erschlagen einander; Hildebrand erschlägt Volker. Von den Burgunden leben nun nur mehr Gunther und Hagen. Von Dietrichs Leuten kommt nur Hildebrand mit dem Leben davon; er meldet Dietrich den Tod aller seiner Getreuen.

  40. 39. Aventüre
  41. Dietrich von Bern beklagt den Tod seiner Gefolgsleute; durch die Klage gewinnt er wieder Heldenmut. Mit Hildebrand tritt er vor Gunther und Hagen und fordert Genugtuung für die Erschlagenen. Er wäre bereit, Gunther und Hagen das Leben zu schenken, wenn sie sich ihm ergäben. Vor allem Hagen ist nicht bereit, darauf einzugehen. Da kämpft Dietrich gegen beide, besiegt sie und überantwortet sie gefesselt Kriemhild, mit der Forderung, sie möge ihnen das Leben schenken, wenn sie bereit seien, für das ihr angetane Leid Entschädigung zu leisten.

    Dietrich vertritt den Standpunkt, dass auch für einen Mord Geldbuße geleistet werden kann. Kriemhild verlangt von Hagen den Schatz, um Dietrichs Bedingung zu erfüllen – allerdings ohne zu erwarten, dass Hagen darauf eingehen wird. Er erklärt ihr, das Versteck nicht preiszugeben, solange einer seiner Herren noch lebt. Darauf lässt Kriemhild Gunther den Kopf abschlagen.

    Als sie mit dem Haupt ihres Bruders vor Hagen tritt, erklärt er, nun wüssten nur Gott und er den Aufenthalt des Hortes. Provokant hatte er das Schwert Siegfrieds, das er sich widerrechtlich, durch Leichenraub, nach dem Mord angeeignet hatte, an den Etzelshof mitgenommen. Dieses ergreift nun Kriemhild und, nachdem es den von ihr dazu angestifteten Männern nicht gelungen war, sie zu rächen, schlägt sie Hagen eigenhändig mit Siegfrieds Schwert den Kopf ab.

    Die Männer sind entsetzt, auch Etzel; nicht über den Tod Hagens, den er selbst wünschte, sondern dass der größte Held durch die Hand einer Frau starb. Zur Rache dafür erschlägt Hildebrand Kriemhild; weil sie als Frau wagte, einen Helden zu töten. Am Ende stehen Dietrich von Bern, Hildebrand, Etzel und die ritterliche Gesellschaft weinend vor der Bilanz unsagbaren Elends und auch der Erzähler nimmt trauernd Abschied.

    Die Worte der unerfahrenen Kriemhild aus der Eingangsaventüre, „Es hat sich an vielen Frauen gezeigt, dass Liebe am Schluss mit Leid lohnen kann“[6], werden vom Erzähler in der vorletzten Strophe variiert zu: „wie die Liebe am Schluss immer Leid gibt“[7]. Dieses Leid betrifft aber nicht nur die Liebeshandlung, sondern die ganze höfische Gesellschaft mit ihrem Streben nach Freude, sowohl kollektiver Freude, die im Fest verwirklicht werden soll, als auch nach individueller Freude. Um Freude empfinden zu können, braucht das höfische Individuum vor allem zweierlei:

    individuelles Liebesglück mit einem selbst gewählten Partner (im Gegensatz zur vorhöfischen Gesellschaft, in der man glücklich wurde, wenn man gut verheiratet wurde, wie Kriemhilds Mutter Ute in Str. B 14 formuliert) und außerdem Ehre, das ist das Ansehen, das man bei den anderen genießt. Dem Mann wird Ehre vor allem für heldenhaften Kampf zuteil. Dieses Streben des Individuums und der höfischen Gesellschaft nach Freude ist am Ende gescheitert.

  42. Link zum Nibelungenlied von Karl Simrock