Chronik von Neuseddin Teil 4
Chronik Teil 4
Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt.
Laß uns dir zum Guten dienen, Deutschland, einig Vaterland.
Die Jahre 1945 bis 1989
Kulturfeste
im Kulturhaus der Eisenbahner
Der schwere Anfang nach dem Krieg
Kriegsrecht durch die Sieger des II. Weltkrieges
Mit der Kapitulation Deutschlands begann die Zeit des Kriegsrechts nach
einem vom Hitlerfaschismus verursachten und verlorenen Krieges mit den
unzähligen Opfern und Zerstörungen.
lm August 1945 wurde durch die Siegermächte das Potsdamer Abkommen,
als Grundlage für die Wiedergutmachung der durch den Krieg angerichteten
Schäden, der Bestrafung der Hauptverantwortlichen und der
Grundlagen für die Entstehung eines neuen friedliebenden deutschen
Staates, beschlossen. lm großem Rahmen gesagt, es war die Zeit des in
den vier Besatzungszonen unterschiedlich angewandten Besatzungsrechtes,
der Reparationsleistungen, der Bestrafung der Kriegsverbrecher, der
Auswirkungen der neuen Grenzziehungen, die zusammen mit den Flüchtlingen,
Ausgewiesenen, Ausgebombten und den zurückkehrenden ehemaligen
Soldaten und lnternierten, das tägliche Leben bestimmte. Der totale
Zusammenbruch des öffentlichen Lebens und die damit verbundene katastrophale
Versorgungslage sowie die Nazipropaganda von den "sowjetischen
Untermenschen" prägten die Angst der Menschen.
Zum Neuanfang gehörte unbedingt die Beseitigung der Kriegsschäden, die
Wiederingangsetzung der öffentlichen Ordnung, der Produktion in den Betrieben
und das Bewohnbarmachen zerstörten Wohnraumes. Das größte
aber auch wohl schwerste Problem lag darin, die tiefe Niedergeschlagenheit
und Hoffnungslosigkeit der Menschen zu überwinden. Es galt, trotz
riesiger Schwierigkeiten, Hunger, Elend und den schmerzlichen Erlebnissen,
neuen Mut zu finden. Ob bewußt oder unbewußt stand die Frage, was
ist in Zukunft zu tun, daß so eine Katastrophe nie wieder eintritt.
"Nie wieder Krieg!"
Das war die Meinung und Erkenntnis der Mehrheit der
Menschen in Deutschland, sie gab den Menschen wieder Hoffnung. Mit
dieser Zielstellung identifizierte man sich und glaubte an diese Worte.
Leider wurden aus dem II. Weltkrieg keine Lehren gezogen.
Hunderttausende Menschen starben seit damals wieder in der Welt in
sinnlosen Kriegen für die Machtinteressen von Politikern oder einzelner
Staaten.
Der Kampf gegen den Hunger
Der Bahnhof als Warenlager. Die
Versorgung kommt mühsam in Gang.
Zuerst mußte die Versorgung wieder in Gang gebracht werden. Es war für
Neuseddin und die umliegenden Gemeinden von unschätzbarem Vorteil in
dieser Situation einen so großen Güterbahnhof in unmittelbarer Nähe zu
haben. Waggons, mit Lebensmitteln und Versorgungsgütern aller Art beladen,
standen teils zerstört, teils aber auch noch intakt, auf dem Bahnhof
herum und gaben der Bevölkerung in den ersten Tagen und Wochen nach
Kriegsende die Möglichkeit zum Überleben. Eine regelmäßige Versorgung,
auch Lebensmittelkarten, gab es ja nicht mehr. Alle Transportwege waren
zerstört und vorhandene Lagerbestände Kriegsbeute der Sieger geworden.
So war der Bahnhof für viele Menschen erst einmal die einzige Überlebenschance.
Eine normale Versorgung kam nur recht schleppend und unregelmäßig
in Gang. Frauen, Jugendliche und Kinder mußten anfangs die Hauptlast tragen, denn viele Männer waren im Krieg gefallen oder in Gefangenschaft
geraten.
Trinkwasser ein kostbares Gut
Für Neuseddin galt es das durch den Bombenangriff am 20.04.45 zerstörte
Rohrnetz der örtlichen Wasserversorgung wieder in Betrieb zu nehmen.
Zum Glück waren weder der Wasserturm noch die Pumpenanlagen beschädigt
worden. Schon im Juli 1945 lief das Wasser wieder aus den Hähnen.
Bis dahin mußten die Einwohner das benötigte Trink-und Waschwasser
in Eimern von der einzigen im Ort stehenden Handpumpe vor dem
zerstörten Haus in der Schmiedestraße holen, dem späteren Standort des
ehemaligen Kulturhauses der Eisenbahner.
Reparationen, Demontage, Arbeitseinsätze
der Bevölkerung
Wie in allen Orten und Gemeinden wurde auch in Neuseddin die politische
Gewalt von einem sowjetischen Ortskommandanten und außerdem von
einem Militärkommandanten im Bahnbetriebswerk ausgeübt. Letzterer unterstand der Eisenbahnkommandantur der Sowjetarmee, die in den ersten
Nachkriegsjahren noch ihren Sitz in der Straße "Am Sandwerder" in
Berlin-Wannsee im amerikanischen Sektor hatte. Die Ortskommandantur
selbst befand sich im Gemeindebüro in der Waldstraße.
Vom Ortskommandanten wurde im Mai 1945 verfügt, daß alle arbeitsfähigen
Einwohner Arbeitseinsätze leisten mußten. Überwiegend waren davon
Frauen und Jugendliche betroffen, da es ja kaum arbeitsfähige Männer im
Ort gab. So wurden die Einwohner auch zu Arbeiten außerhalb des Ortes
herangezogen.
Um sich vor diesen Arbeitseinsätzen zu drücken, war das Bemühen ärztliche
Atteste zu erhalten bei manchen Einwohnern, besonders aber bei den
anwesenden Männern sehr groß. Auf Veranlassung der Besatzungsmacht
wurden 1946 Starkstrom- und Postkabel entlang der Leipziger Chaussee
(B 2) ausgegraben und demontiert. Aber auch andere durch die Wälder
verlaufende Kabelverbindungen, so zum Beispiel zwischen Neuseddin und
Ferch oder entlang des sogenannten Heuweges zwischen Caputh und
Beelitz, wurden als "Siegerbeute" abtransportiert. Die Telefonfreileitungen
wurden ebenfalls zum Teil demontiert. Bei der Eisenbahn wurde, wie überall
auf den Strecken, das 2. Gleis zwischen Berlin-Wannsee und Belzig
abgebaut. Auch auf dem Bahnhof Seddin wurden ebenfalls Gleise abgebaut. So unter anderen alle unzerstörten Gleise des Militärbahnhofes. Zur Kriegsbeute oder zu Reparationsleistungen zählten aber nicht nur die
Gleisanlagen, sondern auch Güterwagen. Eine Gruppe polnischer Eisenbahner
war im Sommer 1945 auf dem Bahnhof Seddin tätig und kennzeichnete
vor Ort Waggons der Deutschen Reichsbahn in Wagen der polnischen
Staatsbahn (PKP) um.
Zum überwiegenden Teil wurde aber die Neuseddiner Bevölkerung zu Aufräumungsarbeiten
auf dem zerstörten Bahnhofsgelände des Rangierbahnhofes Seddin eingesetzt.
Weitere Arbeitsleistungen größeren Umfangs durch die Bevölkerung wurden
auch im Gleisdreieck westlich des Bahnhofes durch die Besatzungsmacht
angeordnet. Die Gleisverbindungen zwischen den Stellwerken Bla, Bea und Lia waren durch Bombenteppiche ebenfalls am 20.04.45 zerstört worden, wobei auch ein Lazarettzug getroffen wurde, der im Gleisabschnitt
Lia-Bea stand.
Wieder eine deutsche Verwaltung
Neue Bürgermeister werden eingesetzt Rechtsstaatlichkeit unter Besatzungsrecht.
Bereits Anfang Mai 1945, wenige Tage nach der Besetzung, wurde durch
den Ortskommandanten ein Bürgermeister eingesetzt. Dieser wurde jedoch
schon nach wenigen Wochen Amtszeit verhaftet und in das KZ Sachsenhausen eingeliefert. Der nachfolgend eingesetzte Bürgermeister, mit perfekten polnischen und russischen Sprachkenntnissen, amtierte ebenfalls
nur einige Monate bis zu seiner Verhaftung. Seine Familie wurde aus Neuseddin ausgewiesen.
Obwohl es in diesen Tagen kaum etwas zu kaufen oder verkaufen gab,
forderte der Ortskommandant die Wiedereröffnung der Geschäfte. Der
wichtigste Laden war dann die Bäckerei für die Einwohner. lm Mai 1945
erfolgte so gut wie keine Versorgung durch die Besatzungsmacht. Erst im
Juni wurde einmal russischer Salzfisch (Blei) ausgegeben. lm Gegenteil, in
den Monaten Mai, Juni wurden von Angehörigen der Kommandantur in den
Neuseddiner Haushalten Durchsuchungen durchgeführt, um Lebensmittel,
die von Plünderungen auf dem Bahnhof Seddin stammten, aufzuspüren
und zu beschlagnahmen. Bei dieser Aktion wurden große Mengen Lebens-und
Genußmittel vorgefunden und gleich mit LKW abtransportiert. Frisch gebackenes Brot gab es jedoch in Neuseddin schon in den ersten Maitagen. Dies war der lnitiative des damaligen Bürgermeisters Marohn und des
Bäckermeisters Riemann zu verdanken. Das Mehl wurde aus Eisenbahnwaggons auf dem Rangierbahnhof beschafft.
Mit dem Einsetzen einer deutschen Selbstverwaltung, richtiger gesagt Mitverwaltung,
da das ausschließliche Weisungsrecht bzw. die Befehlsgewalt
nur der Ortskommandant hatte, wurden auch einige als politisch unbelastet
geltende Bürger als Ortspolizei eingesetzt. Ihre erste Aufgabe bestand
darin, sämtliche in den Haushalten vorhandenen Rundfunkgeräte einzuziehen.
Kein Deutscher durfte in diesen Tagen mehr im Besitz eines Radios
sein. Hatten die Nazis zu Beginn des Krieges das Abhören ausländischer
Rundfunksender verboten, so ging die Besatzungsmacht noch einen Schritt
weiter und verbot den Rundfunkempfang erst einmal völlig, auch Schreibmaschinen
und Ferngläser mußten abgegeben werden.
Zur lnformation der deutschen Bevölkerung wurde von der Sowjetischen
Militäradministration in Deutschland (SMAD) dann im Juni 1945 eine von
ihr herausgegebene Tageszeitung "Tägliche Rundschau" in Umlauf gebracht. Die eingezogenen Rundfunkgeräte wurden, soweit noch vorhanden bzw. auffindbar, dann allerdings zu einem späteren Zeitpunkt nicht immer an die Eigentümer zurückgegeben.
Auf dem Sportplatz befand sich ein Sammellager für Kraftfahrzeuge. Die
gesamte Fläche stand voller Fahrzeuge, die aus der näheren und weiteren
Umgebung hier abgestellt wurden. lm Spätsommer und Herbst wurden
diese Beutefahrzeuge auf der Ladestraße auf Eisenbahnwaggons zum
Abtransport in die Sowjetunion verladen. Interessenten konnten aber bereits
vorher PKW's gegen Schnaps beim Bewachungspersonal tauschen.
Um sich gegenüber den Besatzungsbehörden legitimieren zu können, wurde
schon im Jahre 1945 für die Bürger der Gemeinde Neuseddin, auf Weisung
der örtlichen Kommandantur, ein formloser zweisprachiger Personalausweis
eingeführt. Auf der linken Seite befanden sich das Lichtbild und
die handschriftlich in russischer Sprache gemachten Angaben. Auf der
rechten Seite die notwendigen Personalangaben in deutscher Schreibmaschinenschrift.
Die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit war ein
besonderes Anliegen des bis zum Oktober 1945 in Neuseddin tätigen Ortskommandanten.
Es gab wenige Übergriffe, obwohl im Wald mehrere größere
Soldatenlager waren. Vermutlich befanden sich in diesem Lager auch
die Mehrzahl der aus Neuseddin und der Umgebung zu repatriierenden
Sowjetbürger.
Zeitzeugen berichten von folgenden Waldlagern:
Auf dem Gelände des heutigen Wohngebietes Beimlerstraße, am früheren Schießstand in Richtung
Ferch, am Rädeler Weg (als Panzerstraße bekannt) sowie im Wald Richtung Kunersdorf.
An mehreren Stellen im Ort, so an den Ecken Schmiede-Thielenstraße und
Schmiede-Dr.-Stapff-Straße, waren sogenannte Galgen aufgestellt. An
ihnen waren leere Kartuschen als Ersatzglocken angebracht. Diese Glocken
dienten zur Alarmierung des Ortskommandanten, wenn zum Beispiel
Frauen im Ort durch Sowjetsoldaten belästigt wurden oder man sich am
Eigentum der Einwohner vergriff. Leider war es in der ersten Besatzungszeit
auch zu Vergewaltigungen gekommen. Mit dem Läuten dieser "Alarmglocken"
konnte jeder Einwohner den Kommandanten auf den Plan rufen.
Dieser reagierte sofort und schritt rigoros gegen die Übeltäter ein.
Einige Bürger der Gemeinde wurden in dieser Zeit verhaftet und kamen in
ehemalige Konzentrationslager. Die einst von den Nazis für ihre Gegner
eingerichteten KZ Sachsenhausen, später auch das berüchtigte KZ Buchenwald,
wurden wieder benutzt. Die Verhaftungen erfolgten entweder
auf Anzeigen aus deutschen Kreisen oder von ehemaligen Zwangsarbeitern.
Denn woher sonst sollten wohl die Organe der Besatzungsmacht ihre
Informationen so kuzfristig über ehemalige NSDAP-Mitglieder haben?
Einige Bürger entzogen sich diesem Risiko, indem sie untertauchten oder
Selbstmord begingen. Von den damals Verhafteten sind einige nie zurückgekehrt
und in sowjetischer Haft gestorben.
Welche chaotischen Verhältnisse in punkto Rechtsunsicherheit im Sommer
1945 in Neuseddin herrschten, geht aus einem Zeitzeugen-Bericht einer
damaligen Einwohnerin hervor:
"Mein Schwiegervater wurde wenige Wochen nach Kriegsende ohne Anklage oder Haftbefehl einfach ,abgeholt'. Um meinen und meiner Tochter Lebensunterhalt bestreiten zu können, hatte ich das Glück beim sowjetischen Ortskommandanten in der Küche arbeiten zu dürten. Eines lages erschienen bei uns in der Wohnung mehrere Männer eines sogenannten Antifa-Kommitees und wollten Möbel beschlagnahmen. Es waren keine Neuseddiner Einwohner, sondem Fremde. Woher sie unsere Adresse hatten, weiß ich nicht. ln meiner Not wandte ich mich sofort an den sowjetischen Kommandanten. Der machte dann schnell dieser Beschlagnahmeaktion ein Ende. So kamen wir noch einmal ungeschoren davon."
Parteien und Organisationen werden wieder zugelassen
Nachdem durch Befehle der SMAD im Juni 1945 die Bildung politischer
Parteien und Gewerkschaften in der sowjetischen Besatzungszone zugelassen
wurden, bildeten sich auch in Neuseddin Ortsgruppen der KPD und der SPD.
Zur Wahrnehmung spezieller Aufgaben wurden außerdem Ausschüsse
gebildet. Besondere Bedeutung hatte der Ausschuß für Umsiedler, in erster
Linie jedoch für die Umsiedler aus dem Sudetenland, die als sogenannte
Antifaschisten nach Neuseddin gekommen waren. Diese hatten sogar per
Eisenbahn einen Teil ihres Mobiliars und Hausrats mitnehmen können.
Diese Umsiedler erhielten hier bevorzugt Wohnraum zugeteilt und übernahmen
im Ort schon nach kuzer Zeit gleich politische Funktionen. Um Wohnraum für die Flüchtlinge zu erhalten, zwang man einige ehemalige NSDAP-Mitglieder aus ihren Wohnungen auszuziehen und wies sie bei
anderen ehemaligen Mitgliedern der Nazi-Partei mit ein. Auf diese Weise
wurde erst einmal versucht, das Wohnungsproblem zu lösen.
Andere aus ihren Wohnungen ausgewiesene NSDAP-Mitglieder und ihre
Familien wurden u.a. in die ehemaligen HJ und BDM Heime hinter dem
Übernachtungsgebäude zum Wohnen eingewiesen.
Auch im Übernachtungsgebäude wurden zum Teil wieder Notwohnungen
eingerichtet. Die ganze obere Etage wurde mit Flüchtlingen belegt. Zeitweise
wohnten dann dort fünf bis sechs Familien. Den Flüchtlingen wurden,
soweit wie möglich, auch Hausrat und Möbel zur Verfügung gestellt,
teils aus Asservatenbeständen der Reichsbahn, teils durch Sammlungen in
der Bevölkerung. Einen Lastenausgleich oder eine Entschädigung für das
verlorene Hab und Gut in der alten Heimat erhielten die Flüchtlinge weder
in der SBZ (Sowjetische Besatzungszone), noch in der späteren DDR.
Die für die Umsiedler organisierten Spendensammlungen fanden im Ort
allerdings wenig Resonanz unter den Einheimischen. Der damalige Bürgermeister
beklagte das mangelhafte Sammelergebnis, zumal nach seiner
Meinung Böden und Keller mit Hausrat gefüllt waren. Warum verhielten
sich die Menschen nach heutiger Sicht so unsolidarisch? Sie hatten sich
doch in den Jahren zuvor ganz anders gezeigt, als noch das Prinzip der
"Volksgemeinschaft" die Propaganda beherrschte. Man muß dabei jedoch
die damaligen Lebensumstände sehen. Es galt vor allem, zu überleben.
Die eigene Familie, und die aus Krieg und der Gefangenschaft zurück erwarteten
Angehörigen, galt es zu ernähren. Da Lebensmittel kaum für Geld
zu erhalten waren, wurde der Hausrat zwangsweise für Tauschzwecke
verwendet. So blieben die geforderten Spenden aus. Für Geld und gute
Worte war auf dem Lande von den Bauern nichts zu bekommen. Hatte
man aber Sachwerte im Tauschangebot, sah die Sache schon anders aus,
das Geschäft florierte, und wenn es "ein Teppich für den Kuhstall" war, den
man für ein Paar Kilo Kartoffeln hingab. Es war wieder etwas zum Essen
im Hause.
Die Spendenunlust der Neuseddiner Einwohner hatte aber auch viel mit
dem Negativimage des Umsiedlerausschusses zu tun.
Dieser Ausschuß, der sich, wie bereits enrwähnt, insbesondere mit der lnteressenvertretung
der aus der damaligen Tschechoslowakei ausgewiesenen
Eisenbahner befaßte, fand kein positives Echo bei den Einwohnern.
Besonders der Leiter dieses Ausschusses war durch sein rüdes Verhalten gegenüber alteingesessenen Bürgern und Flüchtlingen, die nur mit wenig Habe im Rucksack gekommen waren, bald sehr unbeliebt.
Neulehrer an der Schule
lm Herbst 1945 wurde ebenfalls auf Weisung der sowjetischen Militärbehörden
in der Ostzone, so auch in Neuseddin, der Schulunterricht wieder
aufgenommen. Wie aber in allen Orten der SBZ stand das Lehrerproblem.
Die ehemaligen Lehrkräfte waren meist "PG (Parteigenossen)" gewesen und deshalb für
eine Lehrtätigkeit nicht mehr zugelassen. Es begann die Zeit der "Neulehrer".
Das waren geeignete junge Menschen ohne besondere Vorkenntnisse,
die kurzfristig in Lehrgängen mit der Lehrtätigkeit vertraut gemacht
wurden. Von einer fachlich pädagogischen Grundausbildung konnte dabei
keine Rede sein.
Erst in den folgenden Jahren wurde eine "neue Lehrerelite" ausgebildet,
die dann teilweise die Neulehrer ablöste.
Teilweiser Wiederaufbau in der Schmiedestraße
ln der Zeit von Oktober 1945 bis Juni 1946 wurden in der Schmiedestraße
sieben Wohnungen in den im Krieg teilzerstörten Häusern wieder bewohnbar
hergerichtet. Die Baulücken sind bis heute im Ort noch zu sehen.
Die erste Kommunalwahl nach dem Krieg
lm Herbst 1946 fand die erste Kommunalwahl statt. Kandidaten durfte jede
zugelassene Partei bis zu einem festgelegten Termin aufstellen. Dies tat
eigentlich nur die SED, die nach der Zwangsvereinigung aus SPD und KPD
bis zum Juni 1946 flächendeckend in der SBZ mit eigenen Ortsgruppen entstand. Diese Vereinigung erfolgte zwar
noch unter dem Eindruck der braunen Vergangenheit und des verlorenen
Krieges und wurde auch von einem Teil der Mitglieder beider Parteien unterstützt,
ausschlaggebend war aber der Druck hierzu von der sowjetischen
Besatzungsmacht. Eine freie Abstimmung über das Für und Wider einer
Vereinigung wurde unterbunden und fand dann nur in Westberlin statt. Die
Mehrzahl der Mitglieder sprach sich dort erwartungsgemäß gegen die Vereinigung
aus. Für die SPD in den Westzonen stand eine Vereinigung beider
Arbeiterparteien sowieso nicht zur Debatte. In Neuseddin gab es
am 1.5.1946 48 Mitglieder der SPD und 30 Mitglieder in der KPD. Zur Wahl in Neuseddin wurden 24 Kandidaten aufgestellt. Ebenfalls standen zwei Kandidaten für den Kreistag zur Wahl. Am Wahltag machten über hundert
Wahlberechtigte von ihrem Wahlrecht keinen Gebrauch. über einhundert
ungültige Stimmen wurden ausgezählt. Dieses erste Wahlergebnis nach
dem Kriege zeigte auch in Neuseddin schon ganz deutlich die Auswirkungen
des Einflusses der Besatzungsmacht auf die Kommunalpolitik und die
Behinderung der bürgerlichen Parteien. Die Zahl der ungültigen Stimmen
und der Nichtwähler waren ein beredter Beweis dafür. Gleichzeitig kam
damit auch die Abneigung gegen die nun wiederbeginnende Ein-Parteienherrschaft zum Ausdruck.
lm Jahre 1946 gab es wieder einen gedruckten Ausweis nur mit deutschem
Text, der aber auch noch vom "Amtsvorsteher, als Ortspolizeibehörde
Neuseddin" ausgestellt war. Dieser Ausweis galt bis zur Gründung der
DDR 1949. Danach wurden dann einheitliche Personalausweise für die
gesamte Republik eingeführt und von den Volkspolizei-Kreisämtern über sihre Meldestellen ausgegeben.
Da nach der bedingungslosen Kapitulation die nazistischen Symbole, wie
Hakenkreuz und Hoheitsadler, in Siegelabdrucken und Dokumenten nicht
mehr verwendet werden durften und es noch keine übergeordneten deutschen
Behörden gab, die territorial entsprechende Kennzeichen einführen
konnten, wurde anfangs nur der Kopf und der an den Adlerfüßen vorhandene
Kranz mit dem Hakenkreuz einfach aus den alten Stempeln mit Rasierklingen
herausgeschnitten. Etwas später wurde auch der Rest des Adlers
amtlich ganz entfernt. lm Jahre 1947 wurde dann in Neuseddin ein neues gemeindeeigenes Siegel eingeführt, in dem der damals weithin sichtbare Wasserturm der Eisenbahn als Symbol und amtliches Kennzeichen
für Neuseddin abgebildet war. Obwohl im Jahre 1952, mit der Gründung
der Provinzialverwaltung der Mark Brandenburg, ein neues Siegel
eingeführt und das Gemeindesiegel damit eigentlich amtlich ungültig wurde,
fand das alte Siegel, das auch gleichzeitig in der damaligen Oberschule
Neuseddin als Schulsiegel für die Zeugnisse galt, bis zum Jahre 1990 Verwendung.
Bis heute hat sich aber in vielen Publikationen für unseren Ort
der Wasserturm als Symbol für Neuseddin erhalten.
Die Stimmungslage unter der Bevölkerung war im Wahljahr 1946 denkbar
schlecht. Vor allem wurde sie durch die immer noch unzulängliche Ernährungslage
stark beeinflußt. Die Rationen, die auf inzwischen wieder eingeführte
Lebensmittelkarten nach Dekaden (10 Tage) zugeteilt werden sollten,
konnten oftmals nicht rechtzeitig beliefert werden, obwohl die Bemühungen hierzu durchaus vorhanden waren. Wer nicht die Lebensmittel-Karte I für Schwerstarbeiter hatte, wurde sowieso nie satt. Am schlechtesten
waren die Rentner und die sogenannte nichtarbeitende Bevölkerung
mit Karte lV betroffen. Die Rationen waren zum Sterben zu viel und zum
Leben zu wenig. ln der Landwirtschaft fehlte es an Vieh und Saatgut. Die
Sowjetunion hatte auch die Marshall-Plan-Hilfe der Amerikaner für ihre Zone abgelehnt.
Ein Teil des Wenigen das vorhanden war, wurde von gewissenlosen
Schiebern und Spekulanten auf dem sogenannten "Schwarzen Markt" noch
illegal für horrende Preise verkauft. So kostete zum Beispiel in den Jahren
1946 bis 1947 ein Brot 60 bis 80 RM (Reichsmark). Eine Schachtel Süßstoff
mit 100 Tabletten 30 RM. Eine deutsche Zigarette 6 bis 10 RM, eine "Ami-
Zigarette" sogar um die 12 RM. Viele, sonst ehrliche Neuseddiner Einwohner,
sahen sich damals aus der Not heraus gezwungen, im Herbst von den
Zügen Kartoffeln und Rüben " zu organisieren" oder einen Teil ihrer verbliebenen
Habe bei den Bauern gegen Lebensmittel einzutauschen.
Neuaufbau der Feuerwehr
Neuaufbau der Feuerwehr
Ab 1946 mußte auch in Neuseddin
die freiwillige Feuerwehr wieder neu
aufgebaut werden, da die alten Mitglieder
der Wehr fast ausnahmslos
in der Nazi-Partei gewesen waren.
So wurde halt aus der Not eine Tugend
und aus der "Freiwilligen"
wurde einfach eine "Pflicht-Feuerwehr".
Diese Möglichkeit bestand gemäß Weisung der inzwischen eingerichteten Provinzialverwaltung der Mark Brandenburg. Diese Wehr rekrutierte sich zunächst aus 26 Männern.
Das Löschfahrzeug war 1945 von abziehenden Fremdarbeitern "mitgenommen" worden. Ein Einsatzfahrzeug stand daher nicht mehr zur Verfügung. Die Motorspritze und ausreichend Schlauchmaterial waren aber vorhanden und auch einsatzbereit. Aus der Pflichtfeuerwehr wurde aber bald durch
den Enthusiasmus der Mitglieder wieder eine freiwillige Feuerwehr, Jeder
wollte ja schließlich beim Neuaufbau eines besseren Staatswesens seinen
Beitrag leisten. Den Wehrleuten waren nur die Schuizhelme geblieben. Es
fehlten die Uniformen. Die Männer der Wehr konnten dann in Potsdam von
der inzwischen neu aufgestellten Polizei schwarz eingefärbte, ehemalige
Wehrmachtsuniformjacken käuflich erwerben. Jeder bezahlte dafür 10,00
RM aus der eigenen Tasche.
lm Jahre 1947 stellte die Gemeindeverwaltung der Feuerwehr einen alten
Mercedes-LKW bereit, der noch als Holzgaser betrieben wurde. Dieser
Wagen wurde im Feuerlöschgerätewerk Luckenwalde kurzfristig zu einem
Löschfahrzeug LF 8 umgebaut.
Erstes Einsatzfahrzeug nach dem Krieg
Die Freude über das neue Löschfahrzeug dauerte leider nicht lange. Als
die Feuerwehren in Brandenburg wieder der Polizei unterstellt wurden,
mußte dieses Fahrzeug auf Weisung des Volkspolizei-Kreisamtes Potsdam
an die dortige Berufsfeuerwehr abgegeben werden.
Neuseddin erhielt dafür ein altes vollgummibereiftes Fahrzeug aus den
zwanziger Jahren, das in der Stadt Beelitz ausgemustert war. Dieses Fahrzeug
war leider für den Bereich der Gemeinde Neuseddin völlig ungeeignet,
weil es die Neuseddiner Feuerwehr hauptsächlich mit Waldbränden zu
tun hatte und das Fahrzeug auf den unbefestigten Waldwegen kaum vorwärts kam. Trotzdem war dieser alte Schlitten bis weit in die fünfziger Jahre
hinein im Einsatz, ehe er durch ein modernes Fahrzeug aus neuer Produktion
ersetzt werden konnte.
Der überwiegende Anteil der Waldbrände entstand an den Eisenbahnstrecken,
wo durch den Funkenflug der mit Braunkohle befeuerten Dampflokomotiven
die Brände ausgelöst wurden. Um diese Waldbrände frühzeitig
erkennen zu können, wurde Anfang der fünfziger Jahre auf dem Wasserturm
ein Waldbrand-Warnposten eingerichtet, der dann den Feueralarm
auslöste.
Säuberungen und Entlassungen bei der Bahn
Ende 1946 setzte eine große Entlassungswelle bei der Eisenbahn ein. Alle
ehemaligen Parteimitglieder der nun verbotenen NSDAP wurden kurzfristig
entlassen. Da dann aber wieder Arbeitskräfte für den Wiederaufbau der
zerstörten Bahn-Anlagen und für die Ingangsetzung des Rangierbetriebes
auf dem Bahnhof fehlten, wurden sie nach und nach wieder eingestellt.
Der Kalte Krieg zwischen den Siegermächten beginnt
zwischen Ost und West
Die weitere Entwicklung in Neuseddin kann nicht losgelöst von den allgemeinen
politischen Verhältnissen nach dem II. Weltkrieg in Deutschland
betrachtet werden.
Nach der Potsdamer Konferenz im Juli/August 1945, die von den drei Siegermächten Sowjetunion, USA und Großbritannien (Frankreich war hier noch nicht vertreten) begann in Deutschland allmählich der Übergang vom Kriegs-zum Besatzungsrecht. Deutschland wurde auf dieser Konferenz in vier Besatzungszonen
aufgeteilt. Der geschaffene atliierte Kontrollrat in Berlin sollte eine Art gemeinsame
Regierung für ganz Deutschland sein, aber jede Besatzungsmacht führte in ihrer
Zone eine jeweils eigene Politik durch.
Die Enteignung der Großgrundbesitzer und die damit verbundene Bodenreform
wurde nur in der SBZ konsequent durchgeführt. Eine sogenannte Volksbefragung
für die Enteignung der Großindustrie fand 1946 nur in Sachsen statt. Sie hatte dort
auch Erfolg. ln den anderen vier Ländern der Ostzone wurde diese Entscheidung
einfach übernommen, ohne demokratische Legitimation. Des gewunschten Votums
der ganzen Bevölkerung war man sich wohl nicht sicher genug.
Nach der bedingungslosen Kapitulation Hitlerdeutschlands und der Errichtung der
vier Besatzungszonen begann eine systematische Abschottung der östlichen von
den drei westlichen Zonen. Damit einher ging auch die Unterbrechung der meisten
Verbindungen zwischen Ost und West. Das hing vor allem mit der unterschiedlichen Wirtschaftspolitik zusammen. In der Ostzone wurde von Anfang an, nach
sowietischem Vorbild, auf sozialistische Planwirtschaft gesetzt, während in den
Westzsnen eine demokratische und nach der Währungsreform 1948 eine marktwirtsehaftliche Entwicklung einsetzte. Dort wurden auf Grund der Proteste der Bevölkerung
und der Landesregierungen die Demontagen von lndustriebetrieben auch
bald eingestellt. Schon am 25. Mai 1946 wurde durch den amerikanischen Militärgouverneur
General Clay die vorläufige Einstellung der Demontagen in der amerikanischen
Zone befohlen.
Ebenso vezichteten die Briten und Franzosen auch zum größten Teil auf Reparationslieferungen
aus der laufenden Produktion. Die ostdeutsche Wirtschaft hatte
dagegen schwer unter den Demontagen und Reparationslieferungen zu leiden. So
wurden beispielsweise im gesamten Streckennetz der Deutschen Reichsbahn die
zweiten Gleise abgebaut und als Kriegsentschädigung für die durch die Deutsche
Wehrmacht in der Sowjetunion angerichteten Schäden am sowjetischen Eisenbahnnetz
verwendet.
Schon im Juli 1945 wurden auf Befehl der SMAD auf dem Territorium der SBZ fünf
Provinzialverwaltungen bzw. Landesregierungen gebildet, um wieder eine funktionierende
Verwaltung aufzubauen. Nur wenig später wurde als Hilfsorgan der
SMAD und als Basis für die künftige Eigenverwaltung die Bildung von elf Zentralverwaltungen
im Ostsektor von Berlin verfugt. Obwohl die Vier-Sektorenstadt Berlin
unter "besonderer" Militärverwaltung aller vier Mächte stand, ignorierte die SMAD für
den Ostsektor diese gemeinsame Verwaltung aller Vier-Sektoren. Der Ostsektor
Berlins gehörte auch nicht zur Ostzone.
Die Provinzen Brandenburg und Sachsen-Anhalt erhielten im Jahre 1947, auf
Grund des Beschlusses des alliierten Kontrollrates über die Auflösung des Staates
Preußen, nun den Länderstatus. Damit wurde die föderative Struktur, wie sie bis
1933 in Deutschland bestand, wieder hergestellt.
In den Jahren 1946 bis 1948 erwies sich der Alliierte Kontrollrat immer mehr als
unfähig, eine gesamtdeutsche Regierungsinstanz zu sein. Die Sowjets blockten alle
westlichen Vorschläge diesbezüglich ab. Sie stimmten auch einer gemeinsamen
Währungsreform nicht zu. So entschlossen sich 1948 die drei Westmächte zu einer
separaten Währungsreform, um wenigstens in ihren Zonen die Wirtschaft wieder
anzukurbeln. Jetzt mußte auch in der SBZ eine Währungsreform zwangsläufig durchgezogen werden, um die Ostzone nicht mit den in den Westzonen ungültig gewordenen Reichsmark-Milliarden überschwemmen zu lassen. Damit war die
Spaltung Deutschlands nun auch auf wirtschafficher Ebene perfekt geworden. Die
neuen Währungen in Ost und West nannten sich beide D-Mark. Es kristallisierten
sich jedoch sehr schnell die Bezeichnungen "Westmark" und "Ostmark" heraus. Auf
Grund des wirtschaftlichen Ungleichgewichtes stand die Westmark höher im Kurs als die 0stmark.
Bei Eintausch der Ostmark gegen Westmark, in den extra dafür eingerichteten
Wechselstellen in Westberlin, wurde eine Westmark für ca. 3,00 bis 5,00 Ostmark
verkauft. Ende der funfziger Jahre stieg der Wechselkurs weiter an. Die Ostmark
war von Anfang an eine reine Binnenwährung, deren Ausfuhr oder Mitnahme in das
andere Währungsgebiet verboten war. Der Besitz von "Westgeld" war den Bürgern
der Ostzone nicht gestattet. Trotzdem wurde es in den Wechselstuben für Einkäufe
in Westberlin eingetauscht.
Als Antwort auf die Einführung der D-Mark West, als gesetzliches Zahlungsmittel in
den Westsektoren Berlins, verhängten die sowjetischen Besatzungsbehörden eine
totale Blockade aller Schienen-, Straßen- und Wasserstraßenverbindungen von und
nach Westberlin. ln dieser Zeit, vom 24.O6.1948 bis 12.05.1949, konnten die drei
Westsektoren Berlins nur durch die Luft, von der in die Geschichte eingegangenen
"Luftbrücke", versorgt werden.
Auswirkungen des kalten Krieges in Neuseddin
Für den Bahnhof Seddin hatten die Spannungen zwischen Ost und West
ebenfalls Auswirkungen.
Da die Eisenbahntransporte nach Berlin-Grunewald in Westberlin ausfielen,
kam diese Zugbildungsrelation zum Erliegen.
Schlimmere Auswirkungen für die Neuseddiner Eisenbahner hatte im Jahre
1949 der Streik der Westberliner Eisenbahner, der von östlicher Seite als
sogenannter UGO-Putsch bezeichnet wurde. Die Eisenbahn in Westberlin
unterstand weiterhin der Deutschen Reichsbahn, also östlicher Verwaltung.
Viele Eisenbahner, die in Westberlin wohnten, waren nicht in der ostdeutschen
Gewerkschaftsorganisation "FDGB", sondern Mitglied in der westlichen
Gewerkschaft der "Unabhängigen Gewerkschafts-Organisation".
Diese Gewerkschaft hatte zum Streik um bessere Arbeits-und Lebensbedingungen,
vor allem aber um die Durchsetzung der vollen Entlohnung
nach Westmark für alle in Westberlin wohnenden Eisenbahner, aufgerufen.
Dieser Streik legte den gesamten S-Bahnverkehr in Westberlin lahm. Viele
Bürger aus dem Umland, die in diesem Zeitraum noch in Westberlin ihre
Arbeitsstelle hatten, waren in großen Nöten, um zu ihren Arbeitsplätzen zu
kommen. Das war dann nur auf Umwegen möglich. Damals fuhr noch eine
Straßenbahn der BVG bis nach Teltow.
Um den Eisenbahnbetrieb in dieser Zeit wenigstens auf der Fernbahn einigermaßen
aufrecht erhalten zu können, wurden Eisenbahner aus der Ostzone
und aus Ostberlin, so auch einige Eisenbahner vom Bahnkomplex
Seddin, zeitweilig zu Westberliner Dienststellen abgeordnet.
Je mehr die ehemaligen Alliierten des zweiten Weltkrieges durch den "Kalten Krieg"
in Europa und vor allem in Asien durch den Korea-Krieg auseinander drifteten, um
so größer wurde der Graben zwischen den Besatzungszonen Ost und West im
geteilten Deutschland. Alle Konferenzen der Siegermächte über einen Friedensvertrag
mit Deutschland scheiterten. Die Standpunkte waren zu unterschiedlich. So
kam es, mit Billigung und unter Förderung der Westmächte, in den drei Westzonen
1948 erst zur Bildung des sogenannten Parlamentarischen Rates mit der Aufgabe
der Erarbeitung einer Verfassung für einen künftigen deutschen Staat. Das Ergebnis
war dann die Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1949 in den
drei westlichen Zonen. Die sowjetische Zone und die Vier-Sektorenstadt Berlin
wurden davon jedoch ausgeschlossen. Jetzt gab die sowjetische Besatzungsmacht
grünes Licht für die Gründung eines weiteren deutschen Staates nach ihrem Vorbild
in ihrer bisherigen Besatzungszone. Am 07.10.1949 wurde im Ostteil Berlins die
Deutsche Demokratische Republik ausgerufen. Die Teilung Deutschlands war damit
endgültig vollzogen.
In Neuseddin wird als erster Neubau
ein Kulturhaus aus Bombenschutt aufgebaut
Nach den ersten schweren Jahren des uneingeschränkten Besatzungsrechtes
begann in Neuseddin jetzt die eigentliche Aufbauphase.
Das Kulturhaus der Eisenbahner in der Schmiedestraße war 1949 der erste
Neubau nach dem Kriege. Es wurde auf dem ehemaligen Standort eines
am 20.04.1945 völlig zerstörten Wohnhauses errichtet.
Da es nach Kriegsende in der Siedlung Neuseddin keinen großen Versammlungs-
Saal mehr gab, wurde beschlossen, als erstes eine solche
Begegnungsstätte für die Einwohner, auch zur Durchführung von Veranstaltungen,
zu errichten. Eine kleine Gaststätte war von Anfang an ebenfalls
vorgesehen. Beim Bau des Hauses wurden überwiegend Altmaterialien
verwendet. Die Mauern entstanden aus den abgeputzten Mauerziegeln
der von Bomben zerstörten Häuser. Statt Kalk wurde Karbidschlamm als
Mörtel verwendet. Die meisten Arbeitseinsätze erfolgten auf freiwilliger
Basis in der Hilfsaktion "Wir bauen auf".
Auf einer besonderen Karte wurden die Einsätze der einzelnen Helfer bestätigt
(ein Vorläufer des späteren "Nationalen Aufbauwerkes" NAVV).
Es wurden auch Eisenbahner für den Aufbau des Kulturhauses herangezogen.
Es waren vorwiegend Jungeisenbahner vom Lehrbauhof Berlin-Marienfelde, die sich dort in Ausbildung befanden. Sie fuhren täglich, statt nach Marienfelde, direkt von ihren Wohnungen auf den Bau nach Neuseddin.
Das nun leerstehende Kulturhaus der Eisenbahner (1996)
Auftritte des Kulturensembles im Kulturhaus Neuseddin
Nach Fertigstellung des Rohbaues gab es nicht wenige Einwohner, die
dem neuen Gebäude, wegen des Einsatzes der Lehrlinge sowie kaum
vorhandener Fachkräfte und wegen der Altmaterialien-Verwendung keine
lange Lebensdauer voraussagten.
Dies hat sich aber zum Glück nicht bestätigt. Die Einweihung des Kulturhauses
erfolgte am 08. September 1950.
Der Wiederaufbau der Schule in Neuseddin nach dem Krieg
Auf den Grundmauern des ebenfalls im April 1945 von Bomben zerstörten
Lehrerwohnhauses wurde ein neues Schulgebäude auf dem Breitenbachplatz mit vier Klassenräumen errichtet. Das neue Schulgebäude wurde im Jahre 1950 zur Nutzung übergeben. Neuseddin hatte damit erstmals eine
achtklassige Schule.
Bereits im Jahre 1949 erhielt die Neuseddiner Schule den Namen des einstigen
deutschen Eisenbahnpioniers "Friedrich List".
ln diese erste Zeit der Aufbauphase auf dem Breitenbachplatz fällt im Jahre
1949 auch die Einrichtung des ehemaligen Landambulatoriums mit einer
staatlichen Arztpraxis, einer Zahnstation und der Betriebssanitätsstelle der
Eisenbahn im Übernachtungsgebäude.
Erstmals nahm ein praktischer Arzt auch eine Wohnung im Ort.
Einweihung des neuen Landambulatoriums
Zahnanztpraxis des neuen Landambulatoriums
Neue Vereine und Versorgungseinrichtungen entstehen
Am 02.08.1949 wurde die Betriebssportgemeinschaft Lokomotive (BSG
Lok) Seddin-Michendorf mit der Sektion Fußball gegründet.
lm Jahre 1952 erweiterte sich diese BSG um die Sektionen Kegeln,
Schach, Ringen und Leichtathletik.
lm Kulturhaus entstand ein Kulturensemble mit dem Namen "Hans Marchwitza".
1950 wurde im Übernachtungsgebäude eine Kinderkrippe und wieder ein
Kindergarten eingerichtet. Träger dieser beiden Einrichtungen war die
Deutsche Reichsbahn.
Wiederaufbau des zerstörten Bahnhofsgeländes
Parallel zu diesen Aktivitäten im Ort verläuft auch der Wiederaufbau auf
dem Bahnhof. Der Rangierbetrieb kam wieder in Gang. Obwohl zuerst nur
wenige Gleise zur Verfügung standen, wurde die Zugauflösung und Zugbildung
von Güterzügen wieder aufgenommen. Trotz aller materiellen
Schwierigkeiten und der oftmals noch mangelhaften Versorgung mit Lebensmittel
und Gütern des täglichen Bedarfs, gingen die Menschen in
Neuseddin in diesen Jahren mit großem Elan an die Aufbauarbeit heran.
Viele Menschen glaubten damals dem Text der neuen Nationalhymne der DDR, die erstmals am 09.10.1949 in der provisorischen Staatsoper, dem bisherigen Admiralspalast in Ostberlin, erklungen war :
"Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt,
Laßt uns dir zum Guten dienen, Deutschland einig Vaterland."
So wurde auch in unserem Ort davon ausgegangen
"Alte Not gilt es zu zwingen
und wir zwingen sie vereint,
denn es muß uns doch gelingen,
daß die Sonne schön wie nie
über Deutschland scheint."
Die Aufbauarbeiten auf dem Bahngelände gingen nun zügig voran.
Schon im Jahre 1950 wurde der Ablaufbetrieb wieder aufgenommen. Nach
und nach wurden in der Richtungs-und Ausfahrgruppe West immer mehr
Gleise instand gesetzt und standen für die Zugbildung zur Verfügung.
lm Jahre 1952 wurde der völlig demontierte Südbahnhof, ehemals als Militärbahnhof
genutzt, wieder aufgebaut. Zunächst behelfsmäßig mit sogenannten
Strippengleisen, bei denen Schienen aus aller Herren Länder
Verwendung fanden. Diese Gleise dienten dann wegen des geringen
Achsdruckes von maximal 5 t nur dem Sammeln von leeren Güterwagen
als Reserve der Hauptverwaltung Wagenwirtschaft, auch leere Schadwagen
wurden auf diesen Gleisen abgestellt.
Die Deutsche Reichsbahn entwickelte aber auch ehrgeizige Pläne. Die
DDR, im Herzen Europas gelegen, wurde als Eisenbahn-Transitland international
interessant. Der Südbahnhof Seddin wurde als Transitknoten für
den Ost-West sowie Nord-Süd-Verkehr und umgekehrt ausersehen. Nach
zweijähriger Bauzeit konnte die Südgruppe des Bahnhofs Seddin, wie sie
reichsbahnamtlich hieß, in erster Ausbaustufe am 01. Juni 1958 in Betrieb genommen werden.
Anfang der fünfziger Jahre wurde auf dem Bahngelände auf der östlichen
Bahnhofsseite in einem Gebäude, das im Sprachgebrauch als "Graue
Laus" bezeichnet wurde, eine Betriebsberufsschule eingerichtet. ln dieser
Schule wurden im Jahre 1952 155 Lehrlinge von vier Berufsschullehrern in
der Theorie unterrichtet. Bei erfolgreichem Abschluß der Ausbildung hatten
sie die Garantie der Übernahme in ein Beschäftigungsverhältnis bei der
Deutschen Reichsbahn.
ln der seit dem Jahr 1950 bestehenden achtklassigen Schule in Neuseddin
wurden von sechs Lehrern insgesamt 242 Kinder unterrichtet.
Im reichsbahneigenen Kindergarten wurden zur gleichen Zeit von fünf Erzieherinnen
sechzig Kinder betreut. Die Kinderkrippe hatte eine Kapazität von 17 Krippenplätzen, die von einer Erzieherin betreut wurden. Die Sozialeinrichtungen und Schulen wurden in den nächsten Jahren und Jahrzehnten
wesentlich verbessert und erweitert.
Die Einwohnenahl des Odes war bis zum Jahre 1950
bereits auf 1.525 Personen angewachsen.
Längst reichte der vorhandene Wohnraum nicht mehr aus. Der umfangreiche
Auf-und Ausbau des Bahnhofes erforderte den Zuzug von weiterem
Personal, um die ständig steigenden Aufgaben überhaupt erfüllen zu können.
Der Volksaufstand am 17. Juni 1953
Ein besonderes Ereignis am 17. Juni 1953 ging auch an den Neuseddinern
nicht spurlos vorüber. Dieser Tag wurde schon bald in den Geschichtsbüchern
der Bundesrepublik als der "Volksaufstand in der DDR" bezeichnet
und im Westen als "Tag der deutschen Einheit" zum Feiertag erklärt.
Ausnahmezustand bestand im Landkreis und auf dem Bahnhof Seddin mit
der zeitweiligen Stationierung von Soldaten der Sowjetarmee.
Zeitzeugen berichten, daß in der Kunersdorfer Straße in Höhe des ehemaligen
Trapo-Reviers am 17. Juni überall Flugblätter lagen, die zum Streik
aufriefen.
Aus dem Dachfenster eines Hauses am Ernst-Kamieth-Platz wurde eine
Rakete mit Flugblättern abgeschossen. Die Flugblätter verteilten sich über den ganzen Platz.
Dem Leiter der Kontrollstelle des AZKW (Amt für Zoll und Kontrolle des
Warenverkehrs) auf dem Bahnhof Seddin wurde mit Aufhängen gedroht.
Nachdem im Mai 1953 von der Regierung der DDR eine Erhöhung der Arbeitsnormen
um mindestens 10% beschlossen wurde, kam es erstmals zu Unruhen unter
der Bevölkerung. Anfang Juni verkündete die Partei einen "Neuen Kurs". Es wurden
Fehler eingestanden und der Bevölkerung eine Verbesserung der Lebenshaltung versprochen, Pfeissteigerungen wurden zurüokgenommen, nicht aber die Normerhöhungen. Am 16. Juni traten deshalb die Bauarbeiter der Ostberliner Stalin-Allee in einen Streik, der sich am 17. Juni schnell zu einem Volksaufstand im ganzen Land ausweitete.
Die Westberliner Rundfunksender RIAS und SFB hatten die Meldungen über die Arbeitsniederlegungen über das ganze Gebiet der DDR verbreitet. In Ostberlin und vielen Städten der DDR forderten Demonstranten aus allen Bevölkerungsschichten freie und geheime Wahlen. ln vielen Orten waren die Behörden nicht mehr Herr der Lage, so daß es zum Einsatz des sowjetischen Militärs kam.
In 167 von 217 Kreisen des Landes wurde der Ausnahmezustand, in Ostberlin
sogar durch den sowjetischen Stadtkommandanten das Kriegsrecht, verhängt. Die
Aufstände wurden teilweise durch die Rote Armee blutig niedergeschlagen. Es gab
viele Verhaftungen, zahlreiche Tote und Verwundete. Am 2L Juni wurde endlich
die Normerhöhung zurückgenommen.
Auf dem Bahnhof Seddin wurde ebenfalls zum Streik aufgerufen, aber nicht
befolgt. Es wurden Flugblätter gefunden, die zum Streik aufriefen. Auf vielen
Dienstposten entfernten vor allem junge und unzufriedene Kollegen die
sogenannten Roten Ecken (Wandzeitungen mit Agitationsmaterial).
Es ist aber weder zu Ausschreitungen noch zu Verhaftungen in Neuseddin gekommen.
Trotzdem hatte der Volksaufstand für die Eisenbahner des Bahnhofs Seddin
nachträgliche Folgen. Im August stellte die Politische Verwaltung der
Deutschen Reichsbahn fest, daß es auf dem Bahnhof Seddin eine zu starke
Konzentration ehemaliger NSDAP-Mitglieder gab. Es wurde angeordnet, dreißig dieser Beschäftigten sofort auf andere Dienststellen zu versetzen.
Wohnungsbau, Sozialeinrichtungen neue Geschäfte
Die Aufbaumaßnahmen wurden nicht nur auf dem Bahngelände, sondern auch im Ort fortgesetzt.
Ab dem Jahr 1953 entstanden die beiden Wohnhäuser Nr. 1 und Nr.2 am
Breitenbachplatz, anschließend der Wohnkomplex Karl-Max-Straße und
das Wohngebäude Waldstraße Nr. 35/37. Leider konnten die zerstörten
Wohnhäuser in der Schmiedestraße durch die Reichsbahn bis heute nicht
wieder aufgebaut werden. Ein Baustopp der Regierung für solche Bauvorhaben zwang zur Einstellung derartiger Bauarbeiten. Es durften nur noch typengerechte Häuser aus Investmitteln der Regierung finanziert werden.
So konnte nur noch ein Haus in der Schmiedestraße Nr. 11 in seiner ursprünglichen
Gestalt rekonstruiert werden.
Die Walstraße in Neuseddin
Die Einrichtungen für die Versorgung der Bevölkerung im Ort wurden in
den fünfziger Jahren weiter verbessert.
Die Lebensmittel-Verkaufsstelle des Konsums konnte in neue Räume in
der Thielenstraße 5/7 umziehen, wofür allerdings zwei Wohnungen zweckentfremdet
werden mußten.
ln den bisherigen Räumen des Konsumladens Thielenstraße 8 wurde eine
Verkaufsstelle für lndustriewaren und Textilien eingerichtet. So etwas gab
es bisher in Neuseddin noch nicht. lm Volksmund bildete sich bald darauf die Bezeichnung "Texas-Konsum" für diesen Laden heraus. In der Thielenstraße 9 wurde, anstelle des dort befindlichen Waschstützpunktes
im ehemaligen Schlachthaus der Fleischerei, eine Obst- und Gemüseververkaufsstelle
der Konsum-Genossenschaft eingerichtet.
In einem Keller in der Thielenstraße entstand eine Annahmestelle für das
Waschen von Textilien. Aus dieser Annahmestelle entwickelte sich später
eine Filiale des Dienstleistungskombinates Potsdam für die Reinigung aller
Textilien und für Reparaturen von Schuhen und elektrischen Haushaltsgeräten.
Als besonderes Merkmal bleibt auch in dieser Zeit die enge Verbindung
und die gute Zusammenarbeit zwischen dem Rat der Gemeinde und den
Dienststellen des Eisenbahnkomplexes, obwohl der Ort langsam begann
seinen ausschließlichen Charakter als Eisenbahner-Siedlung zu verlieren.
Der Eisenbahn bisher zustehende fiskalische Entscheidungen und Verantwortungen
gingen 1954 an die Kommune über. So wurde auch das Eigentum
an der Schule, an sämtlichen Straßen, einschließlich der Straße durch
den Tunnel, dem Friedhof und 5.000 qm Baugrund für den weiteren beabsichtigten
Wohnungsbau der Gemeinde übertragen.
Andererseits wurden das Ambulatorium, der Kindergarten und die Kinderkrippe
in die Verantwortung und Rechtsträgerschaft der Deutschen Reichsbahn übergeben.
Wahlen in der DDR und staatliche Überwachung der Bürger......
Ein paar wesentliche Bemerkungen zu den Wahlen in der DDR :
lm Januar 1950 wurde von der SED das Sekretariat der "Nationalen Front des demokratischen Deutschland" gegründet, später in "Natisnale Front der DDR" umbenannt. Die Nationale Front sollte als breite Massenbewegung die Bevölkerung für die "Ideen des SED-Regimes gewinnen. Die Organisation baute auf Hausgemeinschaften und "Wohngebietsausschüsse" auf. ln Neuseddin entstand ebenfalls
ein ortsausschuß der Nationalen Front.
Als am 15. Oktober 1950 die Wahlen zur Volkskammer, zu den Land-und Kreistagen
sowie zu den Gemeindevertretungen stattfanden, war nur die Einheitsliste der Natiornlen Front ausschlaggebend und zugelassen. Der Verteilerschlüssel für die Mandate entsprach dem schon zu den Wahlen zum 3.Volkskongreß angewandten Schlüssel. das offizielle Wahlergebnis konnte daher nur 99,7% für die Einheitsliste lauten, da Proteste gegen die Einheitsliste als Boykotthetze galten und unter Strafe standen.
Wahlen in der DDR fanden nun nach den "Einheitslisten der Nationalen Front" statt.
Die Gemeindevertretung in Neuseddin wurde, wie in allen Gemeinden in
der DDR, nach dem sowjetischen Vorbild der "Nomenklatura" gebildet. Die
Aufstellung der Kandidaten erfolgte nach einem besonderen Schlüssel. Es
mußten entsprechende Prozentanteile Arbeiter, Jugendliche, Frauen, Gewerkschaft
usw. vertreten sein. Die Aufstellung wurde immer so vorgenommen, daß eine Dominanz der SED-Mitglieder vorhanden war. Um den Schein der Demokratie zu wahren, stellte man die Kandidaten in öffentlichen Versammlungen vor.
Am Wahltag selbst wurden dann die Wahlzettel, laut Einheitsliste, einfach
gefaltet und offen in die Wahlurne getan. Die Benutzung einer Wahlkabine
und ein geheimes "Ankreuzen" bestimmter Namen war nicht vorgesehen.
Theoretisch war es zwar möglich einzelne Kandidaten auf den Stimmzetteln
zu streichen, wer jedoch die Wahlkabine benutzte, machte sich schon
verdächtig. Die Wähler waren aber aufgerufen, offen ihre Stimme abzugeben
und die Wahlkabinen nicht zu benutzen. Um in Neuseddin möglichst
eine 100 %ige Wahlbeteiligung zu erreichen, öffneten die Wahllokale bereits
um 4.00 Uhr, später um 5.00 Uhr, um den an diesem Tage diensttuenden
Eisenbahnern vor bzw. nach Schichtwechsel die Wahl zu ermöglichen.
Jede Wahl war mit Wahlgesprächen, besonders am Wahltag, verbunden.
Wer am Wahltag nicht in seinem Wohnort anwesend war, erhielt
die Möglichkeit auf einem speziellen Wahlschein in einem Sonderwahllokal
seine Stimme abzugeben. Es gab in der DDR keine Briefwahl, die ja die
nicht vorgesehene geheime Stimmabgabe unterlaufen hätte. Das sollte
unbedingt vermieden werden.
Bei jeder Wahl bestand der Ehrgeiz der Wahlverantwortlichen in den Gemeinden
und Städten darin, eine möglichst hohe Wahlbeteiligung und damit
Zustimmung für die Einheitsliste zu erreichen. Dies gelang auch immer
wieder durch die Wahlbeeinflussung der Wähler. Säumige Wähler wurden
in ihren Wohnungen durch "Wahlhelfer" zur Stimmabgabe aufgefordert.
Gehbehinderte Wähler wurden mit PKW zum Wahllokal transportiert. Kranke
und bettlägerige Wähler wurden von den Wahlhelfern mit fliegenden
Wahlurnen in ihren Wohnungen, ja auch in Krankenhäusern zur Stimmabgabe
aufgesucht. Zur Erreichung einer möglichst 100 %igen Wahlbeteiligung
waren alle Mittel recht.
Zu bemerken wäre in diesem Zusammenhang noch, daß die Bürgermeister
in den Gemeinden nicht von den Einwohnern selbst gewählt werden konnten.
Ebenfalls nach einem besonderen Schlüssel war auch hier festgelegt
von welcher Blockpartei in den einzelnen Gemeinden die Bürgermeister-
Kandidaten zu stellen waren. Die Vorschläge dazu kamen vom Rat des
zuständigen Kreises. Die Bestätigung durch die jeweiligen Gemeindevertretungen
waren so nur noch eine Formsache. Da das Amt des Bürgermeisters keine Wahlfunktion mehr war, konnte dieser auch jederzeit von den Kreisbehörden wieder abberufen werden.
lm Jahre 1952 wurde auf der 2. Parteikonferenz der SED der planmäßige Aufbau der
Grundlagen des Sozialismus in der DDR beschlossen. Das hatte die Verschärfung
des Klassenkampfes, die Überwindung bürgerlicher ldeologien und in der Landwirtschaft
den Beginn der Kollektivierung zur Folge.
Teilweise beteiligten sich auch Neuseddiner Einwohner und Eisenbahner-
Brigaden auf den umliegenden Feldern an Ernteeinsätzen in der sozialistischen Landwirtschaft.
Neuseddin jetzt im Landkreis Potsdam-Land
lm Juli 1952 wurden auf Beschluß der Regierung in Ostberlin die fünf Länder
der DDR aufgelöst. An ihrer Stelle wurden vierzehn Bezirke gebildet,
gleichzeitig erfolgte eine Gebiets- und Kreisreform. Darauf wurden im Beztrk
Potsdam die Kreise neu gegliedert. Neuseddin, bisher zum Kreis
Zauch-Belzig gehörend, wurde in den neu geschaffenen Kreis Potsdam-Land integriert.
Die Hausbücher
Im gleichem Jahr verfügte das Ministerium des lnnern die Einführung von
Hausbüchern in allen Wohngebäuden. Besondere Hausbuchführer, in der
Regel die Hausvertrauensleute, wurden mit der Führung der Hausbücher
beauftragt. Jeder Mieter mußte sich und seine Familienmitglieder in das
jeweilig für seine Wohnung bestimmte Hausbuch eintragen lassen. Längere
Abwesenheit, zum Beispiel bei Besuchen Verwandter in anderen Orten,
waren ebenfalls dem Hausbuchführer zu melden und einzutragen.
Alle auf Besuch der Familie in der Wohnung weilenden Verwandten mußten
für die Dauer des Aufenthaltes im Hausbuch erfaßt sein. Für Westbesuch
galten besondere Kriterien. Sie mußten auch im Hausbuch vermerkt
werden, wenn der Aufenthalt nicht länger als 24 Stunden dauerte. Unberührt
davon blieb die sofortige Anmeldepflicht für Besucher aus der BRD
bzw. aus dem westlichen Ausland bei der zuständigen Meldestelle der
Volkspolizei. So waren alle Einwohner, vom Säugling bis zum Greis, und auch Besucher zwangsläufig und lückenlos erfaßt und durch die Volkspolizei leicht kontrollierbar.
Neue Verfügungen
lm Jahre 1956 sah sich die Gemeindevertretung gezwungen, eine neue Hundesteuerverordnung, eine Vergnügungs-und Kinosteuer zu erlassen, um mit diesen Steuergeldern freiverfügbare Gelder in die schmale Gemeindekasse
zu bekommen.
Staatliche Wohnraumlenkung
Eine Forderung der Reichsbahn, die Vergabe der gemeindeeigenen Wohnungen
in der Karl-Max-Straße in die Verfügungsgewalt der Reichsbahn
zu übertragen, wurde von der Gemeindevertretung abgelehnt. So bestanden
in Neuseddin zwei Wohnungsausschüsse, einmal bei der Gemeinde
und einmal bei der Reichsbahn. Beide Ausschüsse waren jedoch bemüht,
den vorhandenen Wohnraum objektiv und gerecht zu vergeben.
Aus unterbelegten Drei-und Mehrraumwohnungen sollten Ein-und Zwei-Personenhaushalte möglichst in die kleineren Wohnungen in der Karl-Max-Straße umziehen, um die größeren Wohnungen für Familien mit mehreren
Kindern frei zu bekommen. Obwohl der Wohnraum in der DDR bewirtschaftet war, stieß das Umsetzen doch oft auf große Schwierigkeiten und zum Teil auch auf Unverständnis bei den betroffenen Mietern.
Es wurde auch die Nichtzahlung eines Mietzuschusses für die Neubauwohnungen
bemängelt, der bei den Werkwohnungen der Deutschen Reichsbahn üblich war.
Die Miete der kleineren Zweiraum-Neubauwohnungen unterschied sich
daher kaum von denen der größeren Wohnungen in der Dr.-Stapff-Straße und in der Thielenstraße.
Der erste Glockenstuhl in Neuseddin
Die evangelische Kirche erhielt eine Geländefläche für das Aufstellen eines
kleinen hölzernen Glockenturmes in der Waldstraße, neben der Trafostation und dem Pumpenhaus.
Dafür wurde die Kirchenglocke in Apolda von der Firma Schilling gegossen.
Einweihungsfeier des Glockentunns im Jahre 1958
Die Glockenweihe erfolgte im Jahre 1958 gemeinsam durch die katholische und evangelische Kirchengemeinde des Ortes.
Später stand der hölzerne Glockenturm auf dem Friedhof in Kähnsdorf, die Glocke blieb in Neuseddin, sie hängt jetzt an einem Stahlgerüst auf dem Gelände der evangelischen Kirche Neuseddin.
Gedenkstein auf dem Friedhof
Der Grabstein auf dem Friedhof für 12 gefallene deutsche Soldaten des
letzten Krieges erhielt eine lnschrift mit dem Text:
"Die Toten mahnen, April 1945"
"Der Vier-Brigade-Plan" bei der Deutschen Reichsbahn
lm November 1956 fand im Dienstort Seddin ein Forum zur Einführung
eines neuen Schichtsystems, des Vier-Brigade-Planes, statt. An dieser
Beratung nahm auch der damalige Minister für Verkehrswesen teil. Mit dem
Vier-Brigade-System sollte erreicht werden, daß alle Eisenbahner des Betriebs-
und Verkehrsdienstes, die im Schichtdienst arbeiteten, von der
Hauptdispatcherleitung bis zum kleinsten Bahnhof, schichtmäßig auf Dauer
komplex zusammenarbeiten. Man versprach sich gleichzeitig eine wirksamere
Verbesserung des Betriebsablaufes. Das hieß, in einem vierwöchigen
Turnus arbeiteten immer die gleichen Kollegen nach einem festen
Dienstplan und einheitlichen Ablösezeiten. Ziel war weiterhin die Festigung
des sozialistischen Gemeinschaftslebens in den einzelnen Brigaden.
Zweifellos stellte der Vier-Brigade-Plan, zuerst auf der Basis der 48 Stundenwoche,
später der 45 Stunden-bzw. der 42 Stundenwoche eine wesentliche
Verbesserung in der Dienstplangestaltung und damit auch der
Arbeitsbedingungen der Schichtdienstler dar. Während vorher, nach dem
alten Drei-Schichtsystem, den Beschäftigten nur jeder dritte Sonntag zur
persönlichen freien Verfügung stand, hatte er jetzt jeden zweiten Sonntag
dienstfrei. Von den Schichtdienstlern wurde jedoch die sonntägliche Ablösezeit
der 12 Stundenschichten von Sonnabend 22.00 Uhr bis Sonntag 10.00 Uhr und die folgende Tagesschicht von 10.00 Uhr bis 22.00 Uhr sehr negativ beurteilt und sehr stark kritisiert.
Gegen diese Ablösezeiten gab es auch in Seddin erhebliche Widerstände.
Zur Durchsetzung dieser angeordneten Ablösezeiten wurde sogar die
Transportpolizei herangezogen, um einen Schichtwechsel um 6.00 Uhr
bzw. 18.00 Uhr zu verhindern. Es war ein Fall bekannt geworden, wo ein
Lokleiter des Bahnbetriebswerkes Seddin fristlos entlassen wurde, weil er
mit seinem Kollegen den Schichtwechsel zu um 6.00 Uhr bzw. 18.00 Uhr
vereinbart hatte. Nach einigen Jahren gab man den Forderungen der
Schichtdienstler nach und änderte die Schichtwechselzeiten an den Wochenenden
auf 6.00 Uhr und 18.00 Uhr.
Mit der Einführung des arbeitsfreien Sonnabends im Jahre 1967 wurde der
Vier-Brigade-Plan derart umgestaltet, daß jeweils zwei Brigaden am Sonnabend
und Sonntag dienstfrei hatten, während die beiden anderen Brigaden
an diesen Tagen die jeweils mit zwölf Stunden laufenden Tages-und Nachtschichten leisteten. Damit war erreicht, daß jeder Schichtdienstler zwei dienstfreie Wochenenden zur Verfügung hatte. Dieser Schichtplan
wurde von allen betroffenen Eisenbahnern positiv aufgenommen. Er bewährte
sich auch und hatte bis zum Jahre 1991 Bestand.
ln Vorbereitung der fälligen Wahlen des Jahres 1957 wurden von den Einwohnern,
dabei öffentlich folgende Probleme in den Versammlungen aufgeworfen:
Der unhaltbare Zustand der Kunersdorfer Straße mit seinem Feldsteinpflaster vom Ortsausgang bis zur Fernstraße Potsdam-Beelitz-Wittenberg.
Die Beseitigung der restlichen Häusertrümmer in der
Schmiedestraße und die Wohnraumwerterhaltung sowie
Fragen zur besseren Versorgung der Einwohner.
Die Wahlen selbst fanden nach altbekanntem Muster am 23.06.57 statt.
Die Ergebnisse der Wahlen wichen deshalb auch nur geringfügig von den
vorhergehenden Wahlen ab.
Die freiwillige Feuerwehr erhielt in diesen Wahljahr endlich ein modernes
Löschfahrzeug.
Hinter dem Gemeindebüro in der Waldstraße entstand ein Wirtschaftsgebäude,
in dem eine Propanflaschen-Annahmestelle in einer Garage eingerichtet
war.
Später diente das Haus als Jugendclub. Zur Schaffung von Baufreiheit für
neue Wohngebäude in der Dr.-Albert-Schweitzer-Straße wurde das Gebäude
im Jahre 1994 ersatzlos abgerissen.
Die Aufbaujahre 1952 bis 1964 waren durch große Aktivitäten der Bürger
beim Wohnungsbau, besonders bei den Erdarbeiten für die Häuser der
Karl-Marx-Straße und der Dr.-Albert-Schweitzer-Straße gekennzeichnet.
Nach einer Festlegung der Gemeindeverwaltung sollte nur der Bürger neuen
Wohnraum erhalten, welcher mindestens dreißig freiwillige Stunden
Arbeitseinsatz nachweisen konnte. Diese Festlegung hatte bis 1965 Gültigkeit.
Die Tradition in Neuseddin den Mietern auch Hausgärten zur Verfügung zu
stellen, wurde bei diesen Neubauten weitergeführt.
Probleme mit dem Trinkwasser
Bereits im Jahre 1957 wurden die ersten Kritiken der Einwohner über die
nicht ausreichende Versorgung mit Trinkwasser laut. ln den Sommermonaten,
wenn bei Trockenperioden die Gärten stärker bewässert wurden,
fiel der Druck in den Wasserleitungen so stark ab, daß in den oberen
Stockwerken der Häuser teilweise kein Wasser mehr aus den Wasserhähnen
floß. Die Häuser der neuen Straßen wurden leider immer nur an die
vorhandenen Ringleitungen angeschlossen. An eine Erneuerung bzw.
Querschnittserweiterung des gesamten Rohrleitungsystems war aus finanziellen Gründen nicht zu denken. Die Qualität des Trinkwassers ließ damals schon Wünsche offen. Die Versorgung mit Trinkwasser erfolgte über
den Wasserturm der Deutschen Reichsbahn, dessen Wasserbehälter nicht
voll ausreichend abgedeckt war. Was aus den Leitungen kam, war nach
heutigen Gesichtspunkten eigentlich nur Brauchwasser, aber kein Trinkwasser.
Wasserproben wurden zwar regelmäßig genommen und entsprechende
Untersuchungen auch durchgeführt. Die Ergebnisse blieben jedoch
geheim und wurden nicht veröffentlicht. Bis zur Erneuerung des gesamten
Frischwasserleitungsnetzes im Ort mit Kappung der Zufuhr aus dem
Reichbahnnetz, wurde bis dahin das Wasser kostenlos von der Reichsbahn
an die Haushalte geliefert.
Nach Fertigstellung der Karl-Marx-Straße konnte die Verbindungsstraße
zur Waldstraße infolge Arbeitskräfte-, Geld-und Materialmangel nur mit
Schlacke befestigt werden.
Schon in den fünfziger Jahren organisierte die Nationale Front Wettbewerbe
zur Verschönerung der Orte. Später liefen diese Wettbewerbe dann
unter dem Motto "Schöner unsere Städte und Gemeinden, mach mit". Auf
diese Art und Weise sollten die Bürger in freiwilliger Eigeninitiative Arbeitsleistungen
in ihrer Gemeinde verrichten, wofür der Staat keine Gelder ausgeben
konnte oder wollte. Es wurde deshalb an die Bereitschaft, den Ehrgeiz
und Fleiß der Bürger appelliert. Bei den Wettbewerben im Kreismaßstab
nahm Neuseddin immer vordere Plätze ein, darunter mehrmals erste Plätze.
Zwei Tendenzen zeichneten sich jedoch im öffentlichem Leben der Einwohner
ab. Einerseits die ausgeübten großen Aktivitäten, andererseits
traten in immer stärkerem Maße Gleichgültigkeit und Verstöße gegen bestehende
Bestimmungen auf, so daß Ordnung und Sauberkeit in manchen
Wohnbereichen doch sehr zu wünschen übrig ließen.
Leider fehlten oft auch die Voraussetzungen, um bei solchen Arbeiten anfallenden
Schutt und Müll ordnungsgemäß zu entsorgen. Die Folge war,
daß außer organischen Stoffen auch Gerümpel einfach in den Wald gekippt
wurde. Dies ist leider auch heute noch teilweise anzutreffen. Die damals
bestehende Möglichkeit, eine große, an der Autobahn vor der Raststätte
Michendorf liegende Grube als Deponie zu nutzen, wurde von der
Bevölkerung des Ortes, meist aus Bequemlichkeit, nur wenig genutzt. Es
war eben einfacher, Sperrmüll, Haushaltsgeräte und sonstige Rückstände
hinter der Waldstraße im damaligem Kuschelgelände abzulagern. Dort war
damals, im Gegensatz zu heute, ein zentraler Lagerplatz. Wenn nötig,
sorgten die Kameraden der freiwilligen Feuerwehr ab und zu für Ordnung
in diesem Bereich. Als dies später nicht mehr möglich war, wurde der Wald
an seinen Wegrändern zur dezentralen wilden Müllkippe.
Die Asche- und Hausmüllbeseitigung aus den Haushalten wurde immer
noch, wie vor dem Kriege, bis Ende der fünfziger Jahre von der "Firma
Krieg" mit Pferdegespann ausgeführt. Erst im Jahre 1960 konnte in unserem
Ort die moderne Müllentsorgung eingeführt werden, als die Firma das
Fuhrgeschäft aufgab.
1958 Ende der Rationierung von Lebensmitteln
lm Jahre 1958 wurden nach rund 19 Jahren (seit 1939) endlich die Lebensmittelmarken
in der DDR abgeschafft. Die bisherigen Preise der auf
Lebensmittelkarten bezogenen Waren wurden angehoben und die HO-Preise gesenkt. Die Preiserhöhungen insgesamt blieben so einigermaßen sozial verträglich. Mit der Aufhebung der Lebensmittelkarten war das Zeitalter
der Rationierungen endgültig vorüber. Es gab genügend Lebensmittel,
auch wenn das allgemeine Warenangebot noch viele Wünsche offen ließ.
Autos, Fernsehgeräte, Kühlschränke oder Waschmaschinen gab es nur auf
Vorbestellung, mit mehrjähriger Lieferfrist oder aber "gute Beziehungen"
beschleunigten den Kauf. Vor allem lmportartikel blieben noch lange Zeit
Mangelware.
lm Jahre 1960 wird im Ambulatorium eine Röntgenabteilung in Betrieb
genommen, die eine wesentliche Verbesserung der Behandlung für die
Patienten darstellte.
Vor dem Friseurgeschäft in der Thielenstraße stellte die Deutsche Post
eine öffentliche Fernsprechzelle auf. Sie war bis zum Jahre 1990 die einzige öffentliche Telefonzelle, die durchgehend benutzt werden konnte. Leider
fiel der Fernsprechapparat sehr oft durch mutwillige Zerstörungen aus. Zur
Vermeidung dieser Zerstörungen wurde das Fernsprechhäuschen in die
Kunersdorfer Straße in Nähe des Gebäudes des damaligen Transportpolizei-Reviers umgesetzt, welches jetzt die Deutsche Bahn AG für technische Dienstbereiche nutzt.
Weiterhin wurde in den sechziger Jahren im Konsum-Lebensmittelgeschäft
in der Thielenstraße eine Teil-Selbstbedienung eingeführt.
Gründung des Spielmannzuges Neuseddin
Die freiwillige Feuerwehr gründete einen Spielmannszug, der sich bis heute
behauptet hat und sich sowohl im Ort als auch in der Umgebung, sogar Deutschlandweit bei Groß
und Klein uneingeschränkter Beliebtheit erfreut.
lm Ort wurde außerdem ein Rentnerclub eingerichtet und im Mai 1961 der
neue Schulhort im ehemaligen Werkstattgebäude auf dem Schulhof am
Breitenbachplatz eröffnet.
Die Gemeinde erwarb von der Eisenbahn das ehemalige Pumpenhaus des
alten Wasserwerkes gegenüber dem Personenbahnhof und baute es zu
einem Jugendclub aus und übergab es der Neuseddiner Jugend zur Freizeitnutzung.
ln diesem Gebäude befand sich seit 1943 nach dem Brand der alten Gaststätte
Babien die Gaststätte Peter, im Volksmund "Pappelelse" genannt.
Nachdem die Gaststätte Albert Peter 1944 infolge eines Luftangriffs abgebrannt
war, wurde sie nach einem Ausbau des alten Pumpenhauses 1945 wiedereröffnet.
Außerdem wurden in diesem Jahre umfangreiche Erdarbeiten für Be-und Entwässerungsanlagen
in der geplanten "Berliner Straße" in freiwilligen Arbeitseinsätzen
vorgenommen. Diese Straße sollte südlich und parallel zur Waldstraße verlaufen,
sie ist jedoch nie gebaut worden. lnsofern waren diese Arbeiten völlig sinnlos. Die
damals verlegten Rohre sind inzwischen verrottet. Anstelle der geplanten Straße
wurden dort Anfang der siebziger Jahre Kleingärten angelegt.
Die Transitleitstelle
Aufgrund des sich steigernden Transitverkehrs wurde im Februar 1961 die
Transitleitstelle der Deutschen Reichsbahn auf dem Bahnhof Seddin, als
Transitknotenbahnhof der DDR eingerichtet.
Der Zeltplatz am Nordufer des Großen Seddiner Sees
Auf dem jetzigen Zeltplatz am Seddiner See wurden die ersten vorbereitenden
Maßnahmen für dessen Inbetriebnahme vorgenommen. Die offizielle
Eröffnung erfolgte mit Beginn der Campingsaison 1962. Es wurde jedoch
schon vorher dort, unter Verantwortung des Revierförsters, vereinzelt gezeltet.
Der 13. August 1961 Abriegelung der DDR und Ostberlins vom Westen Deutschlands
Der 13.August 1961, der Tag des Mauerbaues in Berlin, brachte auch viel
Leid für die Neuseddiner Bürger mit sich. Zahlreiche Einwohner, die wegen
günstiger Verkehrsverbindungen ihre schon jahrelang inne gehabten Arbeitsstellen
in Westberlin hatten, verloren ihre gewohnten, nun unerreichbaren
Arbeitsstätten und mußten sich einen neuen Arbeitsplatz suchen.
Viel schlimmer aber wirkte sich dieser sogenannte Antifaschistische
Schutzwall auf alle Familien und Einwohner in der DDR aus. Alle waren
nun praktisch eingemauert. Direkte Kontakte zu in Westdeutschland lebenden
Verwandten waren brutal unterbunden, der westliche Teil Deutschlands
und Berlins für alle unerreichbar geworden. Wie Hohn klang damals
die amtliche Regierungserklärung: "Die Maßnahmen des 13.August 1961
retten den Frieden in Europa". Noch ein paar Wochen zuvor hatte der damalige
Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht erklärt:
"NIEMAND HAT DIE ABSICHT EINE MAUER ZU ERRICHTEN!"
Mit Beginn des Jahresfahrplanes 1962 wurde im Südsystem des Bahnhofs
Seddin, zwischen der Richtungsgruppe Süd und der Einfahrgruppe Nord,
eine "Kontrollgruppe" als Zollbahnhof mit sieben Gleisen und einer hohen
Umzäunung, in Betrieb genommen. Alle Güterzüge von und nach Westberlin, die über den Grenzbahnhof Drewitz fuhren, erhielten in der Kontrollgruppe eine zolltechnische Abfertigung durch das dort stationierte Grenzzollamt
und eine gesonderte Sicherheitskontrolle durch die Transportpolizei.
Es sollte verhindert werden, daß Bürger der DDR, in diesen Zügen
versteckt, illegal nach Westberlin gelangen konnten. Es wurden deshalb
auch speziell dafür ausgebildete Hunde eingesetzt, die auf, unter und in
den Waggons nach Flüchtlingen suchten.
Die Kontrollgruppe durfte auch nur mit Sondergenehmigung von den Eisenbahnern
betreten werden. Jeweils am Ost- und Westende der offenen
Ein- bzw. Ausfahrten für die Güterzüge zur Kontrollgruppe waren Postentürme errichtet worden, von denen aus die nicht mit Zaun gesicherten Stellen bewacht wurden. Mit der Wende verschwand im Jahre 1990 die Kontrollgruppe,
und die Gleise werden wieder als Abstell-und Rangiergleise benutzt.
Im Jahre 1962/63 wurde das Abwasser-Pumpenhaus in der Waldstraße in
Betrieb genommen.
Es bildete sich im Ort aus lnteressenten ein eigener Briefmarkenzirkel.
auch die Taubenzüchter organisierten sich.
Anstelle des bisherigen Amtes eines Schiedsmannes, wurden auf Weisung
der Regierung, in den Gemeinden Schiedskommissionen sowie in den
Betrieben und Dienststellen "Konfliktkommisionen" gebildet.
Die Jahre 1962 / 1963 Erst große Waldbrände, dann eisige Kälte
Zwei Ereignisse machten in diesem Jahr von sich reden. Ein großer Waldbrand
entstand im Sommer durch Funkenflug von der Eisenbahn, bei dem
eine Fläche von 25 ha wertvoller Waldbestand vernichtet wurde.
Der Winter 1962/63 wurde so ungewöhnlich kalt, daß die Schule nicht mehr ausreichend beheizt werden konnte. Es gab daher für die Schüler außerplanmäßig "kältefrei".
Die freiwillige Feuerwehr erhielt im Jahre 1963 wieder einen Schlauchtrocken-Turm. Bisher mußten nach Brandeinsätzen oder übungen die nassen Schläuche umständlich und zeitaufwendig zum Trocknen in eine in der
Nähe stehende Pappel gehängt werden. Der Trockenturm vereinfachte diese Arbeiten und die Schläuche waren nicht mehr der Witterung ausgesetzt.
Die Einwohnenahl Neuseddins war im Jahre 1964 schon
auf 1 .731 Personen angewachsen und sie sollte sich in
den folqenden Jahren noch weiter erhöhen.
AWG Neubau in der Dr.-Albert-Schweitzer-Straße
Als letzter Baukomplex in dieser Entwicklungsperiode entstand im Jahre
1965 das Wohngebäude in der Dr.Albert-Schweitzer-Straße. Zur finanziellen
und materiellen Absicherung des Vorhabens wurde hierfür speziell eine
Arbeiter-Wohnungsbau-Genossenschaft (AWG) gegründet. Ein Großteil
der Arbeiten wurden diesmal von den AWG-Mitgliedern, den künftigen
Mietern, in Eigenleistungen erbracht.
Die Eisenbahn war zu diesem Zeitpunkt, bis auf wenige Ausnahmen, der
einzige Arbeitgeber im Ort. Es fehlte jede lnfrastruktur. Vor allem gab es
keine Gewerbebetriebe. Das änderte sich auch in den nächsten 25 Jahren noch nicht.
Neuseddin Standort für einen NVA-Truppenteil
lm Jahre 1968 wurde für unseren Ort eine völlig neue Entwicklungsphase
eingeleitet. Neuseddin wurde als Standort für einen NVA-Truppenteil ausersehen.
Mit der vorgesehenen Verlegung eines Straßenbau-Regimentes
der NVA aus Doberlug ergaben sich für den Ort und deren Einwohner wesentliche
Vorteile. Während für das NVA-Gelände eine Waldfläche, ca 1.000 m außerhalb des Ortes, linksseitig der Zufahrtstraße zur Fernstraße Potsdam-Beelitz-Leipzig, der jetzigen B2 bebaut wurde, entstand ebenfalls
linksseitig der Kunersdorfer Straße eine neue Wohnsiedlung (heute Lärchenweg
1- 10), vorwiegend für Offiziers-Familien und Zivilbeschäftigte. lm
Zuge dieser Baumaßnahmen entstanden ein neues Schulgebäude, eine
Turnhalle, eine kombinierte Kindereinrichtung und eine "Kaufhalle"
Ein neues Wohnviertel entsteht, die Hans-Beimler-Straße
lm Jahre 1971 wurden die ersten zwei Wohnhäuser dieser Siedlung, die
den Namen Hans-Beimler-Straße erhielt, bezugsfertig. ln Etappen wurde
dann weitergebaut. Gleichzeitig wurde der "Knüppeldamm", die Verlängerung
der Kunersdorfer-Straße zur jetzigen Bundesstraße 2, von Zivilkräften
und vom Truppenteil asphaltiert. Dies war auch eine Forderung des Handels
zur Belieferung der Kaufhalle gewesen, da der Handel seine Kraftfahrzeuge
auf der mit grobem Kopfsteinpflaster versehenen Straße nicht zu
Schrott fahren wollte. lm Jahre 1989 wurde der letzte Wohnblock in der
Hans-Beimler-Straße (die Nummern 50 ff) noch kurz vor der Auflösung
des Bauregimentes von den Soldaten fertiggestellt. lnsgesamt sind in diesem
Wohnkomplex Hans-Beimler-Straße 537 Wohnungen entstanden. Ein
geringer Anteil dieser Wohnungen (Die Nr.11 bis 15 und die 70er Nummern)
wurden im Auftrag der Deutschen Reichsbahn für Eisenbahner-Familien errichtet.
Der ursprüngliche Charakter des Ortes als reine Eisenbahnergemeinde
wurde dadurch aufgelöst. Auch die fünfgeschossigen Wohngebäude in
Großplattenbauweise, mit Fernheizung und Warmwasserversorgung, standen
im krassen Widerspruch zu den teilweise mit starken Baumängeln
behafteten Wohnhäuser im alten Ortsteil.
Die neue Kaufhalle
Mit der Eröffnung der neuen Kaufhalle in der Kunersdorfer Straße im Jahre
1973 wurden die bisherigen Konsum-und HO-Geschäfte in der Thielenstraße
geschlossen. Gegen die Schliessung des Fleischerladens protestierten
die Einwohner vergeblich. Ein Teil der Neuseddiner Hausfrauen
wollte diese Fleischerei erhalten wissen, da dort preisgünstig und qualitätsgerecht
eingekauft werden konnte. Leider war aber die Meinung der Bevölkerung
nicht gefragt. Die wertvolle Einrichtung, vor allem der große Kühlraum,
wurde herausgerissen und aus dem Geschäft eine Wohnung gemacht.
Obwohl in der Kaufhalle auch ein kombinierter Fleisch-und Wurststand
vorhanden war, fuhren viele Neuseddiner Familien, besonders an
den Wochenenden, nach Beelitz, um sich dort bei den noch privaten Fleischern
mit Fleisch-und Wurstwaren einzudecken.
Der Laden der ehemaligen Drogerie wurde Büro des Abschnittbevollmächtigten
der Volkspolizei, der dort auch seine Sprechstunden für die Bevölkerung
abhielt. Später wurde der Raum dann in einen Blumenladen umfunktioniert.
In die ehemalige Verkaufsstelle für Textil- und Wirtschaftswaren zog die
Deutsche Post mit einem Postamt ein.
Das Dienstleistungskombinat Potsdam übernahm den geräumten Konsum-
Lebensmittelladen und konnte so seinen Service hier in Neuseddin wesentlich
erweitern.
Der Friseursalon wurde, auf lnitiative des lnhabers, um die Räume des bisherigen HO-Ladens erweitert.
Größere Mittel zur Verbesserung der Handelseinrichtungen standen jedoch
nie zur Verfügung. Ein geplantes "Dorfkaufhaus" wurde nie gebaut.
Die neue Schule in der Hans-Beimler-Straße
lm Jahre 1972 wurde die neue Schule im Wohngebiet Hans-Beimler-Straße in üblicher DDR-Typenbauweise fertiggestellt. Der Bau erfolgte fast illegal, aber in einer Rekordzeit. Auf der Baustelle soll das erste Mal
Sprechfunk zur Verständigung eingesetzt worden sein.
Die NVA-Dienststelle errichtete mit eigenen Mitteln daneben eine Sporthalle,
die auch der Schule und sportinteressierten Einwohnern Neuseddins für eine kostenlose Benutzung bereitstand.
Die neue Schule in der Hans-Beimler-Straße
Trotz Bürgerfleiß sozialistische Mangelwirtschaft
lm Ort Neuseddin wurden durch Bürgerfleiß, den lnitiativen der Dienststellen
und dem Willen zur Verbesserung des Ortsbildes große Leistungen erbracht.
So fielen die angeordneten und gemeinsam organisierten Wettbewerbe der Nationalen Front der DDR, unter dem Motto "Schöner unsere Städte und Gemeinden, mach mit", durch die Festlegungen in abgeschlossenen Komunalverträgen stets auf fruchtbaren Boden.
ln diesen Jahren wurden folgende Gebäude oder Einrichtungen durch die
Einwohner, einschließlich der Schüler und Jugendlichen, den Kollegen aus
den Dienststellen der Eisenbahn, später auch durch das Straßenbau-
Regiment "Robert Siewert" teilweise in freiwilliger Arbeit, gebaut oder gestaltet:
1963
-Verlegung von Gehwegplatten in der Waldstraße,
von der Ecke Dr. Stapff-Straße bis Ernst-Kamieth-Platz.
-Desgleichen in der Karl-Max-Str. vor den Häusern 2-16
1964-66
-Sportlerheim auf dem Sportplatz errichtet, mit Räumen für
die Betriebs-Sportgemeinschaft, den Schulsport und einen Raum für den Rentnertreff.
1965-66
-Ausbauarbeiten in Nebenräumen der Schule zur Gewinnung
von zusätzlichen Klassenräumen. So wurde die Erweiterung
von I auf 10 Klassen ermöglicht.
1965
-Den Rest des Bürgersteigs in der Waldstraße mit
Gehwegplatten versehen
Auch in der Karl-Marx-Straße wurden vor den Häusern 1-1 1
Gehwegplatten verlegt und damit die Befestigung der Bürgersteige
in beiden Straßen abgeschlossen.
-Auf dem Zellplatz wurde eine ordentliche Toilette mit Grube
gebaut.
1966
-Beginn der Errichtung von Hausgärten für die Bewohner
des AWG-Blocks in der Dr. Albert-schweitzer-Straße
1967-68
-Bau von neuen Schultoiletten auf dem Schulhof am Breitenbachplatz I Schmiedestraße und
-Beginn des Erweiterungsanbaus Schulhort
1968
-Gärtnerische Gestaltung des Ernst-Kamieth-Platzes
1969
-Auf dem Ernst-Kamieth-Platz, Bürgersteig vor den
Häusern 1 -7 gepflastert, die andere Seite war bereits
befestigt.
-Fertigstellung Anbau für den Schulhort.
-Räume für Unterstellung von Sportgeräten auf dem Sportplatz
gebaut.
-Rodelberg in der Dr.Albert-Schweitzer-Straße mit
6.000 Kubikmetern Erde und Rückständen aus
Bauvorhaben der Eisenbahn vom Bahnhof Seddin mit
Unterstützung der Reichsbahn-Dienststellen errichtet.
ab 1969
-Neugestaltung der Straßenbeleuchtung. Austausch der Metallmasten gegen Betonmasten.
-Verkabelung von Freileitungen.
-Durchführung aller Reparaturen, lnstandsetzungen und regelmäßige Wartung der gemeindeeigenen elektrischen
Anlagen in freiwilliger Arbeit
-Anlegen eines Gehweges an der Kunersdorfer-Straße am Sportplatz
1971
-Gestaltung des Jugendclubs hinter der Gemeindeverwaltung Waldstraße/ Dr.-Albert-Schweitzer-Str.
-Beleuchtung in der alten Schule auf stromsparende Neonlampen umgerüstet
ab 1972
-lm Rahmen der Ortserweiterung Hans-Beimler-Straße
Bau eines Parkplatzes hinter der Kaufhalle-Erweiterungsanbau an der Kaufhalle für Flaschenrücknahme
ab 1972
-Schaffung von Nebenräumen
Ausbau von Räumen für die Dienstleistungsannahmestelle in der Thielenstraße.
-Einrichtung einer Gemeindeschwesternstation in der Waldstraße 25 (im ehemaligen alten Postamt,
jetzt Praxis von Fr. Dr. Gamnitzer)
-Bau von Trainingsräumen für die Ringersparte der BSG hinter der Sporthalle
-Anlegen eines Parkplatzes in der Schmiedestraße
gegenüber dem Kulturhaus der Eisenbahner
1974
-Rekonstruktion des Sportplatzes mit Einbau einer Flutlichtanlage
1978
Einweihung des durch westliche Spendenmittel neu erbauten"Paul Gerhard Kichsaales" in der Waldstraße 33 zur ökumenischen Nutzung durch die evangelische und katholische Kirchengemeinde
Auf dem Zeltplatz am Seddiner See :
-Errichtung eines kleinen Gebäudes für Wohnunterkunft des Zeltplatzleiters
-Einrichten eines Mülltonnen-Abstellplatzes
-Schaffung eines Stromanschlusses zur elektrischen Versorgung
1979
-Fertigstellung des ersten Evangelischen Pfarrhauses in Neuseddin
1980-83
-Erweiterung des Jugendclubs mit Schaffung von Sanitäranlagen
1987
-Befestigung der Straßen auf dem Ernst-Kamieth-Platz mit Betonfahrbahn vor den Nummern 1 bis 7.
Dafür wurden die Fußwege vor den Häusern entfernt.
1989
-Umbau und Erweiterung des Feuerwehr-Gerätehauses,
-Schaffung von zwei Stellplätzen für Löschfahrzeuge
-Einrichtung einer Kinderaztpraxis in der Waldstraße 25 (ehemalige Gemeindeschwesternstation)
Vieles wurde in den Jahren der Existenz der DDR von den Bürgern in freiwilliger
Arbeit geschaffen. Jedoch trotz Bürgerfleiß, sicher auch mit gutem
Willen der örtlichen Behörde und der Bereitstellung zusätzlicher Gelder durch die Deutsche Reichsbahn zur Unterhaltung und lnstandsetzung der Wohngebäude konnten Mängel und Schäden an den Häusern im Ort nicht
umfangreich beseitigt werden. Baubetriebe wurden von den Bauämtern der
Kreise anderweitig mit Bauarbeiten beauftragt, so daß kaum Kapazitäten für die lnstandsetzung der Wohnungen zur Verfügung standen.
Es gab auch nur wenige Betriebe des Mittelstandes, denen aber ebenfalls
ihre Bauleistungen vorgegeben wurden. Baumaterialien waren im freien
Handel kaum zu bekommen und nur für die vom Bauamt vorgesehenen Baulelstungen vorgesehen. Diese Misere wirkte sich ebenfalls negativ auf die Unterhaltung der Gebäude aus. Die für die Unterhaltung der Wohnungen zuständige technische Dienststelle konnte daher mit ihren eigenen Handwerkern nur kleinere lnstandsetzungen vornehmen. So ist es nicht verwunderlich, daß die Bausubstanz gerade im alten Ortsteil unter diesen
Bedingungen sehr litt. Dachrinnen gingen zu Bruch, so daß sich teilweise in
Wohnungen und Kellern Schimmel bildete. Dächer wurden undicht und ein
Großteil der Schornsteinköpfe befand sich in einem desolaten Zustand. Die
Reichsbahn, als Eigentümer der Häuser, hatte wegen fehlender Zuteilung
von Bau-und Gerüstbaukapazitäten durch die Bauämter der Kreise keine
Möglichkeit eine umfangreiche Instandsetzung vorzunehmen. Es blieb alles nur Stückwerk.
Bei der Erneuerung schadhafter Fenster wurde in den 80er Jahren gewissermaßen
mit einem Trick gearbeitet. Bei Einverständnis des Mieters besorgte
dieser neue Kippfenster, baute diese auch selbst ein und erhielt die
Kosten einschl. Einbau erstattet. So positiv die Fenstererneuerung einzuschätzen
war, so wirkte sie sich doch ein wenig negativ auf das Ortsbild
aus, da die Einheitlichkeit in der Fassadengestaltung durchbrochen wurde.
Den Mietern in den Wohnungen und der zustandigen Rb.-Dienststelle
störte dies jedoch wenig. Dichte Fenster waren ihnen wichtiger, waren sie doch Voraussetzung für warme Räume im Winter.
Nicht alle Wohngebäude der Eisenbahn wurden bis 1983 durch die
Reichsbahn selbst verwaltet und unterhalten. Dies bezog sich nur auf die
Schmiedestraße. Die Gebäude in der Wald-, Thielen- und Dr.-Stapff-Straße unterstanden der Reichsbahn-Siedlungs-Gesellschaft, einer privatrechflichen
Gesellschaft, die in ihrem Verantwortungsbereich noch auf eine gewisse
Einheitlichkeit bestand. Diese Gesellschaft paßte jedoch ab 1983 nicht mehr in das sozialistische Konzept und wurde daher aufgelöst. Die Verwaltung der Gebäude wurde direkt der Deutschen Reichsbahn übergeben.
Die übernommenen Gebäude der drei Straßen wurden denen der Schmiedestraße gleichgestellt. Die Miete betrug damals über viele Jahre nur pro qm 44 Pfennige.
Das über 70 Jahre alte Wasserver-und Entsorgungsnetz wurde bis zur
Wende nicht erneuert. Die Wasserversorgung der Gemeinde erfolgte bis
dahin kostenlos von der Deutschen Reichsbahn.
Leider wurden die Straßen im Ort während der Bauarbeiten auf dem Gelände
des Bahnhofs Seddin durch Baufahrzeuge sehr in Mitleidenschaft
gezogen. Vor allem die Bürgersteige in der Schmiede-, teilweise auch in
der Thielen- und Dr.-Stapff-Straße befanden sich in einen schlechten Zustand.
Die geringe Straßenbreite läßt ein Begegnen breiter Kraftfahrzeuge
ohne ein Ausweichen auf den Gehweg mit einer Spur nicht zu.
Die 40 Jahre Sozialismus in der DDR haben in vielen Städten
und Gemeinden, so auch in Neuseddin, einen beachtlichen Zuwachs
an neuem Wohnraum entstehen lassen. Leider wurden dabei die Ortsbereiche mit ihren alten Wohnkomplexen stiefmütterlich behandelt und vernachlässigt, teils bewußt, teils unbewußt.
Mit der Wende im Jahre 1989 ist die Ära "Sozialismus und
DDR" Gott sei Dank ohne Blutvergießen und friedlich beendet worden.
Viele Bürger unseres Heimatortes fragten damals:
"Was wird uns die Zukunft bringen ?"
Diese Daten stammen aus der Broschüre
"Beiträge zur Ortsgeschichte Gemeinde Seddiner See"
erarbeitet vom Chronikkreis der Heimatfreunde Neuseddin
Redaktion: Hanswerner Cimbal und Harald Röhr
Projektleitung: Evangelisches Pfarramt Neuseddin, Pfarrer Jürgen Heydecke
Redaktionsschluß: 15.12.1998
Webdesign: Thomas Müller
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