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Chronik von Neuseddin Teil 2

Chronik von Neuseddin Teil 2

Chronik Teil 2

Die Jahre 1925 bis 1932


Die ersten 7 Jahre eine bewegte Zeit


Kostümfest 1928

gewidmet allen Bürgern Neuseddins aus der ersten Gründerzeit

Neuseddin entwickelt sich zu einer anziehenden Siedlung

Neue Dienststellen und Einrichtungen kommen nach Neuseddin.
Mit der vollen Aufnahme des Rangierbetriebes auf dem Verschiebebahnhof und mit der Fertigstellung des Wohnkomplexes Schmiedestraße trat zunächst das Gleichmaß des Alltags im Wohngebiet ein. Wichtige Baumaßnahmen, wie Schul- und Ladenneubau wurden zugunsten des Wohnungsbaus und aus finanziellen Gründen immer wieder zurückgestellt. Die ambulanten Händler verstärkten die Hauslieferungen. Für einen Fleischer wurde ein Wagenkasten neben dem Feuerwehrdepot aufgestellt. Die Eisenbahnverwaltung reduzierte jetzt den Einzugsbereich der sogenannten Einkaufskarten, indem Potsdam ausgeklammert wurde. Man war der Meinung, daß Michendorf angeblich den Bedarf ausreichend decken könne. Aber bis Anfang der vierziger Jahre kauften unsere Familien noch wöchentlich in Charlottenburg ein und nutzten für die Bahnfahrt die Einkaufskarte.

Noch galt für die versetzten Eisenbahner die Losung :


"Ringsum Wald in der Mitte Schien, das ist Seddin"


Aber schon setzten Axt und Säge ihr Werk fort. Es wurde weitere Baufreiheit für neue Wohnungen geschaffen. Der Anlaß dafür war, daß dem Verschiebebahnhof weitere und größere Aufgaben übertragen wurden, wie zum Beispiel die Verlegung des Güterverkehrs vom Berliner Anhalter Bahnhof zum Bahnhof Seddin. Die Herstellung eines Verbindungsgleises vom Bahnhof Seddin an die Strecke Jüterbog - Beelitz - Stadt - Wildpark in Richtung Beelitz im Jahre 1927 erhöhte den Güterzugzulauf nach Seddin. Aufgrund des hohen Stückgutaufkommens wurde in der Umladehalle der 24 - Stundenbetrieb eingeführt. Diese Erweiterungen hatten zur Folge, daß auch technische Dienststellen eingerichtet wurden. Zuerst wurde das Bahnbetriebswerk aufgebaut. Lokomotivpersonale der Berliner S-Bahn kamen, teilweise auch mit ihren Dampflokomotiven, nach Seddin und übernahmen hier im Bahnbetriebswerk ihren Dienst. Die Berliner S-Bahn hatte den elektrischen Betrieb aufgenommen, wodurch die Dampfloks überflüssig wurden und von Grunewald nach Seddin umgesetzt wurden. Weitere Dienststellen folgten, so u. a. die Bahnmeisterei Seddin.

Die Dr.-Stapff-Straße

Parallel mit der Fertigstellung des Hauses am Friedhof begann nun der Aufbau der "Neuen Straße" später umbenannt in "Dr.-Stapff-Straße". Herr Dr. Stapff amtierte von 1926 bis 1930 als Präsident der Reichsbahndirektion Berlin. Die Dr.-Stapff-Straße wurde rechtwinklig zur Schmiedestraße angelegt. Sie sollte eigentlich, wie in der Schmiedestraße, mit einer Öffnung der Häuserflucht beginnen. Davon zeugen die beiden Querblöcke. Das Versetzen der Häuser Schmiedestraße 15 und 17 sowie der Dr.-Stapff-Straße 2 verhinderten diesen Plan. Der weitere Wohnungsbau erfolgte in zwei getrennten Etappen. Gemeinsam ist für alle Wohnhäuser, daß sie als Mehrfamilienhäuser mit Hausgärten angelegt wurden. Nur im ersten, bis zum Jahre 1927 fertiggestellten Bauabschnitt, bekam noch jede Wohneinheit in der Dr.-Stapff-Straße ein Stallgebäude.

Alle neu erbauten Wohngebäude wurden sofort an die zentrale Wasserversorgung der Eisenbahn und der Energieversorgung angeschlossen. Der Anschluß an die Entwässerung geschah nach Fertigstellung derselben. Hier ist zu erwähnen, daß die Fäkalien aus den Toiletten in den Wohnungen der Schmiedestraße in auf den Höfen vorhandene Fäkaliengruben geleitet wurden und jeweils durch die Mieter entleert wurden. Bis in die 50er Jahre waren diese Fäkaliengruben noch in Funktion. Erst dann erfolgte der Anschluß der Toiletten an die bestehende Entwässerung und die Stillegung der Gruben.

Die Dr.-Stapff-Straße erhielt, wie die Schmiedestraße, Großsteinpflaster, die Gehwege Mosaikpflaster. Entsprechend dem damaligen Verkehrsaufkommen und -verhältnissen wurde die Straße sehr schmal angelegt. Für den heutigen Straßenverkehr ist sie zu eng. Dadurch ergeben sich erhebliche Verkehrsprobleme. Die Beleuchtung der Straße erfolgte zunächst ebenfalls durch an den Gebäuden angebrachte Lampen. Die Dr.-Stapff-Straße, in der überwiegend Beamte wohnten, erhielt später den Beinamen ,,Klavierstraße". Es gehörte zum Status vieler dieser Mieter, ein Klavier zu besitzen.

Erste Verkaufsläden in Neuseddin

Vom damals bestehenden Beamten-Wirtschafts-Verein (BWV) soll im Zusammenhang mit dem Wohnungsbau in der Dr.-Stapff-Str. auch der Bau eines Gebäudes mit Läden, in der späteren Thielenstraße Nr. 1 durchgesetzt worden sein. Der Fertigstellungstermin ist unbekannt, aber spätestens für das Jahr 1929 nachweisbar. lm Erdgeschoß des Gebäudes befand sich ein Lebensmittelladen und eine Fleischverkaufsstelle des BWV. Das bis vor Kurzem noch existierende Friseurgeschäft wurde dort auch untergebracht. Die Fleischverkaufsstelle wurde jedoch bald wieder aufgegeben. ln diesem weiß gekachelten Laden praktizierte zeitweilig ein Zahnarzt, später wurde der Raurn als Schuhmacherwerkstatt genutzt.

Das Forstdienstgebäude an der Ladestraße

ln diesen Zeitraum fällt auch die Fertigstellung des von der Eisenbahn finanzierten Forstdienstgebäudes an der Kunersdorfer Straße gegenüber der Einfahrt in die Schmiedestraße im Jahre 1927.

Die Trinkwasserversorgung und der Wasserturm
Der Neuseddiner Wasserturm


Die Versorgung des Betriebsgeländes der Eisenbahn und der Siedlung mit Brauch und Trinkwasser wurde durch das Bahnbetriebswerk vorgenommen. Hierfür wurde im Bw-Bereich ein neues Wassenwerk gebaut. Der markanteste Teil dieser Anlage wurde für alle Einwohner und Besucher des Ortes der weithin sichtbare Wasserturm. Wegen Baufälligkeit sind heute seine Tage gezählt und er wurdet der abgerissen. Seine Abbildung war viele Jahre auf dem Schulstempel bei den Zeugnissen unserer Schüler zu sehen. Er soll in dieser Chronik einen bleibenden Platz erhalten. Der Bau des Turmes zog sich über mehrere Jahre bis in das Jahr 1924 hin. Leider forderte der Bau auch ein Menschenopfer. Ein Bauarbeiter stürzte aus großer Höhe vom Gerüst und verstarb. ln einer zeitgenössischen Darstellung wird der Turm mit einem achteckigen Grundriß beschrieben. Über dem Sockel wurden Diensträume eingerichtet, deren Fenster durch starke Muschelkalkvorsätze zusammengefaßt sind. Die kräftig hervorstehenden spitzgiebeligen Fenster waren rot gestrichen worden. Aber diese "Schminke" hat er sehr bald durch Wind und Regen verloren. Die ständig einwirkenden Witterungseinflüsse, das Gesamtgewicht des Wasserbehälters und die im Laufe der Zeit entstandene Undichtigkeit des Wasserbehälters, machten ihn baufällig. Mit einer in den 70 er Jahren vorgenommenen Reparatur konnten zwar Mängel am Dach und Behälter beseitigt werden, die im Gemäuer bestehenden Risse waren leider nicht zu beseitigen. Nach Meinung von Experten wirkt sich besonders seine achteckige Konstruktion negativ auf die Statik des Baukörpers aus, die im Laufe der Jahre zu den gravierenden Mauerwerksschäden führten und seinen Erhalt schwer möglich machten. So verschwindet wieder ein Zeuge aus der Zeit der Dampflokomotive, der damaligen "heiligen Kuh" der Eisenbahn und ein Symbol des Ortes Neuseddin.

Die ursprüngliche Farbgestaltung der Fassaden an den ersten Wohnhäusern

ln derselben Beschreibung wurde auch das Aussehen der Fassaden in der Schmiedestraße festgelegt, um ein farbliches Ensemble zum Wasserturm zu erreichen. Danach wurde an allen Häusern unterhalb der Fensterbänke des Obergeschosses ein weiß gestrichenes Putzband angebracht, das die Fassade einheitlich in zwei Flächen teilte und so einen zweifarbigen Anstrich ermöglichte. Diese weißen Putzbänder sind heute noch an einigen Häusern zu erkennen. Die Fassaden wurden teils ein, teils zweifarbig gestrichen, wobei die Farbtöne bunt wechselten; so z.B. unterhalb des Bandes grauviolett, darüber in gelb. lnsgesamt wurde die ganze Farbpalette der Naturfarben verwendet. Die überwiegend gelb angestrichenen Häuser wurden im Volksmund "Kanarienvogelhäuser" genannt.

Das gesellschaftliche Leben bei den ersten Siedlungsbewohnern

Mit der vollen Aufnahme des Rangierbetriebes stiegen auch die Bahnbetriebsunfälle mit schweren und schwersten Folgen für Beschäftigte und Material. Eine der Ursachen war zum Beispiel der unübersichtliche Standort eines Rangierstellwerkes, welches aus diesem Grunde 1925 abgerissen und an anderer Stelle neu errichtet werden mußte. Wegen der steigenden Unfälle wurde angeordnet, neben dem Hilfszug der Eisenbahn aüch die Freiwillige Feuenruehr bei derartigen Ereignissen einzusetzen. Wenn bei diesen Unfällen Personen verletzt wurden oder in den Familien akute Erkrankungen auftraten, die eine sofortige ärztliche Versorgung erforderten, bereitete die Erstbenachrichtigung der Arzte in den 20er Jahren wegen fehlender Telefone gewisse Probleme. Es gab im ganzen Ort nur e i n Telefon. Der Siedlungsverein führte deshalb auch einen energischen Kampf um eine Telefonverbindung vom Bahnhof zum zuständigen Bahnarzt.

Eine Diakonisse als erste Gemeindeschwester

Zumindest für die Bewohner im Ort gab es eine wesentliche Verbesserung, als die Evangelische Kirche eine Gemeindeschwester einsetzte. Die Diakonissin "Schwester Anna" erhielt in der Schmiedestraße 8 eine Wohnung. Sie enruarb sich schnell das Vertrauen der Einwohner. Sie behandelte kleinere Verletzungen, besuchte Kranke und versorgte diese, betreute Behinderte, falls es die Notwendigkeit erforderte. Sie organisierte wöchentliche Bastelnachmittage für Kinder, die in einem Nebenraum des Kirchensaales im Übernachtungsgebäude stattfanden. Zur Vorbereitung der Kinder auf den Konfirmandenunterricht führte sie regelrnäßig Sonntagsschulen im Kirchsaal durch. Alte Bürger, ob groß oder klein, gleich welcher Konfession, fanden für ihre Sorgen und Nöte bei Schwester Anna stets ein offenes Ohr. Noch heute sprechen die alten Neuseddiner, die sie persönlich kannten und erlebten, voller Lob und Hochachtung von ihr. Als sie aus Altersgründen ihre Arbeit im Ort niederlegte und in das Mutterhaus Hermannswerder zurückkehrte, wurde ihr Weggang von vielen Einwohnern bedauert und als Verlust einer unersetzlichen Kraft empfunden. Als Nachfolgerin kam dann "Schwester Helene" aus dem gleichen Mutterhaus. Sie fand sehr schnell den richtigen Kontakt zu den Bewohnern und setzte die vertrauensvolle Arbeit der Schwester Anna fort. Zweifellos bedeutete die Zuordnung einer Gemeindeschwester für die Evangelische Kirchengemeinde einen bedeutenden Gewinn, da sich diese christlichen Schwestern am kirchlichen Gemeindeleben und bei der Betreuung Hilfsbedürftiger im Ort aktiv und aufopferungsvoll beteiligten. Viel Gutes und Segensreiches ging von diesen Frauen in alle Familien des Ortes hinaus.

Der erste Schulneubau am Breitenbachplatz
"Die alte Schule am Breitenbachplatz"


Endlich wurde am 4. April 1927 auch der lange versprochene Schulneubau und ein Zweifamilienhaus mit Lehrerwohnungen am Breitenbachplatz fertiggestellt und zur Nutzung übergeben.

Ein Schulgartengelände, welches sich hinter der Übernachtung befand, wurde der Schule angegliedert, wo jedes Kind ein Blumenbeet hatle, das persönlich bearbeitet und gepflegt wurde. lnteressant war im Schulgarten ein ca. 4 X 4 m großer Teich mit Wasserund Surnpfpflanzen, mit Karauschen, Molchen und Fröschen. Dieses kleine Biotop wurde für den Biologieunterricht genutzt.

Zur Zeit der Eröffnung der neuen 3-klassigen Schule gab es etwa 100 Schüler, die entsprechend ihrem Alter auf die Klassenräume aufgeteilt wurden. Die sogenannte 3. Klasse besuchten die Kinder des 1. und 2. Schuljahres gemeinsam, die 2. Klasse erfaßte die Kinder des 3. und 4. Schuljahres. Die l.Klasse war in eine Unter-und Oberabteilung aufgeteilt.

ln jeder dieser Abteilungen mußten jeweils 2 Jahre absolviert werden, sofern man nicht "sitzen" blieb. Auf diese Weise war der achtjährigen Schulpflicht Genüge getan. Die Klassenfrequenz betrug in den ersten Jahren in der sogenannten 3. Klasse etwa 25, in den beiden anderen Klassen über 30 Jungen und Mädchen. Der Unterricht begann im Sommerhalbjahr um 7.00 Uhr und im Winterhalbjahr um 8.00 Uhr. Kinder, die auf Wunsch ihrer Eltern die Mittel-, Oberrealschule oder ein Gymnasium besuchen sollten, mußten nach Potsdam oder Berlin zur Schule fahren. Den Besuch derartiger Schulen konnten sich aus Kostengründen aber nur wenige Elternhäuser leisten, da Fahr-und Schulgeld von den Eltern bezahlt werden mußten.

lm Keller der Schule war ein Werkraum vorgesehen. Die Provinzialregierung äußerte jedoch in einem Schreiben vom 05.10.1927, daß ein Werkraum dem Schulunterrichtswesen zuwiderläuft und untersagte die Nutzung. Jetzt bewährte sich die gute Zusammenarbeit des Siedlungsvereines mit den Bürgern, die den Werkunterricht forderten. Darauf mußte die Behörde ihren Entscheid zurück nehmen. Leider kam es dann doch nicht zur Nutzung dieses Raumes. Als Eigentümer des Schulgebäudes teilte die Reichbahndirektion Berlin am 01.10.1928 der Schule mit, daß sie den fraglichen Kellerraum für die Lagerung von betriebseigenem Material nutzen werde. Zur Erhärtung dieser Festlegung erklärte die für das Schulgebäude zuständige Baupolizei den Werkraum für schulische Zwecke unbenutzbar. Später konnte dann aber doch im Keller eine Schulküche für den Kochunterricht der Mädchen eingerichtet werden. Die im oberen Stockwerk gelegene Aula wurde auch als Turnraum für jeweils 20 Schüler genutzt. Auf der einen Seite hinter der Aula war ein Bildwerferraum und auf der anderen Seite ein Podium mit einer kleinen Bühne. Die Aula wurde in den ersten Jahren der Schule auch als Versammlungsraum für Einwohnerversammlungen genutzt. Außerdem wurde im Schulgebäude im Dezember 1930 eine Gemeindebücherei eingerichtet. Sie hatte als Anfangsbestand 150 Bände. Die Leihausgabe erfolgte Sonntagvormittags.

Anfang der 30er Jahre gab es Auseinandersetzungen zwischen dem Siedlungsverein und dem Bürgermeister einerseits und den Schulorganen andererseits, weil der Schulunterricht nach Ansicht der Eltern als nur mittelmäßig eingeschätzt wurde. Wenn auch durch den Kreisschulrat die Mittelmäßigkeit bestätigt wurde, lehnte er jedoch eine personelle Veränderung ab. Auch der Elternbeirat protestierte gegen die Haltung der Schulbehörde, jedoch ebenfalls ohne Erfolg. Die Schule wurde damals von einem Schulvorstand geführt, wobei der Schulleiter nicht Vorsitzender, sondern nur Mitglied war. Die Besetzung an Lehrkräften bestand aus dem Schulleiter und 2 Lehrern. Die Zuordnung und Versetzung von Lehrkräften fand in häufigem Wechsel statt. Für das heutige Verständnis erscheint es unglaublich, daß die damalige Handarbeitslehrerin zur Rechenschaft gezogen wurde, weil sie mit der Nutzung einer ausländischen Nähmaschine im Unterricht angeblich Propaganda für eine amerikanische Firma mache. Es erfolgte eine Maßregelung am 23.04.1928 durch den Kreisschulrat.

ln den Forderungen der Eltern an die Schule spiegelten sich auf besondere Art soziale Probleme der Einwohner wider. So beklagte sich der Schulrat in einem Schreiben darüber, daß fast alle Frauen der unteren Bediensteten sich einen Nebenverdienst suchten und deshalb um vorzeitigen Schulschluß ihrer älteren Schüler baten, damit diese auf die jüngeren Geschwister aufpassen könnten. Trotz solcher Querelen muß festgestellt werden, daß die Schule und ihre Lehrer das kulturelle Leben im Ort maßgeblich mit beeinflußt haben. Wer hatte schon Anfang der 30er Jahre ein Radio ? Ein Grammophon, ein Klavier oder andere Musikinstrumente waren zwar häufiger anzutreffen, aber die geistige und kulturelle Entwicklung wurde im gemeinschaftlichen kulturellen Erlebnis gesucht. So z.B. auch bei Kinoveranstaltungen, die zunächst in einem Raum im Tunnelbereich und später in der Gaststätte Babin stattfanden.

Verschiedene Vereine bieten ein erstes kulturelles Angebot

Die ersten Bewohner engagierten sich fast alle zum eigenen Nutzen und zum Wohle aller in den neu gegründeten Vereinen im Ort. So ist es nicht verwunderlich, daß mit der nunmehr vollzogenen Sesshaftigkeit der Bediensteten die vorhandenen ersten Ansätze des kulturellen und sportlichen Lebens in feste Bahnen gerieten. Neben dem bereits 1924 gegründeten Männergesang-Verein, wurden 1925 eine Theatergruppe, der Beamten-Wirtschafts-Verein, sowie der Verein für Biochemie, 1926 der Eisenbahn-Kurzschriftverein, sowie der Reichsbahn- Sportverein, auf den noch besonders hingewiesen wird, gegründet. 1927 bildete sich die Ortsgruppe der sozial tätigen Evangelischen Frauenhilfe. 1929 erfolgte die Gründung des Taubenzücher-Vereins "Unser Stolz". Es entstand ein Ortsverband des Arbeiter-Samariterbundes . 1932 wurde die Vereinigung Christlicher Eisenbahner gegründet. Außerdem bestand ein Ortsausschuß für Jugendpflege, der 1932 ein Sportfest durchführte. Wie bereits erwähnt, erfolgte die Gründung des Reichsbahn-Sportvereins, Ortsgruppe Neuseddin" am 01. September 1926 mit zunächst 27 Mitgliedern. Der Gruß lautete "Gut Sport". Die Farben waren blaue Hose und gelbes Hemd. ln diesen Farben war auch das Eingangstor des Sportplatzes gehalten. 1927 ertolgte die Aufnahme der Ortsgruppe in den Sportbezirk Belzig. Von Anfang an war die Fußballmannschaft zwar nicht die einzige Sparte, aber sie war immer die Beständigste und auch von Anfang an ein harter Prüfstein für die sportlichen Gegner. Die Fußballmannschaft des RSV Neuseddin wurde schon 1930 einmal Kreissieger. Mit der Gründung des Sportvereins bestand die Notwendigkeit einen Sportplatz zu bauen. Dieser wurde in mehreren Etappen unter verschiedenen Bedingungen angelegt. Erst durch eine Firma begonnen, dann im "Arbeitsbeschaffungsprogramm" weiter gebaut und schließlich durch den Arbeitsdienst vollendet.

Die Feuerwehr erweitert ihre technische Ausstattung

Ein besonderer Höhepunkt im Jahre 1925 war die mit einer Abnahmeprüfung verbundene Bestätigung der Freiwilligen Feuerwehr als "Hilfsorgan und Schutzwehr", wie es damals hieß. Am 13. 06. 1926 wurde der Wehr, als Spende eines auf dem Bahngelände tätigen Bauunternehmers, ein Steige- und Übungsturm übergeben. Dieser Turm diente auch gleichzeitig als Schlauchtrockenturm. Beide Veranstaltungen erfolgten unter großer Beteiligung der Bevölkerung. Noch im gleichen Jahr 1926 wurde eine elektrische Alarmsirene auf dem Steigerturm in Betrieb genommen.


Steiger-und Schlauchtrockenturm


Um den wachsenden Anforderungen an die Feuerwehr gerecht werden zu können, verstärkten sich die Forderungen auf Anschaffung eines Mannschaftswagens und einer Motorspritze. Der Mannschaftswagen wurde 1929 in Dienst gestellt. Es war ein umgebauter "Daimler-Benz" ca. 1,0 t schwer und mit 10 offenen Sitzplätzen ausgerüstet. Er wurde liebevoll "alter Dampfer" genannt. Mit ihm ist ein trauriges Ereignis verbunden. Am 01 . März 1931 verunglückte er auf schlüpfriger Straße in Beelitz in Höhe der damaligen Tennisplätze, er fuhr gegen einen Baum. Ein neben dem Fahrer sitzender Feuerwehrmann wurde getötet. Am Fahrzeug entstand Totalschaden. Die Kurbel des Wagens hatte danach noch viele Jahre im Baum gesteckt. Die gerichtliche Untersuchung des Unfalls ergab kein Verschulden des Fahrers.

lnteressant sind auch die unterschiedlichen Formen der damals ausgesprochenen Anerkennungen für die Wehrleute. Für langjährige treue Dienste in der Feuerwehr wurden verliehen oder überreicht :
die Nadel "silberne Spritze", mit Urkunde oder man erhielt ein Paradebeil mit Koppel oder es wurde der Titel "Ehrenbrandmeister" feierlich verliehen. Diesen Titel erhielt z.B. der damalige Leiter der Ortsfeuerwehr von Seddin. Die Tätigkeit der Feuerwehr war, einmal abgesehen von den vielen Übungen, von zahlreichen Einsätzen gekennzeichnet. Neben ständig in den trockenen Jahreszeiten zu bekämpfenden Waldbränden, mußte zunehmend Löschhilfe bei Bränden von Güterwagen geleistet werden.

Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise für die Einwohner

Die sich ab 1926 wieder beginnenden Verschlechterungen der sozialen Lage der Eisenbahner lösten keine erheblichen Spannungen im Ort aus. Aufgrund einer Notverordnung der Reichsregierung vom 08.12.1931 erfolgten Kürzungen beim Krankengeld und anderen Regelleistungen. Es wurde eine Kostenbeteiligung für Brillen und andere Hilfsmittel eingeführt. Das Familiensterbegeld wurde um 50 % geküzt. Für Eisenbahner, die eigentlich aufgrund von Rationalisierungsmaßnahmen zu entlassen waren, wurden von der Eisenbahnbehörde finanzierte Arbeitsbeschaffungsprogramme durchgeführt. So geschah es auch bei den Arbeiten am Sportplatz.

Ein für alle Eisenbahner und Bahnbenutzer sehr wichtiges Ereignis ist hier besonders zu nennen. Mit der Einführung des Sommerfahrplanes 1927 wurde bei der Deutschen Reichsbahn die 24-Stunden Zeitzählung eingeführt.

Die überwiegende gesellschaftliche Arbeit leistete bis zum Jahre 1932 nach wie vor der Siedlungsverein. Angefangen, wie bereits schon vorher erwähnt, bei kommunalen Problemen bis hin zur Durchführung von geselligen Veranstaltungen, besonders für die Kinder. Höhepunkte waren auch die alljährlichen Gartenschauen und die damit verbundenen Anerkennungen in 3 Stufen. Es gab jeweils abgestuft für den 1.,2. oder 3. Platz entsprechende Blumenstauden als Preis. Jede Stufe wurde bei Gleichwertigkeit mehrfach vergeben.

Veränderungen bei den alten Gutsbezirken

lm Dezember 1927 beschloß die preußische Regierung, durch ein entsprechendes Gesetz, die Beseitigung der gutsherrlichen Ordnung. Dies bedeutete, daß der Gutsvorsteher nicht mehr als Amtsvorsteher fungierte, und daß die Bereiche der Gutsbezirke aufgelöst wurden. Mit Erlaß des Oberpräsidenten der Mark Brandenburg vom 22.02.1928 wurde der bisherige Gutsbezirk Kunersdorf auf Neuseddin übertragen.

NEUSEDDIN wird endlich eine eigene Gemeinde

Am 01.01.1929 wurde durch Verfügung des Regierungspräsidenten in Potsdam die selbsfändige Gemeinde Neuseddin gebildet.

Vom ehemaligen Forstgutsbezirk wurden an die Gemeinde Neuseddin 1254 ha abgetreten, darunter auch die heutige Kunersdorfer Straße, der Rädler Weg (von Kunersdorf über die rote Brücke nach Rädel) , der Bier- weg (von Beelitz durch die Adlerbrücke nach Ferch), der Kuhstieger Weg (von Kunersdorf nach Caputh). Jahre später wurden die beiden letztgenannten Wege durch den Autobahnbau unterbrochen.

Die Übergabe der Geschäfte an die nunmehr selbständige Gemeinde und den Amtsbezirk erfolgte zunächst an den bis dahin amtierenden Gutsvorsteherstellvertreter und am 22.04.1929 an den neu gewählten Gemeindevorsteher. Dieser wurde dann durch den Landrat bestätigt. Gleichzeitig wurden 2 Schöffen und 1 Schöffenstellvertreter bestimmt.

Nunmehr begann eine gemeinsam abgestimmte, fruchtbare Zusammenarbeit zwischen der Kommunalbehörde und dem Siedlungsverein. Mit der Erklärung der Gemeinde zum Amtsbezirk, konnten jetzt auch verbindliche kommunale Festlegungen durch den Bürgermeister getroffen werden. So wurde Anfang 1930 das erste Ortsstatut ausgearbeitet und vom zuständigen Landrat bestätigt.

lm Jahre 1932 wurde durch die Reichbahn ein extern deklarierter (nicht kasernierter) Arbeitsdienst eingerichtet. Die 20 bis 25 Jahre alten Männer kamen aus den umliegenden Gemeinden. lhr Haupteinsatzgebiet war der Weiterbau des Sportplatzes in Neuseddin. Sie erhielten für ihre Tätigkeit nur die Hälfte des üblichen Tariflohnes. Bei der aber damals herrschenden großen Arbeitslosigkeit sahen viele darin einen Ausweg aus der Verarmung.

Die Einwohnenahl in Neuseddin betrug gegen Ende des Jahres 1932 um die 760 Personen (Volkszählung von 1933).

Für unseren Ort bedeutete der Zeitraum von 1925 bis 1932 eine Periode der zielstrebigen Entwicklung der lnfrastruktur mit ihrem Nachholbedarf, sowie der Herstellung und Entwicklung sozialer und gesellschaftlicher Beziehungen.

ln allen Phasen wurde ein untrennbarer Zusammenhang zu Abhängigkeiten und Zwängen deutlich, z.B. zum Wohnrecht und Sozialrecht. Ein Vorteil für die Überwindung der Krisenzeit der 20er Jahre war, daß zur Entlassung stehende Beschäftigte in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, finanziert durch die Eisenbahn, weiterbeschäftigt wurden und sich somit notwendige Maßnahmen im Wohngebiet durchführen ließen. So behielten diese Menschen vor allem ihr Wohnrecht in den reichsbahneigenen Wohnungen.

Die andere Seite der Wechselbeziehungen war die geringe politische Betätigung im Wohngebiet. Sie war vor allem sehr von der geforderten "Betriebstreue" geprägt. Die darnalige Haltung der Bürger kann an Hand der bisherigen Erkenntnisse so eingeschätzt werden, daß es kaum politische Auseinandersetzungen im Wohngebiet gab. Dazu trug wohl auch hier wieder die Verschmelzung von individuellen Verhaltensweisen zwischen Dienststellen-Zugehörigkeit und dem Eisenbahner-Wohnort bei. Das Recht der Beamten, sich politisch zu betätigen, war sowieso eingeschränkt. Sie hatten damals schon kein Streikrecht. Dafür garantierte der Staat eine besondere Fürsorgepflicht ihnen gegenüber. Die organisierte politische Haltung der Bürger beschränkte sich vorwiegend auf die Zugehörigkeit zu den Gewerkschaften. Es gab für die Eisenbahner damats 4 Verbände: Die Einheitsgewerkschaft im ADGB, die Beamtengewerkschaft, die Gewerkschaft der Lokführer und eine christliche Gewerkschaftsorganisation. Die Einheits-Gewerkschaft war die zahlenmäßig stärkste Organisation. lm Bahnbetriebswerk gab es noch eine Betriebszelle der RGO (Revolutionäre Gewerkschaftsopposition).

Aber die Wirrnisse der Weimarer Republik in Politik und Wirtschaft zu beginn der 30er Jahre blieben nicht ohne Wirkung auf die weitere Entwicklung in unserem Ort.

Deshalb für den heutigen Leser einige zusammenfassende Bemerkungen :

Durch die im Jahre 1929 beginnende Weltwirtschaftskrise, ausgelöst durch den "Schwarzen Freitag" an der New Yorker Börse, kam es zu einer zunehmenden Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage in Deutschland. Außerst negativ wirkten auch die horrenden Reparationsleistungen, die dem Reich durch den Versailler Friedensvertrag aufgebürdet waren. lm Jahre 1932 stieg die Arbeitslosenzahl über die Sechsmillionengrenze. Die Bürger wurden in diesem Jahr 4 mal an die Wahlurne gerufen. Die Reichspräsidentenwahl mit 2 Wahlgängen am 13.03. und 10.04. Die Reichstagswahlen am 20.07. und emeut am 06.11.1932. lm Jahre 1932 lösen sich 3 Reichsregierungen (Brüning, Papen und Schleicher) auf. Nachdem sich im Januar 1933 die Deutsch-Nationale Volkspartei unter Papen und Hugenberg mit den Nationalsozialisten über eine Regierungskoalition geeinigt hatten, wurde am 20. Januar,Adolf Hitler durch Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reicheskanzler berufen. Mit dieser Enennung begann für Deutschland eine schicksalhafte neue Geschichtsperiode, die schon 12 Jahre später mit grauenhaften Auswirkungen im Jahre 1945 endete. Zu Beginn der Regierungszeit Hitlers waren konservative Politiker in der Regierungsmannschaft vertreten. Leider stellte sich sehr bald heraus, daß die neue Regiierung gar nicht daran dachte, gemäß der Weimarer Verfassung zu handeln und diese einzuhalten, sondern bald, die Demokratie zerstörend, nach eigenen Vorstellungen ihre brutale Macht ausübte.

 

Diese Daten stammen aus der Broschüre
"Beiträge zur Ortsgeschichte Gemeinde Seddiner See"
erarbeitet vom Chronikkreis der Heimatfreunde Neuseddin


Redaktion:  Hanswerner Cimbal und Harald Röhr
Projektleitung:  Evangelisches Pfarramt Neuseddin, Pfarrer Jürgen Heydecke
Redaktionsschluß:  15.12.1998
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