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Der Heilige Gral

Wappen der Templer

"Non nobis Domine, Domine non nobis, Domine, sed nomini, sed nomini tuo da gloriam."

AMEN

"Nicht uns, Herr, Herr nicht uns, Herr, sondern dem Namen, deinem Namen gib Ruhm."

AMEN

Der Heilige Gral

Inhaltsverzeichnis
  1. Der heilige Gral?
  2. König Artus
  3. Was ist der Gral?
  4. Der Gral fällt in die Kategorie der Talismane und Fetische
  5. Das Blut Christi als Kraftstoff – der Tiger im Gral
  6. Der Gralsmythos ist das Destillat aus den Religionen
  7. Die Gralshüter und der Gralskönig
  8. Der Gralsmythos – ein heidnischer Mythos von Fruchtbarkeit und Lebenskraft
  9. Amfortas versagt
  10. Parzival kann
  11. Könnte eine „Dynastie der Nachkommen Christi“ dem Papst Konkurrenz machen?
  12. Der Gral ist überall

Es ist vielleicht der berühmteste Mythos des Abendlandes: die Legende vom „Heiligen Gral“, die alles andere als einheitlich ist. Dabei geht es um den Glauben an einen rätselhaften, symbolischen Gegenstand und dessen magische Wirkung, der, irgendwo versteckt, von Rittern gehütet werden soll. Es soll entweder der Kelch des letzten Abendmahls Christi, eine Goldschale, ein Gefäss mit dem aufgefangenen Blut des sterbenden Christus oder ein Stein sein.Hinter dem Gral waren schon viele her: die Katharer, die Tempelritter, die Freimaurer, die Nazis, Indiana Jones und nun auch Dan Brown. In seinem Megaseller „Sakrileg“ mündet die Jagd nach dem Mörder in die Suche nach dem Gral.

  1. Der heilige Gral?
  2. Die Herkunft des Wortes „Gral“ ist umstritten. Möglicherweise stammt es vom altfranzösischen „graal“ (Gefäss). Im Gralsmythos laufen verschiedene Traditionen zusammen. Es handelt sich um eine Mischung aus keltischen, christlichen und orientalischen Sagen. Der sagenhafte Kelch kam zuerst beim letzten Abendmahl zum Einsatz und danach bei der Kreuzigung Jesu. Uneinigkeit gibt es schon bei den überlieferungen zur Person, die das Blut Christi aufgefangen haben soll. Am häufigsten ist die Rede von Joseph von Arimathäa, der das Gefäss später nach Glastonbury in Südengland gebracht haben soll.Auch Maria Magdalena oder Nikodemus werden gelegentlich genannt.

    Die ersten Gralsdichtungen wurden im 12. und 13. Jahrhundert verfasst, doch basieren sie vermutlich auf älteren mündlichen Traditionen. Die Autoren der Dichtungen waren häufig Zisterzienser- und Benediktinermönche, und viele der Erzählungen haben einen deutlichen Bezug zu den legendären Tempelrittern, die damals ihren Aufstieg erlebten. Eine der frühesten Fassungen stammt von Chrétien de Troyes aus dem Jahr 1190 und trägt den Titel „Le Conte du Graal“, in dem erstmals der archtypische „Narr“ der Gralsgeschichten vorkommt, Perceval (Parsifal). Dieser sieht den vermeintlichen Gral in Form einer Goldschale im Schloss des Fischerkönigs samt einer zerbrochenen Lanze.

    Die Dichtung Chrétiens ist unvollendet geblieben. Um 1200 entstand Robert de Borons „Roman de l’estoire dou Graal“. Hierbei wandelt sich der Gral zum Kelch des letzten Abendmahls. Wolfram von Eschenbach bearbeitete das Werk von Chrétien und schrieb um 1205 quasi den „Klassiker“, das deutsche Versepos „Parzifal“. Bei ihm wird der Gral zu einem Gesundheit und ewige Jugend verleihenden Stein oder steinernen Gefäss namens „lapis exillis“, das von Gralsrittern bewacht wird, die Eschenbach als „Templeisen“ benennt, eine christliche und höfische, dem Templerorden ähnliche Ritterschaft.

    Der Gral wird zum Teil auch als eine verschollene Blut-Reliquie begriffen, die in ihrer Umstrittenheit mit dem Turiner Grabtuch, dem Eucharistie-Wunder von Lanciano oder dem Blutwunder von San Gennaro in Neapel vergleichbar ist. Auch nach österreich führt eine Spur: jene Achatschale, die zum Hausschatz der Habsburger gehörte und jetzt in der Schatzkammer des Kunsthistorischen Museums in Wien steht, wurde lange für den Heiligen Gral gehalten.

    Die mythische Gralsvorstellung des Mittelalters setzte sich mehr oder weniger ungebrochen bis in die Moderne fort, und seit einigen Jahrzehnten boomen Gralsgeschichten wieder genau so wie Sachbücher mit unterschiedlichen Interpretationen des Grals. Das Verständnis des Grals als Metapher für die Abstammungslinie Christi ist ein relativ modernes, auch wenn es häufig als „altes Wissen“ verkauft wird. Diese Theorie ist verflochten mit der Idee einer angeblichen Heirat von Jesus mit Maria Magdalena und deren angeblichem gemeinsamen Kind (siehe „Sakrileg“, und schon früher „Der Heilige Gral und seine Erben“ von Michael Baigent und Richard Leigh, die Dan Brown erfolglos wegen Plagiats einklagten).

  3. König Artus
  4. Eng in Verbindung mit dem Heiligen Gral wird immer wieder die Sage um den legendären König Artus gebracht, der von Schloss Camelot aus Britannien regierte. Mit seinem Zauberschwert „Excalibur“, das er vom Magier Merlin erhielt, siegte er in zahlreichen Kämpfen. Der Legende nach war der edle Artus, einem frühen Ideal des Humanismus verpflichtet, mit Guinevere verheiratet, die einen grossen runden Tisch als Mitgift brachte. An diesem wurde die berühmte „Tafelrunde“ ins Leben gerufen, mit den Rittern Gawein, Gareth, Geraint, Kay und anderen, zu denen schliesslich aus Frankreich Lancelot du Lac stiess, der bekannteste aller Ritter der Tafelrunde. In jenen verliebte sich Guinevere schicksalshaft.

    Jene Ritter zogen aus, um den Heiligen Gral zu finden, den Kelch mit dem Blut Christ. Lancelot fand ihn, durfte ihn aber nicht sehen wegen seines Ehebruchs mit Guinevere. Seinem Sohn, dem untadeligen Galahad, wurde der Anblick des Heiligen Grals in all seiner Pracht gewährt. Kurz nachdem er den höchsten Triumph eines Ritters erreicht hatte, starb Galahad. Der Gral blieb seither verschwunden.

    Im Zuge des Esoterikbooms der vergangenen zwanzig Jahre spielte der Gral auch in Hollywood häufig eine Hauptrolle als Supercup. Etwa in den Filmen „Excalibur“ (1981), „Die Nebel von Avalon“ (2001), „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ (1989), „König der Fischer“ (1991), und nicht zu vergessen die Parodie von Monty Python, „Die Ritter der Kokosnuss“ (1975). „The Da Vinci Code“ dürfte wohl auch nicht der letzte Film zu dem Thema bleiben.

    Der Heilige Gral und die geheime Botschaft der Namen


    Von Richard Beiderbeck

    In den Gralsdichtungen verraten die Namen der handelnden Personen, dass im Gralsmythos Reste einer heidnischen Fruchtbarkeitsreligion enthalten sind.

  5. Was ist der Gral?
  6. Der Gral ist ein Objekt des Aberglaubens. In der Vorstellungswelt des Mittelalters ist der Gral ein mit der göttlichen Kraft Christi „aufgeladener“ Gegenstand. Der Gral gehört in die Kategorie der Reliquien, und diese sind verwandt mit den heidnischen Talismanen und Fetischen. Der Heilige Gral ist der Kelch, den Christus beim letzten Abendmahl benutzte, oder das Blut des gekreuzigten Christus, oder auch beide zusammen, wenn der Kelch das Blut Christi enthält. Es gibt aber noch andere Ansichten darüber, was der Grals ist (davon weiter unten).

    Eine durch Dan Brown’s Roman „Sakrileg“ viel beachtete Deutung besagt, daß der Gral das Blut Christ in dem Sinne ist, dass unter „Blut“ die Blutverwandtschaft, also die Abstammung von Jesus gemeint sei. Der eigentliche Gral sei also das königliche Blut, das in den Adern der Nachfahren des Königs der Juden fließe. Damit greift Dan Brown die These von Baigent, Leigh und Lincoln (in „Der Heilige Gral und seine Erben“) auf, dass der Heilige Gral (San Gral) das „sang real“, das königliche Blut Christi sei, das sich über seine Kinder, die er mit Maria Magdalena hatte, bis zur fränkischen Dynastie der Merowinger weitervererbt hätte. Die Merowinger haben aber meines Wissens nie den Anspruch erhoben, von Jesus (und damit von Gott selbst) abzustammen. Das Buch von Baigent, Leigh und Lincoln ist Unterhaltungsliteratur, bestenfalls Geschichtsspekulation. Allerdings muß man ihnen in einem Punkt recht geben: Warum sollte Jesus keinen Freundin oder Frau gehabt haben ? Vom katholischen Zölibat wusste man zu seiner Zeit nichts, und Jesus war kein katholischer Priester, sondern ein frommer Jude, dem es sehr wohl anstand, verheiratet zu sein.

    Eine weitere Version des Gralsglaubens besagt, daß es sich um einen Meteor oder um einen Edelstein handelt, den „Stein der Weisen“.

    Für die mittelalterlichen Gralsgläubigen von besonderem Interesse waren die Wunder- und Heilkräfte des Grals. Man glaubte, dass er Krankheiten heilen,sowie Macht, Reichtum Wissen und sogar das ewige Leben schenken könne. Interessant war für die Gläubigen die Frage: Wer besitzt den Gral und wer ist befugt und in der Lage, die Kräfte des Grals anzuwenden ? Und schließlich: Wie könnte man an diese im Gral wirksame göttliche Kraft herankommen und sie zum eigenen Vorteil nutzen ? Da lag es nahe, auf die Suche nach dem Gral zu gehen, also eine „quest“ zu unternehmen, wie sie in Romanen und Ritterepen http://www.koinae.de/gralsliteratur.htm beschrieben wird. Diese Dichtungen handeln von Parzival und von den Rittern der Tafelrunde des Königs Arthur. Die meisten dieser Werke entstanden in Frankreich und England in der Zeit zwischen 1170 und 1240. Im deutschen Sprachraum griff Wolfram von Eschenbach das Thema auf (in seinem „Parzival“). Nicht zu vergessen ist auch die Oper von Wagner „Parsifal“.

    Die Gralsgeschichten sind zur Zeit der Kreuzzüge und der christlichen Wiedereroberung des maurischen Spanien entstanden. Die Gralsburg ist (nach Michael Hesemann) das am Rande der spanischen Pyrenäen gelegene burgartige Kloster San Juan de Pena.

    Natürlich gibt es mehrere Kelche und Schalen, von denen behauptet wird, das von Jesus und seinen Jüngern beim Heiligen Abendmahl benutzte Trinkgefäß zu sein. Nach Michael Hesemann („Die Entdeckung des Heiligen Grals“) ist der in der Kathedrale von Valencia (Spanien) aufbewahrte „Santo Caliz“ der wirkliche und richtige Abendmahlskelch. Es handelt sich dabei um einen Achatbecher von schlichter Eleganz, der von einem mittelalterlichen Goldschmied auf einem mit zwei Henkeln versehenen Untersatz befestigt wurde. In diesen Untersatz ist als Standfuß eine Achatschale eingearbeitet, die angeblich beim Letzten Abendmahl zum Servieren von Fischen benutzt wurde.

    Die Ritterdichtungen geben unterschiedliche Auskunft darüber, was der Gral eigentlich ist. Bei Wolfram von Eschenbach ist der Gral ein Stein, der vom Himmel fiel („lapis exilis“, d.h. „lapis ex coelis – Stein vom Himmel“), also ein Meteorstein - ähnlich wie der in der Ostseite der Kaaba von Mekka eingemauerte schwarze Stein. Ein Stein also, der mit der Kraft des Himmels aufgeladen ist, der Stein der Weisen, der Wissen und Macht verleiht und der aus Blei Gold machen kann.

    Für andere ist der Gral eine Schale, in welcher das Blut des gekreuzigten Christus aufgefangen wurde, nachdem der römische Soldat Longinus seine Lanze (die Heilige Lanze) in die Seite Christi stieß, um zu überprüfen, ob der Gekreuzigte schon tot sei. Oder der Gral ist der Kelch, aus dem Christus und seine Jünger beim letzten Abendmahl tranken. Jesus reichte den Kelch mit den Worten: „Dies ist mein Blut, das für euch vergossen wird“. Der eigentliche Gral wäre demnach das Blut Christi.

    Am plausibelsten ist, daß „Gral“ oder „Graal“ einfach nur Kelch, Krug oder Schale bedeutet. Jedenfalls hatte das Wort um 1200 in Spanien und Südfrankreich diese Bedeutung. Das Wort Gral ist verwandt mit „crater“, dem lateinischen Wort für Krug oder Becher. Die Römer übernahmen das Wort von den Griechen. Ein „Krater“ war bei den Griechen ein Mischkrug, der zum Mischen von Wasser und Wein zu benutzt wurde, denn nur Barbaren tranken den Wein unverdünnt. Auch Jesus schüttete auf der Hochzeit von Kanaan, (die übrigens seine eigene war), den Wein in die halbvollen Wasserkrüge und machte so daraus nach griechischem Brauch eine für kultivierte Menschen trinkbare Mischung.

  7. Der Gral fällt in die Kategorie der Talismane und Fetische
  8. Der Gral ist eine Reliquie, und er gehört wie alle Reliquien in die Kategorie der Fetische und Talismane, und damit in das Reich des Glaubens und des Aberglaubens. Der Gral wird als ein Gefäß der göttlichen, segensbringenden Kraft betrachtet. Alle Gralsmythen gehen von der Vorstellung aus, dass es eine übernatürliche Kraft gibt, die in einem Gegenstand, oder an einem Ort oder in einem Menschen besonders konzentriert sein kann. Gegenstände, die mit dieser Kraft aufgeladen sind, nennt man Talismane oder Fetische. Die erste und wichtigste Geschäftsgrundlage jeder Religion und Magie ist der Glaube an die Existenz einer übernatürlichen Kraft.

  9. Das Blut Christi als Kraftstoff – der Tiger im Gral
  10. Wenn Jesus Christus der Sohn Gottes ist, dann muß seine Person in ganz besonderem Maß mit der göttlichen Kraft aufgeladen sein – so die religiöse Logik. Und dann muß auch das Blut Jesu in ganz besonderem Maße die göttliche Kraft enthalten. Und wenn in Sakrament des Heiligen Abendmahls aus dem Wein im Messkelch das Blut Christi wird, dann kann der gläubige Christ mit dem Blut Christi die göttliche Kraft trinken und erlangt damit letztlich das ewige Leben. Dieser magische Prozess der Transsubstantiation (Umwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi) wurde auf dem Konzil im Lateranpalast zu Rom von 1215 zum Dogma erklärt – just zu der Zeit, als die Gralsromane entstanden. Dies zeigt, dass man durch die Kreuzzüge mit heidnischer Magie in Berührung gekommen war und dass diese bis in die Kreise der Kardinale und Bischöfe Eindruck machte. Sie konnten sich dabei auf den Apostel Paulus berufen, welcher der hellenistischen Gnosis nahe stand. Paulus machte aus dem Passahmahl, das Jesus in einem Haus seiner essenischen Freunde feierte, eine griechisch-heidnisches Mysterienmahl.

    Der Gralsmythos ist schient ein christlicher zu sein, weil er an das Heilige Abendmahl anknüpft und davon ausgeht, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Trotzdem ist der Gralsmythos ein heidnischer Mythos, denn es geht dabei nicht um Christus, sondern um den mit göttlicher Kraft aufgeladenen Fetisch aller Fetische.

    Dies ist also die religiöse Vorstellung, die hinter den Gralsmythen steht: Der Gral ist das Gefäß der Kraft Gottes. Quasi ein unerschöpflicher Kraftstoffbehälter. Wenn man so will: der Gral ist der größte und mächtigste Talisman überhaupt. Wer den Gral besitzt, kann Wunder aller Art vollbringen, erlangt das ewige Leben, göttliche Weisheit und göttliche Energie, unermessliche Macht und Reichtum. Er wird niemals krank und ist unverwundbar bzw. alle Wunden und Krankheiten werden innerhalb weniger Minuten wieder geheilt. Aber schon in den Gralsdichtungen wird dieser Wunschtraum stark eingeschränkt, denn nur der würdige und auserwählte Mensch kann die Kraft des Grals nutzbar machen – und zwar bevorzugt für andere, nicht so sehr für sich selbst.

  11. Der Gralsmythos ist das Destillat aus den Religionen
  12. Der Wunsch, über die göttliche Kraft zu verfügen, zumindest aber für die eigenen Wünsche und Bedürfnisse dienstbar zu machen, ist die Triebfeder für alle religiösen, magischen und abergläubischen Bemühungen. Insofern ist der Gralsmythos die Quintessenz jeder Religion und Magie. Wenn man alle Religionen einer großen Destillation unterziehen würde – heraus käme der Glaube an die göttliche Kraft. Die göttliche Kraft, enthalten im Heiligen Gral, ist das, was übrig bleibt, wenn man sich alle Götter, Halbgötter, Heroen, Heiligen, Dämonen und Geister wegdenkt: ein anonymes, unpersönliches Konzentrat an schöpferischer und zerstörerischer Energie. Die Chinesen nannten dies Kraft „Chi“ oder „Gi“ und die ägypter sagten „Ka“ dazu.

  13. Die Gralshüter und der Gralskönig
  14. In jeder Religion gibt es die Priester, Magier, Propheten und Gurus, die behaupten, einen besonderen Zugang zur göttlichen Kraft zu haben und die diese Kraft quasi zu verwalten (am liebsten als Monopol) und an das gemeine Volk weiterzugeben. Als Beweis für diese Behauptung dient das Wunder.

    In den Gralsmythen ist der Mensch mit dem Zugriff auf den Gral der Gralskönig, und seine Getreuen sind die Gralshüter. Der Gral ist nicht für jeden erreichbar. Wer in die Gralsburg eingelassen wird und sich am Ende dem Gral nähern darf, das entscheiden die Gralshüter. Und nur einer kann die Kraft des Grals nutzen: der Gralskönig. Er muß auserwählt sein und besondere Eigenschaften haben – die er gegebenenfalls in einer Prüfung unter Beweis zu stellen hat. Paradoxerweise kann der alte und kranke Gralskönig Amfortas die Kraft des Grals nicht nutzen, um sich selbst zu heilen, und er kann auch nicht mehr die Kraft des Grals für die Erhaltung der Bewohner der Gralsburg aktivieren. Im fehlt eine Eigenschaft, die der junge Parzival hat. Welche das ist, verraten uns die Namen der handelnden Personen.

  15. Der Gralsmythos – ein heidnischer Mythos von Fruchtbarkeit und Lebenskraft
  16. Der Gralsmythos ist kein christlicher Mythos. Hier irrte Franz von Liszt, als er Wagners Parsifal als „zu christlich“ bezeichnete. Wolfram von Eschenbach berichtet in dem Vorwort zu seinem Parzival: Kyot de Provence fand die Vorlage für seinen „Ur-Perceval“ in Toledo, und zwar in einem in arabisch geschriebenen Buch; dessen Autor war der „Heide Flegetanis“, ein Naturforscher, Arzt, Magier, Astrologe und „betete ein Kalb als seinen Gott an“, war also ein Anhänger eines Fruchtbarkeitskultes.

    Toledo war eine Metropole der Mozaraber („Fast-Araber“). Nachdem der größte Teil der iberischen Halbinsel wieder in der Hand der Christen war, blieben viele Mauren und Juden in Spanien und bewahrten ihre Kultur weiter. Unter den Mauren waren viele Schwarzafrikaner, die zu 90 % an Allah, aber zu 100 % an Magie glaubten. Es gelangten nicht nur die Werke der großen arabischen Philosophen, Mathematiker und Naturwissenschaftler nach Westeuropa, sondern auch die afrikanische und orientalische Magie, wo sie sich mit den keltischen Traditionen verbanden. Wie stark das Heidnische faszinierte, könnten wir an dem etwa um 1050 beginnenden Baustiel der Romanik erkennen, deren Portale und Säulenkapitelle von Bestien und Dämonen nur so wimmeln.

    Die Gralsburg „Munsalväsche“ ist nicht der „Mont de salvage“ (Berg des Heils), sondern der „Mont des sauvages“ (der Berg der Heiden). Die Gralsburg liegt nicht irgendwo im Reich von König Arthur, sondern man kann sie diesseits oder jenseits der Pyrenäen vermuten. Für Hesemann ist die Klosterburg San Juan de Pena in Aragon die Gralsburg, und nicht die Katharerburg Monstsegur.

    Parzival wächst als Heide auf, er ist unverbildet vom Christentum. Er macht sich auf die Suche nach dem Gral, der göttlichen Kraft. Er findet sie nicht in einem Kloster oder bei einem christlichen Heiligen, sondern auf der Gralsburg. Dort regiert Amfortas, ein Onkel von Parzival. Ein weiterer Onkel hat den Namen Trevrizent („Très froisant“, „sehr schauerlich“). Parzivals Halbbruder heißt Firefiz („Sohn des Feuers“). Dessen Mutter ist die schwarzhäutige Belekane (=Kanebele, also die „Kannibalin“). Parzivals Cousine ist Sigune („die Zigeunerin“). Besonders christlich klingt das nicht. König Arthur stammt aus dem Hause Pendragon („gefiederter“ oder „geflügelter Drache“). Der „alte Drache“ ist in der Bibel der Teufel, der als Luzifer aus dem Himmel auf die Erde geworfen wird. Arthurs Vorfahren leiteten also ihre Herkunft vom Teufel ab (einem zum Teufel erklärten Fruchtbarkeitsgott,dargestellt als Mischung zwischen Mensch und Bock.

    Die Namen erzählen die wahre Geschichte. Es geht nicht um die Erlösung durch Christus und das Evangelium, sondern um die Kraft, die eher eine teuflische als eine himmlische zu schein scheint. Und so entdecken wir, hellhörig geworden, dass Parzival zwei Söhne hat, Kordeix und Loherangrin (Lohengrin). Kardeix hat „dieu dans le coeur“, aber in „Logeangerien“ wohnt kein Engel („Loge ange rien“), sondern ein Teufel, zumindest aber ein Teufelsanbeter und Dämonenbeschwörer. Seine Utensilien hat er in dem Zimmer, das seine Frau nicht betreten darf.

    Aufschlußreich sind auch die sexuellen Anspielungen in den Namen, die von den hochmittelalterlichen Lesern und Zuhörern sicher mit Verständnis und Ergötzung zur Kenntnis genommen wurden. Parzivals Frau heißt Conduiramurs („Liebe machen“), die Partnerin von Firefiz ist Repansedejoie („Antwort der Freude“) und Lancelots große Liebe ist Guinevere („guinde vierge“ – sie „windet die Rute nach oben“). Lancelot hat „a lot of lance“ oder “uses his lance a lot”. Schon die Namen Guinevre und Lancelot lassen schon ahnen, daß die beiden ins miteinander ins Bett gehen und König Arthur betrügen werden. Lancelots Sohn heißt Galahead („= gaul ahead“). „Gaul“ heißt in der Sprache Troubadoure die Stange, verwandt mit deutsch „geil“). Parzivals Vater heißt Gauvain, „gaul vain“ („vergebliche Stange“), was darauf hindeutet, dass er bei den adeligen Damen nicht zum Zug kam.

  17. Amfortas versagt
  18. Einmal im Jahr muß Amfortas den Gral hervorholen und mit Hilfe von dessen Kraft die Lebensmittelvorräte und letztlich die ganze Burg und ihre Bewohner erneuern. Dies geschieht durch einen rituellen Beischlaf mit einer Jungfrau, ganz im Stil der altorientalischen Fruchtbarkeitskulte. Der Gottkönig erneuert stellvertretend für den Fruchtbarkeitsgott die Welt, indem er den Beischlaf vollzieht. Das ist eine magische Handlung; in Analogie zur Befruchtung einer Frau soll die Natur befruchtet werden. Aber der arme Amfortas kann nicht. Sein Name verrät es: „Amfortas“ ist „infortas“ – ohne (männliche) Kraft. Wie kam es dazu, dass Amfortas ohne sexuelle Kraft ist ? Amfortas hat sich, enttäuscht über die Zurückweisung durch Orgeluse („Orgeilleuse“, die „Stolze“) im Garten der Lüste mit Klingsors Freudenmädchen eingelassen (so erzählt es Wagner’s Oper in Anlehnung an Robert der Borons Gralsgeschichte). Dabei hat er sich eine Geschlechtskrankheit geholt, die ihn am Beischlaf und am Kinderzeugen hindert. Klingsor machte also Amfortas Klinge sor („sor“ ist „wund“).

    ähnliches kann man auch aus den alten Gralsepen herauslesen. Da wird der blutende Speer zusammen mit dem Gral hereingetragen. Der Speer ist eindeutig ein Phallussymbol. Ein blutender Speer deutet an, dass Amforts geschlechtskrank war. Das ist ein Thema, das für die Zuhörer der Ritterepen, die auf dem Höhepunkt der Kreuzzüge entstanden, sicher aktuell war. Als Folge der Kreuzzüge breiteten sich Geschlechtskrankheiten aus und der Fortbestand der Adelshäuser war wegen der grassierenden venerischen Infekte gefährdet. Außerdem machte den adeligen Zeitgenossen die Erhöhung der Stellung der adeligen Frauen zu schaffen, die, in Abwesenheit der Kreuzritter selbständig und selbstbewusst geworden, ihre Verehrer oft stolz abwiesen.

  19. Parzival kann
  20. Amfortas kann also nicht. Jetzt ist guter Rat teuer. Die Mittel der Hexe Kundri (der Zauberkundigen) versagen. Wer soll die Stelle Amfortas einnehmen und als Gottkönig den rituellen Beischlaf vollziehen und die Kräfte des Grals freisetzen ? Die Antwort: der junge, unverdorbene Parzival. Er ist mit Amfortas verwandt und kann die Linie der Gralskönige erhalten. Der Mythos vom göttlichen Blut ist, zumindest unterschwellig, legitimierende Basis jedes monarchischen Herrschaftsanspruches. Das Zeugen oder Finden eines würdigen Nachfolgers ist der kritische Punkt jeder Monarchie.

    Parzivals Speer war dank seiner Enthaltsamkeit gesund geblieben. Er kann das Tal zwischen den Schenkeln der Jungfrau durchbohren („Perceval“ heißt „percer le val“, „das Tal durchbohren“). So kann Parzival einen neuen Gottkönig werden und den Dynastiegründer Titurels (der „Namensgebers“) weiter seine Schattendasein in seiner Gruft führen lassen.

    Daß im Gralsmythos die Erinnerung an heidnische Fruchtbarkeitskulte steckt, gibt auch Dan Brown in seinem Roman „Sakrileg“ zu erkennen: Jacques de Saunière vollzieht im engsten Kreis der Prieurie de Sion einen rituellen Beischlaf, der von seiner Nichte als Kind beobachtet wurde.

  21. Könnte eine „Dynastie der Nachkommen Christi“ dem Papst Konkurrenz machen?
  22. Der Gral ist die Lebenskraft, die sich immer wieder erneuert. Sie ist entgegen allem Aberglauben, Mythen und Religionen nicht in Personen, Gegenständen oder Orten konzentriert, sondern sie ist überall. Wenn der Kelch des letzten Abendmahl noch existiert (warum nicht ?), so ist es aber nur ein Kelch wie jeder andere, ohne jede Wunderkraft. Wenn des Blut Christi noch als Reliquie existieren würde, so wäre es halt Blut eines Menschen, sonst nichts, wenn auch von wissenschaftlichem und historischem Interesse. Und wenn die Nachkommen Christi noch existieren würden – was soll’s ? Es wären Menschen wie du und ich. In ihnen wäre die göttliche Kraft nicht in einem höheren Maße konzentriert als in jedem anderen Menschen. Könnten diese Nachkommen Christi dem Papst Konkurrenz machen oder gar beanspruchen – aus ihren Reihen das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche zu stellen ? Nein. Mit dem gleichen Recht könnte ein Nachfahre Karls der Großen das Recht erheben, deutscher Bundeskanzler zu werden.

  23. Der Gral ist überall
  24. Die göttliche Kraft ist überall. Aber wir können nicht über sie frei verfügen, sondern sie ist eine Kraft, die stärker ist als wir und die von uns unabhängig und unbeeinflussbar durch Magie, Opfer oder Gebet ist. Man kann sie nicht manipulieren, sondern sie nur respektieren und in Einklang mit ihr leben.

    Alles, was von unten nach oben strebt, muß haltmachen an der Grenze des Stofflichen, auch wenn ihm das Höchsterreichbare gewährt ist. In den meisten Fällen kann jedoch bei günstigsten Vorbedingungen kaum die Hälfte dieses Weges zurückgelegt werden. Wie weit aber ist dann noch der Weg zur wahren Erkenntnis des Heiligen Grales!

    Diese Empfindung der Unerreichbarkeit macht sich bei Forschern zuletzt fühlbar. Das Ergebnis davon ist, daß sie den Gral als eine rein symbolische Bezeichnung eines Begriffes zu nehmen versuchen, um ihm so die Höhe zu geben, deren Notwendigkeit sie für diese Bezeichnung ganz richtig empfinden. Damit gehen sie aber in Wirklichkeit rückwärts, nicht vorwärts. Abwärts anstatt aufwärts. Sie weichen von dem richtigen Wege ab, den die Dichtungen zum Teile schon in sich tragen.

    Nur diese lassen die Wahrheit ahnen. Aber auch nur ahnen, weil die hohen Inspirationen und visionären Bilder der Dichter durch den bei der Weitergabe mitarbeitenden Verstand zu stark verirdischt wurden. Sie verliehen der Wiedergabe des geistig Empfangenen das Bild ihrer derzeitigen irdischen Umgebung, um damit den Menschen den Sinn ihrer Dichtung verständlicher zu machen, was ihnen trotzdem nicht gelang, weil sie selbst dem eigentlichen Kerne der Wahrheit nicht nahekommen konnten.

    So war dem späteren Forschen und Suchen von vornherein ein unsicherer Grund gegeben; jedem Erfolge damit eine enge Grenze gesetzt. Daß man zuletzt nur noch an eine reine Symbolik denken konnte und die Erlösung durch den Gral in jedes Menschen innerstes Selbst verlegte, ist deshalb nicht erstaunlich.

    Die bestehenden Deutungen sind nicht ohne großen ethischen Wert, aber sie können keinen Anspruch darauf machen, eine Erklärung der Dichtungen zu sein,noch viel weniger der Wahrheit des Heiligen Grales nahezukommen. Auch ist unter dem Heiligen Gral nicht das Gefäß gemeint, das der Gottessohn am Ende seiner irdischen Mission bei dem letzten Mahle mit seinen Jüngern benützte, worin dann sein Blut am Kreuze aufgefangen wurde.

    Dieses Gefäß ist eine heilige Erinnerung an das hohe Erlöserwerk des Gottessohnes, aber es ist nicht der Heilige Gral, den zu besingen die Dichter der Legenden begnadet wurden. Diese Dichtungen sind von der Menschheit falsch aufgefaßt worden. Es sollten Verheißungen sein aus höchsten Höhen, deren Erfüllungen die Menschen zu erwarten haben!

    Hätte man sie als solche aufgefaßt, so wäre sicherlich schon lange auch ein anderer Weg gefunden worden, der die Forschungen noch etwas weiter führen konnte als bisher. So aber mußte in all den Deutungen zuletzt ein toter Punkt eintreten, weil niemals eine volle, lückenlose Lösung zu erreichen war, da der Ausgangspunkt einer jeden Forschung durch die bisherige falsche Auffassung von vornherein auf falschem Boden stand.

    Nie wird ein Menschengeist, sei er auch zuletzt in seiner größten Vollendung und Unsterblichkeit, dem Heiligen Gral selbst gegenüberstehen können! Deshalb kann auch nie eine ausgiebige Kunde darüber von dort in das Stoffliche erdenwärts gelangen, es sei denn durch einen Boten, der von dort ausgeschickt wurde. Dem Menschengeiste also wird der Heilige Gral immer und ewig ein Mysterium bleiben müssen.

    Der Mensch bleibe bei dem, was er geistig zu erfassen vermag, und suche vor allen Dingen das zu erfüllen und bis zu den edelsten Blüten zu bringen, was in seinen Kräften liegt. Leider aber greift er nur zu gern in seinem Verlangen immer weit darüber hinaus, ohne sein eigentliches Können zu entwickeln, wodurch er eine Nachlässigkeit begeht, die ihn nicht einmal das erreichen läßt, was er vermöchte, während er das Gewünschte sowieso niemals erreichen kann. Er bringt sich damit um das Schönste und das Höchste seines eigentlichen Seins, er erreicht nur ein vollkommenes Versagen der Erfüllung seines Daseinszweckes.

    Der Parzival ist eine große Verheißung. Die Mängel und Irrtümer, die die Dichter der Legenden durch ihr allzu irdisches Denken hinzugefügt haben, entstellen das eigentliche Wesen dieser Figur. Parzival ist eins mit dem Menschensohne, dessen Kommen der Gottessohn selbst verkündete.

    Ein Gottesgesandter, wird er mit einer Binde vor den geistigen Augen durch die schwersten irdischen Mühsale gehen müssen, äußerlich als Mensch unter Menschen. Nach einer bestimmten Zeit von dieser Binde befreit, muß er seinen Ausgangspunkt und damit sich selbst wiedererkennen, sowie auch seine Mission klar vor sich sehen. Diese Mission wird ebenfalls eine Erlösung der ernsthaft suchenden Menschheit bringen, verbunden mit scharfem Gericht.

    Dafür kann aber nicht irgendein Mensch angenommen werden, noch viel weniger will darin das mögliche Erleben zahlreicher oder gar aller Menschen erkannt sein; sondern es wird nur ein ganz Bestimmter, besonders Gesandter sein. In der unverrückbaren Gesetzlichkeit alles göttlichen Willens ist es nicht anders möglich, als daß ein jedes nach dem Entwicklungslaufe in seiner höchsten Vollendung wieder zu dem Ausgangspunkt seines ursprünglichen Wesens zurückkehren kann, niemals aber darüber hinaus.

    So auch der Menschengeist. Er hat seinen Ursprung als Geistsamenkorn in dem Geistig-Wesenhaften, wohin er nach seinem Laufe durch die Stofflichkeit bei höchster Vollendung und gewonnener lebendiger Reinheit als bewußter Geist in wesenhafter Form zurückkehren kann.

    Kein Geistig-Wesenhafter, sei er auch noch so hoch und rein und strahlend, vermag die Grenze zu dem Göttlichen zu überschreiten. Die Grenze und die Unmöglichkeit des überschreitens liegt auch hier, wie in den Sphären oder Ebenen der stofflichen Schöpfung, einfach in der Natur der Sache, in der Verschiedenheit der Art. Als Oberstes und Höchstes ist Gott selbst in seiner Göttlich-Wesenlosigkeit.

    Dann kommt als Nächstes etwas tiefer das Göttlich-Wesenhafte. Beides ist ewig. Diesem schließt sich dann erst tiefer und tiefer gehend das Schöpfungswerk an, in abwärtssteigenden Ebenen oder Sphären dichter und dichter werdend, bis zur endlichen, den Menschen sichtbar werdenden Grobstofflichkeit.

    Das Feinstoffliche in der stofflichen Schöpfung ist das von den Menschen genannte Jenseits. Also das Jenseits ihres irdischen, grobstofflichen Sehvermögens. Beides aber gehört zum Schöpfungswerke, ist in seiner Form nicht ewig, sondern der Veränderung zum Zwecke der Erneuerung und Erfrischung unterworfen.

    Am höchsten Ausgangspunkte des ewigen Geistig-Wesenhaften nun steht die Gralsburg, geistig sichtbar, greifbar, weil noch von der gleichen geistig-wesenhaften Art. Diese Gralsburg birgt einen Raum, der wiederum an der äußersten Grenze nach dem Göttlichen zu liegt, also noch ätherisierter ist als alles andere Geistig-Wesenhafte. In diesem Raume befindet sich als Unterpfand der ewigen Güte Gottvaters und als Symbol seiner reinsten göttlichen Liebe, sowie als Ausgangspunkt göttlicher Kraft: der Heilige Gral!

    Er ist eine Schale, in der es ununterbrochen wallt und wogt wie rotes Blut, ohne je überzufließen. Vom lichtesten Lichte umstrahlt, ist es nur den Reinsten aller Geistig-Wesenhaften vergönnt, in dieses Licht schauen zu können. Das sind die Hüter des Heiligen Grales! Wenn es in den Dichtungen heißt, der Menschen Reinste sind dazu bestimmt, Hüter des Grals zu werden, so ist dies ein Punkt, den der begnadete Dichter allzusehr verirdischt hat,weil er sich nicht anders auszudrücken vermochte.

    Kein Menschengeist kann diesen geheiligten Raum betreten. Auch in seiner vollendetsten geistigen Wesenhaftigkeit nach seiner Rückkehr von dem Laufe durch die Stofflichkeit ist er doch nicht ätherisiert genug, um die Schwelle, also die Grenze zu überschreiten. Er ist auch in seiner höchsten Vollendung noch zu dicht dazu. Eine weitere ätherisierung für ihn müßte gleichbedeutend mit völliger Zersetzung oder Verbrennung sein, da seine Art vom Ursprung aus sich nicht dazu eignet, noch strahlender und lichter, also noch ätherisierter zu werden. Sie erträgt es nicht.

    Die Hüter des Grales sind Ewige, Urgeistige, die niemals Menschen waren, die Spitzen alles Geistig-Wesenhaften. Sie bedürfen aber der göttlich-wesenlosen Kraft, sind abhängig von ihr, wie alles abhängig ist von dem Göttlich-Wesenlosen, dem Ursprung aller Kraft, Gottvater.

    Von Zeit zu Zeit erscheint nun an dem Tag der Heiligen Taube die Taube über dem Gefäß als erneutes Zeichen der unwandelbaren göttlichen Liebe des Vaters. Es ist die Stunde der Verbindung, die Krafterneuerung bringt. Die Hüter des Grales empfangen sie in demutvoller Andacht und vermögen dann diese erhaltene Wunderkraft weiterzugeben. Daran hängt das Bestehen der ganzen Schöpfung!

    Es ist der Augenblick, in dem im Tempel des Heiligen Grales des Schöpfers Liebe strahlend sich ergießt zu neuem Sein, zu neuem Schaffensdrange, der pulsschlagartig abwärts durch das ganze Weltall sich verteilt. Ein Beben geht dabei durch alle Sphären, ein heiliges Erschauern ahnungsvoller Freude, großen Glückes. Nur der Geist der Erdenmenschen steht noch abseits, ohne zu empfinden, was gerade ihm dabei geschieht, welch unermeßliches Geschenk er stumpfsinnig entgegennimmt, weil seine Selbsteinengung im Verstande das Erfassen einer derartigen Größe nicht mehr zuläßt. Es ist der Augenblick der Lebenszufuhr für die ganze Schöpfung!

    Die stete, notwendige Wiederkehr einer Bestätigung des Bundes, den der Schöpfer seinem Werke gegenüber hält. Würde diese Zufuhr einmal abgeschnitten, bliebe sie aus, so müßte alles Seiende langsam vertrocknen, altern und zerfallen. Es käme dann das Ende aller Tage, und nur Gott selbst verblieb, wie es im Anfang war! Weil Er allein das Leben ist. Dieser Vorgang ist in der Legende wiedergegeben.

    Es ist sogar angedeutet, wie alles altern und vergehen muß, wenn der Tag der Heiligen Taube, die „Enthüllung“ des Grales, nicht wiederkehrt, in dem Altwerden der Gralsritter, während der Zeit, in der Amfortas den Gral nicht mehr enthüllt, bis zu der Stunde, in der Parzival als Gralskönig auftritt.Der Mensch sollte davon abkommen, den Heiligen Gral nur als etwas Unfaßbares zu betrachten; denn er besteht wirklich! Es ist aber dem Menschengeiste durch dessen Beschaffenheit versagt, ihn jemals erschauen zu können. Den Segen jedoch, der von ihm ausströmt und der von den Hütern des Grales weitergegeben werden kann und auch weitergegeben wird, können die Menschengeister empfangen und genießen, wenn sie sich dafür öffnen.

    In diesem Sinne sind einige Auslegungen nicht gerade falsch zu nennen, sobald sie in ihren Deutungen den Heiligen Gral selbst nicht mit hineinzuziehen versuchen. Sie sind richtig und doch auch wieder nicht. Das Erscheinen der Taube an dem bestimmten Tage der Heiligen Taube zeigt die jedesmalige Sendung des Heiligen Geistes an; denn diese Taube steht in engem Zusammenhange mit ihm.

    Doch das ist etwas, das der Menschengeist nur bildlich zu erfassen fähig ist, weil er aus der Natur der Sache heraus bei höchster Entwicklung in Wirklichkeit nur bis dahin zu denken, zu wissen und zu empfinden vermag, woher er selbst kam, also bis zu der Art, die eins mit seiner reinsten Beschaffenheit des Ursprunges ist. Das ist das ewige Geistig-Wesenhafte.

    Diese Grenze wird er auch im Denken niemals überschreiten können. Anderes vermag er auch nie zu erfassen. Das ist so selbstverständlich, logisch und einfach, daß dem Gedankengange jeder Mensch zu folgen vermag. Was aber darüber ist, wird und muß der Menschheit aus diesem Grunde immer ein Mysterium sein und bleiben!

    Jeder Mensch lebt deshalb in einem Wahne, so er sich einbildet, Gott in sich zu tragen, oder selbst göttlich zu sein, oder dies werden zu können. Er trägt Geistiges in sich, aber nicht Göttliches. Und darin ruht ein unüberbrückbarer Unterschied. Er ist ein Geschöpf, nicht ein Teil des Schöpfers,wie sich so mancher einzureden versucht. Der Mensch ist und bleibt ein Werk, wird niemals Meister werden können.

    Es ist deshalb auch unrichtig, wenn erklärt wird, daß der Menschengeist von Gottvater selbst ausgeht und zu ihm zurückkehrt. Der Ursprung des Menschen ist das Geistig-Wesenhafte, nicht das Göttlich-Wesenlose. Er kann deshalb auch bei erreichter Vollkommenheit nur bis zum Geistig-Wesenhaften zurückkehren. Richtig gesagt ist, daß der Menschengeist aus dem Reiche Gottes stammt und deshalb auch, wenn er vollkommen wird, wieder in das Reich Gottes zurückzukehren vermag, nicht aber zu ihm selbst.

    Es folgen später noch ausführliche Vorträge über die einzelnen Abteilungen der Schöpfung, die in ihren Wesensarten ganz verschieden sind.

    Auf höchster Höhe einer jeden dieser Schöpfungsebenen befindet sich als notwendige übergangs- und Kraftübertragungsstelle eine Gralsburg.

    Diese ist immer ein in der Wesensart der betreffenden Schöpfungsebenen geformtes Abbild der wirklichen, an der Spitze der ganzen Schöpfung stehenden, höchsten Gralsburg, die der Ausgangspunkt der ganzen Schöpfung durch die Strahlungen Parzivals ist.

    Amfortas war Priester und König in der untersten dieser Gralsburg-Abbilder, die auf der Höhe der Ebene aller aus Geistsamenkörnern entwickelten Menschengeister steht, also der Erdenmenschheit am nächsten.