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Chronik von Neuseddin Teil 3

Chronik von Neuseddin Teil 3

Chronik Teil 3

Deutschland Deutschland über Alles ? ... bis alles in Scherben fällt ...

Die Jahre 1933 bis 1945


Soldatengräber der letzten Kriegstage im Jahre 1945 auf dem Friedhof in Neuseddin

Die Zeit des "Tausendjährigen Reiches"

Neuseddin im lll. Reich

Auch in Neuseddin wird aus dem alltäglichen Gruß "Guten Tag" bald ein "Heil Hitler"Ruf.

Der Gruß war im Umgang mit Behörden zum "Deutschen Gruß" mit "Heil Hitler" geworden.

Zum 12.März 1933 war die Neuwahl des Neuseddiner Bürgermeisters vorgesehen, 3 Kandidaten hatten sich um dieses Amt beworben. Der bisherige Amtsinhaber, ein SPD-Mitglied, dann ein parteiloser Bürger des Ortes und der damalige Dienst-Vorsteher der Güterabfertigung Seddin, ein NSDAP-Mitglied. Obwohl auf den bisherigen Bürgermeister 52 % der Stimmen entfielen, wurde der mit absoluter Mehrheit gewählte Kandidat der SPD durch den inzwischen ebenfalls konstituierten Kreistag und dessen Landrat nicht bestätigt. Der mit nur 23 % der Stimmen aus der Wahl hervorgegangene NSDAP-Kandidat wurde als kommissarischer Bürgermeister eingesetzt.

Zu einem Ereignis aus dem Vorfeld dieser Wahlen liegt folgender Zeitzeugenbericht vor:

Ähnlich, wie der Reichstagsbrand der Anlaß für massive Wahlbeeinflussung im ganzen Reichsgebiet war, wurde kurz vor den Wahlen im März bekannt, daß die KPD angeblich Sabotage auf dem Verschiebebahnhof Seddin betreiben wolle. Es fand daraufhin ein Aufmarsch aller aufzutreibenden Sicherheitskräfte statt, um dies zu verhindern. Es gab aber überhaupt keine wirklichen Absichten oder Anzeichen dafür. Es wurde lediglich ein Verdächtiger mit einer Kamera aufgegriffen und nach Berlin abtransportiert.

Hatten noch im Frühjahr 1933 die Neuseddiner mehrheitlich "links" gewählt, wurde im Herbst diesen Jahres eine Ortsgruppe der NSDAP gegründet, welche gleich 150 Mitglieder verzeichnete. Die bis dahin wenigen NSDAP- Mitglieder waren organisatorisch der Ortsgruppe Michendorf angeschlossen. Bei der Betrachtung eines derartigen "Sinneswandel" muß aber von der objektiven Situation, in der sich die Menschen damals befanden, ausgegangen werden.

Bis zur Machtübernahme 1933 herrschte ununterbrochener "Parteienstreit". Blutige Auseinandersetzungen zwischen Rechten und Linken gesehahen, auf der Straße. Wirtschaftlicher Niedergang mit Millionen von Arbeitslosen erfaßte fast alle Familien. Das beachtliche rechte Wählerspektrum hatte die Niederlage "des l. Weltkrieges" und die damit verbundenen demütigenden Bedingungen des "Versailler Friedensvertragesv nie verwunden.

Dann kommt eine Partei hoch, die den Menschen fast den "Himmel auf Erden" verspricht: Beseitigung der Arbeitslosiglteit, Ende des Parteienstreites, Wohlstand im Lande, Wiederherstellung der Souveränität und Wehrhoheit des Reiches. Das alles in einem Parteiprogramm in 24 Punkten verankert.

Die wenigsten Menschen in deutschland hatten wohl leider bis dahin und später Hilers Buch "Mein Kampf" nicht gelesen.

Den meisten Menschen wurde erst nach Kriegsende bewußt, wie unmenschlich und verbrecherisch der ganze braune Spuk gewesen war. Tatsächlich wurde zwar von 1933 bis zum Ausbruch des II. Weltkrieges im Jahre 1939 Beachtliches geleistet, aber mit welchem Zie1 und um welchen Preis?

Während kurz nach der Machtübernahme noch einzelne Ansätze der Opposition bekannt wurden, ebbte der Widerstand sehr schnell ab. ln der ersten Zeit hatte wohl auch eine Verfügung des damaligen Reichs-und Preußischen lnnenministers Hermann Göring vom II.08.1933 dazu beigetragen. Denn darin hieß es : Alle Staatsbediensteten, also auch die Eisenbahner, mußten sich schriftlich verpflichten, in Zukunft keine Politik der verbotenen Parteien und Organisationen zu betreiben oder zu unterstützen. Die Dienstvorsteher wurden außerdem angewiesen, ehemalige Funktionäre dieser Parteien und Organisationen den übergeordneten Leitungen zu melden. Schon bald wurden an Stelle der aufgelösten und verbotenen Organisationen neue "völkische" Gliederungen der NSDAP geschaffen. Von den alten Vereinen blieben nur der Reichsbahn-Sportverein und der Arbeiter-Samariterbund bestehen.

Letzterer mußte sich aber im Deutschen Roten Kreuz neu organisieren. Wie geschickt allgemein dabei vorgegangen wurde, zeigte als erstes die Einführung des 1. Mai schon 1933 als gesetzlichen Feiertag. Der bisherige internationale Kampftag der Arbeiterklasse war nun zum "Tag der nationalen Arbeit" geworden. Diese Maßnahme wurde dann gleich am folgenden Tag mit der Besetzung sowie Beschlagnahme des gesamten Gewerkschaftseigentums und dem Verbot aller Gewerkschaften verbunden. An deren Stelle wurde die "Deutsche Arbeitsfront" als Einheitsorganisation aller "Arbeiter der Stirn und der Faust" wie es dann in der Propaganda hieß, geschaffen. Es gab jetzt in Deutschland auch keine Arbeitgeber und Arbeitnehmer mehr, sondern "Betriebsführer" und "Gefolgschaft". Statt von Kollegen sprach man von "Berufskameraden".

Presse und Rundfunk waren ebenfalls "gleichgeschaltet". Die Partei hatte sehr schnell erkannt, welches vorzügliche und für ihre lnteressen nutzbringende Propagandainstrument der Rundfunk war. Sie hat es auch zu nutzen gewußt. So sollte jeder Haushalt kostengünstig in den Besitz eines sogenannten Volksempfängers kommen können. Die lndustrie mußte dieses Gerät serienmäßig einheitlich herstellen, der Handel es für ganze 78 Reichsmark verkaufen. Etwas später kam noch der "Deutsche Kleinempfänger" dazu. Er kostete nur 35.- RM. Mit der Einführung des "Winterhilfswerkes " durch die NS-Volkswohlfahrt (NSV) sollte den Minderbemittelten, vor allem den Arbeitslosen, finanziell geholfen werden.

Es gab weiterhin eine Pfundspendenaktion, die in Verbindung mit dem "Eintopfsonntag" stand. An einem Sonntag im Monat sollte in allen deutschen Haushalten auf ein üppiges Mittagsmahl verzichtet werden und dafür ein einfaches Eintopfgericht auf den Tisch kommen. Für das eingesparte Haushaltsgeld wurden dann Lebensmittel durch die Helfer der NSV eingesammelt und an Bedürftige verteilt.

Die Einheitsgewerkschaft "Deutsche Arbeitsfront"' richtete mit der Unterorganisation "Kraft durch Freude" ( KdF ) einen Feriendienst ein. Diese Organisation organisierte und vermittelte billige Ferien für die Werktätigen. Zusätzlich gab es auch die "Kinder-Landverschickung" zur Erholung und einen Feriendienst durch das Reichsbahn-Sozialwerk. Für damalige Verhältnisse war es etwas unerhört Neues, daß Arbeiterfamilien überhaupt Ferienreisen ermöglicht wurden.

Für junge Leute, die heiraten wollten, wurde ein "Ehestandsdarlehen" eingeführt. Mit der Eheschließung erhielten sie einen zinslosen Kredit von 1.000.-RM. Dieser war in Raten von monatlich 1 % zurückzuzahlen. Bei Geburt eines Kindes in der Ehe wurden 25 % des Darlehens erlassen. Mlt dieser Maßnahme sollte die Geburtenrate angekurbelt werden.

Die hier erwähnten Dinge sollen in keiner Weise dazu dienen, die Naziherrschaft zu idealisieren. lm Gegenteil, sie sollen den Menschen, die diese Zeit nicht miterlebt haben zeigen, mit welchen Mitteln die neuen Machthaber versucht und dann auch erreicht haben, das Volk für ihre Ziele zu gewinnen. In dem so kleinen Neuseddin fielen die negativen Erscheinungen, wie das Ausschalten aller oppositionellen Kräfte und die Judenverfolgung weniger auf, aber sicher muß auch hier noch weiter geforscht werden. So wurden auch aus den Neuseddiner Einwohnern eine "Volksgemeinschaft" und aus dem einzelnen Menschen ein "Volksgenosse". Bald sagte kein Mensch hier auf der Straße zum Nachbarn mehr "Guten Tag". Der Gruß war allgemein zum "Deutschen Gruß" mit "Heil Hitler" geworden.

Um den 15. März 1933 wurden im Deutschen Reich die ersten Konzentrationslager errichtet, um die politischen Gegner zu isolieren und jede illegale Tätigkeit zu unterbinden. Eines der ersten dieser Lager war Sachsen- hausen bei Oranienburg.

Annmerkung:

An dieser Stelle sei vermerkt, daß die berüchtigten Lager von Sachsenhausen und Buchenwald noch weit über die Nazi-Zeit hinaus, bis zum Jahre 1950, dann für die Gegner von Gestern zu Straf-und Todeslagern wurden. Während in der "braunen Zeif" von 1933 bis 1945 kein Neuseddiner Bürger Bekanntschaft mit einem Konzentrationslager machen mußte, waren nach 1945 mehrere Einwohner durch die Besatzungsmacht im Lager Sachsenhausen für etliche Jahre inhaftiert.

Nach Zeitzeugenberichten wurden im Frühjahr und Sommer 1945 mehrere Einwohner durch das NKWD verhafiet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Das betraf leider auch eine ganze Anzahl von Bürgem, die nur einfache NSDAP Mitglieder und Dienstellenleiter der Reichsbahndienststellen waren. ln einem Fall soll ein völlig Unbeteiligter nach einer Namensverwechselung verhaftet worden sein. Tragisch ist das Schlcksal des Dienststellenleiters vom Bahnhof Seddin, der erst seine ganze Kraft für die Wiederinbetriebnahme des schwer zerstörten Rangierbahnhofs einsetzte und dann in das KZ Sachsenhausen kam. Ein Teil der vom NKWD verhafteten Neuseddiner Bürger sind aus dem Lager nicht zurück gekommen und mutmaßlich unter den Haftbedingungen verstorben. Andere die nach Jahren wieder zu ihren Familien nach Neuseddin zurückkehrten, mußten sogenannte "Schweigeerklärungen" üiber ihren Lageraufenthalt abgeben. Andererseits wrurde bekannt, daß belastete NSDAP-Mitglieder nach dem Einmarsch der Roten Armee aus Neuseddin verschwunden waren. Ein Teil kehrte nicht wieder zuruck, andere konnten Bescheinigungen vorweisen, daß sie gute Arbeit fur die Rote Armee geleistet haben und nicht zu behelligen sind.

Die Entmachtung des Gemeinderates und die Gleichschaltung der Behörden

Ab 1934 wurde in allen Verwaltungen und Dienststellen, also auch für Neuseddin, das sogenannte Führerprinzip eingeführt. Das bedeutete auf kommunaler Ebene, daß die Bürgermeister nicht mehr gewählt, sondern durch den Landrat in Abstimmung mit der Kreisleitung der NSDAP für 12 Jahre berufen wurden. Der Bürgermeister war gleichzeitig Amtsvorsteher, Standesbeamter und Ortspolizeibehörde. Er hatte als Ortsobrigkeit und Kommunalverwalter in voller alleiniger Verantwortlichkeit die Entscheidungsbefugnis.

Dem Gemeinderat blieb nur noch eine beratende Funktion. Diesem wurden außerdem 2 Beisitzer der NSDAP zugeordnet. Aufgrund des Führerprinzips und der damit verbundenen herausgehobenen Stellung des Bürgermeisters, verkam die ehemals bedeutungsvolle Rolle des Gemeinderates zur Bedeutungslosigkeit. So ist urkundlich nachweisbar, daß z.B. die erste Ratssitzung im Jahre 1935 erst im Monat Juni angesetzt war. Behandelt wurde der Stand des Wohnungsbaus, der Haushaltsplan für 1935 mit einer Bilanzsumme von 27.200.- RM und die Höhe der Vermögenssteuer. Wesentliche Teile des Haushalts waren jedoch darin nicht enthalten, diese wurden durch die Reichsbahn abgesichert. Für das von der damaligen Staatsführung eingeführte Sparsamkeitsprinzip spricht, daß die Bürgermeister ehrenamtlich ohne Bezahlung tätig waren. ln Neuseddin wurde in der Gemeindeverwualtung nur eine Sekretärin beschäftigt. Erst zu Beginn des Krieges mit der Einführung der Lebensmittelkarten und Bezugscheinen wurde eine weitere Kraft eingesetzt.

Das Gemeindebüro

Das Gemeindebüro befand sich bis Ende 1944 in der SchmiedestraBe 16 b in der Wohnung des Bürgermeisters. Ein Zimmer im Erdgeschoß war die Amtsstube. Nach Fertigstellung der Häuser in der Waldstraße erfolgte der Umzug der Gemeindeverwaltung etwa im Februar März 1945.

Die Poststelle war ebenfalls in einer Stube einer Wohnung in der Schmiedestraße untergebracht. Nur eine Beschäftigte betrieb die Poststelle. Am frühen Morgen wurde von der "Postchristel" die Zustellung erledigt, anschließend für 2 Stunden Schalterdienst versehen. Nachmittags war dann der Schalter nochmals für 2 Stunden geöffnet.

1935 wurde ein neues Reichsbürgergesetz erlassen und damit erstmalig in Deutschland die "Deutsche Staatsbürgerschaft" eingeführt. Bisher war der Bürger nur Staatsbürger des jeweiligen Bundeslandes. Mit dem sogenannten Gesetz zum Schutze des Deutschen Blutes und der Deutschen Ehre vom September 1935 wurden nicht nur Personen jüdischer Abstammung, sondern auch Sinti und Roma (damals Zigeuner genannt) die Rechte als Reichsbürger entzogen. ln der neuen Gemeindeordnung wurde für die Einwohner von Neuseddin das Einwohnerrecht folgendermaßen definiert : Es wurde grundsätzlich zwischen dem Einwohner und dem Bürger unterschieden. Der Begriff "Bürger" wurde benutzt, um zwischen Staatsangehörigkeit und Reichsbürger unterscheiden zu können. Deshalb hing der Erwerb des Bürgerrechts von folgenden Voraussetzungen ab: Zunächst wurde jeder ein Einwohner, der seinen Wohnsitz im Ort hatte. Der Einwohner mußte mindestens 1 Jahr im Ort wohnen und mindestens das 25. Lebensjahr erreicht haben. Ausschlaggebend war der Nachweis der "arischen" Abstammung. Ohne diesen arischen Nachweis war der Mensch damals praktisch vogelfrei. Wer diese Voraussetzungen erfüllte, erhielt die Rechte des Reichsbürgers. Die Bürgerrechte bestanden z.B. im aktiven und passiven Wahlrecht. Das Bürgerrecht erlosch mit Wechsel des Wohnsitzes automatisch. Es konnte aber durch den Bürgermeister als Folge von Strafmaßnahmen ohne Vorlage eines Gerichtsbeschlusses entzogen werden.

In Neuseddin wird weitergebaut

Die schnelle Beseitigung der Arbeitslosigkeit hatte für die NS-Regierung Priorität und stärkte die Propaganda. Die Gemeinde Neuseddin profitierte besonders davon. Es wurde der weitere Ausbau des Bahnkomplexes beschlossen. Insbesondere der Aufbau des südlichen Bahnhofsteiles als Militärbahnhof brachte neue Impulse. Im Ort wurden die längst fällig gewordenen Versorgungseinrichtungen errichtet. 1935 begann man mit dem Weiterbau der Dr.-Stapff-Straße und 1936 wurde der Bau der Thielenstraße in Angriff genommen. Die Thielenstraße wurde nach dem preußischen Staatsminister von Thielen benannt, der 1895 die Reform der preußischen Staatsbahnverwaltung organisierte.


Dr.-Stapff-Straße Mauerbogen

Zwischen dem ersten und dem zweiten neuen Bauabschnitt der Dr.-Stapff-Straße wurde ein Mauerbogen mit einem Relief zwischen den Häusern eingefügt, das einen Eisenbahner mit einer Lokomotive unter dem Arm zeigt. Dieser gemauerte Bogen mit dem Bildnis überspannt den gern als Abkürzung benutzen Gehweg zum Bahnbetriebswerk zwischen den Häusern Dr.-Stapff-Straße 12 und 14. Dieser Weg wurde in den 30er Jahren im Volksmund mit "Kummergasse" bezeichnet, nach dem dort am Weg wohnenden damaligen Vorsteher des Bahnbetriebswerkes. Dieser Weg wurde später offiziell in "Schwarzer Weg" umbenannt. Er ist der heute noch der gebräuchliche Name für den Weg zwischen den Gärten.

Die Thielenstraße, das erste komplette Einkaufszentrum in Neuseddin

Der Eingang zur Thielenstraße wurde ebenfalls wieder durch Verbreiterung der Bau-Fluchtlinie gekennzeichnet. Diese Anlage, mit den damals sehr gepflegten Rasenflächen, dem Feuerwehrdepot und den Anlagen vor den Geschäftshäusern, ergab einen sehr guten Gesamteindruck. Eine Pergola schloß die verbreiterte Fluchtlinie zwischen den Häuserblöcken 6/8 und 5/7/9 ab. Von der Schmiedestraße aus gesehen, war dies ein eindrucksvolles Bild. Rechts und links vor den Geschäften, in gleicher Höhe zu den Ladeneingängen, wurden Grünanlagen geschaffen und Sandstein-Figuren aufgestellt. Diese beiden Puttenfiguren, die zum einen die Kunst und Wissenschaft, zum anderen Handel und Gewerbe darstellen, sollen vermutlich vor dem Verwaltungsgebäude der ehem. Preußischen Eisenbahndirektion Posen ihren Plalz gehabt haben. Bei der Räumung der Provinz Posen und Abtretung an Polen nach dem I. Weltkrieg sollen sie nach Berlin überführt worden und dann 1930 nach Neuseddin gekommen sein.

Es gibt aber auch noch eine andere Version, wonach diese Putten "fabrikneu" nach Neuseddin geliefert worden sein sollen.

Für die einzurichtenden Räumlichkeiten für Lebensmittelgeschäft , Bäckerei mit Cafe und Drogerie erfolgten öffentliche Ausschreibungen für lnteressenten. Die Zuschläge und Mietverträge wurden zum 01.04.1936 an einen Bäcker aus Berlin-Charlottenburg, einen Drogisten aus Berlin-Pankow und für Lebensmittel an die damalige Großeinkaufsgesellschaft Deutscher Konsumgenossenschaften (GEG) vergeben. Auf gleiche Weise erhielt ein halbes Jahr später ein Fleischer aus Belzig den Zuschlag für die Fleischerei mit Schlachthaus in der Thielenstraße 9.


Die Thielenstraße

Alle Mietverträge in der Dr.-Stapff-Straße und in der Thielenstraße wurden nicht mehr mit der Reichsbahn, sondern mit der Reichsbahn-Siedlungs- Gesellschaft (RSG) abgeschlossen. Die Wohngebäude in der Schmiedestraße unterstanden weiterhin direkt der Reichsbahn. Das Cafe wurde von vielen Einwohnern besucht. Bei schönem Wetter wurde auch an draußen stehenden Tischen serviert. Bei Kaffee oder Bier und teilweise auch mit Musik war es für viele Gäste ein schönes Plätzchen. Andererseits fühlte sich so mancher dort in der Nähe wohnende Eisenbahner in seiner Ruhe gestört, besonders jedoch dann, wenn er aus dem Nachtdienst gekommen war und den Schlaf dringend brauchte.

Leider ging mit der Zeit der Glanz dahin. Die Pergola mußte in den 50er Jahren wegen Baufälligkeit und Gefährdung des Straßenverkehrs abgerissen werden. Die Putten stehen zwar noch am Platz des alten Einkaufszentrums doch der Gesamteindruck des Ensembles in der alten Ortsmitte hat leider im Augenblick viel von seiner einstigen Schönheit verloren.

Die ortsübliche Hausnummerierung in den Straßen, links die ungeraden und rechts die geraden Hausnummern, wurde auch in der Dr.-Stapff-Straße und in der Thielenstraße beibehalten.

Neue Geschäfte und ambulante Händler beliefern die Einwohner

Obwohl im Ort nun 2 Lebensmittelgeschäfte, ein Fleischer, ein Friseur, ein Bäcker mit Cafe und eine Drogerie geschaffen waren, erfolgte weiterhin das zusätzliche Warenangebot durch ambulante Händler aus den Nachbarorten. So kam regelmäßig einmal in der Woche ein Händler aus Langerwisch mit Frischgemüse, Fisch und anderen Lebensmitteln. Ein Milchhändler aus dem Dorf Seddin bewarb sich ebenfalls um Kunden, obwohl eine Milchhandlung bereits in einer Wohnung in der Schmiedestraße existierte. Die Milch wurde übrigens von beiden Händlern ins Haus geliefert. Man stellte einfach ein Gefäß vor die Wohnungstür, legte das erforderliche Geld dazu und hatte so zum Frühstück seine frische Milch im Haus. Auch der Bäcker lieferte auf Wunsch frühmorgens die Brötchen ins Haus. Es mußte nur eine entsprechende Bestellung und ein Beutel an der Wohnungstür vorhanden sein. Diesen freundlichen Kundenservice gab es bis zum Kriegsbeginn. Mit Einführung der Lebensmittelkarten endete der Kundenservice.

Die ärztliche Versorgung

Nach wie vor bestand weiterhin die Notwendigkeit im Bedarfsfall Arzte von außerhalb rufen zu müssen. Lediglich ein Zahnarzt aus Beelitz praktizierte in den 30er Jahren zuerst im Raum einer Wohnung in der Schmiedestraße an dem Standort des heute leerstehenden Kulturhauses der Eisenbahner, dann etwas später ebenfalls in einer Wohnung in der Thielenstraße 8.

Ein Dentist praktizierte stundenweise in der Thielenstraße 1 in den Räumen der ehemaligen Fleischverkaufsstelle des Beamten-Wirtschafts-Vereins.

Weitere Einrichtungen entstehen

ln den Jahren 1935 bis 1936 wurde auf dem Bahngelände, vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude des Bahnhofs und der Güterabfertigung, eine große Speisehalle errichtet. Sie bot ca. 500 Personen Platz und wurde dann auch für alle möglichen Veranstaltungen und Versammlungen genutzt. Hinter dem Küchentrakt befand sich sogar ein Schweinestall. So konnten Schweine aus eigener Mästerei, hauptsächlich durch Fütterung mit Speiseresten aus der Betriebskantine, in der Küche verarbeitet werden. Reste dieser großen Halle bzw. Betriebskantine sind nach der Zerstörung des Verwaltungsgebäudes im II. Weltkrieg zum Bahnhofs-Verwaltungs- Gebäude umgewandelt worden. Nördlich des Bahngeländes entstand in diesen Jahren im Wald ein Schießstand, der sowohl von den Forstbeschäftigten, aber auch von der Hitler-Jugend zur vormilitärischen Ausbildung und von der SA genutzt wurde. ln den Kriegsjahren wurden dann von den Wachmannschaften des Kriegsgefangenenlagers und dem Volkssturm ebenfalls dort Schießübungen durchgeführt. ln dieser Zeit wurde auch der Sportplatz endgültig fertiggestellt. lm Jahre 1937 erfolgte die Einrichtung eines Kindergartens im Übernachtungsgebäude.

Weitere Ereignisse in den 30er Jahren

ln den 30er Jahren gab es noch folgende erwähnenswerte Ereignisse: Am 27. August 1933 wurde der 120. Jahrestag der Schlacht bei Hagelberg auf dem Gelände an der Straße Hagelberg-Lübnitz vor dem damaligen Borussia-Denkmal mit einer großen Feier der Kriegervereine begangen. Von Belzig her marschierten die eingeladenen Vereine und die SA. Der erste Krach hatte sich aber schon in Belzig abgespielt. Der NS-Landrat von Belzig verlangte, daß die Eisenbahner-Kapelle aus Seddin vor der SA marschiere. Die mitangereisten Eisenbahner verweigerten dies jedoch. Sie drohten sofort heimzufahren. Sie würden nur ihrer Kapelle folgen und sonst niemand. So geschah es dann auch. Am 07. Oktober 1934 mußte ein Flugzeug auf dem Seddiner See wegen starker Windböen notlanden. Am 26. Juli 1937 stürzte sogar ein Übungsflugzeug über dem Seddiner See ab. lm Februar 1935 grassierte im Ort eine Grippewelle, 60 % der Schulkinder waren davon betroffen.

Der Autobahnbau

Eine besondere Bedeutung bis in die heutige Zeit hatte der Beginn des Autobahnbaus, die damals fälschlicherweise als die "Straßen des Führers" bezeichnet wurden. Das Konzept hierfür und der Bau der ersten Autobahn zwischen Köln und Bonn wurde jedoch schon zu Zeiten der Weimarer Republik vom damaligen Kölner Oberbürgermeister Dr. Konrad Adenauer durchgesetzt. Die neuen Machthaber haben es lediglich verstanden, die Vorarbeiten aus der von ihnen so verhaßten "Systemzeit" geschickt für sich zu nutzen. Die dicht bei unserem Ort vorbeiführende Trasse Berlin-Magdeburg-Hannover, mit dem Abzweig nach Leipzig, wurde am 27.11.1937 eröffnet. Als Vorbedingung war in der Nacht vom 15. zum 16. August die Eisenbahn-ÜberfUhrung der Bahnstrecke Wldpark-Beelitz-Stadt fertiggestellt worden. Die Kosten für den Bau der Autobahnen mußte damals übrigens die Deutsche Reichsbahn finanzieren.

Neuseddin in den Kriegsjahren 1939-1945

lm August 1939 deuteten die Ereignisse und die spürbaren Vorbereitungen für aufmerksame Menschen im Alltag, trotz der Friedensbeteuerungen Hitlers, auf einen bevorstehenden neuen Krieg hin. ln der letzten Augustwoche wurden schon vorsorglich auch in Neuseddin Lebensmittelkarten ausgegeben. Damit wurde die Rationierung aller Lebensmittel, Tabakwaren sowie Seife und Waschpulver eingeführt. Als am 01. September 1939 der Überfall Hitler-Deutschlands auf Polen begann, gingen auch in Neuseddin die Lichter aus. Die Straßenbeleuchtung im ganzen Reich wurde stillgelegt. Es wurde die allgemeine Verdunkelungspflicht eingeführt. Nach Einbruch der Dunkelheit durfte kein Lichtschein aus Gebäuden mehr nach draußen dringen. Die Treppenbeleuchtung in den Häusern durfte zwar weiter benutzt werden, die Glühlampen mußten jedoch mit einem blauen Tauchlack überzogen werden. Die so behandelten Glühlampen verbreiteten nur noch einen ganz schwachen Lichtschein. Daß dieser Krieg gut vorbereitet war, ging auch daraus hervor, daß gleich mit Beginn des Krieges ausreichend Verdunkelungsmaterial zum Kauf für die Bevölkerung zur Verfügung stand. Die Scheinwerfer der Autos, Motorräder und sogar der Fahrräder mußten ebenfalls abgedunkelt werden. Dies geschah teils durch schwarze Anstriche der Scheinwerfergläser oder teils mit Scheinwerfer-Vorsätzen aus Metall oder anderen Materialien. Die Scheinwerfer behielten lediglich nur noch einen ca. 1 cm schmalen waagerechten Schlitz, der nur einen geringen Lichtdurchlaß hatte. Die Ausleuchtung der Straße war dadurch äußerst beeinflußt und ließ keine hohen Geschwindigkeiten mehr zu. Es wurden dann auch speziell für die Wehrmacht gefertigte Tarnscheinwerfer für den zivilen Gebrauch zum Kauf angeboten, deren Lichtausbeute ein wenig günstiger für den Autofahrer war. Die Benutzung von Motorfahrzeugen durch Zivilpersonen wurde durch Vorschrift zur Benzineinsparung stark eingeschränkt. Wer noch sein Auto oder Motorrad benutzen durfte erhielt eine Sondergenehmigung. Das Fahrzeug wurde außerdem durch einen roten Winkel am Nummernschild zusätzlich kenntlich gemacht. Eine Verordnung der Reichsregierung verbot sofort nach Kriegsausbruch das Abhören ausländischer Rundfunksender bei Androhung von Zuchthausstrafe. Für die Weiterverbreitung von Nachrichten ausländischer Radiosender, sogenannter Feindsender, war sogar die Todesstrafe angedroht.

Die ersten Kriegsmonate des II. Weltkrieges

ln den ersten Kriegsmonaten waren Einheiten der Luftwaffe in Neuseddin stationiert. Sie hatten mit ihren Flakgeschützen im Wald, hinter dem Forsthaus, im Osten des Bahnhofes an der Eisenbahnbrücke über die Autobahn, im Westen des Bahnhofes in der Nähe der Adlerbrücke, im Gleisdreieck beim Stellwerk Bla und auf der Roten Brücke beim Stellwerk Lia ihre Stellungen bezogen. Ein Flak-Beobachtungsstand befand sich auf dem Dach des Wasserturmes. Die Fahrzeuge der Einheiten bestanden Anfangs zum Teil aus den in den ersten Kriegstagen beschlagnahmten Privatfahrzeugen. lm Verlaufe des Krieges wurden dann viele Kraftfahzeuge, die noch für die zivile Versorgung notwendig waren, von Benzin auf Holzgas umgerüstet. Die Forst mußte deshalb auch in den Revieren um Seddin herum ab 1940 entsprechende Holzeinschläge durchführen.

Zwangsarbeiterlager in Neuseddin

Nach dem so leicht und schnell errungenen Sieg über Polen, dem sogenannten Feldzug der 18 Tage, kamen bald die ersten polnischen Arbeiter nach Neuseddin. Wie Zeitzeugen berichten, kamen noch vor den polnischen Arbeitern nach Besetzung der Tschechoslowakei Tschechen nach Neuseddin, die in einem Bauzug in Wohnwagen auf dem Bahnhof untergebracht waren. Es galt, die durch Einberufung zur Wehrmacht dezimierten deutschen Arbeitskräfte bei der Deutschen Reichsbahn zu ersetzen. Für die meist zwangsverpflichteten polnischen Bürger wurde hinter der Ladestraße ein Barackenlager errichtet. Schon rein äußerlich waren diese "Fremden" an ihrer Kleidung erkennbar. Sie mußten an gut sichtbarer Stelle auf ihrer Kleidung ein blaues Stoffabzeichen mit weißem "P" aufnähen. Sie waren so als "Ostarbeiter" gekennzeichnet und damit auch praktisch diskriminiert. Innerhalb des Ortes konnten sich die Fremdarbeiter in ihrer Freizeit jedoch frei bewegen und in den Geschäften einkaufen. Die Einkäufe waren jedoch auf nicht rationierte Waren beschränkt.

Dieser erste Kriegseinsatz der Deutschen Wehrmacht war für alle überraschend schnell siegreich zu Ende gegangen. Das Ausland und die Kriegsgegner waren über den kuzen Feldzug ebenfalls sehr betroffen. Als wesentlicher Umstand hat dazu beigetragen, daß sich die Sowjetunion nach 10 Kriegstagen gemäß dem geheimen Hitler-Stalin-Pakt von 1939 auch an den Kampfhandlungen beteiligte, indem sie nun ihrerseits von Osten her in das Land Polen einfiel.

Die ersten Kriegsgefangenen in Neuseddin

Nach dem Frankreichfeldzug 1940 kamen auch französische Kriegsgefangene und niederländische Zivilisten nach Neuseddin. lnsgesamt verbrachten im Kriegsgefangenenlager in Neuseddin (Ladestraße) im Laufe des Krieges französische, jugoslawische, russische und italienische Kriegsgefangene eine schwere Zeit. Für diese wurden auf der Ladestaße zwei Baracken mit Stacheldrahtumzäunung aufgestellt. Die Kriegsgefangenen wurden bewacht und auch täglich mit Posten zur Arbeit geführt. Mehrmals im Monat konnte jedoch ein deutsch sprechender Gefangener mit einem Posten für seine Kameraden in Neuseddin einkaufen gehen. Die Bezahlung erfolgte mit speziellem Kriegsgefangenengeld als Sonderzahlungsmittel. Dieses Ersatz-Geld durfte nur in dazu besonders berechtigten Geschäften in Zahlung gegeben werden.

Nach dem Überfall auf die Sowjetunion kamen 1943 dann anstelle der Franzosen die ersten sowjetischen Kriegsgefangenen nach Neuseddin. Die humanen Bedingungen, auf die laut Genfer Konvention alle Kriegsgefangene Anspruch hatten, galten bei den Machthabern nicht für Sowjetbürger. Wenn man die ausgemergelten Gestalten manchmal truppweise sah, wie sie von ihren Bewachern zur Arbeit geführt wurden, ahnte man wohl, daß sie nur eine denkbar schlechte Verpflegung erhielten. Eventuell sah man, daß sich einer der Männer im Vorübergehen mal schnell bückte. Einer hob ein Stückchen Brot, ein anderer eine angerauchte Zigarette auf, die von mitleidigen Bürgern fallen gelassen worden waren. Obwohl derartige Handlungen strengstens verboten waren, haben einzelne Wachposten aber auch oftmals ein Auge zugedrückt. lm Zwangsarbeiterlager des Bahnhofs mit Nebenlager in Michendorf und Beelitz waren Tschechen, Slowaken, Polen, Kaschuben, Ukrainer, Russen, Franzosen, Belgier und Holländer untergebracht.

Privilegien besaßen ein Teil der Tschechen, Polen, Franzosen und Holländer, die bei Deutschen in Untermiete wohnen konnten. Polen mußten (zumindest in den Anfangsjahren des Krieges), ein Stoffabzeichen mit einem "P" auf der Oberkleidung, Ukrainer und Russen ein Stoffabzeichen mit "Ost" als Ostarbeiter tragen. Russische Kriegsgefangene waren auf dem Rücken der Mäntel und Jacken mit "KGF" = Kriegsgefangener mit Ölfarbe gekennzeichnet.

Weitere Bauten wurden mitten im Krieg errichtet

Auch im Kriege ging die Bautätigkeit in Neuseddin weiter. ln der Kunersdorfer Straße wurde ein Wohnhaus mit 2 Dienstwohnungen für die Bahn-Vorsteher mit ihren Familien errichtet.

Anmerkung:

Dieses Haus war nach Kriegsende 1945 erst von einer Einheit der Sowjetarmee besetzt und bewohnt. Anschließend war dort ein Kommando der Grenzpolizei untergebracht, die die Reisenden der Personenzüge aus Richtung Belzig nach Berlin-Wannsee auf Schieberei mit Lebensmitteln nach Westberlin kontrollierten und aufgegriffene Schieber auf dem Bahnhof Seddin aus dem Zug holte. Nach der Grenzpolizei wurde das Gebäude danach Sitz des Transportpolizei-Reviers Seddin bis November 1990.

Die Thielenstraße wurde vollendet

1941 entstanden die letzten Häuser in der Thielenstraße. Diese wurden in einem ganz anderen Baustil, als die schon vorhandenen aufgebaut. Kriegsbedingt waren diese Häuser bedeutend sparsamer in der Ausstattung.

Die Waldstraße wurde begonnen

Ebenfalls 1941 wurde mit der Planung und etwas später mit dem Bau der Waldstraße begonnen. Vorgesehen war, mit der Waldstraße noch eine weitere Straße zu errichten, die geplante Berliner Straße. Dazu ist es aber bis heute nicht mehr gekommen. Infolge kriegsbedingter Verzögerungen wurden die Wohnungen in der Waldstraße vor Kriegsende nicht mehr alle bezugsfertig. Ein Teil der Wohungen wurden von Ausgebombten aus der Schmiede-und Stapffstraße bezogen.

lmmerhin kam der Ort damals im Kriege mit dem Bau dieser Wohnungen auf 404 Wohneinheiten.

Neuseddin im II. Weltkrieg

An der Ladestaße entstand im Sommer 1943 eine Heeres-Verpflegungsstelle. Andere Zeitzeugen berichten, daß die Verpflegungsstelle, Meldestelle und andere Einrichtungen für die Militärtransporte schon vor Beginn der Kampfhandlungen gegen die UdSSR bestanden haben. Die umfangreichen Truppentransporte der Wehrmacht von Frankreich an die Grenze zur UdSSR wurden bereits auf dem Südbahnhof in Seddin verpflegt und betreut. ln Zusammenhang zu den umfangreichen Truppentransporten kann über ein Kuriosum berichtet werden: Unter der Schuljugend entwickelte es sich zum "Sport" und Zeitvertreib, bei den Wehrmachtsoldaten nach französischen Münzen zu betteln, die dann von den Kindern gehortet und untereinander getauscht wurden. Auf lnitiative der Lehrer wurde das französische Geld von den Kindern eingesammelt und ein ganzer Sack voll dem NSV gespendet!

Auf dem Militärbahnhof der Südgruppe und hinter dem Personenbahnhof in Richtung ehemalige Aufsicht-West wurden für die hier haltenden Truppentransportzüge Wasch- und Toilettenanlagen errichtet. Bis zum Jahre 1944 blieb unser Ort von Zerstörungen durch Luftangriffe verschont. Die alliierten Bomberverbände überflogen lediglich unser Gebiet bei ihren Angriffen auf Berlin. Der erste Luftangriff für Neuseddin erfolgte im Jahre 1942 zur Nachtzeit. Die Bomben verfehlten jedoch ihr Ziel. Die Bombeneinschläge lagen etwa 80 bis 100 Meter westlich im Wald in Höhe des damaligen Stellwerks Swt. Bei einem Bomben-Abwurf im Jahre 1943 ging eine Luftmine ca.200 Meter westlich des Bahnhofes ebenfalls in den Wald nieder. Am 21.06.1944 erlebte der Bahnhof den ersten Luftangriff, der Schäden an den Anlagen anrichtete, so auch die Umladehalle und die Gaststätte Peter (Babin hatte die Gaststätte in den Kriegsjahren an Albert Peter verkauft, der zuvor das Kasino auf dem Fliegerhorst Werder bewirtschaftete.). Die in der Nähe stehende Wehrmachtsverpflegungsstelle und 16 ha Wald brannten ebenfalls nieder. Auch die Baracke für Ostarbeiter wurde leider getroffen. Vier Personen starben, darunter 1 Kind.

Die ersten deutschen Kriegsflüchtlinge in Neuseddin

Mit Beginn des Jahres 1945 wurde es offensichtlich, daß die von Deutschland ausgelöste Kriegslawine mit allen Folgen auch unser Gebiet heimsuchen wird. Es kamen die ersten Flüchtlinge aus Berlin. Eisenbahner, die in Berlin ihre Wohnungen durch Bombenangriffe verloren hatten, u.a. leitende Beamte der Reichsbahndirektion Berlin, erhielten in Neuseddin wieder Obdach und Wohnungen. Danach kamen Flüchtlinge aus den nun zum Kampfgebiet gewordenen Reichsgebieten oder aus den schon von der Sowjetarmee eroberten Ostgebieten des Reiches. Es waren überwiegend Eisenbahner mit ihren Familien. Später folgten dann ausgewiesene Deutsche aus dem Sudetenland.

Mit dem nicht freiwilligen Zuzug dieser "Neubürger" (gemeint sind Flüchtlinge), aus der bisherigen Heimat in unseren Ort, hat sich im Laufe der Jahre eine außerordentlich positive Entwicklung vollzogen. Sie haben mit den Einwohnern gemeinsam viel zum Wiederaufbau nach dem Kriegsende beigetragen.

Der nicht freiwillige Zuzug war eine Vertreibung von 15 Millionen Deutschen aus ihrer Heimat in den deutschen Ostgebieten und aus den Staaten Ost-und Südosteuropas. Viele verloren ihr Leben und ihre Gesundheit, die meisten ihr Hab und Gut. Die Vertriebenen mußten bekanntlich allein für Hitlers verlorenen Angriffskrieg büßen, obgleich sie genausoviel oder genausowenig Schuld an den Kriegsereignissen hatten, wie alle Deutschen.

Der schwärzeste Tag in der Geschichte Neuseddins

Der 20. April 1945......

begann, im Ort und auf dem Bahnhof in gewohnter Weise. In den späten Vormittagsstunden wurde wieder einmal, wie so oft in den vergangenen Tagen, für den Groß-Berliner Raum Fliegeralarm gegeben.

ln Neuseddin heulten ebenfalls die Sirenen. Nicht alle Einwohner und diensttuenden Eisenbahner suchten die Schutzräume auf. Zu sehr hatte man sich daran gewöhnt, daß die gefürchtete Bombenlast einmal wieder in Berlin und nicht über Neuseddin abgeworfen wurde. Leider griffen diesmal die anfliegenden Bomberverbände nicht nur die damalige Reichshauptstadt an. Ein Pulk alliierter Bomber hatte offenbar den Auftrag, den Verkehrsknoten Seddin auszuschalten. Militärisch war dies eine höchst fragwürdige Aktion, da es für die deutsche Kriegsführung bereits 5 Minuten nach 12 war. Sowjetische Truppen hatten den Ring um Berlin schon fast geschlossen. Der angreifende Verband flog den Bahnhof aus südlicher Richtung an. Es ging beim Angriffsziel um die Zerstörung der Bahnanlagen. Dieses Ziel wurde durch die Zerstörung der Gleisanlagen im Westteil des Rangierbahnhofs, der durchgehenden Hauptstrecken und der Gleisanlagen im Gleisdreieck erreicht. Ein Zugverkehr war dadurch nicht mehr möglich. Dabei klinkten einige Besatzungen die Bomben etwas zu früh aus und trafen so zahlreiche Wohnhäuser in der Schmiedestraße und in der Dr.-Stapff-Straße sowie das Lehrerwohnhaus.Es wurden insgesamt 19 Wohneinheiten zerstört bzw. unbewohnbar. Während im Südteil des Bahnhofs Wohnhäuser getroffen wurden, ging nördlich des Bahnhofs ein Teil des Bombenteppichs in den Wald. Es ging der US-Bomberflotte nicht nur um die Zerstörung der Bahnanlagen allein in Seddin. Am gleichen Tag und etwa zur gleichen Zeit wurden Berichten zufolge, auch der Rangierbahnhof Wustermark sowie die Bahnhöfe Nauen, Treuenbrietzen und Trebbin angegriffen. Beim Luftangriff auf den Bahnhof Treuenbrietzen am 20. April 1945 kam der Dienststellenteiter der Sfm aus Neuseddin und die Rb-Angestellte Ilse Voß aus Lienewitz durch Bombentreffer auf den Luftschutzbunker ums Leben. Insgesamt wurden 38 Einwohner getötet, darunter zahlreiche Kinder. Eine Frau verlor dabei 4 ihrer 5 Kinder. Die jüngste Tochter entging dem Tod, weil sie zur Zeit des Bombenabwurfs nicht zu Hause, sondern bei Nachbarn weilte. Dieser Bombenangriff forderte fast doppelt so viele Tote unter den Einwohnern, als während des gesamten Krieges gefallen waren.


Grab im Krieg Gefallener im Wald bei Neuseddin

Der Gefangenenzug mit jüdischen Frauen und Mädchen

Auch auf dem Bahngelände spielte sich leider eine sehr schlimme menschliche Tragödie ab. Während des Luftangriffes befand sich auf den Bahnhofsgleisen auch ein Gefangenentransportzug mit jüdischen Frauen und Mädchen. Sie waren während des Angriffs in verschlossenen Waggons eingepfercht und so hilflos dem Bombenhagel preisgegeben, während sich ihre Bewacher in Sicherheit brachten. Es gab daher unter ihnen leider mehrere hundert Tote und Verletzte. Die Unverletzten ergriffen nach dem Angriff die Flucht aus den zerstörten Waggons. Das Schicksal der Schwerverwundeten schien besiegelt, da es unter Androhung der Todesstrafe verboten war, KZ-Häftlingen zu helfen. Zwar hatte der Neuseddiner Bürgermeister gewarnt: "Das sind KZ-Häftlinge, das geht euch nichts an !" Vermutlich wollte er nur die eigenen Leute schützen, weil er wußte, daß die SS kein Pardon kannte? Niemand weiß es heute mehr zu sagen. Trotzdem richteten beherzte Bürger mit aktiver Unterstützung der Hauswartsfamilie der Übernachtung zusammen mit Angehörigen des DRK im Übernachtungsgebäude ein Notlazarett ein, um diese bedauernswerten Opfer zu versorgen. ln diesen Tagen des Zusammenbruchs in der Schlacht um Berlin, als die meisten Menschen auch in Neuseddins nur ans eigene Überleben dachten, vollbrachten die Männer und Frauen des DRK unter der Leitung von Karl Bartels wirkliche Heldentaten.

Die Leicht-und Unverletzten flüchteten durch den Wald in Richtung Seddin. Sie wurden von den Dorfbewohnern verbunden und mit Nahrungsmitteln versorgt. Eine 23-köpfige Frauengruppe wurde allerdings aufgegriffen, wobei leider ungeklärt bleibt, ob die Frauen bei Fichtenwalde oder bei Beelitz-Heilstätten erschossen oder erschlagen wurden. Ein Zeitzeuge hatte die Frauengruppe vor dem Mord noch lebend auf einem offenen LKW unter einem Tarnnetz in Beelitz gesehen. Sie fanden ihre letzte Ruhe auf dem sowjetischen Friedhof in Beelitz, nachdem sie aus einem Massengrab umgebettet wurden. Die genaue Zahl der jüdischen Opfer ist unbekannt geblieben. Auch unter den diensttuenden Eisenbahnern fanden 2 den Tod. Die getöteten 38 Einwohner wurden auf dem Neuseddiner Friedhof in einem Gemeinschaftsgrab beigesetzt. Einige Tote aus dem Häftlingszug wurden in ein Gemeinschaftsgrab neben verstorbenen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen bestattet. Tage später wurden noch im Wald Tote aus dem Zug gefunden. Sie wurden im Wald in Einzelgräbern bestattet. Die Überreste der vielen in den Eisenbahnwaggons getöteten und verbrannten jüdischen Frauen wurden überwiegend in den Bombentrichtern auf dem Bahngelände verscharrt. Die Anregung eines Neuseddiner Einwohners auf dem Bahngelände eine Gedenktafel für die Opfer dieses Massakers aufzustellen, wurde leider bis heute nicht realisiert. Auf dem hiesigen Friedhof ist jedoch eine würdige Gedenkstätte mit Gedenkstein errichtet worden, an dem jährlich am Tage des Angriffs feierlich der Opfer gedacht wird. Den hier im Ort im Notlazarett untergebrachten Verwundeten des Bombardements konnte erst nach der Besetzung Neuseddins durch die Rote Armee am 25.04.1945 ärztliche Hilfe zuteil werden, da in Folge der Kampfhandlungen kein Arzt aus den Nachbargemeinden nach Neuseddin gelangen konnte. Mit dem Luftangriff waren große Teile der Bahnanlagen zerstört, der Bahnhof verwüstet und betriebsunfähig geworden.

Aus Augenzeugenberichten zum Bombenangriff am 20. April 1945

Ein Reisender, der zu diesem Zeitpunkt im Personenzug nach Belzig gesessen hatte, beschreibt die Situation wie folgt :

"Als der Alarm ertönte, stand der Zug auf dem Personenbahnhof Seddin. Die Ausfahrt war zwar nicht freigegeben worden, der Lokführer setzte jedoch den Zug in eigener Verantwortung in Bewegung und hielt wieder in der Nähe des Eisenbahnkreuzes an. lch verließ den Zug und legte mich in eine Mulde. Dann sah ich, daß "Pfadfinder", das waren Flugzeuge, die das Bombenziel am Boden ausmachen und mit Leuchtbomben markieren sollten, in Aktion traten und wie danach die Bomber ihre Last abwarfen. Die Rauchsäule war noch an meinem Zielort Dahnsdorf zu sehen, als ich dort eintraf. Da der Kohlenbansen auf dem Bahngelände getroffen wurde und ausbrannte, stand die Rauchsäule noch wochenlang am Himmel."

Ein anderer Zeuge befand sich an diesem Tag in Michendorf und berichtete folgendes:

"lch war 16 Jahre alt und gehörte zur"Hitleriugend". Wir wurden dem "Volkssturm" zugeteilt. Am 20.04.1945 bekamen wir den Auftrag, von der Stelle im Walde, wo Rosenbergs Sonderzug versteckt stand, Dynamit zu holen. Die Kasten mußten wir zum Kinoraum in Michendort tragen, wo das Zeug trocken und kühl lagern sollte. Wir haben dann am "Kolk" herumgestanden, als Fliegeralarm kam. Von der Straße aus sahen wir nach Seddn hin, weil es von dort sehr stark brummte. Dann sahen wir ein Bombergeschwader gerade auf Neuseddin zufliegen, etwa aus Richtung Magdeburg-Beelitz-Heilstätten. Es bog aber nach rechts ab und flog anscheinend nach Treuenbrietzen, wo ja Munitionsfabriken waren. Da nahte eine zweite Bombergruppe, die blieb und warf einen breiten Bombenteppich auf das Güterbahnhofsgebiet, auf den Teil zwischen Bahnhof und Wasserlurm. Es krachte ganz furchtbar und überall stieg schwarzer und braunschwarzer Qualm auf. Immer von Neuem krachte es. Wir sahen Feuer aufblitzen und schwarze Rauchwolken hochschießen und hörten immerfort starke Explosionen. Mir war, als ob ganz Neuseddin untergegangen wäre. Eine dichte, hohe und breite Rauchwand verdeckte alles. Ich war ganz entsetzt. Dort wohnten ja meine Eltern! lch wollte hin. lch bat den SS-Feldwebel hinfahren zu dürfen Er sagte: "Du bleibst hier!" Als ich erklärte, ich würde doch rüberfahren, zog er seinen Revolver. Aber ich meinen auch. Mir war alles egal. Als wir uns so gegenüberstanden kam der Ortsgruppenleiter, der Postvorsteher von Michendorf: "Was ist denn hier los?" lch sagfe: "lch bin aus Neuseddin und will dorthin, ich will sehen, was mit meinen Eltern ist. Aber er will mich nicht weglassen!" Da sagfe er, ich dürfe fahren, aber his 18 Uhr mÜsse ich wieder zurück sein. lch fuhr neben der Bahn her durch den Wald. Noch nie bin ich mit meinem Rad so schnell gefahren. AIs ich an dem Forsthaus vorbei in die Schmiedestraße kam, erschrak ich, denn da war dichter Rauch. Man sah weder Häuser noch Bäume. lmmer noch hörte man Explosionen. Es roch nach Pulver und Staub, das Atmen wurde schwer. lch fuhr mitten auf dem Damm in die Dunkelheit hinein. lch war noch nicht weit an der Thielenstraße vorbei, ganz im Finstern, da stürzte ich mit dem Rad in einen Bombentrichter, den ich vor Staub und Qualm nicht hatte sehen können. lch kroch heraus, mein Rad war ganz geblieben. lch fuhr zurück und bog in die Thielenstraße ein, wo es leidlich klar war. lch kam in die Horst-Wessel-Sfraße , die heute Waldstraße heißt, fuhr rechts ab, am Gemeindeamt vorbei.Teils fuhr ich, teils schob ich mein Rad durch Heideland und hinter den Gärten der Dr.-Stapff-Straße entlang, um von hinten an den Breitenbachplatz zu kommen. Auch da sah ich Rauch und es roch nach Brand. lch sah das Schulhaus, alle Fenster waren raus. Links von mir lag ein Mann am Abhang nach der jetzigen Karl-Marx-Straße. Er richtete sich efwas auf. Es war Lehrer Sawade. lch aber dachte nur an meine Ettern. Rechts sah ich das Lehrerwohnhaus als dampfenden Trümmerhaufen. Auch um mein Eltemhaus zog sich Rauch. Es stand noch, aber ohne Türen und Fenster. Ich ging hinein, aber kein Mensch war da. Ich hatte großen Durst, fand aber kein Wasser. Dann fuhr ich zum Walde, denn meine Eltem hatten dort für uns einen Bunker gebaut und hatten vielleicht dorthin fliehen können. Dort traf ich sie wirklich gesund an. Bei ihnen hatten noch Amtmann Meier und seine Frau Unterschlupf gefunden. Eine Weile später ging ich mit Anderen, um die Zerstörungen auf dem Güterbahnhof anzusehen. Es war unglaublich. Alle Schienen und Weichen waren zerstört, sämtliche Gleise unbenutzbar. Wie Blech waren viele Schienen hochgebogen. Bombentichter waren dicht an dicht. Alle 40 Gleise waren wertlos. Wo noch Teile ganz waren, da lagen verbrannte oder vom Luftdruck hingeschleuderte Eisenbahnwagen, manchmal sogar ein Wagen auf dem anderen. Es hatten auch Benzin-und Munitionswagen hier gestanden, die explodiert und verbrannt waren. Teile davon, Radgestelle, Türen, Wagenteile lagen überall durcheinander. Auf dem Gleis 58 hatte ein Güterzug gestanden, in dem jüdische Frauen aus einem KZ waren. Sie sollfen an einen anderen Oft geschafft werden. Nun war der Bombenangriff gekommen. Entsetztiches war zu sehen. Viele Frauen waren ganz zerstückelt, überall lagen menschliche Glieder und Körperteile zwischen den Schienen oder in Trichtern. Schwer verwundete Frauen und Mädchen krochen schreiend umher oder lagen stöhnend am Boden, andere liefen mit schlimmen Wunden wie irre irgendwohin. Ich habe verschiedene Frauen aufgehoben und zum Tunnel getragen. Alle schrien nach Wasser, aber ich hatte ja keines. Es wurde geschätzt, daß mindestens 2/3 der Judenfrauen hier umgekommenen sind, wenigstens ca. 300 Menschen. Die Toten und einzelne Körpefteile wurden bei dem Massengrab der Fremdarbeiter beerdigt. Die Ver wundeten wurden erst einmal in der Übernachtung untergebracht, versorgt und verpflegt. Unter dem Schutz der Roten Armee, die dann bald darauf am 26.04.1945 hier einrückte, wurden sie dann abtransportiert."

Mit diesen schrecklichen Bildern endet an dieser Stelle der Augenzeugenbericht. Dann nahte auch für Neuseddin 1945 das Kriegsende mit all den menschlichen Tragödien.

Die Rote Armee in Neuseddin

Eine kleine sowjetische Einheit erreichte am 25.04.1945 Neuseddin. Sie stieß dabei auf die etwa 1.000 Insassen aus den Zwangsarbeiter-und Kriegsgefangenenlagern an der Ladestraße und dem sich anschließenden Waldbereich. Teile der ehemaligen Zwangsarbeiter schlossen sich noch in Zivilkleidung den Einheiten der Roten Armee an.

Die Insassen aus der Sowjetunion wurden in ein im Wald errichtetes Lager überführt, von wo aus sie gesammelt die Heimfahrt antraten. Die aus Frankreich stammenden Männer zogen mit einer Bescheinigung ausgerüstet in Richtung Forst-Zinna, von wo aus sie geschlossen in ihre Heimat gefahren wurden. Die Polen fuhren individuell nach Hause, sie nahmen auch das Löschfahrzeug der Freiwilligen Feuerwehr Neuseddin mit. Sie plünderten nach dem Einmarsch der Roten Armee auch Wohnungen in Neuseddin. Noch wochenlang nach Kriegsende trieben Banden (polnisch sprechend) in den Wäldern ihr Unwesen, plünderten einzeln stehende Gehöfte und raubten Menschen aus. Durch die befreiten Zwangsarbeiter gab es in den ersten Nachkriegswochen zahlreiche illegale Hausdurchsuchungen im Ort und Diebstähle von persönlichem Eigentum der Einwohner. lm Gewirr der Ereignisse wurden auch auf den Gleisen herumstehende Güterwagen, nicht nur von Einwohnern Neuseddins, sondern auch aus den Dörfern der näheren und weiteren Umgebung geplündert, um sich mit Lebensmitteln zu versorgen. Einige ausländische Arbeiter kehrten nach Kriegsende nicht sofort in ihre Heimatländer zurück, sondern blieben noch Wochen und Monate in Neuseddin und nahmen am Wiederaufbau des Bahnhofs teil. Der Krieg war in Neuseddin mit der Kapitulation Deutschlands am 08. Mai 1945 noch nicht ganz zu Ende. Er wirkte noch nach. Der Tod fand auf dem Bahngelände noch einmal am 30.06.1945, auch nach der Beendigung des Krieges, seine Opfer. ln der Einfahrgruppe-Ost stehende Wagen mit Munition explodierten mit großer Wirkung. Die verheerende Explosion zerstörte den Rest der nach dem Bombenangriff unbeschädigt gebliebenen Bahnhofsanlagen und verursachte weitere große Schäden an Dächern, Türen und Fenstern auch im Wohngebiet. Leider kamen auch hier 4 Eisenbahner und mehrere sowjetische Soldaten zu Tode.

Untersuchungen zu der Explosionskatastrophe wurden von der GPU (damalige Sowjetische Geheimpolizei) mit Sitz in der Kommandantur Beelitz geführt. Deutsche Eisenbahner wurden der Sabotage verdächtigt, verhaftet und in das Gefängnis der GPU in Beelitz eingeliefert. Den Deutschen konnte jedoch ein Sabotageakt nicht bewiesen werden. Die inhaftierten Eisenbahner wurden wieder freigelassen. Das Explosionsunglück soll durch ein Berge-und Sprengkommando der Roten Armee verursacht worden sein.

Auch zu diesem Ereignis gibt es einen Augenzeugenbericht :

"Am 30.Juni 1945 erfolgte plötztich auf dem nördlichen Bahngelände eine ungeheuer starke Exptosion, der bald eine zweite und eine dritte folgte. Von dem furchtbaren Luftdruck zerptatzten zahllose Fensterscheiben, Türen wurden eingedrückt, Häuser bekamen Risse. Von den meisten Dächem wurden die Dachziegel heruntergerissen, Menschen, die im Freien waren, wurden zu Boden geschleudert. Was war geschehen? Auf dem Bahngelände standen 2 Güterwagen, die mit je 3 Seeminen betaden waren, jenen riesigen schwarzen Kugeln, die im >Meer schwimmend, Schiffe zum Sinken bringen sollten. Sowietische Feuerwerker wollten die Minen entschärten, und die erste Mine explodierte. Die umherfliegenden Stücke trafen die Zünder der anderen. So gingen alle 6 Minen der Reihe nach mit fürchterlicher Gewalt in die Luft. Die 7 russischen Feuerwerker wurden in Stücke gerissen, ebenso 4 Eisenbahner. Menschen, die weiter entfernt waren, wurden vom heftigen Luftdruck weggeschleudert. Ein Zeitzeuge ezählte, daß er mehrere Male in der Luft um seine eigene Achse gewirbelt und hingeschleudert wurde, ohne zu verstehen, was los war. Er hatte lange an einer schweren Beinverletzung zu leiden, aber er überlebte.".

Es scheint nicht sicher, daß es Seeminen waren, da diese niemals zusammen mit dem Zünder transportiert wurden. Andere Zeitzeugen sprechen von deutschen Fliegerbomben, die dicht an dicht in Balkenverschlägen in den Waggons standen. Daneben befanden sich Waggonladungen mit Stangenpulver für Artilleriekartuschen und Leuchtbomben.

 

Diese Daten stammen aus der Broschüre
"Beiträge zur Ortsgeschichte Gemeinde Seddiner See"
erarbeitet vom Chronikkreis der Heimatfreunde Neuseddin


Redaktion:  Hanswerner Cimbal und Harald Röhr
Projektleitung:  Evangelisches Pfarramt Neuseddin, Pfarrer Jürgen Heydecke
Redaktionsschluß:  15.12.1998
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