Neuseddin
Chronik Teil 1
Von den Anfängen bis 1989
Der Wasserturm in Neuseddin
ein neues Wahrzeichen, eine neue Geschichtsschreibung
Vom Entstehen und Werden des Ortes Neuseddin.
Die Anfänge bis zum Jahre 1925
Die Schmiedestraße in Neuseddin
"Wer die Vergangenheit nicht kennt,
kann die Gegenwart nicht richtig einschätzen
und die Zukunft nicht gestalten."
Standortbestimmung von Neuseddin
| Neuseddin Gemeinde Seddiner See |
| Breitengrad |
52.2833 |
Längengrad |
12.9833 |
Höhenlage(feet) |
164 |
| Breite (Grad Minuten Sekunden) |
52° 16´ 60 N |
Länge (Grad Minuten Sekunden) |
12° 58´ 60 E |
Höhenlage (Meter) |
49 |
Topographische Beschreibung
Die Ortschaft Neuseddin ist bei der Gründung mitten im Kunersdorfer Forst
angesiedelt worden. Ihre vorwiegend mit Nadelwald bewachsene, fast
ebene Gesamtfläche beträgt 14,2 qkm, davon sind etwa 2 qkm Wohnfläche.
Das Wohngebiet liegt 58 m, das Bahngelände 61 m über dem Meeresspiegel.
Zur Gemeinde gehört ein gut erschlossenes 67 ha großes Gewerbegebiet,
welches zur Zeit von über 90 Gewerbetreibenden genutzt wird.
Die Gemeindefläche grenzt im Norden in Höhe der Autobahn A 10
an Ferch, im Osten an die Gemeinden Michendorf und Wildenbruch, im
Süden an den Großen Seddiner See und das Dorf Seddin, im Westen in
Höhe des Teufelssees an die Gemeindegrenze der Stadt Beelitz. über die
Bundesstraße 2 und die Regionalbahn 11 der Deutschen Bahn AG ist unser
Heimatort gut zu erreichen.
Die zum heimatlichen Naherholungsgebiet gehörenden Seen haben folgende Flächen :
Der Große Seddiner See 232,2 ha
Der Kleine Seddiner See 50,4 ha
Der Teufelssee 4,8 ha
Mögliche Deutung des Ortsnamens:
Die Namen "Seddin" und "Teufelssee" sind slawischen Ursprungs.
"Seddin" ist mit 'sedo' , d.h. "Ansiedlung" zu erklären.
Am wahrscheinlichsten ist die Ableitung von einem ursprünglichen Gewässernamen,
so als Ableitung vom urslawisch "zid" = flüssig ( Reinhard E. Fischer, Die Ortsnamen der Zauche, 1967).
Julius Bilek führt den Orts-und Gewässernamen Seddin auf das Zeitwort
"zdati" = bauen, gründen, oder auf einen Personennamen.
"Zdistav", "Zdislaus"
zurück. (Julius Bilek, Die slawischen Ortsnamen der Zauche, in Heimatkalender
für den Kreis Potsdam, 1960).
"Teufelssee" ist mit 'dupel', d.h. "vom Ort weit entfernt liegend" zu erklären.
Der in allen Teilen Brandenburgs vorkommende Gewässername Teufelssee
wird von Heimatforscher Dieter Mehlhardt auf das slavische "Düpel" oder "Dupel" (wie im Entwurf z. Ortsgeschichte genannt) zurückgeführt, womit
die Wenden einen versteckt liegenden Teich bezeichnen. (Dieter Mehlhardt, Teufelssee-Sagen, in Heimatkalender für den Kreis Potsdam, 1959 ).
Der Kunersdorfer Forst
gehörte bis 1815 zur preußisch-brandenburgischen
Zauche und wurde nach Zusammenlegung mit dem ehemals sächsischen
Amt Belzig in den Kreis Zauch-Belzig eingeordnet. Ab 1952 wurde Neuseddin,
aufgrund der damaligen Verwaltungsreform, dem neu gebildeten
Kreis Potsdam-Land zugeordnet. Mit der Kreisgebietsreform des Jahres
1993 wurden dann allerdings die ehemaligen Kreise Belzig, Brandenburg
und Potsdam-Land zusammengelegt und zum Kreis Potsdam-Mittelmarkvereinigt.
Als Kreisstadt für den neuen Großkreis wurde Belzig bestimmt.
Der Wohnort schließt sich unmittelbar an das Betriebsgelände des Bahnkomplexes
Seddin an. lhn durchquert die Kunersdorfer Straße, eine
Kreisstraße, welche die Verbindung von der Bundesstraße 2 ( Leipziger Chaussee )
bis zur Bundesstraße 1 ( Fernverkehrsstraße Berlin - Magdeburg )
herstellt und die das gesamte Bahngelände zum Ortsausgang hin
mit einem ca. 300 Meter langen Tunnel vollständig unterquert.
Ca. 1 1/2 km nördlich vom Ort entfernt verläuft die Trasse der Bundesautobahn
A 10 (Berliner Ring) mit der Anschlußstelle Ferch-Neuseddin.
Die Einwohnerzahl Neuseddins entwickelte sich von 1918, der Zeit der ersten Ansiedlung der Bewohner,
bis zum Jahr 1990 auf ca. 3.300 ortsansässige Bürger.
Aber auch schon vor 1918 waren einige wenige Bewohner ansässig.
Die lnfrastruktur Neuseddins
Die lnfrastruktur unseres Ortes wird wie folgt geprägt :
Auf der westlichen Seite der Kunersdorfer Straße befindet sich die ursprüngliche
Ortssiedlung mit Haus-und Kleingärten, sowie der "Alten
Schule", Sport-und Kulturanlagen, sowie 2 Arzt-und 2 Zahnarztpraxen.
Auf der anderen Seite der Kunersdorfer Straße befindet sich das Neubaugebiet,
das in Großblockbauweise (Plattenbau) errichtet wurde.
Beide Wohngebiete haben Versorgungs-und Dienstleistungseinrichtungen.
Die alte Schule und die Kita im älteren Ortsteil am Breitenbachplatz sind
aber leider nicht mehr in Betrieb.
Die Einrichtungen des Gesundheitswesens waren bisher im alten Ortsteil
dominierend. Seit einigen Jahren etablierte sich auch im neuen Ortsteil je 1
private Arztpraxis und 1 Zahnarztpraxis, dazu neuerdings 1 Apotheke und
1 Physiotherapie.
Ein modernes Einkaufszentrum mit Supermarkt und vielen Einzelhandels-
Geschäften an der Kunersdorfer Strasse bildet heute den östlichen Ortseingang.
Beide Wohngebiete sind mit Garagagenkomplexen umgeben. Der aufmerksame
Betrachter der Wohnsiedlung wird schon an der Bauart der verschiedenen
Wohngebäude, der Einfamilien-und Reihenhäuser, bis hin zu
den fünfgeschossigen traditionellen Plattenbauten und den in neuester Zeit
errichteten hochmodernen Wohnbauten ersehen, wie der Wohnort in deutlich
erkennbaren Etappen in verhältnismäßig kurzer Zeit gewachsen ist. Er
wird auch erkennen, wo sich in der Entwicklung unseres Ortes Disproportionen
ergeben haben.
Zwischen dem Wohnort und der Bundesstraße 2 befand sich ein NVA-
Gelände mit damals typischen Bauwerken und Einrichtungen. Aus diesen
Liegenschaften entwickelte sich nach der Wende 1989 ein vielfältiger Gewerbekomplex
und das bekannte Freizeitzentrum,"Neuseddinland".
Die Siedlung Kunersdorf
Der alte Siedlungskern Kunersdorf hat sein ursprüngliches Gepräge in den
zurückliegenden Jahren als Oberförsterei verloren und ist mit seinen teils
neu errichteten Gebäuden für Erholungszwecke, einer Heimvolkshochschule
und mit der in der Nähe befindlichen beliebten Badestelle und dem
Zeltplalz zum Naherholungsgebiet für viele Menschen geworden.
Ehemalige Försterei Kunersdorf
ln den umliegenden Waldgebieten finden jährlich Tausenden Erholungssuchende
die gewünschte Entspannung und Erholung.
Etwa 400 Jahre alte Eichen in der Nähe der B 2, eine etwa 250 Jahre alte
Kiefer am Seeweg unterhalb der Forstarbeiterhäuser am abgetrennten Teil
des Großen Seddiner Sees, die Krüppelkiefern sowie das Fenn am Teufelssee
und der Ziegenberg als Naturdenkmal sind zumindest für den Kenner
interessante Naturobjekte. Das um Kunersdorf und Neuseddin liegende
Seddiner Wald-und Seengebiet ist Teil der Landschaftsschutzgebiete
"Potsdamer Wald-und Havelseengebiet" (18.000 ha) bzw. "Nuthetal-Beelitzer Sander" (41.726 ha).
Der um Kunersdorf anzutreffende Eichenwald bzw. die Eichenbestände auf
dem Ziegenberg sind Reste und Relikte der einst für die Mittelmark so typischen
wärmeliebenden Eichenwälder, die später zum größten Teil aus
ökonomischen Gründen in schneller ertragreiche Kiefernforstgesellschaften,
d.h. in Monokulturen umgewandelt wurden. Der natürliche, wärmeliebenden
Eichenwald zeichnet sich durch buntblumige Pflanzenarten aus.
Kostbarkeiten in unserer intensiv genutzten Kulturlandschaft sind die
Waldmoore zwischen den Seddiner Seen und dem Teufelssee. Sie sind die
letzten "Urlandschaften", denen Gefahr durch sinkenden Wasserstand und
damit durch Austrocknen droht. Die Moore werden in unserer Gegend
Fenn genannt. Diese Bezeichnung brachten einst Kolonisten und Siedler
aus dem niederländischen oder niederdeutschen Sprachraum nach hier
mit. ln der Fennkette, alle Moore stehen hier unter Naturschutz, sind am
besten ausgeprägt das "Fenn am Teufelssee" und das "Dasen-Fenn", die
z. Zt der Fruchtreife des Wollgrases einen prachtvollen Anblick bieten. Als
sogenannte Verlandungs-oder Zwischenhochmoore weisen die Fenne
eine seltene Hochmoorflora auf u.a. mit Sonnentau-und Wasserschlaucharten
(sogenannte lnsekten-oder kleine Wassertiere fangende
Pflanzen), Blasenbinse, Sumpf-Blutauge, Straußgilbweiderich, Moosbeeren,
Wollgräser, Weißes Schnabelried und Torfmoosen. Die Moore sind
regelrechte "Kaltluftseen" und die hier wachsenden Pflanzen sind diesem
Lokalklima völlig angepaßt, so daß ein Teil dieser nordischen Pflanzenarten
auch in der Tundra Nordeuropas heimisch ist. Auch in den Sommermonaten
können in den Mooren dieser Fennkette nachts noch Fröste auftreten.
Andere interessante Pflanzen in der Umgebung der Moore sind das
nordische Moosglöckchen, Wintergrünarten und Keulen-Bärlapp.
Leider ist in der Fenn-Kette eines der artenreichsten Moore mit großen <
Vorkommen an Hochmoorpflanzen beim Bau des NVA-Objektes in Neuseddin
verlorengegangen. Die Forstvenvaltung hatte als Rechtsträger zugestimmt,
das Moor mit Sand und Abraum aufzufüllen.
Die prägende Wirkung des Eisenbahnkomplexes
Seddin für unseren Ort
Nicht unerwähnt bleiben darf der Eisenbahnkomplex Seddin, der mit seinen
weithin sichtbaren Gebäuden Wasserturm und Zentralstellwerk die Silhouette
des Ortes prägen. Ohne die Entwicklung des Eisenbahnwesens wäre
der Ort Neuseddin nicht entstanden.
Bereits in den Jahren 1875 bis 1879 wurde die sogenannte Wetzlarer Bahn
gebaut, um den wachsenden Aufgaben im Verkehr zwischen dem Osten
und dem Westen des damaligen Deutschen Kaiserreiches Rechnung zu tragen und eine durchgehende
Verbindung zwischen der damaligen russischen Grenze und Frankreich, über das sich industriell
stark entwickelnde Berlin herzustellen, den anhaltinischen Raum zu erschließen und außerdem militärischen
Forderungen Rechnung zu tragen, die auf diesem Transportweg schnell Truppenverschiebungen vornehmen konnten.
Deshalb wurde diese Bahnstrecke auch "Kanonenbahn" genannt.
Gleisarbeiter bei der Arbeit
Um die Jahrhundertwende ergab sich die Notwendigkeit, Berlin hinsichtlich
des Güterverkehrs zu entlasten. Die Kapazitäten der Rangier-und Güterbahnhöfe
war erschöpft. Es erschien unzweckmäßig im Stadtgebiet einen
weiteren großen Rangierbahnhof anzulegen. Als Standort für einen solchen
Bahnhof wurde ein geeigneter Platz an der Wetzlarer Bahn ausgesucht.
Die Schnittstelle Bahnlinie-Kunersdorfer Straße erschien für die Errichtung eines Verschiebebahnhofes
besonders günstig, weil hier das Eisenbahnkreuz Wetzlarer Bahn mit dem Streckenverlauf Oranienburg-Wildpark-Jüterbog
verbunden werden konnte. Somit war der Anschluß des Bahnhofes an
bereits bestehende Strecken möglich. Für die Bestimmung des Standortes war aber auch entscheidend, daß der Raum Potsdam auf Anordnung Kaiser Wilhelm ll. vom Betrieb eines Güterbahnhofes verschont bleiben
sollte, obwohl eine günstige Anbindun g zur Wasserstraße Havel dort möglich
gewesen wäre. Auch die Erweiterung des Bahnhofs Grunewald, damals noch weit vor den Toren Berlins gelegen, wurde abgelehnt.
Bahnhof Seddin in Neuseddin
Auf Anordnung von "SM" ("Seiner Majestät") sollte der Grunewald als Naherholungsgebiet
ausgebaut werden. Außerdem war das Waldgebiet im damaligen
Kreis Zauch-Belzig billiger zu erwerben, als Privatbesitz an Grund und
Boden. lm Zusammenhang mit der Errichtung des Bahnhofes Seddin wurde
auch der südliche Berliner Außenring geplant und eingleisig gebaut. Der
zweigleisige Ausbau erfolgte erst später in den 50er Jahren im Zuge der
Errichtung des gesamten Berliner Außenringes.
Obwohl die Wohnanlagen nach den ersten Entwürfen zuerst auf der nördlichen
Seite errichtet werden sollten, wurde das Planum für den Bahnkomplex
und den Wohnort dann doch auf der anderen Seite hergestellt, wahrscheinlich
wohi wegen der besseren Baufreiheit und günstigeren Be-und
Entwässerungsmöglichkeit, die man auf dieser Seite erreichte. Der Bahnkomplex
wurde auf einer Länge von 5 km und 300 m Breite mit 4 Unterführungen
gebaut. Ersollte im Jahre 1918 voll betriebsfähig sein. Obwohl die
Bauarbeiten vor allem Ausschachtungsarbeiten für die Unterführungen im
l.Weltkrieg mit Kriegsgefangenen durchgeführt wurden, verzögerte sich die
Fertigstellung der Anlagen in Folge des Krieges. Die entstandenen Anlagen
und Betriebsgebäude, so auch Stellwerke, wurden jahrelang nicht genutzt.
Nur der am 2.Februar 1914 erötfnete Haltepunkt wurde öffentlichkeitswirksam.
Die Anfänge der Wohnsiedlung
Mit dem Entstehen und der Entwicklung des Eisenbahnkomplexes ergab
sich auch die Notwendigkeit der Errichtung einer Wohnsiedlung für die bei
der Eisenbahn Beschäftigten und ihre Familien. Bis zu diesem Zeitpunkt
wohnten im Bereich lediglich die Schrankenwärter, die an den 4 Bahnübergängen
mit Wohnraum versorgt waren. Diese schienengleichen Bahnübergänge
wurden später nach dem Bau der Unterführungen aufgelöst. Ausschachtungsarbeiten
für die Unterführungen im 1. Weltkrieg wurden mit Kriegsgefangenen durchgeführt.
Nach Angaben von Gustav Dähn ( zu dieser Zeit Bahnarbeiter ) wurden die
Ausschachtungsarbeiten für Unterführungen und Bahnanlagen von engl.
und franz. Kriegsgefangenen durchgeführt, die am westlichen Teil des
Tunnels Unterkünfte hatten und sogar einen Sportplatz. Er erzählte weiter,
daß der Bahnbetrieb im 1. Weltkrieg mit Hilfe von Frauen aus dem Nachbarort
Seddin aufrecht erhalten wurde, die als Hilfsrangierer tätig waren
oder andere Tätigkeiten auf dem Bahnhof Seddin ausführten.
Als erste Schritte, hinsichtlich der Gründung des Ortes wurde vom damaligen
königlichen Landrat des zuständigen Kreises Zauch-Belzig in einem
Schreiben vom 06.11.1911 u.a. gefordert Entsprechende Maßnahmen neben dem Wohnungsbau zu berücksichtigen,
so der Bau eines Armenhauses mit Wärterwohnung, einer Kirche und
Pfarrhaus, die Betreibung einer Pfarrstelle, sowie einer Schule und ein
Lehrerwohnhaus. ln einem Schreiben des Landrates an den königlichen
Regierungspräsidenten in Potsdam vom 09.11.1912 begründete dieser,
warum er dem Anschluß des neu zu bildenden Kommunalbezirkes an eine
vorhandene umliegende Gemeinde nicht zustimmt, weil das in diesen Gemeinden
wegen des Zuzuges zahlreicher links gerichteter Arbeiter einen
schnellen Zuwachs sozialdemokratischer Stimmen bei den Wahlen nach
sich ziehen würde.
Am 27.07.1914 teilte der Landrat der königlichen Eisenbahndirektion in
Berlin mit, daß ihr nunmehr gestattet wird, die Notwendigkeit einer neuen
Wohnsiedlung und ihre Gestaltung zu begründen, das erfolgte dann im März 1915.
Daraufhin bestätigte der Kreisausschuß des Kreises Zauch-Belzig dem
Oberförster von Kunersdorf, als dem zuständigen Amtsvorsteher am 12.04.1915, daß die Ansiedlungsgenehmigung
entsprechend dem Ansiedlungsgesetz vom 10.08.1904 erteilt ist. lm Amtsblatt der königlichen Regierung
zu Potsdam und der Stadt Berlin stand dann in der Novemberausgabe 1915:
"Im Einvernehmen mit dem Herrn Minister des Inneren
wird der bei der Ortschaft Seddin im Kreis Zauch-Belzig gelegenen Ansiedlung für die Eisenbahnbediensteten
des neu errichteten Verschiebebahnhofes der Name Neuseddin beigelegt."
Potsdam, den 29. November 1915
Der Regierungspräsident
Zur geplanten Namensgebung
An dieser Stelle sei darauf hinzuweisen, daß die Namensgebung zunächst
nicht einheitlich war. Angefangen hatte der Streit mit der Bezeichnung für
den Haltepunkt und das Bahngelände. Von der Eisenbahnverwaltung kursierten
solche Bezeichnungen wie "Neu-Michendorf " oder, weil umfangreiche
Rodungen erforderlich waren, der Name "Kunersrode".
Auch Kunersdorf war vorgesehen,
wurde jedoch mit dem Hinweis des bereits vorhandenen Kummersdorf bei Jüterbog abgelehnt. Erst als die Gemeinde
Seddin vorschlug, dem Bahnkomplex den Namen "Seddin" zu geben,
setzte sich dieser letztendlich durch. So ergab sich dann auch folgerichtig
der Name "Neuseddin" für den neuen Wohnort.
Die ersten Verwaltungsentscheidungen
Die Genehmigung für die Ansiedlung wurde mit der Bedingung erteilt, daß
sie als eisenbahnfiskalische Siedlung betrieben wird. Das heißt also, daß
alle kommunalen Erfordernisse für den Aufbau und die Entwicklung der
Siedlung durch den Eisenbahnfiskus zu tragen sind. Die Wohnsiedlung
erhielt trotz der Forderung der königlichen Eisenbahndirektion Berlin im
Jahre 1916 nicht den Status eines eigenen, damit selbständigen Guts(
Amts-) Bezirks und wurde daher dem Guts- (Amts-) Vorsteher von
Kunersdorf zugeordnet. Der Oberförster und die Forstverwaltung sahen in
der sich anbahnenden Entwicklung des neuen Komplexes berechtigterweise
eine unzumutbare Belastung. ln beiderseitigem Einverständnis vereinbarten
Eisenbahnverwaltung und Forst, daß die Wohnsiedlung durch einen
Vertrag zwar dem Gutsbezirk mit allen Konsequenzen zugeordnet wurde
und deshalb der Guts- (Amts-) Vorsteher die Obrigkeitsbefugnisse wahrnimmt,
ihm jedoch ein Amtsvorsteher -Stellvertreter durch die Eisenbahn
beigegeben wurde. Außerdem wurde festgeschrieben, daß sämtliche sozialen
Ausgaben für den Ort durch die Eisenbahnverwaltung zu tragen
waren. Daraus ergab sich z.B. daß der jeweilige Finanzplan für den Ort von
der Eisenbahnvenrualtung aufgestellt und realisiert werden mußte, für sämtliche
Investitionen und sonstigen Ausgaben haftete der Eisenbahnfiskus.
Der erste Stellvertreter des Amtsvorstehers war der damalige Bahnhofsvorsteher.
Das wechselte aber im Laufe der Jahre. Eine Gemeindevertretung
gab es nicht, so lange diese Rechtsvorschriften galten. Auch ein erneuter
Antrag der Eisenbahndirektion im Jahre 1924 auf Bildung eines
eigenen Amtsbezirks wurde wiederum abgelehnt.
Neben der Regelung der kommunalen Verantwortung erfolgten weitere Vertragsregelungen zwischen
der Forst und der Eisenbahn. So der Eigentumswechsel über die
von der Eisenbahn damals in Anspruch genommenen Fläche von ca. 90 ha
für das Betriebsgelände und 41 ha für die Wohnfläche. Wegen der durch
die Ansiedlung der Eisenbahn sich ergebenden zusätzlichen Aufgaben für
die Forst, forderte und erhielt diese auch die Zustimmung dazu, daß ein
Försterwohnhaus mit Nebenanlagen an der Ecke Kunersdorfer Straße /
Ladestraße für einen Forstbeamten der Oberförsterei Kunersdorf im Ortsbereich
Neuseddin auf Kosten der Eisenbahn gebaut wurde.
Aus all den Darlegungen ist die enge Verflechtung zwischen der Eisenbahn
als Arbeitgeber und zugleich als Sozialpartner im Wohnort mit entsprechenden
Rechten und Pflichten zu entnehmen. Dazu gehörte z. B. daß nur
derjenige eine Wohnung erhielt, der bei der Eisenbahn beschäftigt war, sie
aber wieder verlassen mußte, wenn das Arbeitsverhältnis aufgelöst wurde.
Außerdem konnte die Eisenbahnvennraltung besondere Festlegungen in
den Mietverträgen vereinbaren; so die Straßen-und Vorgärtenreinigung. ln
den ersten Jahren gab es sogar einen Passus, daß in jedem Raum höchstens
eine 60 Watt-Glühlampe genutzt werden durfte, und daß das
Benutzen von elektrischen Geräten wie Bügeleisen oder Tauchsieder untersagt war.
ln den Dienstwohnungen gab es keine Zähler für Strom-und Wasserverbrauch.
Aus dem bisher Geschilderten ist ein deutliches Abhängigkeitsverhältnis
der Bewohner vom Arbeitgeber, auch hinsichtlich der Bürgerrechte im
Wohnort zu erkennen. Es gab auch keine Gemeindeverwaltung mit den
damit verbundenen Möglichkeiten für eine eigenständige Verwaltung. Aber
die damalige Regelung hatte den Vorteil, daß Fragen der öffentlichen Ordnung
und Sauberkeit durch die direkte Einflußnahme der Eisenbahnverwaltung
unkomplizierter geregelt und durch den engen Kontakt alle Maßnahmen
zur Infrastruktur besser gelöst werden konnten, da alle Voraussetzungen
vor Ort waren.
So gab es Bedienstete, die Bäume und Hecken im Wohngebiet beschnitten.
Die Bahnmeisterei war für die Müllabfuhr und die Haushaltkohlelieferung
zuständig. Durch die vor Ort vorhandenen Betriebshandwerker konnten
Reparaturen schneller ausgeführt werden. Für die Eisenbahnerfamilien
wurden auch Badeberechtigungen ausgegeben, mit der jeder Familienangehörige
berechtigt war, zu bestimmten Zeiten in der Badeeinrichtung des
Übernachtungsgebäudes zu baden. Beschäftigte konnten dies kostenlos
nutzen, Angehörige für sehr geringe Gebühren. Auf die notwendigen lnvestitionsmaßnahmen
zur Entwicklung der Wohnsiedlung hatten die örtlichen
Dienststellen aber keinen Einfluß. Diese eben geschilderten Prozesse verflachten
oder lösten sich im Laufe der Jairre auf, gaben jedoch immer wieder,
auch in Jahren veränderter Rechtsgrundlagen zur Kommunalpolitik,
Anlaß zu spezifischen Möglichkeiten der Gestaltung der Wohnbedingungen
im Ort.
Der l. Weltkrieg verzögert den Weiterbau
Obwohl durch die Auswirkungen des l.Weltkrieges die beabsichtigte Betriebsfähigkeit
des Bahnkomplexes stark verzögert worden war, einige Aufgaben
aber durchgeführt wurden, ergab sich immer mehr die Notwendigkeit,
Eisenbahner im Dienstort anzusiedeln. Neben dem begonnenen Wohnungsbau
ab 1918, der aber nicht ausreichend war, erfolgte vorerst eine
behelfsmäßige Unterbringung der ersten Familien ab 1918 in noch nicht zu
Eisenbahnzwecken genutzten Funktionsgebäuden. Ab 1921 wurden auch
Wohnräume im Übernachtungsgebäude hergerichtet. Diese Situation änderte
sich erst 1924. ln diesem Jahr sollte die endgültige Inbetriebnahme
des Verschiebebahnhofes in Verbindung mit einer großen Eisenbahnausstellung
auf dem Gelände der heutlgen Südgruppe erfolgen. Zu diesem
Zeitpunkt waren die damals benötigten Wohnungen ebenfalls fertiggestellt.
Die ersten Wohnkomplexe in der Schmiedestraße werden fertiggestellt
Als erster geschlossener Wohnungskomplex wurde bis 1925 die Schmiedestraße
fertig. Charakteristisch für den Baustil war die Reihenbauweise
mit Einfamilien-Reihenhäusem (bis auf dle Nr.17) die, entsprechend den
Bauvorschriften der Eisenbahn möglichst in Nord -Südrichtung anzulegen
waren. Beim Bau der Häuser der Schmiedestraße richtete man sich nach
der Lage der Gleisachsen, die eine Ost-West-Richtung haben. So erhielt
auch die Schmiedestraße die Ost-West-Richtung.Zu jeder Wohnung wurde
ein Stall gebaut, der mit dem Eingangstor zum Hof eine geschlossene
Front bildete. Vor jedem Haus wurden Rabatten angelegt, jede Wohnung
erhielt einen Hausgarten. Einheitlich wurde unter den oberen Fensterbänken
ein weißes Farbband gezogen. Am Anfang der Straße wurde die Häuserflucht
zueinander viel breiter gesetzt.
Erst ab Nr. 3 c und der gegenüberliegenden Seite veränderte sich
die Häuserflucht. Die Nr.1 blieb zunächst offen.
An dieser Stelle erfolgte durch einen Flachbau die Einrichtung
des ersten und lange Zeit einzigen Einzelhandelsgeschäftes.
Schmiedestraße
Mit der Einführung der Hausnummern nach dem System, daß die eine
Seite der Straße die geraden Nummern erhielt und die andere Seite die
ungeraden, wurde eine Gepflogenheit geschaffen, die bis Anfang der 60er
Jahre fortgesetzt wurde. Von den Mietern wurde anfänglich bemängelt, daß
der Kohleverbrauch in der Küche und Waschküche zu hoch sei, so daß
dann auf Wunsch der Mieter Küche und Waschküche durch eine Wand
getrennt wurden.
Die erste Forderung auf zu bauende Wohneinheiten betrug 49, sie wurde
im März 1919 bereits auf 61 erhöht. Bis 1924 ertolgte die Fertigstellung von
108 Wohneinheiten. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es dann noch 16 Notwohnungen,
davon 11 im Übernachtungsgebäude .
lm Einzelnen erfolgte die Fertigstellung der Wohneinheiten in der Schmiedestraße
wie folgt:
1919 1,2,4 und 8
1920 3, 5, 12, 14, 16 und 18
1921 7,9,9, 10, 11, 13, 15, 19, 20, 21, 24, 29 und 30
1924 23 und 26
1925 17 und Neue Str. Nr. 2 ( heute Dr.-Stapff-Straße)
Das Haus in der Friedhofsgasse wurde 1926 gebaut.
Nur jeder Wohnblock wurde numeriert. Die einzelnen Wohneinheiten
erhielten, fortlaufend je Wohnblock eine Kennzeichnung mit zusätzlicher
Buchstabenbezeichnung a, b, c usw.
Die ersten Versorgungseinrichtungen
in der Eisenbahn -Siedlung
Alle Wohnungen wurden sofort an das Stromnetz angeschlossen und erhielten
Wasseranschluß zu einem am Personenbahnhof stehenden, mit 2
Dampfmaschinen betriebenen Wasserwerk. Dieses war zunächst nur für
Bauzwecke vorgesehen, wurde später durch elektrische Pumpen und den
Wasserturm im B-Gelände ersetzt und schließlich 1940 abgerissen. Der
Wasserturm hat eine Höhe von 55 m. Um eine mögliche Gefährdung des
Grundwasserspiegels frühzeitig erkennen zu können, mußte nach dessen
Fertigstellung bis zum Jahre 1930 an 3 Stellen in der Umgebung des Ortes
wöchentlich der Grundwasserstand gemessen und ausgewertet werden.
Die Entwässerung der Siedlung wurde Miüe der 20er Jahre fertiggestellt.
Bis dahin gab es für jede Wohnung eine Auffanggrube auf dem Hof. Von
der Bahnmeisterei, damals der Wohnungsverwalter, wurden Schöpfeimer
und ein fahrbares Jauchefaß zur Verfügung gestellt. Die Entleerung der
Jauchegruben mußte durch die Mieter selbst vorgenommen werden. Die
Geräte dafür waren in einem dem Feuerwehrdepot gegenüber stehenden
Stallgebäude untergebracht. Bis zum Anschluß der zentralen Entwässerung
blieb die Schmiedestraße ungepflastert. Erst 1927 wurde der Straßen-und Gehwegbau begonnen.
Die Straßenbeleuchtung erfolgte durch an den Häusern angebrachte Lampen.
Das Aufstellen von Standlampen, so wie sie auch die Eisenbahn verwendete, geschah erst später.
Die Anfänge der Feuerwehr
Das Feuerwehrgerätehaus wurde vermutlich 1921 fertiggestellt. An der linken Seite befand
sich eine Arrestzelle mit separatem Eingang.
Feuerwehrgerätehaus in der Thielenstraße
Diese wurde 1949 zu einem Dienst-bzw. Schulungsraum und 1990 nach Ausbau
des Gerätehauses nochmals zu einen Sozial-und Sanitärtrakt umgebaut.
Die Freiwillige Feuerwehr, die seit 1920 als Betriebs-und Ortsfeuerwehr
besteht, natte eine Personalstärke von 40 Einsatzkräften. Sie erhielt 1925
ihre amtliche Bestätigung als Feuerwehr und war damit als Schutzwehr im
Sinne der Feuerlöschpolizei und Löschordnung anerkannt.
Die Ausrüstung war in diesen Anfangsjahren des Ortes sehr dürftig. Die
Beschaffung vön dringend benötigten 20 Spaten und 2 Axten konnte erst
nach über äinem Jahr nach lntervention bei der Regierung in Potsdam
erfolgen.
Ende 1924 war die Feuerwehr wie folgt ausgerüstet :
2 Spritzen (handgezogen),
4 Hydrantenwagen,
1 Gerätewagen,
1 Ausziehleiter,
1 Hakenleiter,
1 Trage mit Rädern.
Feuerwehrfahrzeug um 1929
Die Schläuche wurden anfangs in 2 Wagenkästen auf dem Gelände der Übernachtung
zum Trocknen aufgehängt.
Durch örtliche Polizeiverordnung war festgelegt, daß jeder männliche Einwohner
zwischen 18 und 60 Jahren, auf Anforderung verpflichtet war,
Löschhilfe zu leisten. Angaben über Brände liegen nicht vor. Jedoch kann
mit hoher Wahrscheinlichkeit angenommen werden, daß es bis 1925 keinen Wohnungsbrand gab,
sondern nur Entstehungsbrände an den Bahnböschungen.
Sonst hätte dies in vorhandenen Berichten seinen Ausdruck gefunden.
Die Anfänge der Schule in Neuseddin
Obwohl sich die Eisenbahn vertraglich verpflichtet hatte, bei wachsender
Bevölkerung bis 1921 endlich eine eigene Schule zu bauen, wurde der Baubeginn immer wieder zu Gunsten
des Wohnungsbaus zurückgestellt.
Ebenfalls der Bau von kirchlichen Einrichtungen. Die Schüler mußten deshalb in den ersten Jahren nach Seddin
zur Schule laufen.
Erst am 13.02.1922 wurde mit einem Klassenraum und 1923 mit 2 Klassenräumen
im Übernachtungsgebäude der hiesige Schulunterricht eröffnet.
Der Schulleiter erhielt dort ebenfalls Wohnraum. Seine Anstellung war davon
abhängig gemacht worden, ihn als Flüchtling, aus dem nach dem
l.Weltkrieg vom damaligen Deutschen Reich an Frankreich abgetretenen
Gebiet von Elsaß-Lothringen, mit Wohnraum zu versorgen. Beschwerden
gab es ständig wegen unzureichender hygienischer Verhältnisse für die
Schüler und wegen der Fußkälte im Winter. Besonders störend war, daß
sich im Keller der Übernachtung eine Gaststätte befand, die Tag und Nacht
geöffnet war und deren Lärm bis zu den Schulräumen drang.
Die Anfänge der Evangelischen Kirche
Die Evangelische Kirche erhielt zum gleichen Zeitpunkt ebenfalls Räume
im Übernachtungsgebäude. Am 1. April 1927 erfolgte die amtliche Gründung.
Mit bemerkenswertem Engagement trat der zuständige evangelische
Pfarrer gegen die sich damals häufenden Diebstähle auf, die zum Teil sogar
mit Waffengewalt durchgeführt wurden. Er redete allen Besuchern der
Gottesdienste intensiv ins Gewissen, sich daran nicht zu beteiligen, sowie
benachbarte Mitmenschen zu ermahnen, ehrlich zu bleiben.
Wegen der vielen Diebstähle wurde im Jahre 1920 die Bahnpolizei geschaffen.
Die Versorgung mit Lebensmitteln
Die Versorgung der Einwohner mit Nahrungs- und Genußmitteln erfolgte
durch einen Laden in der Schmiedestraße Nr.1. Die Milch mußte täglich mit
einem Hundewagen von der Leipziger Chaussee geholt werden, dies sowohl
im Sommer als auch im Winter, bei jedem Wind und Wetter.
Die Tochter des damaligen Lebensmittelhändlers hat sich dabei eine Lungenentzündung
mit tödlichem Ausgang zugezogen. Sie war die erste Heimgerufene,
die auf dem Neuseddiner Friedhof bestattet wurde.
Aus den umliegenden Orten kamen ambulante Händler, die den Bewohnern
zusätzliche Waren feilboten. Die Eisenbahnerfamilien konnten außerdem
mit ihrer ,,Einkaufskarte" je nach Festlegung in Berlin-Charlottenburg
oder Potsdam wöchentlich einmal Einkäufe erledigen, ohne hierfür Fahrgeld
bezahlen zu müssen.
Die ersten Gaststätten, die Post, die ärztliche Versorgung
Besser war das Gaststättenwesen entwickelt, zumindest hinsichtlich der
Quantität. So befand sich in Höhe des Personenbahnhofes, in der Nähe
des ersten Wasserwerkes, ein Holzflachbau Namens "Kunersrode" oder
"Waldschlößchen". Es waren aber Namen, die nicht publik wurden. Allgemein
wurde jedoch im Volksmund von der Gaststätte Hoffmann, dem ersten
Betreiber, später dann von der Gaststätte "Babin", dem zweiten Gastwirt
gesprochen. Die Gaststätte in der Übernachtung hatte zwar den hochtrabenden
Namen "Ratskeller", leider aber nur das Niveau einer einfachen
Kneipe.
Die Poststelle wurde in den ersten Jahren im Lebensmittelladen Hoffmann
nebenher betrieben. Familie Hoffmann besaß außerdem den ersten und
einzigen Pkw im Ort, welcher gleichzeitig als Taxi fungierte.
Die gesundheitliche Betreuung erfolgte durch Ärzte und Zahnärzte aus den
umliegenden Orten Beelitz und Michendorf. ln der damaligenZeit waren im
Normalfall nur Hausgeburten üblich. Die zuständige Hebamme mußte dann
aus Michendorf geholt werden. Sie kam meist mit dem Fahrrad zur Entbindung
und auch zur weiteren Betreuung der Wöchnerinnen. Eine Gemeindeschwester
gab es zu dieser Zeit noch nicht im Ort.
Zum Wirken des Siedlungsvereins
Zwar ergab sich, wie bereits erwähnt, hinsichtlich der kommunalen Probleme
zwangsläufig ein gewisser enger und fester Zusammenhang zwischen
der Eisenbahn als Arbeitgeber und den Beschäftigten als Mieter und
Einwohner des Ortes.
Das reichte berechtigterweise nicht aus, weil das Leben im Ort nicht nur
aus Vorschriften und Anordnungen bestand, sondern dazu auch gesellschaftliche
und zwischenmenschliche Beziehungen zu entwickeln waren.
Diese Aufgabe übernahm der 1920 gegründete Siedlungsverein, dem jeder
Haushalt angehörte. Er setzte durch Beratungen mit den Haushaltvorständen
so manche kommunalpolitischen Aktivitäten durch und war eine Art
Gemeindevertretung, die es ja zu diesem Zeitpunkt noch nicht gab.
Der Siedlungsverein führte Volksfeste, besonders Kinderfeste, im Bereich
der Bahnhofsgaststätte durch. Das erste Kinderfest fand am 16.05.1920
statt. Die Kinderfeste mit Onkel Pelle brachten auch noch
bis in die Vorkriegsjahre ganz Neuseddin auf die Beine und zur Bahnhofsgaststätte Babien.
Die Kinderfeste hatten damals Volksfestcharakter!
Eine besondere Rolle übernahm jeweils dabei der Gemeindearbeiter, Ortspolizist
und Gehilfe des Amtsvorsteher-Vertreters. Er verkörperte die damals sehr beliebte Figur
des "Onkel Pelle".

Kinderfest 1925 in der Schmiedestraße
Zu den unterschiedlichen sozialen Schichten bei den ersten Bewohnern
Ausgeprägte politische Strömungen gab es Anfang der 20er Jahre nur bei
den Bauarbeitern. Ein Ereignis ist jedoch festgehalten, nämlich die Absicht,
einer Gruppe von Kapp-Putschisten, die von Potsdam kommend, eine Eisenbahner-Protestveranstaltung
zusammenschießen wollten. Glücklicherweise blieb es bei der Absichtserklärung. Der verhältnismäßige Betriebs-
frieden bei der Eisenbahn hatte seine Ursache darin, daß die Beamten sich
zwar organisieren, aber nicht streiken durften. Anders sah es dann aber bei
den Ergebnissen der Wahlen aus, welche in den ersten Jahren noch mit
Kähnsdorf und Seddin gemeinsam durchgeführt wurden. Beim Vergleich
der Einwohnerzahlen und der Listen kam in den Wahlergebnissen eine
deutliche Linkstendenz zum Ausdruck
Dieser erste Abschnitt über die Entstehung des Ortes Neuseddin beschreibt
den Zeitraum von den ersten Anfängen bis 1925, er kann nicht
beendet werden, ohne auf das große Ereignis der lnternationalen Eisenbahnausstellung einzugehen.
Die lnternationalen Eisenbahnausstellung
Die Ausstellung fand vom 21. September bis zum 19.Oktober 1924 auf
dem Gelände des Bahnhofes im unmittelbaren Bereich der damaligen
Umladehalle statt. Sie war verbunden und mit einem intemationalen Fachsymposium
in Berlin und löste die völlige lnbetriebnahme des Verschiebebahnhofes
aus.
Sie sollte die blühende industrielle Entwicklung mit der damals sehr modernen
Technik demonstrieren. Die für diese Zeit erstaunlichen Rationalisierungsmaßnahmen
des Rangierbetriebes in Seddin sollten dies beweisen.
Es wurden über 100 Exponate der Eisenbahnbetriebs-und Transporttechnik
gezeigt. Täglich wurden bis zu 40.000 an einem Sonntag sogar
60.000 Besucher gezählt.
Internationale Eisenbahnausstellung 1924
Internationale Eisenbahnausstellung 1924
Eisenbahner stellten Unterkünfte für das Ausstellungspersonal zur Verfügung.
Junge Einwohner verdienten sich mit der Beaufsichtigung der abgestellten
Pkw/s und Fahrräder ihr Taschengeld.
Der Arbeiter-Samariter-Bund Beelitz hatte die Betreuung der Besucher
übernommen und leistete 126 mal Erste Hilfe. Dabei half er besonders an
einem Tag, als aus einem Kesselwagen, der in der Nähe der Ausstellung
abgestellt war, gefährliches Chlorgas ausströmte. Glücklicherweise trieb
der Wind die Gaswolke in die entgegengesetzte Richtung. Jedoch erlitten
zahlreiche Besucher im Tunnel Reizungen der Mund-und Rachenschleimhäute
durch das Chlorgas. Außerdem entstanden durch diesen Gasunfall
auch Schäden am Waldbestand.
Bis heute ist jedoch diese Ausstellung bei Zeitzeugen in der Erinnerung als
besonderes Ereignis fest eingeprägt.
Die auf dieser internationalen Eisenbahnausstellung dargestellten Rationalisierungsmaßnahmen
im Rangierbetrieb stießen bei der Gewerkschaft als
lnteressenvertreter der Eisenbahner auf heftige Kritik, weil bei Durchführung
dieser Maßnahmen Massenentlassungen befürchtet wurden. ln der
ersten Phase des Aufbaus des Verschiebebahnhofes Seddin und der gezielten
Ansiedlung von Arbeitskräften im Ort gab es hier keine Arbeitslosen.
Verärgerungen gab es aber, weil Lohnerhöhungen zwar ausgezahlt,
dann aber wieder ratenweise zurück gefordert wurden. Schließlich überwog
aber die Genugtuung, sich wohnmäßig verbessert zu haben sowie der
relativ sichere Arbeitsplatz, solche Argernisse.
Die ersten Vereine in Neuseddin
Es entstanden erste Anfänge der kulturellen und sportlichen Freizeitgestaltung
neben den Aktivitäten der Feuerwehr, dem Siedlungsverein und
den Gruppen der Evangelischen Kirche.
Bereits 1924 wurde ein Männergesangverein gegründet.
Auch vom Beginn erster Anfänge sportlicher Betätigung im Ort kann im
ersten Kapitel der Gründung unseres Heimatortes schon berichtet werden.
Gegen Ende des Jahres 1924 hatte die Siedlung 594 Einwohner.
Diese Daten stammen aus der Broschüre
"Beiträge zur Ortsgeschichte Gemeinde Seddiner See"
erarbeitet vom Chronikkreis der Heimatfreunde Neuseddin
Redaktion: Hanswerner Cimbal und Harald Röhr
Projektleitung: Evangelisches Pfarramt Neuseddin, Pfarrer Jürgen Heydecke
Redaktionsschluß: 15.12.1998
Webdesign: Thomas Müller
© 2011
- Chronik Teil 2
Die Jahre 1925 bis 1932
Die ersten 7 Jahre eine bewegte Zeit
Kostümfest 1928
gewidmet allen Bürgern Neuseddins aus der ersten Gründerzeit
Neuseddin entwickelt sich zu einer anziehenden Siedlung
Neue Dienststellen und Einrichtungen kommen nach Neuseddin.
Mit der vollen Aufnahme des Rangierbetriebes auf dem Verschiebebahnhof
und mit der Fertigstellung des Wohnkomplexes Schmiedestraße trat zunächst
das Gleichmaß des Alltags im Wohngebiet ein. Wichtige Baumaßnahmen,
wie Schul- und Ladenneubau wurden zugunsten des Wohnungsbaus
und aus finanziellen Gründen immer wieder zurückgestellt. Die ambulanten
Händler verstärkten die Hauslieferungen. Für einen Fleischer
wurde ein Wagenkasten neben dem Feuerwehrdepot aufgestellt. Die Eisenbahnverwaltung
reduzierte jetzt den Einzugsbereich der sogenannten
Einkaufskarten, indem Potsdam ausgeklammert wurde. Man war der Meinung,
daß Michendorf angeblich den Bedarf ausreichend decken könne.
Aber bis Anfang der vierziger Jahre kauften unsere Familien noch wöchentlich
in Charlottenburg ein und nutzten für die Bahnfahrt die Einkaufskarte.
Noch galt für die versetzten Eisenbahner die Losung :
"Ringsum Wald in der Mitte Schien, das ist Seddin"
Aber schon setzten Axt und Säge ihr Werk fort. Es wurde weitere Baufreiheit
für neue Wohnungen geschaffen. Der Anlaß dafür war, daß dem Verschiebebahnhof
weitere und größere Aufgaben übertragen wurden, wie
zum Beispiel die Verlegung des Güterverkehrs vom Berliner Anhalter
Bahnhof zum Bahnhof Seddin. Die Herstellung eines Verbindungsgleises
vom Bahnhof Seddin an die Strecke Jüterbog - Beelitz - Stadt - Wildpark in
Richtung Beelitz im Jahre 1927 erhöhte den Güterzugzulauf nach Seddin.
Aufgrund des hohen Stückgutaufkommens wurde in der Umladehalle der
24 - Stundenbetrieb eingeführt. Diese Erweiterungen hatten zur Folge, daß
auch technische Dienststellen eingerichtet wurden. Zuerst wurde das
Bahnbetriebswerk aufgebaut. Lokomotivpersonale der Berliner S-Bahn
kamen, teilweise auch mit ihren Dampflokomotiven, nach Seddin und übernahmen
hier im Bahnbetriebswerk ihren Dienst. Die Berliner S-Bahn hatte
den elektrischen Betrieb aufgenommen, wodurch die Dampfloks überflüssig
wurden und von Grunewald nach Seddin umgesetzt wurden.
Weitere Dienststellen folgten, so u. a. die Bahnmeisterei Seddin.
Die Dr.-Stapff-Straße
Parallel mit der Fertigstellung des Hauses am Friedhof begann nun der
Aufbau der "Neuen Straße" später umbenannt in "Dr.-Stapff-Straße".
Herr Dr. Stapff amtierte von 1926 bis 1930 als Präsident der Reichsbahndirektion
Berlin. Die Dr.-Stapff-Straße wurde rechtwinklig zur Schmiedestraße
angelegt. Sie sollte eigentlich, wie in der Schmiedestraße, mit einer
Öffnung der Häuserflucht beginnen.
Davon zeugen die beiden Querblöcke. Das Versetzen der Häuser Schmiedestraße
15 und 17 sowie der Dr.-Stapff-Straße 2 verhinderten diesen Plan.
Der weitere Wohnungsbau erfolgte in zwei getrennten Etappen. Gemeinsam
ist für alle Wohnhäuser, daß sie als Mehrfamilienhäuser mit Hausgärten
angelegt wurden. Nur im ersten, bis zum Jahre 1927 fertiggestellten
Bauabschnitt, bekam noch jede Wohneinheit in der Dr.-Stapff-Straße ein
Stallgebäude.
Alle neu erbauten Wohngebäude wurden sofort an die zentrale Wasserversorgung
der Eisenbahn und der Energieversorgung angeschlossen.
Der Anschluß an die Entwässerung geschah nach Fertigstellung derselben.
Hier ist zu erwähnen, daß die Fäkalien aus den Toiletten in den Wohnungen
der Schmiedestraße in auf den Höfen vorhandene Fäkaliengruben
geleitet wurden und jeweils durch die Mieter entleert wurden. Bis in die
50er Jahre waren diese Fäkaliengruben noch in Funktion. Erst dann erfolgte
der Anschluß der Toiletten an die bestehende Entwässerung und die
Stillegung der Gruben.
Die Dr.-Stapff-Straße erhielt, wie die Schmiedestraße, Großsteinpflaster,
die Gehwege Mosaikpflaster. Entsprechend dem damaligen Verkehrsaufkommen
und -verhältnissen wurde die Straße sehr schmal angelegt. Für
den heutigen Straßenverkehr ist sie zu eng. Dadurch ergeben sich erhebliche
Verkehrsprobleme. Die Beleuchtung der Straße erfolgte zunächst
ebenfalls durch an den Gebäuden angebrachte Lampen.
Die Dr.-Stapff-Straße, in der überwiegend Beamte wohnten, erhielt später
den Beinamen ,,Klavierstraße". Es gehörte zum Status vieler dieser Mieter,
ein Klavier zu besitzen.
Erste Verkaufsläden in Neuseddin
Vom damals bestehenden Beamten-Wirtschafts-Verein (BWV) soll im Zusammenhang
mit dem Wohnungsbau in der Dr.-Stapff-Str. auch der Bau
eines Gebäudes mit Läden, in der späteren Thielenstraße Nr. 1 durchgesetzt
worden sein. Der Fertigstellungstermin ist unbekannt, aber spätestens
für das Jahr 1929 nachweisbar. lm Erdgeschoß des Gebäudes befand sich
ein Lebensmittelladen und eine Fleischverkaufsstelle des BWV.
Das bis vor Kurzem noch existierende Friseurgeschäft wurde dort auch
untergebracht.
Die Fleischverkaufsstelle wurde jedoch bald wieder aufgegeben. ln diesem
weiß gekachelten Laden praktizierte zeitweilig ein Zahnarzt, später wurde
der Raurn als Schuhmacherwerkstatt genutzt.
Das Forstdienstgebäude an der Ladestraße
ln diesen Zeitraum fällt auch die Fertigstellung des von der Eisenbahn finanzierten
Forstdienstgebäudes an der Kunersdorfer Straße gegenüber
der Einfahrt in die Schmiedestraße im Jahre 1927.
Die Trinkwasserversorgung und der Wasserturm
Der Neuseddiner Wasserturm
Die Versorgung des Betriebsgeländes der
Eisenbahn und der Siedlung mit Brauch und
Trinkwasser wurde durch das
Bahnbetriebswerk vorgenommen.
Hierfür wurde im Bw-Bereich ein neues
Wassenwerk gebaut. Der markanteste Teil
dieser Anlage wurde für alle Einwohner
und Besucher des Ortes der weithin
sichtbare Wasserturm.
Wegen Baufälligkeit sind heute seine Tage
gezählt und er wurdet der abgerissen. Seine Abbildung
war viele Jahre auf dem Schulstempel
bei den Zeugnissen unserer
Schüler zu sehen. Er soll in dieser Chronik
einen bleibenden Platz erhalten. Der Bau des Turmes zog sich über mehrere
Jahre bis in das Jahr 1924 hin. Leider forderte der Bau auch ein Menschenopfer.
Ein Bauarbeiter stürzte aus großer Höhe vom Gerüst und verstarb.
ln einer zeitgenössischen Darstellung wird der Turm mit einem achteckigen
Grundriß beschrieben. Über dem Sockel wurden Diensträume
eingerichtet, deren Fenster durch starke Muschelkalkvorsätze zusammengefaßt
sind. Die kräftig hervorstehenden spitzgiebeligen Fenster waren rot
gestrichen worden. Aber diese "Schminke" hat er sehr bald durch Wind und
Regen verloren. Die ständig einwirkenden Witterungseinflüsse, das Gesamtgewicht
des Wasserbehälters und die im Laufe der Zeit entstandene
Undichtigkeit des Wasserbehälters, machten ihn baufällig.
Mit einer in den 70 er Jahren vorgenommenen Reparatur konnten zwar
Mängel am Dach und Behälter beseitigt werden, die im Gemäuer bestehenden
Risse waren leider nicht zu beseitigen. Nach Meinung von Experten
wirkt sich besonders seine achteckige Konstruktion negativ auf die
Statik des Baukörpers aus, die im Laufe der Jahre zu den gravierenden
Mauerwerksschäden führten und seinen Erhalt schwer möglich machten.
So verschwindet wieder ein Zeuge aus der Zeit der Dampflokomotive, der
damaligen "heiligen Kuh" der Eisenbahn und ein Symbol des Ortes Neuseddin.
Die ursprüngliche Farbgestaltung der Fassaden an den ersten Wohnhäusern
ln derselben Beschreibung wurde auch das Aussehen der Fassaden in der
Schmiedestraße festgelegt, um ein farbliches Ensemble zum Wasserturm
zu erreichen. Danach wurde an allen Häusern unterhalb der Fensterbänke
des Obergeschosses ein weiß gestrichenes Putzband angebracht, das die
Fassade einheitlich in zwei Flächen teilte und so einen zweifarbigen Anstrich
ermöglichte. Diese weißen Putzbänder sind heute noch an einigen
Häusern zu erkennen.
Die Fassaden wurden teils ein, teils zweifarbig gestrichen, wobei die Farbtöne
bunt wechselten; so z.B. unterhalb des Bandes grauviolett, darüber in
gelb. lnsgesamt wurde die ganze Farbpalette der Naturfarben verwendet.
Die überwiegend gelb angestrichenen Häuser wurden im Volksmund "Kanarienvogelhäuser"
genannt.
Das gesellschaftliche Leben bei den ersten Siedlungsbewohnern
Mit der vollen Aufnahme des Rangierbetriebes stiegen auch die Bahnbetriebsunfälle
mit schweren und schwersten Folgen für Beschäftigte und
Material. Eine der Ursachen war zum Beispiel der unübersichtliche Standort
eines Rangierstellwerkes, welches aus diesem Grunde 1925 abgerissen
und an anderer Stelle neu errichtet werden mußte. Wegen der steigenden
Unfälle wurde angeordnet, neben dem Hilfszug der Eisenbahn aüch die
Freiwillige Feuenruehr bei derartigen Ereignissen einzusetzen. Wenn bei
diesen Unfällen Personen verletzt wurden oder in den Familien akute Erkrankungen
auftraten, die eine sofortige ärztliche Versorgung erforderten,
bereitete die Erstbenachrichtigung der Arzte in den 20er Jahren wegen
fehlender Telefone gewisse Probleme. Es gab im ganzen Ort nur e i n
Telefon. Der Siedlungsverein führte deshalb auch einen energischen
Kampf um eine Telefonverbindung vom Bahnhof zum zuständigen Bahnarzt.
Eine Diakonisse als erste Gemeindeschwester
Zumindest für die Bewohner im Ort gab es eine wesentliche Verbesserung,
als die Evangelische Kirche eine Gemeindeschwester einsetzte. Die Diakonissin
"Schwester Anna" erhielt in der Schmiedestraße 8 eine Wohnung.
Sie enruarb sich schnell das Vertrauen der Einwohner. Sie behandelte kleinere
Verletzungen, besuchte Kranke und versorgte diese, betreute Behinderte,
falls es die Notwendigkeit erforderte. Sie organisierte wöchentliche
Bastelnachmittage für Kinder, die in einem Nebenraum des Kirchensaales
im Übernachtungsgebäude stattfanden. Zur Vorbereitung der Kinder auf
den Konfirmandenunterricht führte sie regelrnäßig Sonntagsschulen im
Kirchsaal durch. Alte Bürger, ob groß oder klein, gleich welcher Konfession,
fanden für ihre Sorgen und Nöte bei Schwester Anna stets ein offenes Ohr.
Noch heute sprechen die alten Neuseddiner, die sie persönlich kannten
und erlebten, voller Lob und Hochachtung von ihr. Als sie aus Altersgründen
ihre Arbeit im Ort niederlegte und in das Mutterhaus Hermannswerder
zurückkehrte, wurde ihr Weggang von vielen Einwohnern bedauert und als
Verlust einer unersetzlichen Kraft empfunden.
Als Nachfolgerin kam dann "Schwester Helene" aus dem gleichen Mutterhaus.
Sie fand sehr schnell den richtigen Kontakt zu den Bewohnern und setzte die vertrauensvolle Arbeit der Schwester Anna fort. Zweifellos bedeutete die Zuordnung einer Gemeindeschwester für die Evangelische
Kirchengemeinde einen bedeutenden Gewinn, da sich diese christlichen
Schwestern am kirchlichen Gemeindeleben und bei der Betreuung Hilfsbedürftiger
im Ort aktiv und aufopferungsvoll beteiligten. Viel Gutes und Segensreiches
ging von diesen Frauen in alle Familien des Ortes hinaus.
Der erste Schulneubau am Breitenbachplatz
"Die alte Schule am Breitenbachplatz"
Endlich wurde am 4. April 1927 auch der lange versprochene Schulneubau
und ein Zweifamilienhaus mit Lehrerwohnungen am Breitenbachplatz fertiggestellt
und zur Nutzung übergeben.
Ein Schulgartengelände, welches sich hinter der Übernachtung befand,
wurde der Schule angegliedert, wo jedes Kind ein Blumenbeet hatle, das
persönlich bearbeitet und gepflegt wurde.
lnteressant war im Schulgarten ein ca. 4 X 4 m großer Teich mit Wasserund
Surnpfpflanzen, mit Karauschen, Molchen und Fröschen. Dieses kleine
Biotop wurde für den Biologieunterricht genutzt.
Zur Zeit der Eröffnung der neuen 3-klassigen Schule gab es etwa 100
Schüler, die entsprechend ihrem Alter auf die Klassenräume aufgeteilt
wurden. Die sogenannte 3. Klasse besuchten die Kinder des 1. und 2.
Schuljahres gemeinsam, die 2. Klasse erfaßte die Kinder des 3. und 4.
Schuljahres. Die l.Klasse war in eine Unter-und Oberabteilung aufgeteilt.
ln jeder dieser Abteilungen mußten jeweils 2 Jahre absolviert werden, sofern
man nicht "sitzen" blieb.
Auf diese Weise war der achtjährigen Schulpflicht Genüge getan. Die Klassenfrequenz
betrug in den ersten Jahren in der sogenannten 3. Klasse
etwa 25, in den beiden anderen Klassen über 30 Jungen und Mädchen.
Der Unterricht begann im Sommerhalbjahr um 7.00 Uhr und im Winterhalbjahr
um 8.00 Uhr. Kinder, die auf Wunsch ihrer Eltern die Mittel-, Oberrealschule
oder ein Gymnasium besuchen sollten, mußten nach Potsdam
oder Berlin zur Schule fahren. Den Besuch derartiger Schulen konnten sich
aus Kostengründen aber nur wenige Elternhäuser leisten, da Fahr-und
Schulgeld von den Eltern bezahlt werden mußten.
lm Keller der Schule war ein Werkraum vorgesehen. Die Provinzialregierung
äußerte jedoch in einem Schreiben vom 05.10.1927, daß ein Werkraum
dem Schulunterrichtswesen zuwiderläuft und untersagte die Nutzung.
Jetzt bewährte sich die gute Zusammenarbeit des Siedlungsvereines
mit den Bürgern, die den Werkunterricht forderten. Darauf mußte die Behörde
ihren Entscheid zurück nehmen. Leider kam es dann doch nicht zur
Nutzung dieses Raumes. Als Eigentümer des Schulgebäudes teilte die
Reichbahndirektion Berlin am 01.10.1928 der Schule mit, daß sie den fraglichen
Kellerraum für die Lagerung von betriebseigenem Material nutzen
werde. Zur Erhärtung dieser Festlegung erklärte die für das Schulgebäude
zuständige Baupolizei den Werkraum für schulische Zwecke unbenutzbar.
Später konnte dann aber doch im Keller eine Schulküche für den Kochunterricht
der Mädchen eingerichtet werden.
Die im oberen Stockwerk gelegene Aula wurde auch als Turnraum für jeweils
20 Schüler genutzt. Auf der einen Seite hinter der Aula war ein Bildwerferraum
und auf der anderen Seite ein Podium mit einer kleinen Bühne.
Die Aula wurde in den ersten Jahren der Schule auch als Versammlungsraum
für Einwohnerversammlungen genutzt. Außerdem wurde im Schulgebäude
im Dezember 1930 eine Gemeindebücherei eingerichtet. Sie hatte
als Anfangsbestand 150 Bände. Die Leihausgabe erfolgte Sonntagvormittags.
Anfang der 30er Jahre gab es Auseinandersetzungen zwischen dem Siedlungsverein
und dem Bürgermeister einerseits und den Schulorganen andererseits,
weil der Schulunterricht nach Ansicht der Eltern als nur mittelmäßig
eingeschätzt wurde. Wenn auch durch den Kreisschulrat die Mittelmäßigkeit
bestätigt wurde, lehnte er jedoch eine personelle Veränderung
ab. Auch der Elternbeirat protestierte gegen die Haltung der Schulbehörde, jedoch ebenfalls ohne Erfolg. Die Schule wurde damals von einem Schulvorstand geführt, wobei der Schulleiter nicht Vorsitzender, sondern nur
Mitglied war. Die Besetzung an Lehrkräften bestand aus dem Schulleiter
und 2 Lehrern. Die Zuordnung und Versetzung von Lehrkräften fand in
häufigem Wechsel statt. Für das heutige Verständnis erscheint es unglaublich,
daß die damalige Handarbeitslehrerin zur Rechenschaft gezogen wurde,
weil sie mit der Nutzung einer ausländischen Nähmaschine im Unterricht
angeblich Propaganda für eine amerikanische Firma mache. Es erfolgte
eine Maßregelung am 23.04.1928 durch den Kreisschulrat.
ln den Forderungen der Eltern an die Schule spiegelten sich auf besondere
Art soziale Probleme der Einwohner wider. So beklagte sich der Schulrat in
einem Schreiben darüber, daß fast alle Frauen der unteren Bediensteten
sich einen Nebenverdienst suchten und deshalb um vorzeitigen Schulschluß
ihrer älteren Schüler baten, damit diese auf die jüngeren Geschwister
aufpassen könnten. Trotz solcher Querelen muß festgestellt werden,
daß die Schule und ihre Lehrer das kulturelle Leben im Ort maßgeblich mit
beeinflußt haben. Wer hatte schon Anfang der 30er Jahre ein Radio ? Ein
Grammophon, ein Klavier oder andere Musikinstrumente waren zwar häufiger
anzutreffen, aber die geistige und kulturelle Entwicklung wurde im
gemeinschaftlichen kulturellen Erlebnis gesucht. So z.B. auch bei Kinoveranstaltungen,
die zunächst in einem Raum im Tunnelbereich und später in der Gaststätte Babin stattfanden.
Verschiedene Vereine bieten ein erstes kulturelles Angebot
Die ersten Bewohner engagierten sich fast alle zum eigenen Nutzen und
zum Wohle aller in den neu gegründeten Vereinen im Ort. So ist es nicht
verwunderlich, daß mit der nunmehr vollzogenen Sesshaftigkeit der Bediensteten
die vorhandenen ersten Ansätze des kulturellen und sportlichen Lebens in feste Bahnen gerieten.
Neben dem bereits 1924 gegründeten Männergesang-Verein, wurden 1925
eine Theatergruppe, der Beamten-Wirtschafts-Verein, sowie der Verein für
Biochemie, 1926 der Eisenbahn-Kurzschriftverein, sowie der Reichsbahn-
Sportverein, auf den noch besonders hingewiesen wird, gegründet.
1927 bildete sich die Ortsgruppe der sozial tätigen Evangelischen Frauenhilfe.
1929 erfolgte die Gründung des Taubenzücher-Vereins "Unser Stolz".
Es entstand ein Ortsverband des Arbeiter-Samariterbundes . 1932 wurde die Vereinigung Christlicher Eisenbahner gegründet. Außerdem bestand ein Ortsausschuß für Jugendpflege, der 1932 ein Sportfest durchführte.
Wie bereits erwähnt, erfolgte die Gründung des Reichsbahn-Sportvereins, Ortsgruppe Neuseddin" am 01. September 1926 mit zunächst 27 Mitgliedern.
Der Gruß lautete "Gut Sport". Die Farben waren blaue Hose und
gelbes Hemd. ln diesen Farben war auch das Eingangstor des Sportplatzes
gehalten. 1927 ertolgte die Aufnahme der Ortsgruppe in den Sportbezirk
Belzig. Von Anfang an war die Fußballmannschaft zwar nicht die einzige
Sparte, aber sie war immer die Beständigste und auch von Anfang an
ein harter Prüfstein für die sportlichen Gegner. Die Fußballmannschaft des
RSV Neuseddin wurde schon 1930 einmal Kreissieger. Mit der Gründung
des Sportvereins bestand die Notwendigkeit einen Sportplatz zu bauen.
Dieser wurde in mehreren Etappen unter verschiedenen Bedingungen angelegt.
Erst durch eine Firma begonnen, dann im "Arbeitsbeschaffungsprogramm" weiter gebaut und schließlich durch den Arbeitsdienst vollendet.
Die Feuerwehr erweitert ihre technische Ausstattung
Ein besonderer Höhepunkt im Jahre 1925 war die mit einer Abnahmeprüfung
verbundene Bestätigung der Freiwilligen Feuerwehr als "Hilfsorgan und Schutzwehr", wie es damals hieß.
Am 13. 06. 1926 wurde der Wehr, als Spende eines auf dem Bahngelände tätigen Bauunternehmers, ein Steige-
und Übungsturm übergeben.
Dieser Turm diente auch gleichzeitig als Schlauchtrockenturm. Beide Veranstaltungen
erfolgten unter großer Beteiligung der Bevölkerung.
Noch im gleichen Jahr 1926 wurde eine elektrische Alarmsirene auf dem Steigerturm in Betrieb genommen.
Steiger-und Schlauchtrockenturm
Um den wachsenden Anforderungen an die Feuerwehr gerecht werden zu
können, verstärkten sich die Forderungen auf Anschaffung eines Mannschaftswagens
und einer Motorspritze. Der Mannschaftswagen wurde 1929 in Dienst gestellt. Es war ein umgebauter "Daimler-Benz" ca. 1,0 t schwer und mit 10 offenen Sitzplätzen ausgerüstet. Er wurde liebevoll "alter Dampfer" genannt.
Mit ihm ist ein trauriges Ereignis verbunden.
Am 01 . März 1931 verunglückte er auf schlüpfriger Straße in Beelitz in
Höhe der damaligen Tennisplätze, er fuhr gegen einen Baum. Ein neben
dem Fahrer sitzender Feuerwehrmann wurde getötet. Am Fahrzeug entstand
Totalschaden. Die Kurbel des Wagens hatte danach noch viele Jahre
im Baum gesteckt. Die gerichtliche Untersuchung des Unfalls ergab kein Verschulden des Fahrers.
lnteressant sind auch die unterschiedlichen Formen der damals ausgesprochenen
Anerkennungen für die Wehrleute. Für langjährige treue Dienste
in der Feuerwehr wurden verliehen oder überreicht :
die Nadel "silberne Spritze", mit Urkunde oder man erhielt ein Paradebeil mit Koppel oder es
wurde der Titel "Ehrenbrandmeister" feierlich verliehen. Diesen Titel erhielt z.B. der damalige Leiter der Ortsfeuerwehr von Seddin. Die Tätigkeit der Feuerwehr war, einmal abgesehen von den vielen Übungen, von zahlreichen
Einsätzen gekennzeichnet. Neben ständig in den trockenen Jahreszeiten
zu bekämpfenden Waldbränden, mußte zunehmend Löschhilfe bei Bränden von Güterwagen geleistet werden.
Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise für die Einwohner
Die sich ab 1926 wieder beginnenden Verschlechterungen der sozialen
Lage der Eisenbahner lösten keine erheblichen Spannungen im Ort aus.
Aufgrund einer Notverordnung der Reichsregierung vom 08.12.1931 erfolgten
Kürzungen beim Krankengeld und anderen Regelleistungen. Es wurde eine Kostenbeteiligung für Brillen und andere Hilfsmittel eingeführt. Das Familiensterbegeld wurde um 50 % geküzt. Für Eisenbahner, die eigentlich aufgrund von Rationalisierungsmaßnahmen zu entlassen waren, wurden von der Eisenbahnbehörde finanzierte Arbeitsbeschaffungsprogramme
durchgeführt. So geschah es auch bei den Arbeiten am Sportplatz.
Ein für alle Eisenbahner und Bahnbenutzer sehr wichtiges Ereignis ist hier
besonders zu nennen. Mit der Einführung des Sommerfahrplanes 1927
wurde bei der Deutschen Reichsbahn die 24-Stunden Zeitzählung eingeführt.
Die überwiegende gesellschaftliche Arbeit leistete bis zum Jahre 1932
nach wie vor der Siedlungsverein. Angefangen, wie bereits schon vorher
erwähnt, bei kommunalen Problemen bis hin zur Durchführung von geselligen
Veranstaltungen, besonders für die Kinder. Höhepunkte waren auch
die alljährlichen Gartenschauen und die damit verbundenen Anerkennungen
in 3 Stufen. Es gab jeweils abgestuft für den 1.,2. oder 3. Platz entsprechende
Blumenstauden als Preis. Jede Stufe wurde bei Gleichwertigkeit
mehrfach vergeben.
Veränderungen bei den alten Gutsbezirken
lm Dezember 1927 beschloß die preußische Regierung, durch ein entsprechendes
Gesetz, die Beseitigung der gutsherrlichen Ordnung. Dies bedeutete,
daß der Gutsvorsteher nicht mehr als Amtsvorsteher fungierte,
und daß die Bereiche der Gutsbezirke aufgelöst wurden.
Mit Erlaß des Oberpräsidenten der Mark Brandenburg vom 22.02.1928
wurde der bisherige Gutsbezirk Kunersdorf auf Neuseddin übertragen.
NEUSEDDIN wird endlich eine eigene Gemeinde
Am 01.01.1929 wurde durch Verfügung des Regierungspräsidenten in Potsdam die selbsfändige Gemeinde Neuseddin gebildet.
Vom ehemaligen Forstgutsbezirk wurden an die Gemeinde Neuseddin
1254 ha abgetreten, darunter auch die heutige Kunersdorfer Straße, der
Rädler Weg (von Kunersdorf über die rote Brücke nach Rädel) , der Bier-
weg (von Beelitz durch die Adlerbrücke nach Ferch), der Kuhstieger Weg
(von Kunersdorf nach Caputh). Jahre später wurden die beiden letztgenannten
Wege durch den Autobahnbau unterbrochen.
Die Übergabe der Geschäfte an die nunmehr selbständige Gemeinde und
den Amtsbezirk erfolgte zunächst an den bis dahin amtierenden Gutsvorsteherstellvertreter und am 22.04.1929 an den neu gewählten Gemeindevorsteher.
Dieser wurde dann durch den Landrat bestätigt. Gleichzeitig wurden 2 Schöffen und 1 Schöffenstellvertreter bestimmt.
Nunmehr begann eine gemeinsam abgestimmte, fruchtbare Zusammenarbeit
zwischen der Kommunalbehörde und dem Siedlungsverein. Mit der
Erklärung der Gemeinde zum Amtsbezirk, konnten jetzt auch verbindliche
kommunale Festlegungen durch den Bürgermeister getroffen werden. So
wurde Anfang 1930 das erste Ortsstatut ausgearbeitet und vom zuständigen
Landrat bestätigt.
lm Jahre 1932 wurde durch die Reichbahn ein extern deklarierter (nicht kasernierter) Arbeitsdienst eingerichtet. Die 20 bis 25 Jahre alten Männer kamen aus den umliegenden Gemeinden. lhr Haupteinsatzgebiet war der
Weiterbau des Sportplatzes in Neuseddin. Sie erhielten für ihre Tätigkeit
nur die Hälfte des üblichen Tariflohnes. Bei der aber damals herrschenden
großen Arbeitslosigkeit sahen viele darin einen Ausweg aus der Verarmung.
Die Einwohnenahl in Neuseddin betrug gegen Ende des Jahres 1932 um die 760 Personen (Volkszählung von 1933).
Für unseren Ort bedeutete der Zeitraum von 1925 bis 1932 eine Periode
der zielstrebigen Entwicklung der lnfrastruktur mit ihrem Nachholbedarf,
sowie der Herstellung und Entwicklung sozialer und gesellschaftlicher Beziehungen.
ln allen Phasen wurde ein untrennbarer Zusammenhang zu Abhängigkeiten und Zwängen deutlich, z.B. zum Wohnrecht und Sozialrecht.
Ein Vorteil für die Überwindung der Krisenzeit der 20er Jahre war, daß zur Entlassung
stehende Beschäftigte in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, finanziert durch
die Eisenbahn, weiterbeschäftigt wurden und sich somit notwendige Maßnahmen
im Wohngebiet durchführen ließen. So behielten diese Menschen
vor allem ihr Wohnrecht in den reichsbahneigenen Wohnungen.
Die andere Seite der Wechselbeziehungen war die geringe politische Betätigung
im Wohngebiet. Sie war vor allem sehr von der geforderten "Betriebstreue"
geprägt. Die darnalige Haltung der Bürger kann an Hand der bisherigen Erkenntnisse so eingeschätzt werden, daß es kaum politische Auseinandersetzungen im Wohngebiet gab. Dazu trug wohl auch hier wieder
die Verschmelzung von individuellen Verhaltensweisen zwischen
Dienststellen-Zugehörigkeit und dem Eisenbahner-Wohnort bei. Das Recht der Beamten, sich politisch zu betätigen, war sowieso eingeschränkt. Sie hatten damals schon kein Streikrecht. Dafür garantierte der Staat eine besondere
Fürsorgepflicht ihnen gegenüber.
Die organisierte politische Haltung der Bürger beschränkte sich vorwiegend auf die Zugehörigkeit zu den Gewerkschaften. Es gab für die Eisenbahner damats 4 Verbände: Die Einheitsgewerkschaft im ADGB, die Beamtengewerkschaft,
die Gewerkschaft der Lokführer und eine christliche Gewerkschaftsorganisation.
Die Einheits-Gewerkschaft war die zahlenmäßig stärkste Organisation.
lm Bahnbetriebswerk gab es noch eine Betriebszelle der RGO (Revolutionäre
Gewerkschaftsopposition).
Aber die Wirrnisse der Weimarer Republik in Politik und Wirtschaft zu beginn
der 30er Jahre blieben nicht ohne Wirkung auf die weitere Entwicklung
in unserem Ort.
Deshalb für den heutigen Leser einige zusammenfassende Bemerkungen :
Durch die im Jahre 1929 beginnende Weltwirtschaftskrise, ausgelöst durch den
"Schwarzen Freitag" an der New Yorker Börse, kam es zu einer zunehmenden
Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage in Deutschland. Außerst negativ wirkten
auch die horrenden Reparationsleistungen, die dem Reich durch den Versailler
Friedensvertrag aufgebürdet waren. lm Jahre 1932 stieg die Arbeitslosenzahl über
die Sechsmillionengrenze. Die Bürger wurden in diesem Jahr 4 mal an die Wahlurne
gerufen. Die Reichspräsidentenwahl mit 2 Wahlgängen am 13.03. und 10.04.
Die Reichstagswahlen am 20.07. und emeut am 06.11.1932. lm Jahre 1932 lösen
sich 3 Reichsregierungen (Brüning, Papen und Schleicher) auf. Nachdem sich im
Januar 1933 die Deutsch-Nationale Volkspartei unter Papen und Hugenberg mit
den Nationalsozialisten über eine Regierungskoalition geeinigt hatten, wurde am
20. Januar,Adolf Hitler durch Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reicheskanzler berufen.
Mit dieser Enennung begann für Deutschland eine schicksalhafte neue Geschichtsperiode, die schon 12 Jahre später mit grauenhaften Auswirkungen im Jahre 1945 endete. Zu Beginn der Regierungszeit Hitlers waren konservative
Politiker in der Regierungsmannschaft vertreten. Leider stellte sich sehr bald
heraus, daß die neue Regiierung gar nicht daran dachte, gemäß der Weimarer
Verfassung zu handeln und diese einzuhalten, sondern bald, die Demokratie zerstörend, nach eigenen Vorstellungen ihre brutale Macht ausübte.
Diese Daten stammen aus der Broschüre
"Beiträge zur Ortsgeschichte Gemeinde Seddiner See"
erarbeitet vom Chronikkreis der Heimatfreunde Neuseddin
Redaktion: Hanswerner Cimbal und Harald Röhr
Projektleitung: Evangelisches Pfarramt Neuseddin, Pfarrer Jürgen Heydecke
Redaktionsschluß: 15.12.1998
Webdesign: Thomas Müller
© 2011
- Chronik Teil 3
Deutschland Deutschland über Alles ?
... bis alles in Scherben fällt ...
Die Jahre 1933 bis 1945
Soldatengräber der letzten Kriegstage im Jahre 1945
auf dem Friedhof in Neuseddin
Die Zeit des "Tausendjährigen Reiches"
Neuseddin im lll. Reich
Auch in Neuseddin wird aus dem alltäglichen Gruß
"Guten Tag" bald ein "Heil Hitler"Ruf.
Der Gruß war im Umgang mit Behörden zum "Deutschen Gruß" mit
"Heil Hitler" geworden.
Zum 12.März 1933 war die Neuwahl des Neuseddiner Bürgermeisters vorgesehen,
3 Kandidaten hatten sich um dieses Amt beworben. Der bisherige
Amtsinhaber, ein SPD-Mitglied, dann ein parteiloser Bürger des Ortes
und der damalige Dienst-Vorsteher der Güterabfertigung Seddin, ein
NSDAP-Mitglied. Obwohl auf den bisherigen Bürgermeister 52 % der
Stimmen entfielen, wurde der mit absoluter Mehrheit gewählte Kandidat der
SPD durch den inzwischen ebenfalls konstituierten Kreistag und dessen
Landrat nicht bestätigt. Der mit nur 23 % der Stimmen aus der Wahl hervorgegangene
NSDAP-Kandidat wurde als kommissarischer Bürgermeister
eingesetzt.
Zu einem Ereignis aus dem Vorfeld dieser Wahlen liegt folgender Zeitzeugenbericht
vor:
Ähnlich, wie der Reichstagsbrand der Anlaß für massive Wahlbeeinflussung
im ganzen Reichsgebiet war, wurde kurz vor den Wahlen im März bekannt,
daß die KPD angeblich Sabotage auf dem Verschiebebahnhof Seddin betreiben
wolle. Es fand daraufhin ein Aufmarsch aller aufzutreibenden Sicherheitskräfte
statt, um dies zu verhindern. Es gab aber überhaupt keine wirklichen
Absichten oder Anzeichen dafür. Es wurde lediglich ein Verdächtiger
mit einer Kamera aufgegriffen und nach Berlin abtransportiert.
Hatten noch im Frühjahr 1933 die Neuseddiner mehrheitlich "links" gewählt,
wurde im Herbst diesen Jahres eine Ortsgruppe der NSDAP gegründet,
welche gleich 150 Mitglieder verzeichnete. Die bis dahin wenigen NSDAP-
Mitglieder waren organisatorisch der Ortsgruppe Michendorf angeschlossen.
Bei der Betrachtung eines derartigen "Sinneswandel" muß aber von
der objektiven Situation, in der sich die Menschen damals befanden, ausgegangen werden.
Bis zur Machtübernahme 1933 herrschte ununterbrochener "Parteienstreit". Blutige
Auseinandersetzungen zwischen Rechten und Linken gesehahen, auf der Straße.
Wirtschaftlicher Niedergang mit Millionen von Arbeitslosen erfaßte fast alle Familien.
Das beachtliche rechte Wählerspektrum hatte die Niederlage "des l. Weltkrieges"
und die damit verbundenen demütigenden Bedingungen des "Versailler Friedensvertragesv
nie verwunden.
Dann kommt eine Partei hoch, die den Menschen fast den "Himmel auf Erden" verspricht: Beseitigung der Arbeitslosiglteit, Ende des Parteienstreites, Wohlstand im Lande, Wiederherstellung der Souveränität und Wehrhoheit des Reiches. Das alles in einem Parteiprogramm in 24 Punkten verankert.
Die wenigsten Menschen in deutschland hatten wohl leider bis dahin und später Hilers Buch "Mein Kampf" nicht gelesen.
Den meisten Menschen wurde erst nach Kriegsende bewußt, wie unmenschlich
und verbrecherisch der ganze braune Spuk gewesen war. Tatsächlich wurde zwar
von 1933 bis zum Ausbruch des II. Weltkrieges im Jahre 1939 Beachtliches geleistet,
aber mit welchem Zie1 und um welchen Preis?
Während kurz nach der Machtübernahme noch einzelne Ansätze der Opposition
bekannt wurden, ebbte der Widerstand sehr schnell ab. ln der
ersten Zeit hatte wohl auch eine Verfügung des damaligen Reichs-und
Preußischen lnnenministers Hermann Göring vom II.08.1933 dazu beigetragen.
Denn darin hieß es : Alle Staatsbediensteten, also auch die Eisenbahner,
mußten sich schriftlich verpflichten, in Zukunft keine Politik der verbotenen
Parteien und Organisationen zu betreiben oder zu unterstützen.
Die Dienstvorsteher wurden außerdem angewiesen, ehemalige Funktionäre
dieser Parteien und Organisationen den übergeordneten Leitungen zu
melden. Schon bald wurden an Stelle der aufgelösten und verbotenen Organisationen
neue "völkische" Gliederungen der NSDAP geschaffen.
Von den alten Vereinen blieben nur der Reichsbahn-Sportverein und der
Arbeiter-Samariterbund bestehen.
Letzterer mußte sich aber im Deutschen Roten Kreuz neu organisieren.
Wie geschickt allgemein dabei vorgegangen wurde, zeigte als erstes die
Einführung des 1. Mai schon 1933 als gesetzlichen Feiertag. Der bisherige
internationale Kampftag der Arbeiterklasse war nun zum "Tag der nationalen
Arbeit" geworden.
Diese Maßnahme wurde dann gleich am folgenden Tag mit der Besetzung
sowie Beschlagnahme des gesamten Gewerkschaftseigentums und dem
Verbot aller Gewerkschaften verbunden. An deren Stelle wurde die "Deutsche Arbeitsfront" als Einheitsorganisation aller "Arbeiter der Stirn und der Faust" wie es dann in der Propaganda hieß, geschaffen. Es gab jetzt in
Deutschland auch keine Arbeitgeber und Arbeitnehmer mehr, sondern "Betriebsführer" und "Gefolgschaft". Statt von Kollegen sprach man von
"Berufskameraden".
Presse und Rundfunk waren ebenfalls "gleichgeschaltet". Die Partei hatte
sehr schnell erkannt, welches vorzügliche und für ihre lnteressen nutzbringende
Propagandainstrument der Rundfunk war. Sie hat es auch zu nutzen
gewußt. So sollte jeder Haushalt kostengünstig in den Besitz eines sogenannten
Volksempfängers kommen können. Die lndustrie mußte dieses
Gerät serienmäßig einheitlich herstellen, der Handel es für ganze 78 Reichsmark
verkaufen. Etwas später kam noch der "Deutsche Kleinempfänger"
dazu. Er kostete nur 35.- RM. Mit der Einführung des "Winterhilfswerkes
" durch die NS-Volkswohlfahrt (NSV) sollte den Minderbemittelten,
vor allem den Arbeitslosen, finanziell geholfen werden.
Es gab weiterhin eine Pfundspendenaktion, die in Verbindung mit dem "Eintopfsonntag" stand. An einem Sonntag im Monat sollte in allen deutschen
Haushalten auf ein üppiges Mittagsmahl verzichtet werden und dafür
ein einfaches Eintopfgericht auf den Tisch kommen. Für das eingesparte
Haushaltsgeld wurden dann Lebensmittel durch die Helfer der NSV eingesammelt
und an Bedürftige verteilt.
Die Einheitsgewerkschaft "Deutsche Arbeitsfront"' richtete mit der Unterorganisation
"Kraft durch Freude" ( KdF ) einen Feriendienst ein. Diese Organisation
organisierte und vermittelte billige Ferien für die Werktätigen.
Zusätzlich gab es auch die "Kinder-Landverschickung" zur Erholung und
einen Feriendienst durch das Reichsbahn-Sozialwerk. Für damalige Verhältnisse
war es etwas unerhört Neues, daß Arbeiterfamilien überhaupt Ferienreisen ermöglicht wurden.
Für junge Leute, die heiraten wollten, wurde ein "Ehestandsdarlehen" eingeführt.
Mit der Eheschließung erhielten sie einen zinslosen Kredit von
1.000.-RM. Dieser war in Raten von monatlich 1 % zurückzuzahlen. Bei
Geburt eines Kindes in der Ehe wurden 25 % des Darlehens erlassen. Mlt
dieser Maßnahme sollte die Geburtenrate angekurbelt werden.
Die hier erwähnten Dinge sollen in keiner Weise dazu dienen, die Naziherrschaft
zu idealisieren. lm Gegenteil, sie sollen den Menschen, die diese Zeit nicht miterlebt haben zeigen, mit welchen Mitteln die neuen Machthaber versucht und dann auch erreicht haben, das Volk für ihre Ziele zu
gewinnen.
In dem so kleinen Neuseddin fielen die negativen Erscheinungen, wie das
Ausschalten aller oppositionellen Kräfte und die Judenverfolgung weniger
auf, aber sicher muß auch hier noch weiter geforscht werden.
So wurden auch aus den Neuseddiner Einwohnern eine "Volksgemeinschaft"
und aus dem einzelnen Menschen ein "Volksgenosse". Bald sagte
kein Mensch hier auf der Straße zum Nachbarn mehr "Guten Tag". Der
Gruß war allgemein zum "Deutschen Gruß" mit "Heil Hitler" geworden.
Um den 15. März 1933 wurden im Deutschen Reich die ersten Konzentrationslager
errichtet, um die politischen Gegner zu isolieren und jede illegale
Tätigkeit zu unterbinden. Eines der ersten dieser Lager war Sachsen-
hausen bei Oranienburg.
Annmerkung:
An dieser Stelle sei vermerkt, daß die berüchtigten Lager von Sachsenhausen und
Buchenwald noch weit über die Nazi-Zeit hinaus, bis zum Jahre 1950, dann für die
Gegner von Gestern zu Straf-und Todeslagern wurden. Während in der "braunen Zeif" von 1933 bis 1945 kein Neuseddiner Bürger Bekanntschaft mit einem Konzentrationslager
machen mußte, waren nach 1945 mehrere Einwohner durch die
Besatzungsmacht im Lager Sachsenhausen für etliche Jahre inhaftiert.
Nach Zeitzeugenberichten wurden im Frühjahr und Sommer 1945 mehrere Einwohner
durch das NKWD verhafiet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen
gebracht. Das betraf leider auch eine ganze Anzahl von Bürgem, die nur einfache
NSDAP Mitglieder und Dienstellenleiter der Reichsbahndienststellen waren. ln
einem Fall soll ein völlig Unbeteiligter nach einer Namensverwechselung verhaftet
worden sein. Tragisch ist das Schlcksal des Dienststellenleiters vom Bahnhof Seddin,
der erst seine ganze Kraft für die Wiederinbetriebnahme des schwer zerstörten
Rangierbahnhofs einsetzte und dann in das KZ Sachsenhausen kam.
Ein Teil der vom NKWD verhafteten Neuseddiner Bürger sind aus dem Lager nicht
zurück gekommen und mutmaßlich unter den Haftbedingungen verstorben. Andere die nach Jahren wieder zu ihren Familien nach Neuseddin zurückkehrten, mußten sogenannte "Schweigeerklärungen" üiber ihren Lageraufenthalt abgeben. Andererseits wrurde bekannt, daß belastete NSDAP-Mitglieder nach dem Einmarsch der
Roten Armee aus Neuseddin verschwunden waren. Ein Teil kehrte nicht wieder zuruck, andere konnten Bescheinigungen vorweisen, daß sie gute Arbeit fur die Rote Armee geleistet haben und nicht zu behelligen sind.
Die Entmachtung des Gemeinderates und die Gleichschaltung der Behörden
Ab 1934 wurde in allen Verwaltungen und Dienststellen, also auch für Neuseddin,
das sogenannte Führerprinzip eingeführt. Das bedeutete auf kommunaler
Ebene, daß die Bürgermeister nicht mehr gewählt, sondern durch
den Landrat in Abstimmung mit der Kreisleitung der NSDAP für 12 Jahre
berufen wurden. Der Bürgermeister war gleichzeitig Amtsvorsteher, Standesbeamter
und Ortspolizeibehörde. Er hatte als Ortsobrigkeit und Kommunalverwalter
in voller alleiniger Verantwortlichkeit die Entscheidungsbefugnis.
Dem Gemeinderat blieb nur noch eine beratende Funktion. Diesem wurden
außerdem 2 Beisitzer der NSDAP zugeordnet. Aufgrund des Führerprinzips
und der damit verbundenen herausgehobenen Stellung des Bürgermeisters,
verkam die ehemals bedeutungsvolle Rolle des Gemeinderates zur
Bedeutungslosigkeit. So ist urkundlich nachweisbar, daß z.B. die erste
Ratssitzung im Jahre 1935 erst im Monat Juni angesetzt war. Behandelt
wurde der Stand des Wohnungsbaus, der Haushaltsplan für 1935 mit einer
Bilanzsumme von 27.200.- RM und die Höhe der Vermögenssteuer. Wesentliche
Teile des Haushalts waren jedoch darin nicht enthalten, diese
wurden durch die Reichsbahn abgesichert.
Für das von der damaligen Staatsführung eingeführte Sparsamkeitsprinzip
spricht, daß die Bürgermeister ehrenamtlich ohne Bezahlung tätig waren.
ln Neuseddin wurde in der Gemeindeverwualtung nur eine Sekretärin beschäftigt.
Erst zu Beginn des Krieges mit der Einführung der Lebensmittelkarten
und Bezugscheinen wurde eine weitere Kraft eingesetzt.
Das Gemeindebüro
Das Gemeindebüro befand sich bis Ende 1944 in der SchmiedestraBe 16 b
in der Wohnung des Bürgermeisters. Ein Zimmer im Erdgeschoß war die
Amtsstube. Nach Fertigstellung der Häuser in der Waldstraße erfolgte der
Umzug der Gemeindeverwaltung etwa im Februar März 1945.
Die Poststelle war ebenfalls in einer Stube einer Wohnung in der Schmiedestraße
untergebracht. Nur eine Beschäftigte betrieb die Poststelle. Am
frühen Morgen wurde von der "Postchristel" die Zustellung erledigt, anschließend für 2 Stunden Schalterdienst versehen. Nachmittags war dann
der Schalter nochmals für 2 Stunden geöffnet.
1935 wurde ein neues Reichsbürgergesetz erlassen und damit erstmalig in
Deutschland die "Deutsche Staatsbürgerschaft" eingeführt. Bisher war der
Bürger nur Staatsbürger des jeweiligen Bundeslandes. Mit dem sogenannten
Gesetz zum Schutze des Deutschen Blutes und der Deutschen
Ehre vom September 1935 wurden nicht nur Personen jüdischer Abstammung,
sondern auch Sinti und Roma (damals Zigeuner genannt) die
Rechte als Reichsbürger entzogen.
ln der neuen Gemeindeordnung wurde für die Einwohner von Neuseddin
das Einwohnerrecht folgendermaßen definiert : Es wurde grundsätzlich
zwischen dem Einwohner und dem Bürger unterschieden. Der Begriff "Bürger"
wurde benutzt, um zwischen Staatsangehörigkeit und Reichsbürger
unterscheiden zu können.
Deshalb hing der Erwerb des Bürgerrechts von folgenden Voraussetzungen
ab: Zunächst wurde jeder ein Einwohner, der seinen Wohnsitz im Ort
hatte. Der Einwohner mußte mindestens 1 Jahr im Ort wohnen und mindestens
das 25. Lebensjahr erreicht haben. Ausschlaggebend war der Nachweis
der "arischen" Abstammung. Ohne diesen arischen Nachweis war der
Mensch damals praktisch vogelfrei. Wer diese Voraussetzungen erfüllte,
erhielt die Rechte des Reichsbürgers.
Die Bürgerrechte bestanden z.B. im aktiven und passiven Wahlrecht. Das
Bürgerrecht erlosch mit Wechsel des Wohnsitzes automatisch. Es konnte
aber durch den Bürgermeister als Folge von Strafmaßnahmen ohne Vorlage
eines Gerichtsbeschlusses entzogen werden.
In Neuseddin wird weitergebaut
Die schnelle Beseitigung der Arbeitslosigkeit hatte für die NS-Regierung
Priorität und stärkte die Propaganda. Die Gemeinde Neuseddin profitierte
besonders davon. Es wurde der weitere Ausbau des Bahnkomplexes beschlossen.
Insbesondere der Aufbau des südlichen Bahnhofsteiles als Militärbahnhof
brachte neue Impulse.
Im Ort wurden die längst fällig gewordenen Versorgungseinrichtungen errichtet.
1935 begann man mit dem Weiterbau der Dr.-Stapff-Straße und 1936
wurde der Bau der Thielenstraße in Angriff genommen. Die Thielenstraße wurde nach dem preußischen Staatsminister von Thielen benannt, der 1895 die Reform der preußischen Staatsbahnverwaltung organisierte.
Dr.-Stapff-Straße Mauerbogen
Zwischen dem ersten und dem zweiten
neuen Bauabschnitt der Dr.-Stapff-Straße wurde ein Mauerbogen mit
einem Relief zwischen den Häusern
eingefügt, das einen Eisenbahner mit
einer Lokomotive unter dem Arm zeigt.
Dieser gemauerte Bogen mit dem Bildnis
überspannt den gern als Abkürzung
benutzen Gehweg zum Bahnbetriebswerk
zwischen den Häusern Dr.-Stapff-Straße 12 und 14. Dieser Weg wurde in
den 30er Jahren im Volksmund mit
"Kummergasse" bezeichnet, nach dem dort am Weg wohnenden damaligen Vorsteher des Bahnbetriebswerkes.
Dieser Weg wurde später offiziell in "Schwarzer Weg" umbenannt. Er ist
der heute noch der gebräuchliche Name für den Weg zwischen den Gärten.
Die Thielenstraße, das erste komplette Einkaufszentrum
in Neuseddin
Der Eingang zur Thielenstraße wurde ebenfalls wieder durch Verbreiterung
der Bau-Fluchtlinie gekennzeichnet. Diese Anlage, mit den damals sehr
gepflegten Rasenflächen, dem Feuerwehrdepot und den Anlagen vor den
Geschäftshäusern, ergab einen sehr guten Gesamteindruck. Eine Pergola
schloß die verbreiterte Fluchtlinie zwischen den Häuserblöcken 6/8 und
5/7/9 ab. Von der Schmiedestraße aus gesehen, war dies ein eindrucksvolles Bild.
Rechts und links vor den Geschäften, in gleicher Höhe zu den Ladeneingängen,
wurden Grünanlagen geschaffen und Sandstein-Figuren aufgestellt.
Diese beiden Puttenfiguren, die zum einen die Kunst und Wissenschaft,
zum anderen Handel und Gewerbe darstellen, sollen vermutlich vor
dem Verwaltungsgebäude der ehem. Preußischen Eisenbahndirektion
Posen ihren Plalz gehabt haben. Bei der Räumung der Provinz Posen und
Abtretung an Polen nach dem I. Weltkrieg sollen sie nach Berlin überführt
worden und dann 1930 nach Neuseddin gekommen sein.
Es gibt aber auch noch eine andere Version, wonach diese Putten "fabrikneu"
nach Neuseddin geliefert worden sein sollen.
Für die einzurichtenden Räumlichkeiten für Lebensmittelgeschäft , Bäckerei
mit Cafe und Drogerie erfolgten öffentliche Ausschreibungen für lnteressenten.
Die Zuschläge und Mietverträge wurden zum 01.04.1936 an einen
Bäcker aus Berlin-Charlottenburg, einen Drogisten aus Berlin-Pankow und
für Lebensmittel an die damalige Großeinkaufsgesellschaft Deutscher Konsumgenossenschaften
(GEG) vergeben. Auf gleiche Weise erhielt ein halbes
Jahr später ein Fleischer aus Belzig den Zuschlag für die Fleischerei
mit Schlachthaus in der Thielenstraße 9.
Die Thielenstraße
Alle Mietverträge in der Dr.-Stapff-Straße und in der Thielenstraße wurden
nicht mehr mit der Reichsbahn, sondern mit der Reichsbahn-Siedlungs-
Gesellschaft (RSG) abgeschlossen. Die Wohngebäude in der Schmiedestraße
unterstanden weiterhin direkt der Reichsbahn. Das Cafe wurde von
vielen Einwohnern besucht. Bei schönem Wetter wurde auch an draußen
stehenden Tischen serviert. Bei Kaffee oder Bier und teilweise auch mit
Musik war es für viele Gäste ein schönes Plätzchen. Andererseits fühlte
sich so mancher dort in der Nähe wohnende Eisenbahner in seiner Ruhe
gestört, besonders jedoch dann, wenn er aus dem Nachtdienst gekommen
war und den Schlaf dringend brauchte.
Leider ging mit der Zeit der Glanz dahin. Die Pergola mußte in den 50er
Jahren wegen Baufälligkeit und Gefährdung des Straßenverkehrs abgerissen werden. Die Putten stehen zwar noch am Platz des alten Einkaufszentrums doch der Gesamteindruck des Ensembles in der alten Ortsmitte hat
leider im Augenblick viel von seiner einstigen Schönheit verloren.
Die ortsübliche Hausnummerierung in den Straßen, links die ungeraden
und rechts die geraden Hausnummern, wurde auch in der Dr.-Stapff-Straße
und in der Thielenstraße beibehalten.
Neue Geschäfte und ambulante Händler beliefern die Einwohner
Obwohl im Ort nun 2 Lebensmittelgeschäfte, ein Fleischer, ein Friseur, ein
Bäcker mit Cafe und eine Drogerie geschaffen waren, erfolgte weiterhin
das zusätzliche Warenangebot durch ambulante Händler aus den Nachbarorten.
So kam regelmäßig einmal in der Woche ein Händler aus Langerwisch mit
Frischgemüse, Fisch und anderen Lebensmitteln. Ein Milchhändler aus
dem Dorf Seddin bewarb sich ebenfalls um Kunden, obwohl eine Milchhandlung
bereits in einer Wohnung in der Schmiedestraße existierte. Die
Milch wurde übrigens von beiden Händlern ins Haus geliefert. Man stellte
einfach ein Gefäß vor die Wohnungstür, legte das erforderliche Geld dazu
und hatte so zum Frühstück seine frische Milch im Haus.
Auch der Bäcker lieferte auf Wunsch frühmorgens die Brötchen ins Haus.
Es mußte nur eine entsprechende Bestellung und ein Beutel an der Wohnungstür
vorhanden sein. Diesen freundlichen Kundenservice gab es bis
zum Kriegsbeginn.
Mit Einführung der Lebensmittelkarten endete der Kundenservice.
Die ärztliche Versorgung
Nach wie vor bestand weiterhin die Notwendigkeit im Bedarfsfall Arzte von
außerhalb rufen zu müssen. Lediglich ein Zahnarzt aus Beelitz praktizierte in den 30er Jahren zuerst im Raum einer Wohnung in der Schmiedestraße an dem Standort des heute leerstehenden Kulturhauses der Eisenbahner,
dann etwas später ebenfalls in einer Wohnung in der Thielenstraße 8.
Ein Dentist praktizierte stundenweise in der Thielenstraße 1 in den Räumen
der ehemaligen Fleischverkaufsstelle des Beamten-Wirtschafts-Vereins.
Weitere Einrichtungen entstehen
ln den Jahren 1935 bis 1936 wurde auf dem Bahngelände, vor dem ehemaligen
Verwaltungsgebäude des Bahnhofs und der Güterabfertigung,
eine große Speisehalle errichtet. Sie bot ca. 500 Personen Platz und wurde
dann auch für alle möglichen Veranstaltungen und Versammlungen genutzt.
Hinter dem Küchentrakt befand sich sogar ein Schweinestall.
So konnten Schweine aus eigener Mästerei, hauptsächlich durch Fütterung
mit Speiseresten aus der Betriebskantine, in der Küche verarbeitet werden.
Reste dieser großen Halle bzw. Betriebskantine sind nach der Zerstörung
des Verwaltungsgebäudes im II. Weltkrieg zum Bahnhofs-Verwaltungs-
Gebäude umgewandelt worden.
Nördlich des Bahngeländes entstand in diesen Jahren im Wald ein
Schießstand, der sowohl von den Forstbeschäftigten, aber auch von der
Hitler-Jugend zur vormilitärischen Ausbildung und von der SA genutzt
wurde. ln den Kriegsjahren wurden dann von den Wachmannschaften des
Kriegsgefangenenlagers und dem Volkssturm ebenfalls dort Schießübungen
durchgeführt.
ln dieser Zeit wurde auch der Sportplatz endgültig fertiggestellt.
lm Jahre 1937 erfolgte die Einrichtung eines Kindergartens im Übernachtungsgebäude.
Weitere Ereignisse in den 30er Jahren
ln den 30er Jahren gab es noch folgende erwähnenswerte Ereignisse:
Am 27. August 1933 wurde der 120. Jahrestag der Schlacht bei Hagelberg
auf dem Gelände an der Straße Hagelberg-Lübnitz vor dem damaligen
Borussia-Denkmal mit einer großen Feier der Kriegervereine begangen.
Von Belzig her marschierten die eingeladenen Vereine und die SA. Der
erste Krach hatte sich aber schon in Belzig abgespielt. Der NS-Landrat
von Belzig verlangte, daß die Eisenbahner-Kapelle aus Seddin vor der SA
marschiere. Die mitangereisten Eisenbahner verweigerten dies jedoch. Sie
drohten sofort heimzufahren. Sie würden nur ihrer Kapelle folgen und
sonst niemand. So geschah es dann auch.
Am 07. Oktober 1934 mußte ein Flugzeug auf dem Seddiner See wegen
starker Windböen notlanden. Am 26. Juli 1937 stürzte sogar ein Übungsflugzeug
über dem Seddiner See ab.
lm Februar 1935 grassierte im Ort eine Grippewelle, 60 % der Schulkinder
waren davon betroffen.
Der Autobahnbau
Eine besondere Bedeutung bis in die heutige Zeit hatte der Beginn des
Autobahnbaus, die damals fälschlicherweise als die "Straßen des Führers"
bezeichnet wurden. Das Konzept hierfür und der Bau der ersten Autobahn
zwischen Köln und Bonn wurde jedoch schon zu Zeiten der Weimarer Republik
vom damaligen Kölner Oberbürgermeister Dr. Konrad Adenauer
durchgesetzt. Die neuen Machthaber haben es lediglich verstanden, die
Vorarbeiten aus der von ihnen so verhaßten "Systemzeit" geschickt für sich
zu nutzen. Die dicht bei unserem Ort vorbeiführende Trasse Berlin-Magdeburg-Hannover, mit dem Abzweig nach Leipzig, wurde am 27.11.1937 eröffnet. Als Vorbedingung war in der Nacht vom 15. zum 16. August die
Eisenbahn-ÜberfUhrung der Bahnstrecke Wldpark-Beelitz-Stadt fertiggestellt worden.
Die Kosten für den Bau der Autobahnen mußte damals übrigens die Deutsche Reichsbahn finanzieren.
Neuseddin in den Kriegsjahren 1939-1945
lm August 1939 deuteten die Ereignisse und die spürbaren Vorbereitungen
für aufmerksame Menschen im Alltag, trotz der Friedensbeteuerungen
Hitlers, auf einen bevorstehenden neuen Krieg hin. ln der letzten Augustwoche
wurden schon vorsorglich auch in Neuseddin Lebensmittelkarten
ausgegeben. Damit wurde die Rationierung aller Lebensmittel, Tabakwaren
sowie Seife und Waschpulver eingeführt.
Als am 01. September 1939 der Überfall Hitler-Deutschlands auf Polen
begann, gingen auch in Neuseddin die Lichter aus. Die Straßenbeleuchtung
im ganzen Reich wurde stillgelegt. Es wurde die allgemeine Verdunkelungspflicht
eingeführt. Nach Einbruch der Dunkelheit durfte kein Lichtschein
aus Gebäuden mehr nach draußen dringen. Die Treppenbeleuchtung
in den Häusern durfte zwar weiter benutzt werden, die Glühlampen
mußten jedoch mit einem blauen Tauchlack überzogen werden. Die so
behandelten Glühlampen verbreiteten nur noch einen ganz schwachen Lichtschein.
Daß dieser Krieg gut vorbereitet war, ging auch daraus hervor, daß gleich
mit Beginn des Krieges ausreichend Verdunkelungsmaterial zum Kauf für
die Bevölkerung zur Verfügung stand. Die Scheinwerfer der Autos, Motorräder und sogar der Fahrräder mußten ebenfalls abgedunkelt werden. Dies geschah teils durch schwarze Anstriche der Scheinwerfergläser oder teils
mit Scheinwerfer-Vorsätzen aus Metall oder anderen Materialien. Die
Scheinwerfer behielten lediglich nur noch einen ca. 1 cm schmalen waagerechten
Schlitz, der nur einen geringen Lichtdurchlaß hatte. Die Ausleuchtung
der Straße war dadurch äußerst beeinflußt und ließ keine hohen Geschwindigkeiten
mehr zu. Es wurden dann auch speziell für die Wehrmacht
gefertigte Tarnscheinwerfer für den zivilen Gebrauch zum Kauf angeboten,
deren Lichtausbeute ein wenig günstiger für den Autofahrer war. Die Benutzung
von Motorfahrzeugen durch Zivilpersonen wurde durch Vorschrift
zur Benzineinsparung stark eingeschränkt. Wer noch sein Auto oder Motorrad
benutzen durfte erhielt eine Sondergenehmigung. Das Fahrzeug wurde
außerdem durch einen roten Winkel am Nummernschild zusätzlich kenntlich
gemacht.
Eine Verordnung der Reichsregierung verbot sofort nach Kriegsausbruch
das Abhören ausländischer Rundfunksender bei Androhung von Zuchthausstrafe.
Für die Weiterverbreitung von Nachrichten ausländischer Radiosender,
sogenannter Feindsender, war sogar die Todesstrafe angedroht.
Die ersten Kriegsmonate des II. Weltkrieges
ln den ersten Kriegsmonaten waren Einheiten der Luftwaffe in Neuseddin
stationiert. Sie hatten mit ihren Flakgeschützen im Wald, hinter dem Forsthaus,
im Osten des Bahnhofes an der Eisenbahnbrücke über die Autobahn,
im Westen des Bahnhofes in der Nähe der Adlerbrücke, im Gleisdreieck
beim Stellwerk Bla und auf der Roten Brücke beim Stellwerk Lia
ihre Stellungen bezogen. Ein Flak-Beobachtungsstand befand sich auf dem
Dach des Wasserturmes. Die Fahrzeuge der Einheiten bestanden Anfangs
zum Teil aus den in den ersten Kriegstagen beschlagnahmten Privatfahrzeugen.
lm Verlaufe des Krieges wurden dann viele Kraftfahzeuge, die
noch für die zivile Versorgung notwendig waren, von Benzin auf Holzgas
umgerüstet. Die Forst mußte deshalb auch in den Revieren um Seddin
herum ab 1940 entsprechende Holzeinschläge durchführen.
Zwangsarbeiterlager in Neuseddin
Nach dem so leicht und schnell errungenen Sieg über Polen, dem sogenannten
Feldzug der 18 Tage, kamen bald die ersten polnischen Arbeiter nach Neuseddin.
Wie Zeitzeugen berichten, kamen noch vor den polnischen Arbeitern nach
Besetzung der Tschechoslowakei Tschechen nach Neuseddin, die in einem
Bauzug in Wohnwagen auf dem Bahnhof untergebracht waren.
Es galt, die durch Einberufung zur Wehrmacht dezimierten deutschen Arbeitskräfte
bei der Deutschen Reichsbahn zu ersetzen. Für die meist
zwangsverpflichteten polnischen Bürger wurde hinter der Ladestraße ein
Barackenlager errichtet. Schon rein äußerlich waren diese "Fremden" an
ihrer Kleidung erkennbar. Sie mußten an gut sichtbarer Stelle auf ihrer
Kleidung ein blaues Stoffabzeichen mit weißem "P" aufnähen. Sie waren
so als "Ostarbeiter" gekennzeichnet und damit auch praktisch diskriminiert.
Innerhalb des Ortes konnten sich die Fremdarbeiter in ihrer Freizeit jedoch
frei bewegen und in den Geschäften einkaufen. Die Einkäufe waren jedoch
auf nicht rationierte Waren beschränkt.
Dieser erste Kriegseinsatz der Deutschen Wehrmacht war für alle überraschend
schnell siegreich zu Ende gegangen. Das Ausland und die Kriegsgegner
waren über den kuzen Feldzug ebenfalls sehr betroffen. Als wesentlicher
Umstand hat dazu beigetragen, daß sich die Sowjetunion nach
10 Kriegstagen gemäß dem geheimen Hitler-Stalin-Pakt von 1939 auch an
den Kampfhandlungen beteiligte, indem sie nun ihrerseits von Osten her in
das Land Polen einfiel.
Die ersten Kriegsgefangenen in Neuseddin
Nach dem Frankreichfeldzug 1940 kamen auch französische Kriegsgefangene
und niederländische Zivilisten nach Neuseddin. lnsgesamt verbrachten
im Kriegsgefangenenlager in Neuseddin (Ladestraße) im Laufe des
Krieges französische, jugoslawische, russische und italienische Kriegsgefangene
eine schwere Zeit.
Für diese wurden auf der Ladestaße zwei Baracken mit Stacheldrahtumzäunung
aufgestellt. Die Kriegsgefangenen wurden bewacht und auch
täglich mit Posten zur Arbeit geführt. Mehrmals im Monat konnte jedoch ein
deutsch sprechender Gefangener mit einem Posten für seine Kameraden
in Neuseddin einkaufen gehen. Die Bezahlung erfolgte mit speziellem Kriegsgefangenengeld als Sonderzahlungsmittel. Dieses Ersatz-Geld durfte nur in dazu besonders berechtigten Geschäften in Zahlung gegeben
werden.
Nach dem Überfall auf die Sowjetunion kamen 1943 dann anstelle der
Franzosen die ersten sowjetischen Kriegsgefangenen nach Neuseddin. Die
humanen Bedingungen, auf die laut Genfer Konvention alle Kriegsgefangene
Anspruch hatten, galten bei den Machthabern nicht für Sowjetbürger.
Wenn man die ausgemergelten Gestalten manchmal truppweise sah, wie
sie von ihren Bewachern zur Arbeit geführt wurden, ahnte man wohl, daß
sie nur eine denkbar schlechte Verpflegung erhielten.
Eventuell sah man, daß sich einer der Männer im Vorübergehen mal
schnell bückte. Einer hob ein Stückchen Brot, ein anderer eine angerauchte
Zigarette auf, die von mitleidigen Bürgern fallen gelassen worden
waren. Obwohl derartige Handlungen strengstens verboten waren, haben
einzelne Wachposten aber auch oftmals ein Auge zugedrückt. lm Zwangsarbeiterlager
des Bahnhofs mit Nebenlager in Michendorf und Beelitz waren
Tschechen, Slowaken, Polen, Kaschuben, Ukrainer, Russen, Franzosen,
Belgier und Holländer untergebracht.
Privilegien besaßen ein Teil der Tschechen, Polen, Franzosen und Holländer,
die bei Deutschen in Untermiete wohnen konnten.
Polen mußten (zumindest in den Anfangsjahren des Krieges), ein Stoffabzeichen
mit einem "P" auf der Oberkleidung, Ukrainer und Russen ein
Stoffabzeichen mit "Ost" als Ostarbeiter tragen. Russische Kriegsgefangene
waren auf dem Rücken der Mäntel und Jacken mit "KGF" = Kriegsgefangener
mit Ölfarbe gekennzeichnet.
Weitere Bauten wurden mitten im Krieg errichtet
Auch im Kriege ging die Bautätigkeit in Neuseddin weiter. ln der Kunersdorfer
Straße wurde ein Wohnhaus mit 2 Dienstwohnungen für die Bahn-Vorsteher mit ihren Familien errichtet.
Anmerkung:
Dieses Haus war nach Kriegsende 1945 erst von einer Einheit der
Sowjetarmee besetzt und bewohnt. Anschließend war dort ein Kommando der Grenzpolizei untergebracht, die die Reisenden der Personenzüge aus Richtung Belzig nach Berlin-Wannsee auf Schieberei mit Lebensmitteln nach Westberlin kontrollierten und aufgegriffene Schieber auf dem Bahnhof Seddin aus dem Zug holte. Nach der Grenzpolizei wurde das Gebäude danach Sitz des Transportpolizei-Reviers Seddin bis November 1990.
Die Thielenstraße wurde vollendet
1941 entstanden die letzten Häuser in der Thielenstraße. Diese wurden in
einem ganz anderen Baustil, als die schon vorhandenen aufgebaut.
Kriegsbedingt waren diese Häuser bedeutend sparsamer in der Ausstattung.
Die Waldstraße wurde begonnen
Ebenfalls 1941 wurde mit der Planung und etwas später mit dem Bau der
Waldstraße begonnen. Vorgesehen war, mit der Waldstraße noch eine
weitere Straße zu errichten, die geplante Berliner Straße. Dazu ist es aber
bis heute nicht mehr gekommen. Infolge kriegsbedingter Verzögerungen
wurden die Wohnungen in der Waldstraße vor Kriegsende nicht mehr alle
bezugsfertig. Ein Teil der Wohungen wurden von Ausgebombten aus der
Schmiede-und Stapffstraße bezogen.
lmmerhin kam der Ort damals im Kriege mit dem Bau dieser Wohnungen
auf 404 Wohneinheiten.
Neuseddin im II. Weltkrieg
An der Ladestaße entstand im Sommer 1943 eine Heeres-Verpflegungsstelle.
Andere Zeitzeugen berichten, daß die Verpflegungsstelle, Meldestelle
und andere Einrichtungen für die Militärtransporte schon vor Beginn
der Kampfhandlungen gegen die UdSSR bestanden haben. Die umfangreichen
Truppentransporte der Wehrmacht von Frankreich an die Grenze zur
UdSSR wurden bereits auf dem Südbahnhof in Seddin verpflegt und betreut.
ln Zusammenhang zu den umfangreichen Truppentransporten kann über
ein Kuriosum berichtet werden: Unter der Schuljugend entwickelte es sich
zum "Sport" und Zeitvertreib, bei den Wehrmachtsoldaten nach französischen
Münzen zu betteln, die dann von den Kindern gehortet und untereinander
getauscht wurden. Auf lnitiative der Lehrer wurde das französische
Geld von den Kindern eingesammelt und ein ganzer Sack voll dem NSV
gespendet!
Auf dem Militärbahnhof der Südgruppe und hinter dem Personenbahnhof in
Richtung ehemalige Aufsicht-West wurden für die hier haltenden Truppentransportzüge
Wasch- und Toilettenanlagen errichtet.
Bis zum Jahre 1944 blieb unser Ort von Zerstörungen durch Luftangriffe
verschont. Die alliierten Bomberverbände überflogen lediglich unser Gebiet bei ihren Angriffen auf Berlin.
Der erste Luftangriff für Neuseddin erfolgte im Jahre 1942 zur Nachtzeit.
Die Bomben verfehlten jedoch ihr Ziel. Die Bombeneinschläge lagen etwa
80 bis 100 Meter westlich im Wald in Höhe des damaligen Stellwerks Swt.
Bei einem Bomben-Abwurf im Jahre 1943 ging eine Luftmine ca.200 Meter
westlich des Bahnhofes ebenfalls in den Wald nieder.
Am 21.06.1944 erlebte der Bahnhof den ersten Luftangriff, der Schäden an
den Anlagen anrichtete, so auch die Umladehalle und die Gaststätte Peter
(Babin hatte die Gaststätte in den Kriegsjahren an Albert Peter verkauft,
der zuvor das Kasino auf dem Fliegerhorst Werder bewirtschaftete.). Die in
der Nähe stehende Wehrmachtsverpflegungsstelle und 16 ha Wald brannten
ebenfalls nieder. Auch die Baracke für Ostarbeiter wurde leider getroffen.
Vier Personen starben, darunter 1 Kind.
Die ersten deutschen Kriegsflüchtlinge
in Neuseddin
Mit Beginn des Jahres 1945 wurde es offensichtlich, daß die von Deutschland
ausgelöste Kriegslawine mit allen Folgen auch unser Gebiet heimsuchen
wird. Es kamen die ersten Flüchtlinge aus Berlin. Eisenbahner, die in
Berlin ihre Wohnungen durch Bombenangriffe verloren hatten, u.a. leitende
Beamte der Reichsbahndirektion Berlin, erhielten in Neuseddin wieder
Obdach und Wohnungen. Danach kamen Flüchtlinge aus den nun zum
Kampfgebiet gewordenen Reichsgebieten oder aus den schon von der
Sowjetarmee eroberten Ostgebieten des Reiches. Es waren überwiegend
Eisenbahner mit ihren Familien. Später folgten dann ausgewiesene Deutsche
aus dem Sudetenland.
Mit dem nicht freiwilligen Zuzug dieser "Neubürger" (gemeint sind Flüchtlinge),
aus der bisherigen Heimat in unseren Ort, hat sich im Laufe der
Jahre eine außerordentlich positive Entwicklung vollzogen. Sie haben mit
den Einwohnern gemeinsam viel zum Wiederaufbau nach dem Kriegsende
beigetragen.
Der nicht freiwillige Zuzug war eine Vertreibung von 15 Millionen Deutschen
aus ihrer Heimat in den deutschen Ostgebieten und aus den Staaten
Ost-und Südosteuropas. Viele verloren ihr Leben und ihre Gesundheit, die
meisten ihr Hab und Gut. Die Vertriebenen mußten bekanntlich allein für
Hitlers verlorenen Angriffskrieg büßen, obgleich sie genausoviel oder genausowenig
Schuld an den Kriegsereignissen hatten, wie alle Deutschen.
Der schwärzeste Tag in der Geschichte
Neuseddins
Der 20. April 1945......
begann, im Ort und auf dem Bahnhof in gewohnter Weise.
In den späten Vormittagsstunden wurde wieder einmal, wie so oft in
den vergangenen Tagen, für den Groß-Berliner Raum Fliegeralarm gegeben.
ln Neuseddin heulten ebenfalls die Sirenen. Nicht alle Einwohner und diensttuenden Eisenbahner suchten die Schutzräume auf. Zu sehr hatte man sich daran gewöhnt, daß die gefürchtete Bombenlast einmal wieder in
Berlin und nicht über Neuseddin abgeworfen wurde. Leider griffen diesmal die anfliegenden Bomberverbände nicht nur die damalige Reichshauptstadt an.
Ein Pulk alliierter Bomber hatte offenbar den Auftrag, den Verkehrsknoten
Seddin auszuschalten. Militärisch war dies eine höchst fragwürdige Aktion,
da es für die deutsche Kriegsführung bereits 5 Minuten nach 12 war. Sowjetische
Truppen hatten den Ring um Berlin schon fast geschlossen.
Der angreifende Verband flog den Bahnhof aus südlicher Richtung an. Es
ging beim Angriffsziel um die Zerstörung der Bahnanlagen. Dieses Ziel
wurde durch die Zerstörung der Gleisanlagen im Westteil des Rangierbahnhofs,
der durchgehenden Hauptstrecken und der Gleisanlagen im
Gleisdreieck erreicht. Ein Zugverkehr war dadurch nicht mehr möglich.
Dabei klinkten einige Besatzungen die Bomben etwas zu früh aus und trafen
so zahlreiche Wohnhäuser in der Schmiedestraße und in der Dr.-Stapff-Straße sowie das Lehrerwohnhaus.Es wurden insgesamt 19 Wohneinheiten zerstört bzw. unbewohnbar.
Während im Südteil des Bahnhofs Wohnhäuser getroffen wurden, ging
nördlich des Bahnhofs ein Teil des Bombenteppichs in den Wald.
Es ging der US-Bomberflotte nicht nur um die Zerstörung der Bahnanlagen
allein in Seddin. Am gleichen Tag und etwa zur gleichen Zeit wurden Berichten zufolge, auch der Rangierbahnhof Wustermark sowie die Bahnhöfe Nauen, Treuenbrietzen und Trebbin angegriffen.
Beim Luftangriff auf den Bahnhof Treuenbrietzen am 20. April 1945 kam
der Dienststellenteiter der Sfm aus Neuseddin und die Rb-Angestellte Ilse Voß aus Lienewitz durch Bombentreffer auf den Luftschutzbunker ums Leben. Insgesamt wurden 38 Einwohner getötet, darunter zahlreiche Kinder.
Eine Frau verlor dabei 4 ihrer 5 Kinder.
Die jüngste Tochter entging dem Tod, weil sie zur Zeit des Bombenabwurfs nicht zu Hause, sondern bei Nachbarn weilte. Dieser Bombenangriff forderte fast doppelt so viele Tote unter den Einwohnern, als während des gesamten
Krieges gefallen waren.
Grab im Krieg Gefallener im Wald bei Neuseddin
Der Gefangenenzug mit jüdischen Frauen und Mädchen
Auch auf dem Bahngelände spielte sich leider eine sehr schlimme menschliche
Tragödie ab. Während des Luftangriffes befand sich auf den Bahnhofsgleisen
auch ein Gefangenentransportzug mit jüdischen Frauen und
Mädchen. Sie waren während des Angriffs in verschlossenen Waggons
eingepfercht und so hilflos dem Bombenhagel preisgegeben, während sich
ihre Bewacher in Sicherheit brachten. Es gab daher unter ihnen leider mehrere
hundert Tote und Verletzte. Die Unverletzten ergriffen nach dem Angriff
die Flucht aus den zerstörten Waggons. Das Schicksal der Schwerverwundeten
schien besiegelt, da es unter Androhung der Todesstrafe
verboten war, KZ-Häftlingen zu helfen. Zwar hatte der Neuseddiner Bürgermeister
gewarnt: "Das sind KZ-Häftlinge, das geht euch nichts an !"
Vermutlich wollte er nur die eigenen Leute schützen, weil er wußte, daß die
SS kein Pardon kannte? Niemand weiß es heute mehr zu sagen. Trotzdem richteten beherzte Bürger mit aktiver Unterstützung der Hauswartsfamilie der Übernachtung zusammen mit Angehörigen des DRK im Übernachtungsgebäude
ein Notlazarett ein, um diese bedauernswerten Opfer zu versorgen. ln diesen Tagen des Zusammenbruchs in der Schlacht um Berlin, als die meisten Menschen auch in Neuseddins nur ans eigene Überleben dachten, vollbrachten die Männer und Frauen des DRK unter der Leitung von Karl Bartels wirkliche Heldentaten.
Die Leicht-und Unverletzten flüchteten durch den Wald in Richtung Seddin.
Sie wurden von den Dorfbewohnern verbunden und mit Nahrungsmitteln
versorgt. Eine 23-köpfige Frauengruppe wurde allerdings aufgegriffen,
wobei leider ungeklärt bleibt, ob die Frauen bei Fichtenwalde oder bei Beelitz-Heilstätten erschossen oder erschlagen wurden.
Ein Zeitzeuge hatte die Frauengruppe vor dem Mord noch lebend auf einem
offenen LKW unter einem Tarnnetz in Beelitz gesehen. Sie fanden
ihre letzte Ruhe auf dem sowjetischen Friedhof in Beelitz, nachdem sie aus
einem Massengrab umgebettet wurden. Die genaue Zahl der jüdischen
Opfer ist unbekannt geblieben.
Auch unter den diensttuenden Eisenbahnern fanden 2 den Tod. Die getöteten
38 Einwohner wurden auf dem Neuseddiner Friedhof in einem Gemeinschaftsgrab
beigesetzt. Einige Tote aus dem Häftlingszug wurden in
ein Gemeinschaftsgrab neben verstorbenen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen bestattet.
Tage später wurden noch im Wald Tote aus dem Zug gefunden. Sie wurden
im Wald in Einzelgräbern bestattet. Die Überreste der vielen in den
Eisenbahnwaggons getöteten und verbrannten jüdischen Frauen wurden
überwiegend in den Bombentrichtern auf dem Bahngelände verscharrt. Die
Anregung eines Neuseddiner Einwohners auf dem Bahngelände eine Gedenktafel
für die Opfer dieses Massakers aufzustellen, wurde leider bis
heute nicht realisiert. Auf dem hiesigen Friedhof ist jedoch eine würdige
Gedenkstätte mit Gedenkstein errichtet worden, an dem jährlich am Tage
des Angriffs feierlich der Opfer gedacht wird.
Den hier im Ort im Notlazarett untergebrachten Verwundeten des Bombardements
konnte erst nach der Besetzung Neuseddins durch die Rote Armee
am 25.04.1945 ärztliche Hilfe zuteil werden, da in Folge der Kampfhandlungen
kein Arzt aus den Nachbargemeinden nach Neuseddin gelangen konnte.
Mit dem Luftangriff waren große Teile der Bahnanlagen zerstört, der Bahnhof
verwüstet und betriebsunfähig geworden.
Aus Augenzeugenberichten
zum Bombenangriff am 20. April 1945
Ein Reisender, der zu diesem Zeitpunkt im Personenzug nach Belzig gesessen
hatte, beschreibt die Situation wie folgt :
"Als der Alarm ertönte, stand der Zug auf dem Personenbahnhof Seddin. Die
Ausfahrt war zwar nicht freigegeben worden, der Lokführer setzte jedoch
den Zug in eigener Verantwortung in Bewegung und hielt wieder in der Nähe
des Eisenbahnkreuzes an. lch verließ den Zug und legte mich in eine Mulde.
Dann sah ich, daß "Pfadfinder", das waren Flugzeuge, die das Bombenziel
am Boden ausmachen und mit Leuchtbomben markieren sollten, in Aktion
traten und wie danach die Bomber ihre Last abwarfen. Die Rauchsäule war noch an meinem Zielort Dahnsdorf zu sehen, als ich dort eintraf. Da der Kohlenbansen auf dem Bahngelände getroffen wurde und ausbrannte, stand
die Rauchsäule noch wochenlang am Himmel."
Ein anderer Zeuge befand sich an diesem Tag in Michendorf und berichtete
folgendes:
"lch war 16 Jahre alt und gehörte zur"Hitleriugend". Wir wurden dem
"Volkssturm" zugeteilt. Am 20.04.1945 bekamen wir den Auftrag, von der
Stelle im Walde, wo Rosenbergs Sonderzug versteckt stand, Dynamit zu holen. Die Kasten mußten wir zum Kinoraum in Michendort tragen, wo das Zeug trocken und kühl lagern sollte. Wir haben dann am "Kolk" herumgestanden, als Fliegeralarm kam. Von der Straße aus sahen wir nach Seddn
hin, weil es von dort sehr stark brummte. Dann sahen wir ein Bombergeschwader gerade auf Neuseddin zufliegen, etwa aus Richtung Magdeburg-Beelitz-Heilstätten. Es bog aber nach rechts ab und flog anscheinend nach
Treuenbrietzen, wo ja Munitionsfabriken waren. Da nahte eine zweite Bombergruppe,
die blieb und warf einen breiten Bombenteppich auf das Güterbahnhofsgebiet,
auf den Teil zwischen Bahnhof und Wasserlurm. Es krachte
ganz furchtbar und überall stieg schwarzer und braunschwarzer Qualm auf.
Immer von Neuem krachte es. Wir sahen Feuer aufblitzen und schwarze
Rauchwolken hochschießen und hörten immerfort starke Explosionen.
Mir war, als ob ganz Neuseddin untergegangen wäre. Eine dichte, hohe und
breite Rauchwand verdeckte alles. Ich war ganz entsetzt. Dort wohnten ja
meine Eltern! lch wollte hin. lch bat den SS-Feldwebel hinfahren zu dürfen
Er sagte: "Du bleibst hier!" Als ich erklärte, ich würde doch rüberfahren, zog
er seinen Revolver. Aber ich meinen auch. Mir war alles egal. Als wir uns so
gegenüberstanden kam der Ortsgruppenleiter, der Postvorsteher von Michendorf:
"Was ist denn hier los?" lch sagfe: "lch bin aus Neuseddin und
will dorthin, ich will sehen, was mit meinen Eltern ist. Aber er will mich nicht
weglassen!" Da sagfe er, ich dürfe fahren, aber his 18 Uhr mÜsse ich wieder zurück sein.
lch fuhr neben der Bahn her durch den Wald. Noch nie bin ich mit meinem
Rad so schnell gefahren. AIs ich an dem Forsthaus vorbei in die Schmiedestraße kam, erschrak ich, denn da war dichter Rauch. Man sah weder Häuser noch Bäume. lmmer noch hörte man Explosionen. Es roch nach Pulver
und Staub, das Atmen wurde schwer. lch fuhr mitten auf dem Damm in die
Dunkelheit hinein. lch war noch nicht weit an der Thielenstraße vorbei, ganz
im Finstern, da stürzte ich mit dem Rad in einen Bombentrichter, den ich vor
Staub und Qualm nicht hatte sehen können. lch kroch heraus, mein Rad war
ganz geblieben. lch fuhr zurück und bog in die Thielenstraße ein, wo es leidlich
klar war. lch kam in die Horst-Wessel-Sfraße , die heute Waldstraße heißt, fuhr rechts ab, am Gemeindeamt vorbei.Teils fuhr ich, teils schob ich
mein Rad durch Heideland und hinter den Gärten der Dr.-Stapff-Straße entlang,
um von hinten an den Breitenbachplatz zu kommen. Auch da sah ich
Rauch und es roch nach Brand. lch sah das Schulhaus, alle Fenster waren
raus. Links von mir lag ein Mann am Abhang nach der jetzigen Karl-Marx-Straße. Er richtete sich efwas auf. Es war Lehrer Sawade. lch aber dachte nur an meine Ettern. Rechts sah ich das Lehrerwohnhaus als dampfenden
Trümmerhaufen. Auch um mein Eltemhaus zog sich Rauch. Es stand noch,
aber ohne Türen und Fenster. Ich ging hinein, aber kein Mensch war da. Ich
hatte großen Durst, fand aber kein Wasser. Dann fuhr ich zum Walde, denn
meine Eltem hatten dort für uns einen Bunker gebaut und hatten vielleicht dorthin fliehen können. Dort traf ich sie wirklich gesund an. Bei ihnen hatten noch Amtmann Meier und seine Frau Unterschlupf gefunden.
Eine Weile später ging ich mit Anderen, um die Zerstörungen auf dem Güterbahnhof
anzusehen. Es war unglaublich. Alle Schienen und Weichen waren
zerstört, sämtliche Gleise unbenutzbar. Wie Blech waren viele Schienen
hochgebogen. Bombentichter waren dicht an dicht. Alle 40 Gleise waren
wertlos. Wo noch Teile ganz waren, da lagen verbrannte oder vom Luftdruck
hingeschleuderte Eisenbahnwagen, manchmal sogar ein Wagen auf dem
anderen. Es hatten auch Benzin-und Munitionswagen hier gestanden, die
explodiert und verbrannt waren. Teile davon, Radgestelle, Türen, Wagenteile
lagen überall durcheinander. Auf dem Gleis 58 hatte ein Güterzug gestanden, in dem jüdische Frauen aus einem KZ waren. Sie sollfen an einen anderen Oft geschafft werden. Nun war der Bombenangriff gekommen. Entsetztiches war zu sehen. Viele Frauen waren ganz zerstückelt, überall lagen menschliche Glieder und Körperteile zwischen den Schienen oder in Trichtern. Schwer verwundete Frauen und Mädchen krochen schreiend umher oder lagen stöhnend am Boden, andere liefen mit schlimmen Wunden wie irre irgendwohin. Ich habe verschiedene Frauen aufgehoben und zum Tunnel getragen. Alle schrien nach Wasser, aber ich hatte ja keines. Es wurde geschätzt, daß mindestens 2/3 der Judenfrauen hier umgekommenen sind, wenigstens ca. 300 Menschen. Die Toten und einzelne Körpefteile wurden bei dem Massengrab der Fremdarbeiter beerdigt. Die Ver
wundeten wurden erst einmal in der Übernachtung untergebracht, versorgt
und verpflegt. Unter dem Schutz der Roten Armee, die dann bald darauf am
26.04.1945 hier einrückte, wurden sie dann abtransportiert."
Mit diesen schrecklichen Bildern endet an dieser Stelle der Augenzeugenbericht.
Dann nahte auch für Neuseddin 1945 das Kriegsende mit all den
menschlichen Tragödien.
Die Rote Armee in Neuseddin
Eine kleine sowjetische Einheit erreichte am 25.04.1945 Neuseddin. Sie
stieß dabei auf die etwa 1.000 Insassen aus den Zwangsarbeiter-und
Kriegsgefangenenlagern an der Ladestraße und dem sich anschließenden
Waldbereich. Teile der ehemaligen Zwangsarbeiter schlossen sich noch in
Zivilkleidung den Einheiten der Roten Armee an.
Die Insassen aus der Sowjetunion wurden in ein im Wald errichtetes Lager
überführt, von wo aus sie gesammelt die Heimfahrt antraten. Die aus
Frankreich stammenden Männer zogen mit einer Bescheinigung ausgerüstet
in Richtung Forst-Zinna, von wo aus sie geschlossen in ihre Heimat
gefahren wurden.
Die Polen fuhren individuell nach Hause, sie nahmen auch das Löschfahrzeug
der Freiwilligen Feuerwehr Neuseddin mit. Sie plünderten nach dem
Einmarsch der Roten Armee auch Wohnungen in Neuseddin. Noch wochenlang
nach Kriegsende trieben Banden (polnisch sprechend) in den
Wäldern ihr Unwesen, plünderten einzeln stehende Gehöfte und raubten
Menschen aus.
Durch die befreiten Zwangsarbeiter gab es in den ersten Nachkriegswochen
zahlreiche illegale Hausdurchsuchungen im Ort und Diebstähle von
persönlichem Eigentum der Einwohner. lm Gewirr der Ereignisse wurden
auch auf den Gleisen herumstehende Güterwagen, nicht nur von Einwohnern
Neuseddins, sondern auch aus den Dörfern der näheren und weiteren
Umgebung geplündert, um sich mit Lebensmitteln zu versorgen.
Einige ausländische Arbeiter kehrten nach Kriegsende nicht sofort in ihre
Heimatländer zurück, sondern blieben noch Wochen und Monate in Neuseddin
und nahmen am Wiederaufbau des Bahnhofs teil.
Der Krieg war in Neuseddin mit der Kapitulation Deutschlands am 08. Mai
1945 noch nicht ganz zu Ende. Er wirkte noch nach. Der Tod fand auf dem
Bahngelände noch einmal am 30.06.1945, auch nach der Beendigung des
Krieges, seine Opfer. ln der Einfahrgruppe-Ost stehende Wagen mit Munition explodierten mit großer Wirkung. Die verheerende Explosion zerstörte den Rest der nach dem Bombenangriff unbeschädigt gebliebenen Bahnhofsanlagen
und verursachte weitere große Schäden an Dächern, Türen und Fenstern auch im Wohngebiet. Leider kamen auch hier 4 Eisenbahner und mehrere sowjetische Soldaten zu Tode.
Untersuchungen zu der Explosionskatastrophe wurden von der GPU (damalige Sowjetische Geheimpolizei) mit Sitz in der Kommandantur Beelitz
geführt. Deutsche Eisenbahner wurden der Sabotage verdächtigt, verhaftet
und in das Gefängnis der GPU in Beelitz eingeliefert. Den Deutschen
konnte jedoch ein Sabotageakt nicht bewiesen werden. Die inhaftierten
Eisenbahner wurden wieder freigelassen. Das Explosionsunglück soll
durch ein Berge-und Sprengkommando der Roten Armee verursacht worden
sein.
Auch zu diesem Ereignis gibt es einen Augenzeugenbericht :
"Am 30.Juni 1945 erfolgte plötztich auf dem nördlichen Bahngelände eine
ungeheuer starke Exptosion, der bald eine zweite und eine dritte folgte. Von
dem furchtbaren Luftdruck zerptatzten zahllose Fensterscheiben, Türen
wurden eingedrückt, Häuser bekamen Risse. Von den meisten Dächem wurden die Dachziegel heruntergerissen, Menschen, die im Freien waren, wurden zu Boden geschleudert.
Was war geschehen? Auf dem Bahngelände standen 2 Güterwagen, die mit je 3 Seeminen betaden waren, jenen riesigen schwarzen Kugeln, die im >Meer schwimmend, Schiffe zum Sinken bringen sollten. Sowietische Feuerwerker wollten die Minen entschärten, und die erste Mine explodierte. Die umherfliegenden Stücke trafen die Zünder der anderen. So gingen alle 6 Minen der Reihe nach mit fürchterlicher Gewalt in die Luft. Die 7 russischen Feuerwerker wurden in Stücke gerissen, ebenso 4 Eisenbahner.
Menschen, die weiter entfernt waren, wurden vom heftigen Luftdruck weggeschleudert.
Ein Zeitzeuge ezählte, daß er mehrere Male in der Luft um
seine eigene Achse gewirbelt und hingeschleudert wurde, ohne zu verstehen, was los war. Er hatte lange an einer schweren Beinverletzung zu leiden, aber er überlebte.".
Es scheint nicht sicher, daß es Seeminen waren, da diese niemals zusammen mit dem Zünder transportiert wurden. Andere Zeitzeugen sprechen von deutschen Fliegerbomben, die dicht an dicht in Balkenverschlägen in den
Waggons standen. Daneben befanden sich Waggonladungen mit Stangenpulver für Artilleriekartuschen und Leuchtbomben.
Diese Daten stammen aus der Broschüre
"Beiträge zur Ortsgeschichte Gemeinde Seddiner See"
erarbeitet vom Chronikkreis der Heimatfreunde Neuseddin
Redaktion: Hanswerner Cimbal und Harald Röhr
Projektleitung: Evangelisches Pfarramt Neuseddin, Pfarrer Jürgen Heydecke
Redaktionsschluß: 15.12.1998
Webdesign: Thomas Müller
© 2011
- Chronik Teil 4
Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt.
Laß uns dir zum Guten dienen, Deutschland, einig Vaterland.
Die Jahre 1945 bis 1989
Kulturfeste
im Kulturhaus der Eisenbahner
Der schwere Anfang nach dem Krieg
Kriegsrecht durch die Sieger des II. Weltkrieges
Mit der Kapitulation Deutschlands begann die Zeit des Kriegsrechts nach
einem vom Hitlerfaschismus verursachten und verlorenen Krieges mit den
unzähligen Opfern und Zerstörungen.
lm August 1945 wurde durch die Siegermächte das Potsdamer Abkommen,
als Grundlage für die Wiedergutmachung der durch den Krieg angerichteten
Schäden, der Bestrafung der Hauptverantwortlichen und der
Grundlagen für die Entstehung eines neuen friedliebenden deutschen
Staates, beschlossen. lm großem Rahmen gesagt, es war die Zeit des in
den vier Besatzungszonen unterschiedlich angewandten Besatzungsrechtes,
der Reparationsleistungen, der Bestrafung der Kriegsverbrecher, der
Auswirkungen der neuen Grenzziehungen, die zusammen mit den Flüchtlingen,
Ausgewiesenen, Ausgebombten und den zurückkehrenden ehemaligen
Soldaten und lnternierten, das tägliche Leben bestimmte. Der totale
Zusammenbruch des öffentlichen Lebens und die damit verbundene katastrophale
Versorgungslage sowie die Nazipropaganda von den "sowjetischen
Untermenschen" prägten die Angst der Menschen.
Zum Neuanfang gehörte unbedingt die Beseitigung der Kriegsschäden, die
Wiederingangsetzung der öffentlichen Ordnung, der Produktion in den Betrieben
und das Bewohnbarmachen zerstörten Wohnraumes. Das größte
aber auch wohl schwerste Problem lag darin, die tiefe Niedergeschlagenheit
und Hoffnungslosigkeit der Menschen zu überwinden. Es galt, trotz
riesiger Schwierigkeiten, Hunger, Elend und den schmerzlichen Erlebnissen,
neuen Mut zu finden. Ob bewußt oder unbewußt stand die Frage, was
ist in Zukunft zu tun, daß so eine Katastrophe nie wieder eintritt.
"Nie wieder Krieg!"
Das war die Meinung und Erkenntnis der Mehrheit der
Menschen in Deutschland, sie gab den Menschen wieder Hoffnung. Mit
dieser Zielstellung identifizierte man sich und glaubte an diese Worte.
Leider wurden aus dem II. Weltkrieg keine Lehren gezogen.
Hunderttausende Menschen starben seit damals wieder in der Welt in
sinnlosen Kriegen für die Machtinteressen von Politikern oder einzelner
Staaten.
Der Kampf gegen den Hunger
Der Bahnhof als Warenlager. Die
Versorgung kommt mühsam in Gang.
Zuerst mußte die Versorgung wieder in Gang gebracht werden. Es war für
Neuseddin und die umliegenden Gemeinden von unschätzbarem Vorteil in
dieser Situation einen so großen Güterbahnhof in unmittelbarer Nähe zu
haben. Waggons, mit Lebensmitteln und Versorgungsgütern aller Art beladen,
standen teils zerstört, teils aber auch noch intakt, auf dem Bahnhof
herum und gaben der Bevölkerung in den ersten Tagen und Wochen nach
Kriegsende die Möglichkeit zum Überleben. Eine regelmäßige Versorgung,
auch Lebensmittelkarten, gab es ja nicht mehr. Alle Transportwege waren
zerstört und vorhandene Lagerbestände Kriegsbeute der Sieger geworden.
So war der Bahnhof für viele Menschen erst einmal die einzige Überlebenschance.
Eine normale Versorgung kam nur recht schleppend und unregelmäßig
in Gang. Frauen, Jugendliche und Kinder mußten anfangs die Hauptlast tragen, denn viele Männer waren im Krieg gefallen oder in Gefangenschaft
geraten.
Trinkwasser ein kostbares Gut
Für Neuseddin galt es das durch den Bombenangriff am 20.04.45 zerstörte
Rohrnetz der örtlichen Wasserversorgung wieder in Betrieb zu nehmen.
Zum Glück waren weder der Wasserturm noch die Pumpenanlagen beschädigt
worden. Schon im Juli 1945 lief das Wasser wieder aus den Hähnen.
Bis dahin mußten die Einwohner das benötigte Trink-und Waschwasser
in Eimern von der einzigen im Ort stehenden Handpumpe vor dem
zerstörten Haus in der Schmiedestraße holen, dem späteren Standort des
ehemaligen Kulturhauses der Eisenbahner.
Reparationen, Demontage, Arbeitseinsätze
der Bevölkerung
Wie in allen Orten und Gemeinden wurde auch in Neuseddin die politische
Gewalt von einem sowjetischen Ortskommandanten und außerdem von
einem Militärkommandanten im Bahnbetriebswerk ausgeübt. Letzterer unterstand der Eisenbahnkommandantur der Sowjetarmee, die in den ersten
Nachkriegsjahren noch ihren Sitz in der Straße "Am Sandwerder" in
Berlin-Wannsee im amerikanischen Sektor hatte. Die Ortskommandantur
selbst befand sich im Gemeindebüro in der Waldstraße.
Vom Ortskommandanten wurde im Mai 1945 verfügt, daß alle arbeitsfähigen
Einwohner Arbeitseinsätze leisten mußten. Überwiegend waren davon
Frauen und Jugendliche betroffen, da es ja kaum arbeitsfähige Männer im
Ort gab. So wurden die Einwohner auch zu Arbeiten außerhalb des Ortes
herangezogen.
Um sich vor diesen Arbeitseinsätzen zu drücken, war das Bemühen ärztliche
Atteste zu erhalten bei manchen Einwohnern, besonders aber bei den
anwesenden Männern sehr groß. Auf Veranlassung der Besatzungsmacht
wurden 1946 Starkstrom- und Postkabel entlang der Leipziger Chaussee
(B 2) ausgegraben und demontiert. Aber auch andere durch die Wälder
verlaufende Kabelverbindungen, so zum Beispiel zwischen Neuseddin und
Ferch oder entlang des sogenannten Heuweges zwischen Caputh und
Beelitz, wurden als "Siegerbeute" abtransportiert. Die Telefonfreileitungen
wurden ebenfalls zum Teil demontiert. Bei der Eisenbahn wurde, wie überall
auf den Strecken, das 2. Gleis zwischen Berlin-Wannsee und Belzig
abgebaut. Auch auf dem Bahnhof Seddin wurden ebenfalls Gleise abgebaut. So unter anderen alle unzerstörten Gleise des Militärbahnhofes. Zur Kriegsbeute oder zu Reparationsleistungen zählten aber nicht nur die
Gleisanlagen, sondern auch Güterwagen. Eine Gruppe polnischer Eisenbahner
war im Sommer 1945 auf dem Bahnhof Seddin tätig und kennzeichnete
vor Ort Waggons der Deutschen Reichsbahn in Wagen der polnischen
Staatsbahn (PKP) um.
Zum überwiegenden Teil wurde aber die Neuseddiner Bevölkerung zu Aufräumungsarbeiten
auf dem zerstörten Bahnhofsgelände des Rangierbahnhofes Seddin eingesetzt.
Weitere Arbeitsleistungen größeren Umfangs durch die Bevölkerung wurden
auch im Gleisdreieck westlich des Bahnhofes durch die Besatzungsmacht
angeordnet. Die Gleisverbindungen zwischen den Stellwerken Bla, Bea und Lia waren durch Bombenteppiche ebenfalls am 20.04.45 zerstört worden, wobei auch ein Lazarettzug getroffen wurde, der im Gleisabschnitt
Lia-Bea stand.
Wieder eine deutsche Verwaltung
Neue Bürgermeister werden eingesetzt Rechtsstaatlichkeit unter Besatzungsrecht.
Bereits Anfang Mai 1945, wenige Tage nach der Besetzung, wurde durch
den Ortskommandanten ein Bürgermeister eingesetzt. Dieser wurde jedoch
schon nach wenigen Wochen Amtszeit verhaftet und in das KZ Sachsenhausen eingeliefert. Der nachfolgend eingesetzte Bürgermeister, mit perfekten polnischen und russischen Sprachkenntnissen, amtierte ebenfalls
nur einige Monate bis zu seiner Verhaftung. Seine Familie wurde aus Neuseddin ausgewiesen.
Obwohl es in diesen Tagen kaum etwas zu kaufen oder verkaufen gab,
forderte der Ortskommandant die Wiedereröffnung der Geschäfte. Der
wichtigste Laden war dann die Bäckerei für die Einwohner. lm Mai 1945
erfolgte so gut wie keine Versorgung durch die Besatzungsmacht. Erst im
Juni wurde einmal russischer Salzfisch (Blei) ausgegeben. lm Gegenteil, in
den Monaten Mai, Juni wurden von Angehörigen der Kommandantur in den
Neuseddiner Haushalten Durchsuchungen durchgeführt, um Lebensmittel,
die von Plünderungen auf dem Bahnhof Seddin stammten, aufzuspüren
und zu beschlagnahmen. Bei dieser Aktion wurden große Mengen Lebens-und
Genußmittel vorgefunden und gleich mit LKW abtransportiert. Frisch gebackenes Brot gab es jedoch in Neuseddin schon in den ersten Maitagen. Dies war der lnitiative des damaligen Bürgermeisters Marohn und des
Bäckermeisters Riemann zu verdanken. Das Mehl wurde aus Eisenbahnwaggons auf dem Rangierbahnhof beschafft.
Mit dem Einsetzen einer deutschen Selbstverwaltung, richtiger gesagt Mitverwaltung,
da das ausschließliche Weisungsrecht bzw. die Befehlsgewalt
nur der Ortskommandant hatte, wurden auch einige als politisch unbelastet
geltende Bürger als Ortspolizei eingesetzt. Ihre erste Aufgabe bestand
darin, sämtliche in den Haushalten vorhandenen Rundfunkgeräte einzuziehen.
Kein Deutscher durfte in diesen Tagen mehr im Besitz eines Radios
sein. Hatten die Nazis zu Beginn des Krieges das Abhören ausländischer
Rundfunksender verboten, so ging die Besatzungsmacht noch einen Schritt
weiter und verbot den Rundfunkempfang erst einmal völlig, auch Schreibmaschinen
und Ferngläser mußten abgegeben werden.
Zur lnformation der deutschen Bevölkerung wurde von der Sowjetischen
Militäradministration in Deutschland (SMAD) dann im Juni 1945 eine von
ihr herausgegebene Tageszeitung "Tägliche Rundschau" in Umlauf gebracht. Die eingezogenen Rundfunkgeräte wurden, soweit noch vorhanden bzw. auffindbar, dann allerdings zu einem späteren Zeitpunkt nicht immer an die Eigentümer zurückgegeben.
Auf dem Sportplatz befand sich ein Sammellager für Kraftfahrzeuge. Die
gesamte Fläche stand voller Fahrzeuge, die aus der näheren und weiteren
Umgebung hier abgestellt wurden. lm Spätsommer und Herbst wurden
diese Beutefahrzeuge auf der Ladestraße auf Eisenbahnwaggons zum
Abtransport in die Sowjetunion verladen. Interessenten konnten aber bereits
vorher PKW's gegen Schnaps beim Bewachungspersonal tauschen.
Um sich gegenüber den Besatzungsbehörden legitimieren zu können, wurde
schon im Jahre 1945 für die Bürger der Gemeinde Neuseddin, auf Weisung
der örtlichen Kommandantur, ein formloser zweisprachiger Personalausweis
eingeführt. Auf der linken Seite befanden sich das Lichtbild und
die handschriftlich in russischer Sprache gemachten Angaben. Auf der
rechten Seite die notwendigen Personalangaben in deutscher Schreibmaschinenschrift.
Die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit war ein
besonderes Anliegen des bis zum Oktober 1945 in Neuseddin tätigen Ortskommandanten.
Es gab wenige Übergriffe, obwohl im Wald mehrere größere
Soldatenlager waren. Vermutlich befanden sich in diesem Lager auch
die Mehrzahl der aus Neuseddin und der Umgebung zu repatriierenden
Sowjetbürger.
Zeitzeugen berichten von folgenden Waldlagern:
Auf dem Gelände des heutigen Wohngebietes Beimlerstraße, am früheren Schießstand in Richtung
Ferch, am Rädeler Weg (als Panzerstraße bekannt) sowie im Wald Richtung Kunersdorf.
An mehreren Stellen im Ort, so an den Ecken Schmiede-Thielenstraße und
Schmiede-Dr.-Stapff-Straße, waren sogenannte Galgen aufgestellt. An
ihnen waren leere Kartuschen als Ersatzglocken angebracht. Diese Glocken
dienten zur Alarmierung des Ortskommandanten, wenn zum Beispiel
Frauen im Ort durch Sowjetsoldaten belästigt wurden oder man sich am
Eigentum der Einwohner vergriff. Leider war es in der ersten Besatzungszeit
auch zu Vergewaltigungen gekommen. Mit dem Läuten dieser "Alarmglocken"
konnte jeder Einwohner den Kommandanten auf den Plan rufen.
Dieser reagierte sofort und schritt rigoros gegen die Übeltäter ein.
Einige Bürger der Gemeinde wurden in dieser Zeit verhaftet und kamen in
ehemalige Konzentrationslager. Die einst von den Nazis für ihre Gegner
eingerichteten KZ Sachsenhausen, später auch das berüchtigte KZ Buchenwald,
wurden wieder benutzt. Die Verhaftungen erfolgten entweder
auf Anzeigen aus deutschen Kreisen oder von ehemaligen Zwangsarbeitern.
Denn woher sonst sollten wohl die Organe der Besatzungsmacht ihre
Informationen so kuzfristig über ehemalige NSDAP-Mitglieder haben?
Einige Bürger entzogen sich diesem Risiko, indem sie untertauchten oder
Selbstmord begingen. Von den damals Verhafteten sind einige nie zurückgekehrt
und in sowjetischer Haft gestorben.
Welche chaotischen Verhältnisse in punkto Rechtsunsicherheit im Sommer
1945 in Neuseddin herrschten, geht aus einem Zeitzeugen-Bericht einer
damaligen Einwohnerin hervor:
"Mein Schwiegervater wurde wenige Wochen nach Kriegsende ohne Anklage oder Haftbefehl einfach ,abgeholt'. Um meinen und meiner Tochter Lebensunterhalt bestreiten zu können, hatte ich das Glück beim sowjetischen Ortskommandanten in der Küche arbeiten zu dürten. Eines lages erschienen bei uns in der Wohnung mehrere Männer eines sogenannten Antifa-Kommitees und wollten Möbel beschlagnahmen. Es waren keine Neuseddiner Einwohner, sondem Fremde. Woher sie unsere Adresse hatten, weiß ich nicht. ln meiner Not wandte ich mich sofort an den sowjetischen Kommandanten. Der machte dann schnell dieser Beschlagnahmeaktion ein Ende. So kamen wir noch einmal ungeschoren davon."
Parteien und Organisationen werden wieder zugelassen
Nachdem durch Befehle der SMAD im Juni 1945 die Bildung politischer
Parteien und Gewerkschaften in der sowjetischen Besatzungszone zugelassen
wurden, bildeten sich auch in Neuseddin Ortsgruppen der KPD und der SPD.
Zur Wahrnehmung spezieller Aufgaben wurden außerdem Ausschüsse
gebildet. Besondere Bedeutung hatte der Ausschuß für Umsiedler, in erster
Linie jedoch für die Umsiedler aus dem Sudetenland, die als sogenannte
Antifaschisten nach Neuseddin gekommen waren. Diese hatten sogar per
Eisenbahn einen Teil ihres Mobiliars und Hausrats mitnehmen können.
Diese Umsiedler erhielten hier bevorzugt Wohnraum zugeteilt und übernahmen
im Ort schon nach kuzer Zeit gleich politische Funktionen. Um Wohnraum für die Flüchtlinge zu erhalten, zwang man einige ehemalige NSDAP-Mitglieder aus ihren Wohnungen auszuziehen und wies sie bei
anderen ehemaligen Mitgliedern der Nazi-Partei mit ein. Auf diese Weise
wurde erst einmal versucht, das Wohnungsproblem zu lösen.
Andere aus ihren Wohnungen ausgewiesene NSDAP-Mitglieder und ihre
Familien wurden u.a. in die ehemaligen HJ und BDM Heime hinter dem
Übernachtungsgebäude zum Wohnen eingewiesen.
Auch im Übernachtungsgebäude wurden zum Teil wieder Notwohnungen
eingerichtet. Die ganze obere Etage wurde mit Flüchtlingen belegt. Zeitweise
wohnten dann dort fünf bis sechs Familien. Den Flüchtlingen wurden,
soweit wie möglich, auch Hausrat und Möbel zur Verfügung gestellt,
teils aus Asservatenbeständen der Reichsbahn, teils durch Sammlungen in
der Bevölkerung. Einen Lastenausgleich oder eine Entschädigung für das
verlorene Hab und Gut in der alten Heimat erhielten die Flüchtlinge weder
in der SBZ (Sowjetische Besatzungszone), noch in der späteren DDR.
Die für die Umsiedler organisierten Spendensammlungen fanden im Ort
allerdings wenig Resonanz unter den Einheimischen. Der damalige Bürgermeister
beklagte das mangelhafte Sammelergebnis, zumal nach seiner
Meinung Böden und Keller mit Hausrat gefüllt waren. Warum verhielten
sich die Menschen nach heutiger Sicht so unsolidarisch? Sie hatten sich
doch in den Jahren zuvor ganz anders gezeigt, als noch das Prinzip der
"Volksgemeinschaft" die Propaganda beherrschte. Man muß dabei jedoch
die damaligen Lebensumstände sehen. Es galt vor allem, zu überleben.
Die eigene Familie, und die aus Krieg und der Gefangenschaft zurück erwarteten
Angehörigen, galt es zu ernähren. Da Lebensmittel kaum für Geld
zu erhalten waren, wurde der Hausrat zwangsweise für Tauschzwecke
verwendet. So blieben die geforderten Spenden aus. Für Geld und gute
Worte war auf dem Lande von den Bauern nichts zu bekommen. Hatte
man aber Sachwerte im Tauschangebot, sah die Sache schon anders aus,
das Geschäft florierte, und wenn es "ein Teppich für den Kuhstall" war, den
man für ein Paar Kilo Kartoffeln hingab. Es war wieder etwas zum Essen
im Hause.
Die Spendenunlust der Neuseddiner Einwohner hatte aber auch viel mit
dem Negativimage des Umsiedlerausschusses zu tun.
Dieser Ausschuß, der sich, wie bereits enrwähnt, insbesondere mit der lnteressenvertretung
der aus der damaligen Tschechoslowakei ausgewiesenen
Eisenbahner befaßte, fand kein positives Echo bei den Einwohnern.
Besonders der Leiter dieses Ausschusses war durch sein rüdes Verhalten gegenüber alteingesessenen Bürgern und Flüchtlingen, die nur mit wenig Habe im Rucksack gekommen waren, bald sehr unbeliebt.
Neulehrer an der Schule
lm Herbst 1945 wurde ebenfalls auf Weisung der sowjetischen Militärbehörden
in der Ostzone, so auch in Neuseddin, der Schulunterricht wieder
aufgenommen. Wie aber in allen Orten der SBZ stand das Lehrerproblem.
Die ehemaligen Lehrkräfte waren meist "PG (Parteigenossen)" gewesen und deshalb für
eine Lehrtätigkeit nicht mehr zugelassen. Es begann die Zeit der "Neulehrer".
Das waren geeignete junge Menschen ohne besondere Vorkenntnisse,
die kurzfristig in Lehrgängen mit der Lehrtätigkeit vertraut gemacht
wurden. Von einer fachlich pädagogischen Grundausbildung konnte dabei
keine Rede sein.
Erst in den folgenden Jahren wurde eine "neue Lehrerelite" ausgebildet,
die dann teilweise die Neulehrer ablöste.
Teilweiser Wiederaufbau in der Schmiedestraße
ln der Zeit von Oktober 1945 bis Juni 1946 wurden in der Schmiedestraße
sieben Wohnungen in den im Krieg teilzerstörten Häusern wieder bewohnbar
hergerichtet. Die Baulücken sind bis heute im Ort noch zu sehen.
Die erste Kommunalwahl nach dem Krieg
lm Herbst 1946 fand die erste Kommunalwahl statt. Kandidaten durfte jede
zugelassene Partei bis zu einem festgelegten Termin aufstellen. Dies tat
eigentlich nur die SED, die nach der Zwangsvereinigung aus SPD und KPD
bis zum Juni 1946 flächendeckend in der SBZ mit eigenen Ortsgruppen entstand. Diese Vereinigung erfolgte zwar
noch unter dem Eindruck der braunen Vergangenheit und des verlorenen
Krieges und wurde auch von einem Teil der Mitglieder beider Parteien unterstützt,
ausschlaggebend war aber der Druck hierzu von der sowjetischen
Besatzungsmacht. Eine freie Abstimmung über das Für und Wider einer
Vereinigung wurde unterbunden und fand dann nur in Westberlin statt. Die
Mehrzahl der Mitglieder sprach sich dort erwartungsgemäß gegen die Vereinigung
aus. Für die SPD in den Westzonen stand eine Vereinigung beider
Arbeiterparteien sowieso nicht zur Debatte. In Neuseddin gab es
am 1.5.1946 48 Mitglieder der SPD und 30 Mitglieder in der KPD. Zur Wahl in Neuseddin wurden 24 Kandidaten aufgestellt. Ebenfalls standen zwei Kandidaten für den Kreistag zur Wahl. Am Wahltag machten über hundert
Wahlberechtigte von ihrem Wahlrecht keinen Gebrauch. über einhundert
ungültige Stimmen wurden ausgezählt. Dieses erste Wahlergebnis nach
dem Kriege zeigte auch in Neuseddin schon ganz deutlich die Auswirkungen
des Einflusses der Besatzungsmacht auf die Kommunalpolitik und die
Behinderung der bürgerlichen Parteien. Die Zahl der ungültigen Stimmen
und der Nichtwähler waren ein beredter Beweis dafür. Gleichzeitig kam
damit auch die Abneigung gegen die nun wiederbeginnende Ein-Parteienherrschaft zum Ausdruck.
lm Jahre 1946 gab es wieder einen gedruckten Ausweis nur mit deutschem
Text, der aber auch noch vom "Amtsvorsteher, als Ortspolizeibehörde
Neuseddin" ausgestellt war. Dieser Ausweis galt bis zur Gründung der
DDR 1949. Danach wurden dann einheitliche Personalausweise für die
gesamte Republik eingeführt und von den Volkspolizei-Kreisämtern über sihre Meldestellen ausgegeben.
Da nach der bedingungslosen Kapitulation die nazistischen Symbole, wie
Hakenkreuz und Hoheitsadler, in Siegelabdrucken und Dokumenten nicht
mehr verwendet werden durften und es noch keine übergeordneten deutschen
Behörden gab, die territorial entsprechende Kennzeichen einführen
konnten, wurde anfangs nur der Kopf und der an den Adlerfüßen vorhandene
Kranz mit dem Hakenkreuz einfach aus den alten Stempeln mit Rasierklingen
herausgeschnitten. Etwas später wurde auch der Rest des Adlers
amtlich ganz entfernt. lm Jahre 1947 wurde dann in Neuseddin ein neues gemeindeeigenes Siegel eingeführt, in dem der damals weithin sichtbare Wasserturm der Eisenbahn als Symbol und amtliches Kennzeichen
für Neuseddin abgebildet war. Obwohl im Jahre 1952, mit der Gründung
der Provinzialverwaltung der Mark Brandenburg, ein neues Siegel
eingeführt und das Gemeindesiegel damit eigentlich amtlich ungültig wurde,
fand das alte Siegel, das auch gleichzeitig in der damaligen Oberschule
Neuseddin als Schulsiegel für die Zeugnisse galt, bis zum Jahre 1990 Verwendung.
Bis heute hat sich aber in vielen Publikationen für unseren Ort
der Wasserturm als Symbol für Neuseddin erhalten.
Die Stimmungslage unter der Bevölkerung war im Wahljahr 1946 denkbar
schlecht. Vor allem wurde sie durch die immer noch unzulängliche Ernährungslage
stark beeinflußt. Die Rationen, die auf inzwischen wieder eingeführte
Lebensmittelkarten nach Dekaden (10 Tage) zugeteilt werden sollten,
konnten oftmals nicht rechtzeitig beliefert werden, obwohl die Bemühungen hierzu durchaus vorhanden waren. Wer nicht die Lebensmittel-Karte I für Schwerstarbeiter hatte, wurde sowieso nie satt. Am schlechtesten
waren die Rentner und die sogenannte nichtarbeitende Bevölkerung
mit Karte lV betroffen. Die Rationen waren zum Sterben zu viel und zum
Leben zu wenig. ln der Landwirtschaft fehlte es an Vieh und Saatgut. Die
Sowjetunion hatte auch die Marshall-Plan-Hilfe der Amerikaner für ihre Zone abgelehnt.
Ein Teil des Wenigen das vorhanden war, wurde von gewissenlosen
Schiebern und Spekulanten auf dem sogenannten "Schwarzen Markt" noch
illegal für horrende Preise verkauft. So kostete zum Beispiel in den Jahren
1946 bis 1947 ein Brot 60 bis 80 RM (Reichsmark). Eine Schachtel Süßstoff
mit 100 Tabletten 30 RM. Eine deutsche Zigarette 6 bis 10 RM, eine "Ami-
Zigarette" sogar um die 12 RM. Viele, sonst ehrliche Neuseddiner Einwohner,
sahen sich damals aus der Not heraus gezwungen, im Herbst von den
Zügen Kartoffeln und Rüben " zu organisieren" oder einen Teil ihrer verbliebenen
Habe bei den Bauern gegen Lebensmittel einzutauschen.
Neuaufbau der Feuerwehr
Neuaufbau der Feuerwehr
Ab 1946 mußte auch in Neuseddin
die freiwillige Feuerwehr wieder neu
aufgebaut werden, da die alten Mitglieder
der Wehr fast ausnahmslos
in der Nazi-Partei gewesen waren.
So wurde halt aus der Not eine Tugend
und aus der "Freiwilligen"
wurde einfach eine "Pflicht-Feuerwehr".
Diese Möglichkeit bestand gemäß Weisung der inzwischen eingerichteten Provinzialverwaltung der Mark Brandenburg. Diese Wehr rekrutierte sich zunächst aus 26 Männern.
Das Löschfahrzeug war 1945 von abziehenden Fremdarbeitern "mitgenommen" worden. Ein Einsatzfahrzeug stand daher nicht mehr zur Verfügung. Die Motorspritze und ausreichend Schlauchmaterial waren aber vorhanden und auch einsatzbereit. Aus der Pflichtfeuerwehr wurde aber bald durch
den Enthusiasmus der Mitglieder wieder eine freiwillige Feuerwehr, Jeder
wollte ja schließlich beim Neuaufbau eines besseren Staatswesens seinen
Beitrag leisten. Den Wehrleuten waren nur die Schuizhelme geblieben. Es
fehlten die Uniformen. Die Männer der Wehr konnten dann in Potsdam von
der inzwischen neu aufgestellten Polizei schwarz eingefärbte, ehemalige
Wehrmachtsuniformjacken käuflich erwerben. Jeder bezahlte dafür 10,00
RM aus der eigenen Tasche.
lm Jahre 1947 stellte die Gemeindeverwaltung der Feuerwehr einen alten
Mercedes-LKW bereit, der noch als Holzgaser betrieben wurde. Dieser
Wagen wurde im Feuerlöschgerätewerk Luckenwalde kurzfristig zu einem
Löschfahrzeug LF 8 umgebaut.
Erstes Einsatzfahrzeug nach dem Krieg
Die Freude über das neue Löschfahrzeug dauerte leider nicht lange. Als
die Feuerwehren in Brandenburg wieder der Polizei unterstellt wurden,
mußte dieses Fahrzeug auf Weisung des Volkspolizei-Kreisamtes Potsdam
an die dortige Berufsfeuerwehr abgegeben werden.
Neuseddin erhielt dafür ein altes vollgummibereiftes Fahrzeug aus den
zwanziger Jahren, das in der Stadt Beelitz ausgemustert war. Dieses Fahrzeug
war leider für den Bereich der Gemeinde Neuseddin völlig ungeeignet,
weil es die Neuseddiner Feuerwehr hauptsächlich mit Waldbränden zu
tun hatte und das Fahrzeug auf den unbefestigten Waldwegen kaum vorwärts kam. Trotzdem war dieser alte Schlitten bis weit in die fünfziger Jahre
hinein im Einsatz, ehe er durch ein modernes Fahrzeug aus neuer Produktion
ersetzt werden konnte.
Der überwiegende Anteil der Waldbrände entstand an den Eisenbahnstrecken,
wo durch den Funkenflug der mit Braunkohle befeuerten Dampflokomotiven
die Brände ausgelöst wurden. Um diese Waldbrände frühzeitig
erkennen zu können, wurde Anfang der fünfziger Jahre auf dem Wasserturm
ein Waldbrand-Warnposten eingerichtet, der dann den Feueralarm
auslöste.
Säuberungen und Entlassungen bei der Bahn
Ende 1946 setzte eine große Entlassungswelle bei der Eisenbahn ein. Alle
ehemaligen Parteimitglieder der nun verbotenen NSDAP wurden kurzfristig
entlassen. Da dann aber wieder Arbeitskräfte für den Wiederaufbau der
zerstörten Bahn-Anlagen und für die Ingangsetzung des Rangierbetriebes
auf dem Bahnhof fehlten, wurden sie nach und nach wieder eingestellt.
Der Kalte Krieg zwischen den Siegermächten beginnt
zwischen Ost und West
Die weitere Entwicklung in Neuseddin kann nicht losgelöst von den allgemeinen
politischen Verhältnissen nach dem II. Weltkrieg in Deutschland
betrachtet werden.
Nach der Potsdamer Konferenz im Juli/August 1945, die von den drei Siegermächten Sowjetunion, USA und Großbritannien (Frankreich war hier noch nicht vertreten) begann in Deutschland allmählich der Übergang vom Kriegs-zum Besatzungsrecht. Deutschland wurde auf dieser Konferenz in vier Besatzungszonen
aufgeteilt. Der geschaffene atliierte Kontrollrat in Berlin sollte eine Art gemeinsame
Regierung für ganz Deutschland sein, aber jede Besatzungsmacht führte in ihrer
Zone eine jeweils eigene Politik durch.
Die Enteignung der Großgrundbesitzer und die damit verbundene Bodenreform
wurde nur in der SBZ konsequent durchgeführt. Eine sogenannte Volksbefragung
für die Enteignung der Großindustrie fand 1946 nur in Sachsen statt. Sie hatte dort
auch Erfolg. ln den anderen vier Ländern der Ostzone wurde diese Entscheidung
einfach übernommen, ohne demokratische Legitimation. Des gewunschten Votums
der ganzen Bevölkerung war man sich wohl nicht sicher genug.
Nach der bedingungslosen Kapitulation Hitlerdeutschlands und der Errichtung der
vier Besatzungszonen begann eine systematische Abschottung der östlichen von
den drei westlichen Zonen. Damit einher ging auch die Unterbrechung der meisten
Verbindungen zwischen Ost und West. Das hing vor allem mit der unterschiedlichen Wirtschaftspolitik zusammen. In der Ostzone wurde von Anfang an, nach
sowietischem Vorbild, auf sozialistische Planwirtschaft gesetzt, während in den
Westzsnen eine demokratische und nach der Währungsreform 1948 eine marktwirtsehaftliche Entwicklung einsetzte. Dort wurden auf Grund der Proteste der Bevölkerung
und der Landesregierungen die Demontagen von lndustriebetrieben auch
bald eingestellt. Schon am 25. Mai 1946 wurde durch den amerikanischen Militärgouverneur
General Clay die vorläufige Einstellung der Demontagen in der amerikanischen
Zone befohlen.
Ebenso vezichteten die Briten und Franzosen auch zum größten Teil auf Reparationslieferungen
aus der laufenden Produktion. Die ostdeutsche Wirtschaft hatte
dagegen schwer unter den Demontagen und Reparationslieferungen zu leiden. So
wurden beispielsweise im gesamten Streckennetz der Deutschen Reichsbahn die
zweiten Gleise abgebaut und als Kriegsentschädigung für die durch die Deutsche
Wehrmacht in der Sowjetunion angerichteten Schäden am sowjetischen Eisenbahnnetz
verwendet.
Schon im Juli 1945 wurden auf Befehl der SMAD auf dem Territorium der SBZ fünf
Provinzialverwaltungen bzw. Landesregierungen gebildet, um wieder eine funktionierende
Verwaltung aufzubauen. Nur wenig später wurde als Hilfsorgan der
SMAD und als Basis für die künftige Eigenverwaltung die Bildung von elf Zentralverwaltungen
im Ostsektor von Berlin verfugt. Obwohl die Vier-Sektorenstadt Berlin
unter "besonderer" Militärverwaltung aller vier Mächte stand, ignorierte die SMAD für
den Ostsektor diese gemeinsame Verwaltung aller Vier-Sektoren. Der Ostsektor
Berlins gehörte auch nicht zur Ostzone.
Die Provinzen Brandenburg und Sachsen-Anhalt erhielten im Jahre 1947, auf
Grund des Beschlusses des alliierten Kontrollrates über die Auflösung des Staates
Preußen, nun den Länderstatus. Damit wurde die föderative Struktur, wie sie bis
1933 in Deutschland bestand, wieder hergestellt.
In den Jahren 1946 bis 1948 erwies sich der Alliierte Kontrollrat immer mehr als
unfähig, eine gesamtdeutsche Regierungsinstanz zu sein. Die Sowjets blockten alle
westlichen Vorschläge diesbezüglich ab. Sie stimmten auch einer gemeinsamen
Währungsreform nicht zu. So entschlossen sich 1948 die drei Westmächte zu einer
separaten Währungsreform, um wenigstens in ihren Zonen die Wirtschaft wieder
anzukurbeln. Jetzt mußte auch in der SBZ eine Währungsreform zwangsläufig durchgezogen werden, um die Ostzone nicht mit den in den Westzonen ungültig gewordenen Reichsmark-Milliarden überschwemmen zu lassen. Damit war die
Spaltung Deutschlands nun auch auf wirtschafficher Ebene perfekt geworden. Die
neuen Währungen in Ost und West nannten sich beide D-Mark. Es kristallisierten
sich jedoch sehr schnell die Bezeichnungen "Westmark" und "Ostmark" heraus. Auf
Grund des wirtschaftlichen Ungleichgewichtes stand die Westmark höher im Kurs als die 0stmark.
Bei Eintausch der Ostmark gegen Westmark, in den extra dafür eingerichteten
Wechselstellen in Westberlin, wurde eine Westmark für ca. 3,00 bis 5,00 Ostmark
verkauft. Ende der funfziger Jahre stieg der Wechselkurs weiter an. Die Ostmark
war von Anfang an eine reine Binnenwährung, deren Ausfuhr oder Mitnahme in das
andere Währungsgebiet verboten war. Der Besitz von "Westgeld" war den Bürgern
der Ostzone nicht gestattet. Trotzdem wurde es in den Wechselstuben für Einkäufe
in Westberlin eingetauscht.
Als Antwort auf die Einführung der D-Mark West, als gesetzliches Zahlungsmittel in
den Westsektoren Berlins, verhängten die sowjetischen Besatzungsbehörden eine
totale Blockade aller Schienen-, Straßen- und Wasserstraßenverbindungen von und
nach Westberlin. ln dieser Zeit, vom 24.O6.1948 bis 12.05.1949, konnten die drei
Westsektoren Berlins nur durch die Luft, von der in die Geschichte eingegangenen
"Luftbrücke", versorgt werden.
Auswirkungen des kalten Krieges in Neuseddin
Für den Bahnhof Seddin hatten die Spannungen zwischen Ost und West
ebenfalls Auswirkungen.
Da die Eisenbahntransporte nach Berlin-Grunewald in Westberlin ausfielen,
kam diese Zugbildungsrelation zum Erliegen.
Schlimmere Auswirkungen für die Neuseddiner Eisenbahner hatte im Jahre
1949 der Streik der Westberliner Eisenbahner, der von östlicher Seite als
sogenannter UGO-Putsch bezeichnet wurde. Die Eisenbahn in Westberlin
unterstand weiterhin der Deutschen Reichsbahn, also östlicher Verwaltung.
Viele Eisenbahner, die in Westberlin wohnten, waren nicht in der ostdeutschen
Gewerkschaftsorganisation "FDGB", sondern Mitglied in der westlichen
Gewerkschaft der "Unabhängigen Gewerkschafts-Organisation".
Diese Gewerkschaft hatte zum Streik um bessere Arbeits-und Lebensbedingungen,
vor allem aber um die Durchsetzung der vollen Entlohnung
nach Westmark für alle in Westberlin wohnenden Eisenbahner, aufgerufen.
Dieser Streik legte den gesamten S-Bahnverkehr in Westberlin lahm. Viele
Bürger aus dem Umland, die in diesem Zeitraum noch in Westberlin ihre
Arbeitsstelle hatten, waren in großen Nöten, um zu ihren Arbeitsplätzen zu
kommen. Das war dann nur auf Umwegen möglich. Damals fuhr noch eine
Straßenbahn der BVG bis nach Teltow.
Um den Eisenbahnbetrieb in dieser Zeit wenigstens auf der Fernbahn einigermaßen
aufrecht erhalten zu können, wurden Eisenbahner aus der Ostzone
und aus Ostberlin, so auch einige Eisenbahner vom Bahnkomplex
Seddin, zeitweilig zu Westberliner Dienststellen abgeordnet.
Je mehr die ehemaligen Alliierten des zweiten Weltkrieges durch den "Kalten Krieg"
in Europa und vor allem in Asien durch den Korea-Krieg auseinander drifteten, um
so größer wurde der Graben zwischen den Besatzungszonen Ost und West im
geteilten Deutschland. Alle Konferenzen der Siegermächte über einen Friedensvertrag
mit Deutschland scheiterten. Die Standpunkte waren zu unterschiedlich. So
kam es, mit Billigung und unter Förderung der Westmächte, in den drei Westzonen
1948 erst zur Bildung des sogenannten Parlamentarischen Rates mit der Aufgabe
der Erarbeitung einer Verfassung für einen künftigen deutschen Staat. Das Ergebnis
war dann die Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1949 in den
drei westlichen Zonen. Die sowjetische Zone und die Vier-Sektorenstadt Berlin
wurden davon jedoch ausgeschlossen. Jetzt gab die sowjetische Besatzungsmacht
grünes Licht für die Gründung eines weiteren deutschen Staates nach ihrem Vorbild
in ihrer bisherigen Besatzungszone. Am 07.10.1949 wurde im Ostteil Berlins die
Deutsche Demokratische Republik ausgerufen. Die Teilung Deutschlands war damit
endgültig vollzogen.
In Neuseddin wird als erster Neubau
ein Kulturhaus aus Bombenschutt aufgebaut
Nach den ersten schweren Jahren des uneingeschränkten Besatzungsrechtes
begann in Neuseddin jetzt die eigentliche Aufbauphase.
Das Kulturhaus der Eisenbahner in der Schmiedestraße war 1949 der erste
Neubau nach dem Kriege. Es wurde auf dem ehemaligen Standort eines
am 20.04.1945 völlig zerstörten Wohnhauses errichtet.
Da es nach Kriegsende in der Siedlung Neuseddin keinen großen Versammlungs-
Saal mehr gab, wurde beschlossen, als erstes eine solche
Begegnungsstätte für die Einwohner, auch zur Durchführung von Veranstaltungen,
zu errichten. Eine kleine Gaststätte war von Anfang an ebenfalls
vorgesehen. Beim Bau des Hauses wurden überwiegend Altmaterialien
verwendet. Die Mauern entstanden aus den abgeputzten Mauerziegeln
der von Bomben zerstörten Häuser. Statt Kalk wurde Karbidschlamm als
Mörtel verwendet. Die meisten Arbeitseinsätze erfolgten auf freiwilliger
Basis in der Hilfsaktion "Wir bauen auf".
Auf einer besonderen Karte wurden die Einsätze der einzelnen Helfer bestätigt
(ein Vorläufer des späteren "Nationalen Aufbauwerkes" NAVV).
Es wurden auch Eisenbahner für den Aufbau des Kulturhauses herangezogen.
Es waren vorwiegend Jungeisenbahner vom Lehrbauhof Berlin-Marienfelde, die sich dort in Ausbildung befanden. Sie fuhren täglich, statt nach Marienfelde, direkt von ihren Wohnungen auf den Bau nach Neuseddin.
Das nun leerstehende Kulturhaus der Eisenbahner (1996)
Auftritte des Kulturensembles im Kulturhaus Neuseddin
Nach Fertigstellung des Rohbaues gab es nicht wenige Einwohner, die
dem neuen Gebäude, wegen des Einsatzes der Lehrlinge sowie kaum
vorhandener Fachkräfte und wegen der Altmaterialien-Verwendung keine
lange Lebensdauer voraussagten.
Dies hat sich aber zum Glück nicht bestätigt. Die Einweihung des Kulturhauses
erfolgte am 08. September 1950.
Der Wiederaufbau der Schule in Neuseddin nach dem Krieg
Auf den Grundmauern des ebenfalls im April 1945 von Bomben zerstörten
Lehrerwohnhauses wurde ein neues Schulgebäude auf dem Breitenbachplatz mit vier Klassenräumen errichtet. Das neue Schulgebäude wurde im Jahre 1950 zur Nutzung übergeben. Neuseddin hatte damit erstmals eine
achtklassige Schule.
Bereits im Jahre 1949 erhielt die Neuseddiner Schule den Namen des einstigen
deutschen Eisenbahnpioniers "Friedrich List".
ln diese erste Zeit der Aufbauphase auf dem Breitenbachplatz fällt im Jahre
1949 auch die Einrichtung des ehemaligen Landambulatoriums mit einer
staatlichen Arztpraxis, einer Zahnstation und der Betriebssanitätsstelle der
Eisenbahn im Übernachtungsgebäude.
Erstmals nahm ein praktischer Arzt auch eine Wohnung im Ort.
Einweihung des neuen Landambulatoriums
Zahnanztpraxis des neuen Landambulatoriums
Neue Vereine und Versorgungseinrichtungen entstehen
Am 02.08.1949 wurde die Betriebssportgemeinschaft Lokomotive (BSG
Lok) Seddin-Michendorf mit der Sektion Fußball gegründet.
lm Jahre 1952 erweiterte sich diese BSG um die Sektionen Kegeln,
Schach, Ringen und Leichtathletik.
lm Kulturhaus entstand ein Kulturensemble mit dem Namen "Hans Marchwitza".
1950 wurde im Übernachtungsgebäude eine Kinderkrippe und wieder ein
Kindergarten eingerichtet. Träger dieser beiden Einrichtungen war die
Deutsche Reichsbahn.
Wiederaufbau des zerstörten Bahnhofsgeländes
Parallel zu diesen Aktivitäten im Ort verläuft auch der Wiederaufbau auf
dem Bahnhof. Der Rangierbetrieb kam wieder in Gang. Obwohl zuerst nur
wenige Gleise zur Verfügung standen, wurde die Zugauflösung und Zugbildung
von Güterzügen wieder aufgenommen. Trotz aller materiellen
Schwierigkeiten und der oftmals noch mangelhaften Versorgung mit Lebensmittel
und Gütern des täglichen Bedarfs, gingen die Menschen in
Neuseddin in diesen Jahren mit großem Elan an die Aufbauarbeit heran.
Viele Menschen glaubten damals dem Text der neuen Nationalhymne der DDR, die erstmals am 09.10.1949 in der provisorischen Staatsoper, dem bisherigen Admiralspalast in Ostberlin, erklungen war :
"Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt,
Laßt uns dir zum Guten dienen, Deutschland einig Vaterland."
So wurde auch in unserem Ort davon ausgegangen
"Alte Not gilt es zu zwingen
und wir zwingen sie vereint,
denn es muß uns doch gelingen,
daß die Sonne schön wie nie
über Deutschland scheint."
Die Aufbauarbeiten auf dem Bahngelände gingen nun zügig voran.
Schon im Jahre 1950 wurde der Ablaufbetrieb wieder aufgenommen. Nach
und nach wurden in der Richtungs-und Ausfahrgruppe West immer mehr
Gleise instand gesetzt und standen für die Zugbildung zur Verfügung.
lm Jahre 1952 wurde der völlig demontierte Südbahnhof, ehemals als Militärbahnhof
genutzt, wieder aufgebaut. Zunächst behelfsmäßig mit sogenannten
Strippengleisen, bei denen Schienen aus aller Herren Länder
Verwendung fanden. Diese Gleise dienten dann wegen des geringen
Achsdruckes von maximal 5 t nur dem Sammeln von leeren Güterwagen
als Reserve der Hauptverwaltung Wagenwirtschaft, auch leere Schadwagen
wurden auf diesen Gleisen abgestellt.
Die Deutsche Reichsbahn entwickelte aber auch ehrgeizige Pläne. Die
DDR, im Herzen Europas gelegen, wurde als Eisenbahn-Transitland international
interessant. Der Südbahnhof Seddin wurde als Transitknoten für
den Ost-West sowie Nord-Süd-Verkehr und umgekehrt ausersehen. Nach
zweijähriger Bauzeit konnte die Südgruppe des Bahnhofs Seddin, wie sie
reichsbahnamtlich hieß, in erster Ausbaustufe am 01. Juni 1958 in Betrieb genommen werden.
Anfang der fünfziger Jahre wurde auf dem Bahngelände auf der östlichen
Bahnhofsseite in einem Gebäude, das im Sprachgebrauch als "Graue
Laus" bezeichnet wurde, eine Betriebsberufsschule eingerichtet. ln dieser
Schule wurden im Jahre 1952 155 Lehrlinge von vier Berufsschullehrern in
der Theorie unterrichtet. Bei erfolgreichem Abschluß der Ausbildung hatten
sie die Garantie der Übernahme in ein Beschäftigungsverhältnis bei der
Deutschen Reichsbahn.
ln der seit dem Jahr 1950 bestehenden achtklassigen Schule in Neuseddin
wurden von sechs Lehrern insgesamt 242 Kinder unterrichtet.
Im reichsbahneigenen Kindergarten wurden zur gleichen Zeit von fünf Erzieherinnen
sechzig Kinder betreut. Die Kinderkrippe hatte eine Kapazität von 17 Krippenplätzen, die von einer Erzieherin betreut wurden. Die Sozialeinrichtungen und Schulen wurden in den nächsten Jahren und Jahrzehnten
wesentlich verbessert und erweitert.
Die Einwohnenahl des Odes war bis zum Jahre 1950
bereits auf 1.525 Personen angewachsen.
Längst reichte der vorhandene Wohnraum nicht mehr aus. Der umfangreiche
Auf-und Ausbau des Bahnhofes erforderte den Zuzug von weiterem
Personal, um die ständig steigenden Aufgaben überhaupt erfüllen zu können.
Der Volksaufstand am 17. Juni 1953
Ein besonderes Ereignis am 17. Juni 1953 ging auch an den Neuseddinern
nicht spurlos vorüber. Dieser Tag wurde schon bald in den Geschichtsbüchern
der Bundesrepublik als der "Volksaufstand in der DDR" bezeichnet
und im Westen als "Tag der deutschen Einheit" zum Feiertag erklärt.
Ausnahmezustand bestand im Landkreis und auf dem Bahnhof Seddin mit
der zeitweiligen Stationierung von Soldaten der Sowjetarmee.
Zeitzeugen berichten, daß in der Kunersdorfer Straße in Höhe des ehemaligen
Trapo-Reviers am 17. Juni überall Flugblätter lagen, die zum Streik
aufriefen.
Aus dem Dachfenster eines Hauses am Ernst-Kamieth-Platz wurde eine
Rakete mit Flugblättern abgeschossen. Die Flugblätter verteilten sich über den ganzen Platz.
Dem Leiter der Kontrollstelle des AZKW (Amt für Zoll und Kontrolle des
Warenverkehrs) auf dem Bahnhof Seddin wurde mit Aufhängen gedroht.
Nachdem im Mai 1953 von der Regierung der DDR eine Erhöhung der Arbeitsnormen
um mindestens 10% beschlossen wurde, kam es erstmals zu Unruhen unter
der Bevölkerung. Anfang Juni verkündete die Partei einen "Neuen Kurs". Es wurden
Fehler eingestanden und der Bevölkerung eine Verbesserung der Lebenshaltung versprochen, Pfeissteigerungen wurden zurüokgenommen, nicht aber die Normerhöhungen. Am 16. Juni traten deshalb die Bauarbeiter der Ostberliner Stalin-Allee in einen Streik, der sich am 17. Juni schnell zu einem Volksaufstand im ganzen Land ausweitete.
Die Westberliner Rundfunksender RIAS und SFB hatten die Meldungen über die Arbeitsniederlegungen über das ganze Gebiet der DDR verbreitet. In Ostberlin und vielen Städten der DDR forderten Demonstranten aus allen Bevölkerungsschichten freie und geheime Wahlen. ln vielen Orten waren die Behörden nicht mehr Herr der Lage, so daß es zum Einsatz des sowjetischen Militärs kam.
In 167 von 217 Kreisen des Landes wurde der Ausnahmezustand, in Ostberlin
sogar durch den sowjetischen Stadtkommandanten das Kriegsrecht, verhängt. Die
Aufstände wurden teilweise durch die Rote Armee blutig niedergeschlagen. Es gab
viele Verhaftungen, zahlreiche Tote und Verwundete. Am 2L Juni wurde endlich
die Normerhöhung zurückgenommen.
Auf dem Bahnhof Seddin wurde ebenfalls zum Streik aufgerufen, aber nicht
befolgt. Es wurden Flugblätter gefunden, die zum Streik aufriefen. Auf vielen
Dienstposten entfernten vor allem junge und unzufriedene Kollegen die
sogenannten Roten Ecken (Wandzeitungen mit Agitationsmaterial).
Es ist aber weder zu Ausschreitungen noch zu Verhaftungen in Neuseddin gekommen.
Trotzdem hatte der Volksaufstand für die Eisenbahner des Bahnhofs Seddin
nachträgliche Folgen. Im August stellte die Politische Verwaltung der
Deutschen Reichsbahn fest, daß es auf dem Bahnhof Seddin eine zu starke
Konzentration ehemaliger NSDAP-Mitglieder gab. Es wurde angeordnet, dreißig dieser Beschäftigten sofort auf andere Dienststellen zu versetzen.
Wohnungsbau, Sozialeinrichtungen neue Geschäfte
Die Aufbaumaßnahmen wurden nicht nur auf dem Bahngelände, sondern auch im Ort fortgesetzt.
Ab dem Jahr 1953 entstanden die beiden Wohnhäuser Nr. 1 und Nr.2 am
Breitenbachplatz, anschließend der Wohnkomplex Karl-Max-Straße und
das Wohngebäude Waldstraße Nr. 35/37. Leider konnten die zerstörten
Wohnhäuser in der Schmiedestraße durch die Reichsbahn bis heute nicht
wieder aufgebaut werden. Ein Baustopp der Regierung für solche Bauvorhaben zwang zur Einstellung derartiger Bauarbeiten. Es durften nur noch typengerechte Häuser aus Investmitteln der Regierung finanziert werden.
So konnte nur noch ein Haus in der Schmiedestraße Nr. 11 in seiner ursprünglichen
Gestalt rekonstruiert werden.
Die Walstraße in Neuseddin
Die Einrichtungen für die Versorgung der Bevölkerung im Ort wurden in
den fünfziger Jahren weiter verbessert.
Die Lebensmittel-Verkaufsstelle des Konsums konnte in neue Räume in
der Thielenstraße 5/7 umziehen, wofür allerdings zwei Wohnungen zweckentfremdet
werden mußten.
ln den bisherigen Räumen des Konsumladens Thielenstraße 8 wurde eine
Verkaufsstelle für lndustriewaren und Textilien eingerichtet. So etwas gab
es bisher in Neuseddin noch nicht. lm Volksmund bildete sich bald darauf die Bezeichnung "Texas-Konsum" für diesen Laden heraus. In der Thielenstraße 9 wurde, anstelle des dort befindlichen Waschstützpunktes
im ehemaligen Schlachthaus der Fleischerei, eine Obst- und Gemüseververkaufsstelle
der Konsum-Genossenschaft eingerichtet.
In einem Keller in der Thielenstraße entstand eine Annahmestelle für das
Waschen von Textilien. Aus dieser Annahmestelle entwickelte sich später
eine Filiale des Dienstleistungskombinates Potsdam für die Reinigung aller
Textilien und für Reparaturen von Schuhen und elektrischen Haushaltsgeräten.
Als besonderes Merkmal bleibt auch in dieser Zeit die enge Verbindung
und die gute Zusammenarbeit zwischen dem Rat der Gemeinde und den
Dienststellen des Eisenbahnkomplexes, obwohl der Ort langsam begann
seinen ausschließlichen Charakter als Eisenbahner-Siedlung zu verlieren.
Der Eisenbahn bisher zustehende fiskalische Entscheidungen und Verantwortungen
gingen 1954 an die Kommune über. So wurde auch das Eigentum
an der Schule, an sämtlichen Straßen, einschließlich der Straße durch
den Tunnel, dem Friedhof und 5.000 qm Baugrund für den weiteren beabsichtigten
Wohnungsbau der Gemeinde übertragen.
Andererseits wurden das Ambulatorium, der Kindergarten und die Kinderkrippe
in die Verantwortung und Rechtsträgerschaft der Deutschen Reichsbahn übergeben.
Wahlen in der DDR und staatliche Überwachung der Bürger......
Ein paar wesentliche Bemerkungen zu den Wahlen in der DDR :
lm Januar 1950 wurde von der SED das Sekretariat der "Nationalen Front des demokratischen Deutschland" gegründet, später in "Natisnale Front der DDR" umbenannt. Die Nationale Front sollte als breite Massenbewegung die Bevölkerung für die "Ideen des SED-Regimes gewinnen. Die Organisation baute auf Hausgemeinschaften und "Wohngebietsausschüsse" auf. ln Neuseddin entstand ebenfalls
ein ortsausschuß der Nationalen Front.
Als am 15. Oktober 1950 die Wahlen zur Volkskammer, zu den Land-und Kreistagen
sowie zu den Gemeindevertretungen stattfanden, war nur die Einheitsliste der Natiornlen Front ausschlaggebend und zugelassen. Der Verteilerschlüssel für die Mandate entsprach dem schon zu den Wahlen zum 3.Volkskongreß angewandten Schlüssel. das offizielle Wahlergebnis konnte daher nur 99,7% für die Einheitsliste lauten, da Proteste gegen die Einheitsliste als Boykotthetze galten und unter Strafe standen.
Wahlen in der DDR fanden nun nach den "Einheitslisten der Nationalen Front" statt.
Die Gemeindevertretung in Neuseddin wurde, wie in allen Gemeinden in
der DDR, nach dem sowjetischen Vorbild der "Nomenklatura" gebildet. Die
Aufstellung der Kandidaten erfolgte nach einem besonderen Schlüssel. Es
mußten entsprechende Prozentanteile Arbeiter, Jugendliche, Frauen, Gewerkschaft
usw. vertreten sein. Die Aufstellung wurde immer so vorgenommen, daß eine Dominanz der SED-Mitglieder vorhanden war. Um den Schein der Demokratie zu wahren, stellte man die Kandidaten in öffentlichen Versammlungen vor.
Am Wahltag selbst wurden dann die Wahlzettel, laut Einheitsliste, einfach
gefaltet und offen in die Wahlurne getan. Die Benutzung einer Wahlkabine
und ein geheimes "Ankreuzen" bestimmter Namen war nicht vorgesehen.
Theoretisch war es zwar möglich einzelne Kandidaten auf den Stimmzetteln
zu streichen, wer jedoch die Wahlkabine benutzte, machte sich schon
verdächtig. Die Wähler waren aber aufgerufen, offen ihre Stimme abzugeben
und die Wahlkabinen nicht zu benutzen. Um in Neuseddin möglichst
eine 100 %ige Wahlbeteiligung zu erreichen, öffneten die Wahllokale bereits
um 4.00 Uhr, später um 5.00 Uhr, um den an diesem Tage diensttuenden
Eisenbahnern vor bzw. nach Schichtwechsel die Wahl zu ermöglichen.
Jede Wahl war mit Wahlgesprächen, besonders am Wahltag, verbunden.
Wer am Wahltag nicht in seinem Wohnort anwesend war, erhielt
die Möglichkeit auf einem speziellen Wahlschein in einem Sonderwahllokal
seine Stimme abzugeben. Es gab in der DDR keine Briefwahl, die ja die
nicht vorgesehene geheime Stimmabgabe unterlaufen hätte. Das sollte
unbedingt vermieden werden.
Bei jeder Wahl bestand der Ehrgeiz der Wahlverantwortlichen in den Gemeinden
und Städten darin, eine möglichst hohe Wahlbeteiligung und damit
Zustimmung für die Einheitsliste zu erreichen. Dies gelang auch immer
wieder durch die Wahlbeeinflussung der Wähler. Säumige Wähler wurden
in ihren Wohnungen durch "Wahlhelfer" zur Stimmabgabe aufgefordert.
Gehbehinderte Wähler wurden mit PKW zum Wahllokal transportiert. Kranke
und bettlägerige Wähler wurden von den Wahlhelfern mit fliegenden
Wahlurnen in ihren Wohnungen, ja auch in Krankenhäusern zur Stimmabgabe
aufgesucht. Zur Erreichung einer möglichst 100 %igen Wahlbeteiligung
waren alle Mittel recht.
Zu bemerken wäre in diesem Zusammenhang noch, daß die Bürgermeister
in den Gemeinden nicht von den Einwohnern selbst gewählt werden konnten.
Ebenfalls nach einem besonderen Schlüssel war auch hier festgelegt
von welcher Blockpartei in den einzelnen Gemeinden die Bürgermeister-
Kandidaten zu stellen waren. Die Vorschläge dazu kamen vom Rat des
zuständigen Kreises. Die Bestätigung durch die jeweiligen Gemeindevertretungen
waren so nur noch eine Formsache. Da das Amt des Bürgermeisters keine Wahlfunktion mehr war, konnte dieser auch jederzeit von den Kreisbehörden wieder abberufen werden.
lm Jahre 1952 wurde auf der 2. Parteikonferenz der SED der planmäßige Aufbau der
Grundlagen des Sozialismus in der DDR beschlossen. Das hatte die Verschärfung
des Klassenkampfes, die Überwindung bürgerlicher ldeologien und in der Landwirtschaft
den Beginn der Kollektivierung zur Folge.
Teilweise beteiligten sich auch Neuseddiner Einwohner und Eisenbahner-
Brigaden auf den umliegenden Feldern an Ernteeinsätzen in der sozialistischen Landwirtschaft.
Neuseddin jetzt im Landkreis Potsdam-Land
lm Juli 1952 wurden auf Beschluß der Regierung in Ostberlin die fünf Länder
der DDR aufgelöst. An ihrer Stelle wurden vierzehn Bezirke gebildet,
gleichzeitig erfolgte eine Gebiets- und Kreisreform. Darauf wurden im Beztrk
Potsdam die Kreise neu gegliedert. Neuseddin, bisher zum Kreis
Zauch-Belzig gehörend, wurde in den neu geschaffenen Kreis Potsdam-Land integriert.
Die Hausbücher
Im gleichem Jahr verfügte das Ministerium des lnnern die Einführung von
Hausbüchern in allen Wohngebäuden. Besondere Hausbuchführer, in der
Regel die Hausvertrauensleute, wurden mit der Führung der Hausbücher
beauftragt. Jeder Mieter mußte sich und seine Familienmitglieder in das
jeweilig für seine Wohnung bestimmte Hausbuch eintragen lassen. Längere
Abwesenheit, zum Beispiel bei Besuchen Verwandter in anderen Orten,
waren ebenfalls dem Hausbuchführer zu melden und einzutragen.
Alle auf Besuch der Familie in der Wohnung weilenden Verwandten mußten
für die Dauer des Aufenthaltes im Hausbuch erfaßt sein. Für Westbesuch
galten besondere Kriterien. Sie mußten auch im Hausbuch vermerkt
werden, wenn der Aufenthalt nicht länger als 24 Stunden dauerte. Unberührt
davon blieb die sofortige Anmeldepflicht für Besucher aus der BRD
bzw. aus dem westlichen Ausland bei der zuständigen Meldestelle der
Volkspolizei. So waren alle Einwohner, vom Säugling bis zum Greis, und auch Besucher zwangsläufig und lückenlos erfaßt und durch die Volkspolizei leicht kontrollierbar.
Neue Verfügungen
lm Jahre 1956 sah sich die Gemeindevertretung gezwungen, eine neue Hundesteuerverordnung, eine Vergnügungs-und Kinosteuer zu erlassen, um mit diesen Steuergeldern freiverfügbare Gelder in die schmale Gemeindekasse
zu bekommen.
Staatliche Wohnraumlenkung
Eine Forderung der Reichsbahn, die Vergabe der gemeindeeigenen Wohnungen
in der Karl-Max-Straße in die Verfügungsgewalt der Reichsbahn
zu übertragen, wurde von der Gemeindevertretung abgelehnt. So bestanden
in Neuseddin zwei Wohnungsausschüsse, einmal bei der Gemeinde
und einmal bei der Reichsbahn. Beide Ausschüsse waren jedoch bemüht,
den vorhandenen Wohnraum objektiv und gerecht zu vergeben.
Aus unterbelegten Drei-und Mehrraumwohnungen sollten Ein-und Zwei-Personenhaushalte möglichst in die kleineren Wohnungen in der Karl-Max-Straße umziehen, um die größeren Wohnungen für Familien mit mehreren
Kindern frei zu bekommen. Obwohl der Wohnraum in der DDR bewirtschaftet war, stieß das Umsetzen doch oft auf große Schwierigkeiten und zum Teil auch auf Unverständnis bei den betroffenen Mietern.
Es wurde auch die Nichtzahlung eines Mietzuschusses für die Neubauwohnungen
bemängelt, der bei den Werkwohnungen der Deutschen Reichsbahn üblich war.
Die Miete der kleineren Zweiraum-Neubauwohnungen unterschied sich
daher kaum von denen der größeren Wohnungen in der Dr.-Stapff-Straße und in der Thielenstraße.
Der erste Glockenstuhl in Neuseddin
Die evangelische Kirche erhielt eine Geländefläche für das Aufstellen eines
kleinen hölzernen Glockenturmes in der Waldstraße, neben der Trafostation und dem Pumpenhaus.
Dafür wurde die Kirchenglocke in Apolda von der Firma Schilling gegossen.
Einweihungsfeier des Glockentunns im Jahre 1958
Die Glockenweihe erfolgte im Jahre 1958 gemeinsam durch die katholische und evangelische Kirchengemeinde des Ortes.
Später stand der hölzerne Glockenturm auf dem Friedhof in Kähnsdorf, die Glocke blieb in Neuseddin, sie hängt jetzt an einem Stahlgerüst auf dem Gelände der evangelischen Kirche Neuseddin.
Gedenkstein auf dem Friedhof
Der Grabstein auf dem Friedhof für 12 gefallene deutsche Soldaten des
letzten Krieges erhielt eine lnschrift mit dem Text:
"Die Toten mahnen, April 1945"
"Der Vier-Brigade-Plan" bei der Deutschen Reichsbahn
lm November 1956 fand im Dienstort Seddin ein Forum zur Einführung
eines neuen Schichtsystems, des Vier-Brigade-Planes, statt. An dieser
Beratung nahm auch der damalige Minister für Verkehrswesen teil. Mit dem
Vier-Brigade-System sollte erreicht werden, daß alle Eisenbahner des Betriebs-
und Verkehrsdienstes, die im Schichtdienst arbeiteten, von der
Hauptdispatcherleitung bis zum kleinsten Bahnhof, schichtmäßig auf Dauer
komplex zusammenarbeiten. Man versprach sich gleichzeitig eine wirksamere
Verbesserung des Betriebsablaufes. Das hieß, in einem vierwöchigen
Turnus arbeiteten immer die gleichen Kollegen nach einem festen
Dienstplan und einheitlichen Ablösezeiten. Ziel war weiterhin die Festigung
des sozialistischen Gemeinschaftslebens in den einzelnen Brigaden.
Zweifellos stellte der Vier-Brigade-Plan, zuerst auf der Basis der 48 Stundenwoche,
später der 45 Stunden-bzw. der 42 Stundenwoche eine wesentliche
Verbesserung in der Dienstplangestaltung und damit auch der
Arbeitsbedingungen der Schichtdienstler dar. Während vorher, nach dem
alten Drei-Schichtsystem, den Beschäftigten nur jeder dritte Sonntag zur
persönlichen freien Verfügung stand, hatte er jetzt jeden zweiten Sonntag
dienstfrei. Von den Schichtdienstlern wurde jedoch die sonntägliche Ablösezeit
der 12 Stundenschichten von Sonnabend 22.00 Uhr bis Sonntag 10.00 Uhr und die folgende Tagesschicht von 10.00 Uhr bis 22.00 Uhr sehr negativ beurteilt und sehr stark kritisiert.
Gegen diese Ablösezeiten gab es auch in Seddin erhebliche Widerstände.
Zur Durchsetzung dieser angeordneten Ablösezeiten wurde sogar die
Transportpolizei herangezogen, um einen Schichtwechsel um 6.00 Uhr
bzw. 18.00 Uhr zu verhindern. Es war ein Fall bekannt geworden, wo ein
Lokleiter des Bahnbetriebswerkes Seddin fristlos entlassen wurde, weil er
mit seinem Kollegen den Schichtwechsel zu um 6.00 Uhr bzw. 18.00 Uhr
vereinbart hatte. Nach einigen Jahren gab man den Forderungen der
Schichtdienstler nach und änderte die Schichtwechselzeiten an den Wochenenden
auf 6.00 Uhr und 18.00 Uhr.
Mit der Einführung des arbeitsfreien Sonnabends im Jahre 1967 wurde der
Vier-Brigade-Plan derart umgestaltet, daß jeweils zwei Brigaden am Sonnabend
und Sonntag dienstfrei hatten, während die beiden anderen Brigaden
an diesen Tagen die jeweils mit zwölf Stunden laufenden Tages-und Nachtschichten leisteten. Damit war erreicht, daß jeder Schichtdienstler zwei dienstfreie Wochenenden zur Verfügung hatte. Dieser Schichtplan
wurde von allen betroffenen Eisenbahnern positiv aufgenommen. Er bewährte
sich auch und hatte bis zum Jahre 1991 Bestand.
ln Vorbereitung der fälligen Wahlen des Jahres 1957 wurden von den Einwohnern,
dabei öffentlich folgende Probleme in den Versammlungen aufgeworfen:
Der unhaltbare Zustand der Kunersdorfer Straße mit seinem Feldsteinpflaster vom Ortsausgang bis zur Fernstraße Potsdam-Beelitz-Wittenberg.
Die Beseitigung der restlichen Häusertrümmer in der
Schmiedestraße und die Wohnraumwerterhaltung sowie
Fragen zur besseren Versorgung der Einwohner.
Die Wahlen selbst fanden nach altbekanntem Muster am 23.06.57 statt.
Die Ergebnisse der Wahlen wichen deshalb auch nur geringfügig von den
vorhergehenden Wahlen ab.
Die freiwillige Feuerwehr erhielt in diesen Wahljahr endlich ein modernes
Löschfahrzeug.
Hinter dem Gemeindebüro in der Waldstraße entstand ein Wirtschaftsgebäude,
in dem eine Propanflaschen-Annahmestelle in einer Garage eingerichtet
war.
Später diente das Haus als Jugendclub. Zur Schaffung von Baufreiheit für
neue Wohngebäude in der Dr.-Albert-Schweitzer-Straße wurde das Gebäude
im Jahre 1994 ersatzlos abgerissen.
Die Aufbaujahre 1952 bis 1964 waren durch große Aktivitäten der Bürger
beim Wohnungsbau, besonders bei den Erdarbeiten für die Häuser der
Karl-Marx-Straße und der Dr.-Albert-Schweitzer-Straße gekennzeichnet.
Nach einer Festlegung der Gemeindeverwaltung sollte nur der Bürger neuen
Wohnraum erhalten, welcher mindestens dreißig freiwillige Stunden
Arbeitseinsatz nachweisen konnte. Diese Festlegung hatte bis 1965 Gültigkeit.
Die Tradition in Neuseddin den Mietern auch Hausgärten zur Verfügung zu
stellen, wurde bei diesen Neubauten weitergeführt.
Probleme mit dem Trinkwasser
Bereits im Jahre 1957 wurden die ersten Kritiken der Einwohner über die
nicht ausreichende Versorgung mit Trinkwasser laut. ln den Sommermonaten,
wenn bei Trockenperioden die Gärten stärker bewässert wurden,
fiel der Druck in den Wasserleitungen so stark ab, daß in den oberen
Stockwerken der Häuser teilweise kein Wasser mehr aus den Wasserhähnen
floß. Die Häuser der neuen Straßen wurden leider immer nur an die
vorhandenen Ringleitungen angeschlossen. An eine Erneuerung bzw.
Querschnittserweiterung des gesamten Rohrleitungsystems war aus finanziellen Gründen nicht zu denken. Die Qualität des Trinkwassers ließ damals schon Wünsche offen. Die Versorgung mit Trinkwasser erfolgte über
den Wasserturm der Deutschen Reichsbahn, dessen Wasserbehälter nicht
voll ausreichend abgedeckt war. Was aus den Leitungen kam, war nach
heutigen Gesichtspunkten eigentlich nur Brauchwasser, aber kein Trinkwasser.
Wasserproben wurden zwar regelmäßig genommen und entsprechende
Untersuchungen auch durchgeführt. Die Ergebnisse blieben jedoch
geheim und wurden nicht veröffentlicht. Bis zur Erneuerung des gesamten
Frischwasserleitungsnetzes im Ort mit Kappung der Zufuhr aus dem
Reichbahnnetz, wurde bis dahin das Wasser kostenlos von der Reichsbahn
an die Haushalte geliefert.
Nach Fertigstellung der Karl-Marx-Straße konnte die Verbindungsstraße
zur Waldstraße infolge Arbeitskräfte-, Geld-und Materialmangel nur mit
Schlacke befestigt werden.
Schon in den fünfziger Jahren organisierte die Nationale Front Wettbewerbe
zur Verschönerung der Orte. Später liefen diese Wettbewerbe dann
unter dem Motto "Schöner unsere Städte und Gemeinden, mach mit". Auf
diese Art und Weise sollten die Bürger in freiwilliger Eigeninitiative Arbeitsleistungen
in ihrer Gemeinde verrichten, wofür der Staat keine Gelder ausgeben
konnte oder wollte. Es wurde deshalb an die Bereitschaft, den Ehrgeiz
und Fleiß der Bürger appelliert. Bei den Wettbewerben im Kreismaßstab
nahm Neuseddin immer vordere Plätze ein, darunter mehrmals erste Plätze.
Zwei Tendenzen zeichneten sich jedoch im öffentlichem Leben der Einwohner
ab. Einerseits die ausgeübten großen Aktivitäten, andererseits
traten in immer stärkerem Maße Gleichgültigkeit und Verstöße gegen bestehende
Bestimmungen auf, so daß Ordnung und Sauberkeit in manchen
Wohnbereichen doch sehr zu wünschen übrig ließen.
Leider fehlten oft auch die Voraussetzungen, um bei solchen Arbeiten anfallenden
Schutt und Müll ordnungsgemäß zu entsorgen. Die Folge war,
daß außer organischen Stoffen auch Gerümpel einfach in den Wald gekippt
wurde. Dies ist leider auch heute noch teilweise anzutreffen. Die damals
bestehende Möglichkeit, eine große, an der Autobahn vor der Raststätte
Michendorf liegende Grube als Deponie zu nutzen, wurde von der
Bevölkerung des Ortes, meist aus Bequemlichkeit, nur wenig genutzt. Es
war eben einfacher, Sperrmüll, Haushaltsgeräte und sonstige Rückstände
hinter der Waldstraße im damaligem Kuschelgelände abzulagern. Dort war
damals, im Gegensatz zu heute, ein zentraler Lagerplatz. Wenn nötig,
sorgten die Kameraden der freiwilligen Feuerwehr ab und zu für Ordnung
in diesem Bereich. Als dies später nicht mehr möglich war, wurde der Wald
an seinen Wegrändern zur dezentralen wilden Müllkippe.
Die Asche- und Hausmüllbeseitigung aus den Haushalten wurde immer
noch, wie vor dem Kriege, bis Ende der fünfziger Jahre von der "Firma
Krieg" mit Pferdegespann ausgeführt. Erst im Jahre 1960 konnte in unserem
Ort die moderne Müllentsorgung eingeführt werden, als die Firma das
Fuhrgeschäft aufgab.
1958 Ende der Rationierung von Lebensmitteln
lm Jahre 1958 wurden nach rund 19 Jahren (seit 1939) endlich die Lebensmittelmarken
in der DDR abgeschafft. Die bisherigen Preise der auf
Lebensmittelkarten bezogenen Waren wurden angehoben und die HO-Preise gesenkt. Die Preiserhöhungen insgesamt blieben so einigermaßen sozial verträglich. Mit der Aufhebung der Lebensmittelkarten war das Zeitalter
der Rationierungen endgültig vorüber. Es gab genügend Lebensmittel,
auch wenn das allgemeine Warenangebot noch viele Wünsche offen ließ.
Autos, Fernsehgeräte, Kühlschränke oder Waschmaschinen gab es nur auf
Vorbestellung, mit mehrjähriger Lieferfrist oder aber "gute Beziehungen"
beschleunigten den Kauf. Vor allem lmportartikel blieben noch lange Zeit
Mangelware.
lm Jahre 1960 wird im Ambulatorium eine Röntgenabteilung in Betrieb
genommen, die eine wesentliche Verbesserung der Behandlung für die
Patienten darstellte.
Vor dem Friseurgeschäft in der Thielenstraße stellte die Deutsche Post
eine öffentliche Fernsprechzelle auf. Sie war bis zum Jahre 1990 die einzige öffentliche Telefonzelle, die durchgehend benutzt werden konnte. Leider
fiel der Fernsprechapparat sehr oft durch mutwillige Zerstörungen aus. Zur
Vermeidung dieser Zerstörungen wurde das Fernsprechhäuschen in die
Kunersdorfer Straße in Nähe des Gebäudes des damaligen Transportpolizei-Reviers umgesetzt, welches jetzt die Deutsche Bahn AG für technische Dienstbereiche nutzt.
Weiterhin wurde in den sechziger Jahren im Konsum-Lebensmittelgeschäft
in der Thielenstraße eine Teil-Selbstbedienung eingeführt.
Gründung des Spielmannzuges Neuseddin
Die freiwillige Feuerwehr gründete einen Spielmannszug, der sich bis heute
behauptet hat und sich sowohl im Ort als auch in der Umgebung, sogar Deutschlandweit bei Groß
und Klein uneingeschränkter Beliebtheit erfreut.
lm Ort wurde außerdem ein Rentnerclub eingerichtet und im Mai 1961 der
neue Schulhort im ehemaligen Werkstattgebäude auf dem Schulhof am
Breitenbachplatz eröffnet.
Die Gemeinde erwarb von der Eisenbahn das ehemalige Pumpenhaus des
alten Wasserwerkes gegenüber dem Personenbahnhof und baute es zu
einem Jugendclub aus und übergab es der Neuseddiner Jugend zur Freizeitnutzung.
ln diesem Gebäude befand sich seit 1943 nach dem Brand der alten Gaststätte
Babien die Gaststätte Peter, im Volksmund "Pappelelse" genannt.
Nachdem die Gaststätte Albert Peter 1944 infolge eines Luftangriffs abgebrannt
war, wurde sie nach einem Ausbau des alten Pumpenhauses 1945 wiedereröffnet.
Außerdem wurden in diesem Jahre umfangreiche Erdarbeiten für Be-und Entwässerungsanlagen
in der geplanten "Berliner Straße" in freiwilligen Arbeitseinsätzen
vorgenommen. Diese Straße sollte südlich und parallel zur Waldstraße verlaufen,
sie ist jedoch nie gebaut worden. lnsofern waren diese Arbeiten völlig sinnlos. Die
damals verlegten Rohre sind inzwischen verrottet. Anstelle der geplanten Straße
wurden dort Anfang der siebziger Jahre Kleingärten angelegt.
Die Transitleitstelle
Aufgrund des sich steigernden Transitverkehrs wurde im Februar 1961 die
Transitleitstelle der Deutschen Reichsbahn auf dem Bahnhof Seddin, als
Transitknotenbahnhof der DDR eingerichtet.
Der Zeltplatz am Nordufer des Großen Seddiner Sees
Auf dem jetzigen Zeltplatz am Seddiner See wurden die ersten vorbereitenden
Maßnahmen für dessen Inbetriebnahme vorgenommen. Die offizielle
Eröffnung erfolgte mit Beginn der Campingsaison 1962. Es wurde jedoch
schon vorher dort, unter Verantwortung des Revierförsters, vereinzelt gezeltet.
Der 13. August 1961 Abriegelung der DDR und Ostberlins vom Westen Deutschlands
Der 13.August 1961, der Tag des Mauerbaues in Berlin, brachte auch viel
Leid für die Neuseddiner Bürger mit sich. Zahlreiche Einwohner, die wegen
günstiger Verkehrsverbindungen ihre schon jahrelang inne gehabten Arbeitsstellen
in Westberlin hatten, verloren ihre gewohnten, nun unerreichbaren
Arbeitsstätten und mußten sich einen neuen Arbeitsplatz suchen.
Viel schlimmer aber wirkte sich dieser sogenannte Antifaschistische
Schutzwall auf alle Familien und Einwohner in der DDR aus. Alle waren
nun praktisch eingemauert. Direkte Kontakte zu in Westdeutschland lebenden
Verwandten waren brutal unterbunden, der westliche Teil Deutschlands
und Berlins für alle unerreichbar geworden. Wie Hohn klang damals
die amtliche Regierungserklärung: "Die Maßnahmen des 13.August 1961
retten den Frieden in Europa". Noch ein paar Wochen zuvor hatte der damalige
Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht erklärt:
"NIEMAND HAT DIE ABSICHT EINE MAUER ZU ERRICHTEN!"
Mit Beginn des Jahresfahrplanes 1962 wurde im Südsystem des Bahnhofs
Seddin, zwischen der Richtungsgruppe Süd und der Einfahrgruppe Nord,
eine "Kontrollgruppe" als Zollbahnhof mit sieben Gleisen und einer hohen
Umzäunung, in Betrieb genommen. Alle Güterzüge von und nach Westberlin, die über den Grenzbahnhof Drewitz fuhren, erhielten in der Kontrollgruppe eine zolltechnische Abfertigung durch das dort stationierte Grenzzollamt
und eine gesonderte Sicherheitskontrolle durch die Transportpolizei.
Es sollte verhindert werden, daß Bürger der DDR, in diesen Zügen
versteckt, illegal nach Westberlin gelangen konnten. Es wurden deshalb
auch speziell dafür ausgebildete Hunde eingesetzt, die auf, unter und in
den Waggons nach Flüchtlingen suchten.
Die Kontrollgruppe durfte auch nur mit Sondergenehmigung von den Eisenbahnern
betreten werden. Jeweils am Ost- und Westende der offenen
Ein- bzw. Ausfahrten für die Güterzüge zur Kontrollgruppe waren Postentürme errichtet worden, von denen aus die nicht mit Zaun gesicherten Stellen bewacht wurden. Mit der Wende verschwand im Jahre 1990 die Kontrollgruppe,
und die Gleise werden wieder als Abstell-und Rangiergleise benutzt.
Im Jahre 1962/63 wurde das Abwasser-Pumpenhaus in der Waldstraße in
Betrieb genommen.
Es bildete sich im Ort aus lnteressenten ein eigener Briefmarkenzirkel.
auch die Taubenzüchter organisierten sich.
Anstelle des bisherigen Amtes eines Schiedsmannes, wurden auf Weisung
der Regierung, in den Gemeinden Schiedskommissionen sowie in den
Betrieben und Dienststellen "Konfliktkommisionen" gebildet.
Die Jahre 1962 / 1963 Erst große Waldbrände, dann eisige Kälte
Zwei Ereignisse machten in diesem Jahr von sich reden. Ein großer Waldbrand
entstand im Sommer durch Funkenflug von der Eisenbahn, bei dem
eine Fläche von 25 ha wertvoller Waldbestand vernichtet wurde.
Der Winter 1962/63 wurde so ungewöhnlich kalt, daß die Schule nicht mehr ausreichend beheizt werden konnte. Es gab daher für die Schüler außerplanmäßig "kältefrei".
Die freiwillige Feuerwehr erhielt im Jahre 1963 wieder einen Schlauchtrocken-Turm. Bisher mußten nach Brandeinsätzen oder übungen die nassen Schläuche umständlich und zeitaufwendig zum Trocknen in eine in der
Nähe stehende Pappel gehängt werden. Der Trockenturm vereinfachte diese Arbeiten und die Schläuche waren nicht mehr der Witterung ausgesetzt.
Die Einwohnenahl Neuseddins war im Jahre 1964 schon
auf 1 .731 Personen angewachsen und sie sollte sich in
den folqenden Jahren noch weiter erhöhen.
AWG Neubau in der Dr.-Albert-Schweitzer-Straße
Als letzter Baukomplex in dieser Entwicklungsperiode entstand im Jahre
1965 das Wohngebäude in der Dr.Albert-Schweitzer-Straße. Zur finanziellen
und materiellen Absicherung des Vorhabens wurde hierfür speziell eine
Arbeiter-Wohnungsbau-Genossenschaft (AWG) gegründet. Ein Großteil
der Arbeiten wurden diesmal von den AWG-Mitgliedern, den künftigen
Mietern, in Eigenleistungen erbracht.
Die Eisenbahn war zu diesem Zeitpunkt, bis auf wenige Ausnahmen, der
einzige Arbeitgeber im Ort. Es fehlte jede lnfrastruktur. Vor allem gab es
keine Gewerbebetriebe. Das änderte sich auch in den nächsten 25 Jahren noch nicht.
Neuseddin Standort für einen NVA-Truppenteil
lm Jahre 1968 wurde für unseren Ort eine völlig neue Entwicklungsphase
eingeleitet. Neuseddin wurde als Standort für einen NVA-Truppenteil ausersehen.
Mit der vorgesehenen Verlegung eines Straßenbau-Regimentes
der NVA aus Doberlug ergaben sich für den Ort und deren Einwohner wesentliche
Vorteile. Während für das NVA-Gelände eine Waldfläche, ca 1.000 m außerhalb des Ortes, linksseitig der Zufahrtstraße zur Fernstraße Potsdam-Beelitz-Leipzig, der jetzigen B2 bebaut wurde, entstand ebenfalls
linksseitig der Kunersdorfer Straße eine neue Wohnsiedlung (heute Lärchenweg
1- 10), vorwiegend für Offiziers-Familien und Zivilbeschäftigte. lm
Zuge dieser Baumaßnahmen entstanden ein neues Schulgebäude, eine
Turnhalle, eine kombinierte Kindereinrichtung und eine "Kaufhalle"
Ein neues Wohnviertel entsteht, die Hans-Beimler-Straße
lm Jahre 1971 wurden die ersten zwei Wohnhäuser dieser Siedlung, die
den Namen Hans-Beimler-Straße erhielt, bezugsfertig. ln Etappen wurde
dann weitergebaut. Gleichzeitig wurde der "Knüppeldamm", die Verlängerung
der Kunersdorfer-Straße zur jetzigen Bundesstraße 2, von Zivilkräften
und vom Truppenteil asphaltiert. Dies war auch eine Forderung des Handels
zur Belieferung der Kaufhalle gewesen, da der Handel seine Kraftfahrzeuge
auf der mit grobem Kopfsteinpflaster versehenen Straße nicht zu
Schrott fahren wollte. lm Jahre 1989 wurde der letzte Wohnblock in der
Hans-Beimler-Straße (die Nummern 50 ff) noch kurz vor der Auflösung
des Bauregimentes von den Soldaten fertiggestellt. lnsgesamt sind in diesem
Wohnkomplex Hans-Beimler-Straße 537 Wohnungen entstanden. Ein
geringer Anteil dieser Wohnungen (Die Nr.11 bis 15 und die 70er Nummern)
wurden im Auftrag der Deutschen Reichsbahn für Eisenbahner-Familien errichtet.
Der ursprüngliche Charakter des Ortes als reine Eisenbahnergemeinde
wurde dadurch aufgelöst. Auch die fünfgeschossigen Wohngebäude in
Großplattenbauweise, mit Fernheizung und Warmwasserversorgung, standen
im krassen Widerspruch zu den teilweise mit starken Baumängeln
behafteten Wohnhäuser im alten Ortsteil.
Die neue Kaufhalle
Mit der Eröffnung der neuen Kaufhalle in der Kunersdorfer Straße im Jahre
1973 wurden die bisherigen Konsum-und HO-Geschäfte in der Thielenstraße
geschlossen. Gegen die Schliessung des Fleischerladens protestierten
die Einwohner vergeblich. Ein Teil der Neuseddiner Hausfrauen
wollte diese Fleischerei erhalten wissen, da dort preisgünstig und qualitätsgerecht
eingekauft werden konnte. Leider war aber die Meinung der Bevölkerung
nicht gefragt. Die wertvolle Einrichtung, vor allem der große Kühlraum,
wurde herausgerissen und aus dem Geschäft eine Wohnung gemacht.
Obwohl in der Kaufhalle auch ein kombinierter Fleisch-und Wurststand
vorhanden war, fuhren viele Neuseddiner Familien, besonders an
den Wochenenden, nach Beelitz, um sich dort bei den noch privaten Fleischern
mit Fleisch-und Wurstwaren einzudecken.
Der Laden der ehemaligen Drogerie wurde Büro des Abschnittbevollmächtigten
der Volkspolizei, der dort auch seine Sprechstunden für die Bevölkerung
abhielt. Später wurde der Raum dann in einen Blumenladen umfunktioniert.
In die ehemalige Verkaufsstelle für Textil- und Wirtschaftswaren zog die
Deutsche Post mit einem Postamt ein.
Das Dienstleistungskombinat Potsdam übernahm den geräumten Konsum-
Lebensmittelladen und konnte so seinen Service hier in Neuseddin wesentlich
erweitern.
Der Friseursalon wurde, auf lnitiative des lnhabers, um die Räume des bisherigen HO-Ladens erweitert.
Größere Mittel zur Verbesserung der Handelseinrichtungen standen jedoch
nie zur Verfügung. Ein geplantes "Dorfkaufhaus" wurde nie gebaut.
Die neue Schule in der Hans-Beimler-Straße
lm Jahre 1972 wurde die neue Schule im Wohngebiet Hans-Beimler-Straße in üblicher DDR-Typenbauweise fertiggestellt. Der Bau erfolgte fast illegal, aber in einer Rekordzeit. Auf der Baustelle soll das erste Mal
Sprechfunk zur Verständigung eingesetzt worden sein.
Die NVA-Dienststelle errichtete mit eigenen Mitteln daneben eine Sporthalle,
die auch der Schule und sportinteressierten Einwohnern Neuseddins für eine kostenlose Benutzung bereitstand.
Die neue Schule in der Hans-Beimler-Straße
Trotz Bürgerfleiß sozialistische Mangelwirtschaft
lm Ort Neuseddin wurden durch Bürgerfleiß, den lnitiativen der Dienststellen
und dem Willen zur Verbesserung des Ortsbildes große Leistungen erbracht.
So fielen die angeordneten und gemeinsam organisierten Wettbewerbe der Nationalen Front der DDR, unter dem Motto "Schöner unsere Städte und Gemeinden, mach mit", durch die Festlegungen in abgeschlossenen Komunalverträgen stets auf fruchtbaren Boden.
ln diesen Jahren wurden folgende Gebäude oder Einrichtungen durch die
Einwohner, einschließlich der Schüler und Jugendlichen, den Kollegen aus
den Dienststellen der Eisenbahn, später auch durch das Straßenbau-
Regiment "Robert Siewert" teilweise in freiwilliger Arbeit, gebaut oder gestaltet:
1963
-Verlegung von Gehwegplatten in der Waldstraße,
von der Ecke Dr. Stapff-Straße bis Ernst-Kamieth-Platz.
-Desgleichen in der Karl-Max-Str. vor den Häusern 2-16
1964-66
-Sportlerheim auf dem Sportplatz errichtet, mit Räumen für
die Betriebs-Sportgemeinschaft, den Schulsport und einen Raum für den Rentnertreff.
1965-66
-Ausbauarbeiten in Nebenräumen der Schule zur Gewinnung
von zusätzlichen Klassenräumen. So wurde die Erweiterung
von I auf 10 Klassen ermöglicht.
1965
-Den Rest des Bürgersteigs in der Waldstraße mit
Gehwegplatten versehen
Auch in der Karl-Marx-Straße wurden vor den Häusern 1-1 1
Gehwegplatten verlegt und damit die Befestigung der Bürgersteige
in beiden Straßen abgeschlossen.
-Auf dem Zellplatz wurde eine ordentliche Toilette mit Grube
gebaut.
1966
-Beginn der Errichtung von Hausgärten für die Bewohner
des AWG-Blocks in der Dr. Albert-schweitzer-Straße
1967-68
-Bau von neuen Schultoiletten auf dem Schulhof am Breitenbachplatz I Schmiedestraße und
-Beginn des Erweiterungsanbaus Schulhort
1968
-Gärtnerische Gestaltung des Ernst-Kamieth-Platzes
1969
-Auf dem Ernst-Kamieth-Platz, Bürgersteig vor den
Häusern 1 -7 gepflastert, die andere Seite war bereits
befestigt.
-Fertigstellung Anbau für den Schulhort.
-Räume für Unterstellung von Sportgeräten auf dem Sportplatz
gebaut.
-Rodelberg in der Dr.Albert-Schweitzer-Straße mit
6.000 Kubikmetern Erde und Rückständen aus
Bauvorhaben der Eisenbahn vom Bahnhof Seddin mit
Unterstützung der Reichsbahn-Dienststellen errichtet.
ab 1969
-Neugestaltung der Straßenbeleuchtung. Austausch der Metallmasten gegen Betonmasten.
-Verkabelung von Freileitungen.
-Durchführung aller Reparaturen, lnstandsetzungen und regelmäßige Wartung der gemeindeeigenen elektrischen
Anlagen in freiwilliger Arbeit
-Anlegen eines Gehweges an der Kunersdorfer-Straße am Sportplatz
1971
-Gestaltung des Jugendclubs hinter der Gemeindeverwaltung Waldstraße/ Dr.-Albert-Schweitzer-Str.
-Beleuchtung in der alten Schule auf stromsparende Neonlampen umgerüstet
ab 1972
-lm Rahmen der Ortserweiterung Hans-Beimler-Straße
Bau eines Parkplatzes hinter der Kaufhalle-Erweiterungsanbau an der Kaufhalle für Flaschenrücknahme
ab 1972
-Schaffung von Nebenräumen
Ausbau von Räumen für die Dienstleistungsannahmestelle in der Thielenstraße.
-Einrichtung einer Gemeindeschwesternstation in der Waldstraße 25 (im ehemaligen alten Postamt,
jetzt Praxis von Fr. Dr. Gamnitzer)
-Bau von Trainingsräumen für die Ringersparte der BSG hinter der Sporthalle
-Anlegen eines Parkplatzes in der Schmiedestraße
gegenüber dem Kulturhaus der Eisenbahner
1974
-Rekonstruktion des Sportplatzes mit Einbau einer Flutlichtanlage
1978
Einweihung des durch westliche Spendenmittel neu erbauten"Paul Gerhard Kichsaales" in der Waldstraße 33 zur ökumenischen Nutzung durch die evangelische und katholische Kirchengemeinde
Auf dem Zeltplatz am Seddiner See :
-Errichtung eines kleinen Gebäudes für Wohnunterkunft des Zeltplatzleiters
-Einrichten eines Mülltonnen-Abstellplatzes
-Schaffung eines Stromanschlusses zur elektrischen Versorgung
1979
-Fertigstellung des ersten Evangelischen Pfarrhauses in Neuseddin
1980-83
-Erweiterung des Jugendclubs mit Schaffung von Sanitäranlagen
1987
-Befestigung der Straßen auf dem Ernst-Kamieth-Platz mit Betonfahrbahn vor den Nummern 1 bis 7.
Dafür wurden die Fußwege vor den Häusern entfernt.
1989
-Umbau und Erweiterung des Feuerwehr-Gerätehauses,
-Schaffung von zwei Stellplätzen für Löschfahrzeuge
-Einrichtung einer Kinderaztpraxis in der Waldstraße 25 (ehemalige Gemeindeschwesternstation)
Vieles wurde in den Jahren der Existenz der DDR von den Bürgern in freiwilliger
Arbeit geschaffen. Jedoch trotz Bürgerfleiß, sicher auch mit gutem
Willen der örtlichen Behörde und der Bereitstellung zusätzlicher Gelder durch die Deutsche Reichsbahn zur Unterhaltung und lnstandsetzung der Wohngebäude konnten Mängel und Schäden an den Häusern im Ort nicht
umfangreich beseitigt werden. Baubetriebe wurden von den Bauämtern der
Kreise anderweitig mit Bauarbeiten beauftragt, so daß kaum Kapazitäten für die lnstandsetzung der Wohnungen zur Verfügung standen.
Es gab auch nur wenige Betriebe des Mittelstandes, denen aber ebenfalls
ihre Bauleistungen vorgegeben wurden. Baumaterialien waren im freien
Handel kaum zu bekommen und nur für die vom Bauamt vorgesehenen Baulelstungen vorgesehen. Diese Misere wirkte sich ebenfalls negativ auf die Unterhaltung der Gebäude aus. Die für die Unterhaltung der Wohnungen zuständige technische Dienststelle konnte daher mit ihren eigenen Handwerkern nur kleinere lnstandsetzungen vornehmen. So ist es nicht verwunderlich, daß die Bausubstanz gerade im alten Ortsteil unter diesen
Bedingungen sehr litt. Dachrinnen gingen zu Bruch, so daß sich teilweise in
Wohnungen und Kellern Schimmel bildete. Dächer wurden undicht und ein
Großteil der Schornsteinköpfe befand sich in einem desolaten Zustand. Die
Reichsbahn, als Eigentümer der Häuser, hatte wegen fehlender Zuteilung
von Bau-und Gerüstbaukapazitäten durch die Bauämter der Kreise keine
Möglichkeit eine umfangreiche Instandsetzung vorzunehmen. Es blieb alles nur Stückwerk.
Bei der Erneuerung schadhafter Fenster wurde in den 80er Jahren gewissermaßen
mit einem Trick gearbeitet. Bei Einverständnis des Mieters besorgte
dieser neue Kippfenster, baute diese auch selbst ein und erhielt die
Kosten einschl. Einbau erstattet. So positiv die Fenstererneuerung einzuschätzen
war, so wirkte sie sich doch ein wenig negativ auf das Ortsbild
aus, da die Einheitlichkeit in der Fassadengestaltung durchbrochen wurde.
Den Mietern in den Wohnungen und der zustandigen Rb.-Dienststelle
störte dies jedoch wenig. Dichte Fenster waren ihnen wichtiger, waren sie doch Voraussetzung für warme Räume im Winter.
Nicht alle Wohngebäude der Eisenbahn wurden bis 1983 durch die
Reichsbahn selbst verwaltet und unterhalten. Dies bezog sich nur auf die
Schmiedestraße. Die Gebäude in der Wald-, Thielen- und Dr.-Stapff-Straße unterstanden der Reichsbahn-Siedlungs-Gesellschaft, einer privatrechflichen
Gesellschaft, die in ihrem Verantwortungsbereich noch auf eine gewisse
Einheitlichkeit bestand. Diese Gesellschaft paßte jedoch ab 1983 nicht mehr in das sozialistische Konzept und wurde daher aufgelöst. Die Verwaltung der Gebäude wurde direkt der Deutschen Reichsbahn übergeben.
Die übernommenen Gebäude der drei Straßen wurden denen der Schmiedestraße gleichgestellt. Die Miete betrug damals über viele Jahre nur pro qm 44 Pfennige.
Das über 70 Jahre alte Wasserver-und Entsorgungsnetz wurde bis zur
Wende nicht erneuert. Die Wasserversorgung der Gemeinde erfolgte bis
dahin kostenlos von der Deutschen Reichsbahn.
Leider wurden die Straßen im Ort während der Bauarbeiten auf dem Gelände
des Bahnhofs Seddin durch Baufahrzeuge sehr in Mitleidenschaft
gezogen. Vor allem die Bürgersteige in der Schmiede-, teilweise auch in
der Thielen- und Dr.-Stapff-Straße befanden sich in einen schlechten Zustand.
Die geringe Straßenbreite läßt ein Begegnen breiter Kraftfahrzeuge
ohne ein Ausweichen auf den Gehweg mit einer Spur nicht zu.
Die 40 Jahre Sozialismus in der DDR haben in vielen Städten
und Gemeinden, so auch in Neuseddin, einen beachtlichen Zuwachs
an neuem Wohnraum entstehen lassen. Leider wurden dabei die Ortsbereiche mit ihren alten Wohnkomplexen stiefmütterlich behandelt und vernachlässigt, teils bewußt, teils unbewußt.
Mit der Wende im Jahre 1989 ist die Ära "Sozialismus und
DDR" Gott sei Dank ohne Blutvergießen und friedlich beendet worden.
Viele Bürger unseres Heimatortes fragten damals:
"Was wird uns die Zukunft bringen ?"
Diese Daten stammen aus der Broschüre
"Beiträge zur Ortsgeschichte Gemeinde Seddiner See"
erarbeitet vom Chronikkreis der Heimatfreunde Neuseddin
Redaktion: Hanswerner Cimbal und Harald Röhr
Projektleitung: Evangelisches Pfarramt Neuseddin, Pfarrer Jürgen Heydecke
Redaktionsschluß: 15.12.1998
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